Lesestoff: Wochendrebellen, Spieltage, Hool

Die Länderspielpause, also nicht die aktuelle, sondern die davor, war mal wieder die Gelegenheit, sich Lesestoff zu widmen, der zwar mit Fußball, aber mit Tagesaktualität nichts zu tun hatte. Zeiten, die in den vielen englischen Wochen und dem Hangeln von Spiel zu Spiel auch immer knapper wird. Gesponsert wurde der Lesestoff unter anderem von Bloglesern, die mich dankenswerterweise mit Büchern von meiner Amazon-Wunschliste bedachten. Vielen Dank!

Wir Wochenendrebellen

Eines der Bücher kam allerdings auf einem anderen Wege in mein Haus. Nämlich als eine Art Rezensionsexemplar. Ein Buch von Mirco von Juterczenka, bei Twitter als @MircovJ unterwegs. Besser bekannt auch als einer von zwei Wochenendrebellen, über deren Abenteuer auf der entsprechenden Blogseite berichtet wird, die auch einen Podcast beinhaltet.

Bei den Wochenendrebellen handelt es sich um besagten Mirco von Juterczenka und seinen autistischen Sohn Jason. Irgendwann hatten sie es sich zum Ziel gesetzt, einen Verein für den Sohn zu finden, was voraussetzte, dass der Sohn alle Vereine in Deutschland besuchen musste, um überhaupt zu wissen, was es so alles gibt und wie das mit dem Fansein überhaupt funktioniert. Weswegen sie nun durch Deutschlands (und nicht nur Deutschlands) Fußballstadien reisen.

Zugegeben, als ich den Blog und Twitteraccount vor ein paar Jahren kennenlernte, hatte ich den starken Verdacht, dass das ganze nur ein Fake sein konnte. Weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass der bunte Mix aus intensiver Arbeitswelt und langwierigen Ausflügen mit dem Sohn und vielen, in langen Texten verarbeiteten Erlebnissen (permanente Twitteraktivität nicht zu vergessen) irgendwie sinnvoll in eine Woche mit sieben Tagen mit je 24 Stunden unterzubringen ist.

Ende der Saison 2014/2015 durfte ich die beiden aber auch mal in Leipzig kennenlernen (es müsste das letzte Saisonspiel gegen Fürth gewesen sein, wenn ich mich recht erinnere). Spätestens da waren die letzten Zweifel an der Existenz des reisenden Duos endgültig ausgeräumt.

Schon zuvor faszinierten mich die Berichte vom Reisen und den speziellen Situationen, in die man auf solchen Ausflügen, die eine gewisse Flexibilität erfordern, mit einem in vielerlei Hinsicht eher unflexiblen Sohn gerät. Soße, die nicht die Nudeln berühren, aber Essen, das auch nicht zurückgegeben werden darf, wenn es falsch ist, führen dann schon mal zu Szenen im ICE, die für Außenstehende schwerlich nachvollziehbar sein dürften und alle Beteiligten an die Belastungsgrenze spielt.

Vielleicht faszinierten mich die Berichte noch mal besonders, weil im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs damals aufgrund verschiedener Erlebnisse auch die Frage nach autistischen Zügen stand. Aber über das lose Abchecken von zuständigen Insitutionen und über lockere Gespräche mit Freunden, die im Thema steckten, gingen die Dinge nie hinaus. Als Eltern lernt man irgendwann, wo die Grenzen zwischen auch seltsamen Phänomenen der Persönlichkeitsentwicklung und Problemen, um die man sich tatsächlich kümmern müsste, liegen.

Letztlich geht es dabei auch immer um die Frage, die man sich selbst beantworten muss, wie sehr man Entwicklungsstörungen oder unterschiedliche Persönlichkeitsentwicklungen pathologisieren will. Auch das ist Teil des Buches „Wir Wochenendrebellen„, in dem Mirco von Juterczenka schildert, wie es dazu kam, dass er mit seinem Sohn quer durch die Republik reist und wie der familiäre Umgang mit dem Autismus des Sohnes ist. Ein Umgang, der darauf hinausläuft, die Persönlichkeit des Sohnes eben nicht vornehmlich zu pathologisieren, sondern dieser ein Umfeld zu bieten, in der eine Entfaltung der Bedürfnisse und eine Unterstützung der Stärken des Sohnes auch möglich ist, während gleichzeitig auch Lerneffekte in Bezug auf eigene Zwanghaftigkeiten in kleinem Rahmen möglich sind. Zum Beispiel auch durch das Reisen und durch die dort gemachten Erfahrungen.

Das Buch ist weniger ein Ratgeber, wie man mit Autismus umgeht oder was Autismus ist, sondern es ist vornehmlich die Schilderung persönlicher Lebenswege und -ideen eines Vaters, der eben zufällig ein autistisches Kind hat und entsprechend auch viel zu lernen hatte. Es geht um viele Erlebnisse mit dem Sohn und Erkenntnisse über den Sohn und die Beziehung zu ihm. Es geht auch um Reflexionen auf die Verhältnisse in der Familie, in der die Frau lange aufgrund der Tätigkeit des Vaters die Woche über die Hauptlast tragen musste, während die Rebellen dann am Wochenende zu Fußballabenteuern aufbrachen.

Um diese Fußballabenteuer geht es natürlich hauptsächlich in dem Buch „Wir Wochenendrebellen“. Man reist von Freiburg bis St. Pauli und von Ost nach West. Es gibt auch eine Art #NiewiederAalen-Kapitel, in dem sich der eine oder andere RB-Fan wiederfinden wird. Es gibt auch die eine oder andere fußballromantische Randbemerkung bzw. kritische Bemerkung Richtung Fußballmoderne, in denen sich vielleicht nicht jeder RB-Fan wiederfinden wird. Es ist halt einfach ein Vater und sein Sohn, die den Fußball in seiner bundesdeutschen Vielfalt entdecken, diesen mit ihren eigenen (natürlich auch diskutablen) Lebensmaßstäben wahrnehmen und bewerten und dabei (meist) glückliche und (seltener) weniger glückliche Stunden erleben.

Dem Buch fehlt (zumindest in meiner Wahrnehmung) völlig der Missionierungswille. Das macht es zu einem angenehmen und lehrreichen und auch anregenden Lesebuch, von dem man sich von Anfang an abgeholt fühlt, auch wenn man nicht bei jedem Detail zustimmend nicken muss, wenn beispielsweise von der schon selbst so empfundenen Zumutung geschrieben wird, den Nachbarn Toleranz gegenüber den Verhaltensweisen des eigenen Sohns beibringen zu wollen, während die Verhaltensweisen des Sohnes im Alltag andersherum naheliegenderweise nicht gerade auf Empathie und Toleranz beruhen.

Für Blog und Podcast wurden Mirco und Jason von Juterczenka in diesem Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.  Das Buch erschien im Benevento-Verlag, einer (hihi) Red-Bull-Tochter. Mit dem Erwerb der 240 interessanten Seiten kann man gleichzeitig die Neven-Subotic-Stiftung unterstützen, wenn man über die entsprechenden Links auf der Website der Wochenendrebellen bestellt. Die besagte Neven-Subotic-Stiftung kümmert sich um humanitäre Projekte in Äthiopien. Alles zusammen ist als Paket uneingeschränkt empfehlenswert.

Spieltage – Die andere Geschichte der Bundesliga

Uneingeschränkt emfpehlenswert sind sowieso immer Bücher von Ronald Reng. „Spieltage – Die andere Geschichte der Bundesliga“ ist schon etwas älter (von 2013), aber es ist auch ein zeitloses Buch, von daher spielt das Erscheinungsdatum auch keine große Rolle.

„Spieltage“ ist zwar irgendwie auch die Geschichte der Bundesliga und ihrer Entwicklungen von einer „Amateur“liga hin zur modernen Liga von heute. Im Kern ist es aber die Geschichte von Heinz Höher, der 1963 zur Gründung der Bundesliga einer der vielversprechenderen Spieler in Deutschland war. 25 Jahre alt. Nationalspieler. Beste Perspektiven. Aber immer auch ein Spieler, der den letzten Schritt nicht geht und über den man heute vielleicht sagen würde, dass ihm die Mentalität für die ganz große Karriere fehlt und dass er zu wenig aus seinem Talent gemacht hat, was beim Lesen des Buches so ein Gefühl vermittelt, dass man den Protagonisten gern permanent zum Happy End (was auch immer das sein sollte) schieben möchte.

Das gilt für die komplette Karriere als Spieler und später als Trainer. Vor allem in Bochum arbeitete Höher offenbar sehr erfolgreich. Ansonsten folgten viele kurze Episoden und später der Traum davon, einen Jugendspieler groß herauszubringen. Juri Judt hatte sich Höher dafür in Fürth ausgesucht. Später reiste er mit einem eigenen Fanclub zum ersten Heimspiel des vermeintlichen, einstigen Supertalents Juri Judt beim Viertligisten RB Leipzig, wohin er gewechselt war, weil ihn die Bundesliga und die zweite Liga ausgespuckt hatte und wo er auch wieder auf der ungeliebten Außenverteidigerposition spielen musste. Wenn er denn spielte. Und wo er auf seine Familie verzichten musste, weil man keinen Kindergartenplatz finden konnte (eine immer noch ziemlich unglaubliche Geschichte, selbst wenn man um die gewiss nicht einfache Kindergartensituation in  Leipzig weiß).

Die große Stärke von Ronald Reng ist das Erzählen. Ein Erzählen, bei dem sich der Protagonist Heinz Höher und sein Umfeld im Kleinen und im Großen und die Ideen und Vorstellungen der jeweiligen Generationen und der Wandel über die Zeiten vermitteln. Ein Erzählen auch, dem es nicht um das Bloßstellen geht. Die Person steht im Mittelpunkt und zur Person gehören nicht immer nur die positiven Seiten oder die Seiten, die einen Menschen in einem guten Licht stehen lassen.

Es ist die große Stärke des Rengschen Erzählens, dass Anekdoten, die andernorts über viele Tage zum Skandal aufgeblasen werden würden, eben einfach ohne Skandalisierung erzählt werden, weil sie dazu gehören, weil sie Teil der Person Heinz Höher sind. Eine Person, die irgendwie als tragischer Held daherkommt. Wobei tragisch und Held über das Buch gesehen recht gleichmäßig verteilt sind.

Es ist ein Buch, in dessen Erzählweise man sich hineinlegen will. So ein Buch, von dem man sich wünscht, das es nicht zu Ende geht und das Geist und ästhetisches Empfinden gleichermaßen streichelt. Ein wunderbares Lesebuch, das mit der Geschichte von Heinz Höher einen wunderbaren Rahmen hat.

Hool

Bliebe noch ein Roman, den ich lesen durfte. „Hool“ von Philipp Winkler. Ein Buch, das es als Erstling immerhin 2016 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Aber auch ein Buch, das mich etwas ratlos zurückließ.

Nicht schwer zu erraten angesichts des Titels, worum es in dem Buch geht. Es geht um Heiko Kolbe und seine Hooligan-Gruppe im Umfeld von Hannover 96. Das ist grundsätzlich durchaus fesselnd geschrieben in seiner Spirale aus Aktionen, in denen es immer krasser wird und bei denen man beim Kampf für die Heimatstadt Überschneidungen mit Nazischlägern hat, die man eigentlich nicht haben will.

Es geht viel um die Auseinandersetzungen zum inneren Zusammenhalt der Gruppe. Für Heiko das Größte, für andere beim Älterwerden, neuen Alltagsprioritäten und angesichts von schlechten Erfahrungen eben nicht. Es geht um zerrüttete Familienbeziehungen, es geht um das gestörte Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft, zu Medien und zur Polizei. In seiner düsteren Art und seiner Gewalthaltigkeit erinnert das Buch natürlich an Clemens Meyer, ohne an die erzählerische Wucht von „Als wir träumten“ heranzureichen.

„Hool“ ist ein Buch, das schnell in den Bann zieht und dessen Hauptdarsteller einen auch schnell packen. Aber irgendwie überfordert einen auf Dauer das immer neue Aufeinanderstapeln von neuen Krassheiten in Familie und im privaten Umfeld und einem Mitbewohner, der aus irgendeinem, für das Buch (oder für mich) nicht nachvollziehbaren Grund einen Tiger besitzen will und in Tierkämpfen macht. Für das Buch ist es eher von Nachteil, das es an manchen Stellen zu viel und zu krass sein will und dadurch eher unnachvollziehbar wird. Selbst wenn man nicht Authentizität als entscheidenden Qualitätsmaßstab an das Buch anlegt.

Weil es natürlich auch keine Hooligan-Dokumentation ist. Sondern eben eine Roman, in dem es im Kern um Eigendynamiken in einer Gruppe geht, die die Ehre der Stadt auf irgendwelchen Ackern und Feldwegen verteidigen zu müssen glaubt. Diese Kerngeschichte ist in der Art des Erzählens und in der Darstellung der Protagonisten durchaus gelungen. Drumherum wird es dann allerdings schon manchmal im Auftragen von Ideen manchmal etwas zu dick. Zumindest für meinen Geschmack.

Wenn man den Stil von Clemens Meyer mag, wenn es düster sein und auch um gesellschaftliche Abseitigkeiten bzw. um Personengruppen im Unfrieden mit der Mehrheitsgesellschaft gehen soll und wenn man auch eine gewisse Empathie beim Zeichnen von Akteuren mit einem nicht vollumfänglich symathischen Eigenschaftenset gut leiden kann, dann ist man aber insgesamt bei Philipp Winkler gut aufgehoben, auch die Geschichte an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas zu stark ausfranst.

———————————————————————————-

Übersicht:

(Reng und Winkler sind Affiliate-Links. Bei Bestellung der Bücher gehen ein paar Prozent der Kaufsumme von Amazon an rotebrauseblogger.de)

———————————————————————————-

———————————————————————————-

Flattr this!

2 Gedanken zu „Lesestoff: Wochendrebellen, Spieltage, Hool“

  1. „Hool“ kenne ich nur als Hörspiel in zwei Teilen. Die von Dir erwähnten Kritikpunkte sind aufgrund der erforderlichen Verdichtung für knapp zweistündiges Hörspiel weg. Leider hat der WDR die Sendung inzwischen wieder aus dem Hörspielspeicher entferrnt. Aber über eine bekannte große Videoplattform findet man es immer noch. Alternativ hast Du im WordPress-Backend meine Mailadresse 😉 was mir in der Hörspielumsetzuzng so wahnsinnig gut gefallen hat ist diese gnadenlose Dritte-Personen-Perspektive, die unmittelbar und ganz ohne Filter die Selbstverständlichkeiten aus der Denkwelt (Spoiler, ROT13 zum „entschlüssseln“: Rf tvog rvavtr Cnffntra, va jrypure zna qrz Cebgntbavfgra orvz Qraxra „mhuöeg“.) der Hooligans aufs Ohr geknallt bekommt.

    Über die Wochenendrebellen habe ich auch nur im Radio gehört – gut, dass Du es noch mal aufs virtuelle Papier gebracht hast. Ich glaube, ich muss das gleich mal auf meine Wunschliste setzen. Danke insbesondere für den Link via Subotic-Stiftung, auch wenn Dir da ein paar Cent „verloren“ gehen!

    RWG Markus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.