Gelesener RasenBallsport

Buchtechnisch war es um RB Leipzig in den frühen Jahren sehr ruhig. Der Schwarzkopf Verlag war der erste und wollte unbedingt der erste sein, der ein entsprechendes Büchlein auf den Markt warf. Das ist nun auch schon wieder zwei Jahre her. „111 Gründe, RB Leipzig zu lieben“ hieß das Machwerk und beinhaltete genau das, was draufstand.

111 Gründe waren damals natürlich schon recht sportlich nach gerade mal sechs Jahren Vereinshistorie. Demnächst will der Verlag eine zweite Ausgabe mit neuen 111 Gründen („ein roter Bulle zu sein“) veröffentlichen. Mal sehen, wie tragfähig das Konzept in Versuch Nummer 2 ist, der statt des RBLObservers nun Guido Schäfer als Schreiberling gefunden hat.

Vor eineinhalb Jahren kam dann „Aufstieg ohne Grenzen“ um die Ecke. Ein Buch aus der journalistischen Richtung und eine Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte und der Debatten um den Verein. Sachliche, knapp 200 Seiten, die man als so etwas wie das Standardwerk zur Vereinsentwicklung bis kurz vor dem Bundesligaaufstieg ansehen kann.

In diesem Sommer kamen dann einige weitere Werke unterschiedlicher Coleur auf den Markt. Am schnellsten waren die Herren Guido Schäfer (LVZ), Torsten Teichert (LVZ, MDR) und Winfried Wächter (ehemaliger LVZ-Sportchef), die zusammen das Buch „Leipzig zurück in Europa“ produzierten. Reichlich 130 Seiten Aufarbeitung Leipziger Fußballs seitdem Lok Leipzig einst im Europacup zum Finale nach Athen fuhr und jenes historische Spiel zuvor im Zentralstadion gegen Girondins Bordeaux ausgetragen wurde.

„Leipzig auf dem Weg in die Bundesliga“ habe es früh mal als Idee gegeben, aber wurde nicht realisiert, so erfährt man im Vorwort. Vor Beginn der Bundesliga sei man dann auf die Idee „Leipzig ist auf dem Weg nach Europa“ gekommen. Und als die RasenBallsportler ihre erste Saison furios angingen, musste man sich beeilen, dass dieses Buch dann auch pünktlich nach der Saison rauskommen und „Leipzig zurück in Europa“ heißen kann. Vielleicht ist es diese Eile, die das Buch zwar früh in der Sommerpause erschienen ließ, die aber auch für das Gefühl sorgt, da wäre zugunsten des frühen Erscheinungstermins gerade Richtung Ende des Buchs manches auf die Schnelle zusammengeschustert worden.

Konzeptionell arbeit sich das Buch vom Bordeaux-Spiel kapitel- und saisonweise durch Leipzigs Fußball. Dabei übernehmen Torsten Teichert und Winfried Wächter die Aufgabe, Lok- und Chemie- Historie (bzw. die des FC Sachsen) aufzuarbeiten. Teils anekdotisch, angereichert mit eigenen Erfahrungen mit den Verantwortlichen. Teils halt als historischer Abriss.

Es ist wie immer, wenn es um den Leipziger Fußball geht, auch ein dankbares Thema mit vielen verrückten Geschichten um Trainerentlassungen, Insolvenzen, Geldübergaben in der Plastiktüte und Träumen und deren Platzen. Es liest sich locker weg, der ganz große Sinnzusammenhang fehlt manchmal.

2009 geht es dann zu RB Leipzig über, wo Guido Schäfer übernimmt. Es ist eine eher routinierte Abhandlung der Geschehnisse zwischen 2009 und 2017 auf dann noch rund 50 Seiten. Alle Beteiligten kommen irgendwie mal drin vor. Aber auch irgendwie seltsam aneinandergereiht und phasenweise mit ungewohnt wenig typischem Schäfer-Style.

Aufgelockert wird die sowieso lockere, historische Abhandlung durch Einschübe von Beteiligten.Im RB-Teil darf so der auch irgendwie legendäre Otto Schlörb, der an der Seite von Stadionbesitzer Kölmel immer viele Ideen hatte, aber mit dem Fußball nie so richtig vertraut schien, seine Sicht der Dinge schildern und die erste Kontaktaufnahme mit Red Bull für sich in Anspruch nehmen. Auch Burkhard Jung und Dominik Kaiser kommen zu Wort.

Raiko Richter erklärt für den MDR, wie es zum Silly-Eklat auf der RB-Aufstiegsfeier kam und dass zum Zeitpunkt der Einladung der RB-Aufstieg noch nicht fest war und man entsprechend offiziell ein „Fest des ostdeutschen Fußballs“ organisierte, auch wenn man Silly sehr wohl über den eigentlichen Zweck informierte. Man erfährt auch, dass RB-Mitarbeiter für den Abbruch der Silly-Gesangskünste in ostdeutschen Fußballtrikots waren und Oliver Mintzlaff letztlich die entscheidende Person war, weswegen die Band weitersingen durfte.

Ummalt wird „Leipzig zurück in Europa“ von vielen Bildern aus der Historie der drei Leipziger Vereine, um die es geht. Was das Buch zu einem macht, in dem man gut blättern und das man auch nicht zwangsläufig stringent von vorn nach hinten lesen muss. Man kann auch gut beim Blättern einfach irgendwo stehen bleiben und dort anfangen zu lesen. Die in sich geschlossenen Kapitel machen das möglich.

Es ist ein lockeres Buch, nach dessen Lesen man nicht unbedingt in größeres Grübeln über die Welt kommt. Es unterhält ganz gut und kürzt 30 Jahre Leipziger Fußball auf ein paar erzählbare Anekdoten und entscheidende Spiele und Personen ein. Das ist jetzt kein revolutionäres Konzept und aus reiner RB-Sicht ist das Buch aufgrund der gerade mal 50 RB-Seiten auch beileibe kein Muss, aber insgesamt ist es sicherlich für Fußballanhänger, die schon länger mit Leipzig zu tun haben und am Ende bei RB gelandet sind, durchaus ein Buch, das man im Regal stehen haben und in dem man an langen Winterabenden gut blättern kann. Wege abseits des Gewöhnlichen sollte man von dem Buch nicht erwarten, aber man muss sich ja auch nicht immer durch Büsche und Gesträuch schlagen, wenn man mal ein paar Zeilen lesen will.

Denn wem es nach einer etwas hintergründigeren, auch subkulturelleren Herangehensweise dürstet, wird ja an anderen Stellen durchaus fündig. So hat beispielsweise das Zeitspiel-Magazin aktuell eine Ausgabe produziert, in der es im Schwerpunkt auf fast 40 Seiten um die unterschiedlichen Facetten des Leipziger Fußballs von RB über Lok und Chemie bis hin zu Roter Stern und Inter geht. Kein Hochglanzmachwerk, aber eines, in dem auch für Abseitigkeiten, Probleme, Widersprüche und normalen Alltag Platz ist.

Mit „Fussball zwischen Liebe und Hass“ erschien vor kurzem noch ein weiteres Werk zu RB Leipzig. Eines, das sich ausschließlich der letzten Saison, der ersten von RB in der Bundesliga widmet. Autor Marcus Bräuer hatte vor einem Jahr die Idee, dass er sich doch eine Dauerkarte von RB Leipzig zulegen und daraus ein Buch stricken könne. Fan ist er den eigenen Angaben nach nicht und ist es im Verlauf des Jahres auch nicht geworden.

Von der Idee her widmet sich jedem Spiel der Saison ein Kapitel. Dabei geht es jeweils darum, die öffentlichen Debatten in der Woche des Spiels und die zentralen Geschichten aus dem Spiel herauszugreifen und darzustellen. Angereichert mit eigenen Ansichten und satirisch gmeinten Bemerkungen aus der Außensicht eines Fußballfans und ehemaligen Sportjournalisten.

Das ganze funktioniert durchaus besser als vor Beginn der Lektüre befürchtet. Man hangelt sich von Spiel zu Spiel und hat verschiedene Erinnerungseffekte a la ‚ah, stimmt, das war ja rund um das Spiel‘. Insofern eignet sich das Buch ganz gut, um die Saison Revue passieren zu lassen und sich jenseits der Emotionen an verschiedene Themen der Saison aus dem sportlichen und nichtsportlichen Bereich zu erinnern.

Das Konzept hat seine Grenzen, zumindest für Menschen, die sich intensiv mit dem RasenBallsport beschäftigen,  darin, dass an öffentlichen Debatten und Themen rund um RB meist nur jene aufgegriffen werden, die in den jeweiligen Tagen eine gewisse Prominenz bekommen haben. Wobei halt Prominenz nicht immer Stichhaltigkeit oder Relevanz bedeutet. Sprich, für Leute, die sich mit RB Leipzig intensiver und besser auskennen, kann es auch irgendwann mühselig werden, wenn man immer mal wieder auf Themen und Diskussionen gestoßen wird, die schon zum Zeitpunkt, als sie aktuell waren, keine inhaltliche Relevanz hatten. Zum Beispiel, wenn es um das weihnachtliche Gerücht geht, Red Bull wolle sich bei einem englischen Fußballverein einkaufen.

Insgesamt lesen sich die rund 170 Seiten von Marcus Bräuer unter dem etwas arg plakativen Titel „Fussball zwischen Liebe und Hass“ ganz gut weg. Und vermitteln immer mal wieder ganz gut die Einsichten von jemandem, der kein RB-Fan ist, aber auch mit der Ablehnung des Vereins wenig anfangen kann. Aber vermutlich ist das ein Buch, das nur einem sehr eingeschränkten Personenkreis etwas geben wird. Wobei mir persönlich unklar ist, was das für ein Personenkreis sein soll. Hardcore-RB-Fans bringt das Buch wenig neues. Normalen RB-Fans wird die Bildbandhaftigkeit von „Leipzig zurück in Europa“ oder die inhaltliche Aufarbeitung aus „Aufstieg ohne Grenzen“ fehlen. Und bei Nicht-RB-Fans scheitert das Buch wohl schlicht daran, dass das Thema eben RB ist.

Wer sich selbst einen Eindruck vom Buch verschaffen will, weil ihm das hier alles zu vage ist, dem kann geholfen werden. Denn Marcus Bräuer wird am Freitag (25.08.2017), ab 18 Uhr in der Heimatscholle aus seinem Buch lesen und darüber diskutieren.

Und auf ein letztes Buch sei auch noch hingewiesen. Jenes von Jenny Richter mit dem Titel „Meine Reise mit RasenBallsport Leipzig“. Wie man schon vermuten kann, ist das eher ein Büchlein aus der Sicht eines Fans. 140 Seiten, als zweiter Teil, nachdem vor einem Jahr schon ein kleines Heft mit selbem Thema entstand.

Das Buch ist quasi die Fansichtversion des Buchs von Marcus Bräuer. Nur dass das Aufgreifen von Medienthemen zu jedem Spiel durch Berichte dadurch ersetzt wird, wo man die Partie gesehen hat und wie man in welche Stadt gelangt ist und was man dort erleben konnte. Das Buch wurde vom Engelsdorfer Verlag verlegt. Ein „Autorenverlag“, in den man sich für kleines Geld einkaufen kann, wenn man ein Buch herausgeben will.

Letztlich stellt sich bei dem Buch die ganze Zeit die Frage, warum es in Buchform erschienen ist. Eigentlich ist es das klassische Blogformat. Ich fahre irgendwo hin und schreibe, was ich dort erlebt habe. Dazu werden noch ein paar Bilder gefügt und fertig wäre der Blogbeitrag, der dann seinen Interessentenkreis bei Freunden und Stammlesern hat.

Als Buch ist es dann vielleicht doch nicht tragfähig genug, auch wenn es sich locker lesen lässt. Es fehlt ein wenig die Relevanz, die über die Privatheit (Stichwort Blog) hinausgeht. Es fehlt vielleicht auch ein spezieller, zum Fan hinzukommender Blick, der aus der Ansammlung von potenziellen Blogbeiträgen ein tragfähiges Buch machen würde. Es trägt halt ein paar Eindrücke und Gedanken zu den Spielen zusammen, die man durchaus lesen kann, aber vielleicht (so ging es mir zumindest persönlich) eben besser in einem Blog als auf 140 Seiten in einem Buch. RB-Viel-Auswärtsfahrern mag das aber durchaus anders gehen, sodass sich bei ihnen die Möglichkeit, sich anregen und an die Orte der letzten Saison versetzen zu lassen, eher einlösen mag.

Insgesamt sind es sehr unterschiedliche Lektüren. Das Magazin Zeitspiel liegt mir in Art und Machart naturgemäß am nächsten. Aber auch der Anekdoten-Bildband „Leipzig zurück in Europa“ ist in seiner Art und für ein breites Publikum sicherlich ordentlich gemacht und empfehlenswert, wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Bei „Fussball zwischen Liebe und Hass“ und „Meine Reise mit RasenBallsport Leipzig“ weiß man in unterschiedlichem Ausmaß nicht so richtig, was die Leserschaft sein soll. Beides kann man durchaus lesen, in beiden Büchern finden sich sicherlich Ecken und Dinge, die dazu einladen, sich zu erinnern und die Reise gedanklich mitzumachen. Der ganz große Aha-Effekt bleibt aber aus. Dass geht „Leipzig zurück in Europa“ nicht anders, aber wird dort überdeckt durch großflächige Bilderstrecken und einige unterhaltsame Anekdoten.

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Übersicht

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GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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3 Gedanken zu „Gelesener RasenBallsport“

  1. Sind ja gute Anregungen dabei.
    Bei Deinen Bemerkungen zu „Meine Reise mit RasenBallsport Leipzig“ dachte ich mir, mhm, dann solltest doch Du auch ein Buch schreiben?!
    Wer kennt sich denn besser aus mit dem einzig wahren Rasenballsport als eben Du!
    Kenne mich in der Materie „Ich schreibe mal ein Buch“ überhaupt nicht aus, aber das „Rotebrausebuch“ wäre mMn ein Renner! 😉

    1. Danke für den Vertrauensvorschuss. Aber für ein Buch fehlt mir Zeit und eine entscheidende (relevante) Idee. Wenn ich in Blogger-Rente gehe, werde ich noch mal drüber nachdenken. 😉

    2. Schon bei dem Gedanken bekomme ich eine leichte Gänsehaut, aber nicht vom Frieren 🙂 Toller Gedanke! 🙂

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