RB Leipzig vor der Rückrunde in der Bundesliga 2016/2017

Wenn die avisierten zwei Transfers noch gelingen und der Kader dann bis zur Nummer 17, 18 gut besetzt ist, sollte es drinliegen, das Saisonziel, nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben zu wollen, zu erreichen. Also irgendwas zwischen Platz 9 und Platz 14 als realistische Zielvorgabe, die einen halbwegs gelungenen Anpassungsprozess der jungen Hüpfer voraussetzt. Wenn das Team explodiert und ein bisschen Euphorie und Laune mitnimmt, dann ist auch noch mehr zumindest denkbar. Wenn wenig gelingt oder unvorhergesehene Ausfälle dazukommen, dann kann es auch schlechter und doch Abstiegskampf werden. Wobei diesbezüglich RB Leipzig den Vorteil hat, dass man im Winter eher keinen Schmerz hätte, noch mal tief in die Ablösekiste zu greifen und Lücken auszufüllen, wenn bis dahin Lücken erkannt wurden. (RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2016/2017)

Abstiegskampf. Hahaha. Nun ja, passiert, dass sich Saisonprognosen und -erwartungen völlig in Luft auflösen. Im Guten wie im Schlechten. Dass es so gut laufen würde, konnte dann aber doch niemand erahnen. Zumindest ist mir im privaten wie medialen Rahmen niemand bekannt, der vor der Saison RB Leipzig auf einen lockeren zweiten Platz nach der Hinrunde gesetzt und 39 Punkte dahintergeschrieben hätte.

Die für den Klassenerhalt notwendigen Punkte wurden damit also in der Hälfte der Spiele der Saison schon eingesammelt. Im Gegensatz zu zwölf Teams zuvor, die nach 17 Spielen auch mindestens 39 Punkte hatten und allesamt Tabellenführer waren, ist RB Leipzig nur Zweiter. Das erste Team seit Einführung der Dreipunktregel im Jahr 1995, das in 17 Spielen 39 Punkte sammelte und ’nur‘ Zweiter ist. Und dabei haben die Bayern noch nicht mal eine überragende Hinrunde gespielt. Vorn liegen sie trotzdem.

RB Leipzig auf Platz 2 keine Überraschung?

Manch einer in der großen weiten Welt der Fußballdiskurse und Vereinsverantwortlichen gab sich angesichts des Tabellenplatzes von RB Leipzig Mühe, den Erfolg kleinzureden. Sei doch nicht überraschend bei den Investitionen, dass Leipzig so gut sei. Nun ja, angesichts der Tatsache, dass in den letzten 21 Spielzeiten nur vier Vereine neben den Bayern auch mal zur Saisonhalbzeit 39 Punkte oder mehr hatten, kann es schon grundsätzlich nicht ganz so einfach sein.

Schon gar nicht wenn man als (wenn auch nicht normaler) Aufsteiger aus der zweiten Liga kommt, wo man noch (verdient) die Saison hinter dem SC Freiburg abgeschlossen hatte. Und mit einer sehr jungen, in der Bundesliga (oder einer anderen europäischen Topliga) komplett unerfahrenen Mannschaft an den Start geht. Die Bandbreite wahrscheinlicher Saisonergebnisse war recht hoch, umfasste aber nicht Platz 2 oder 1 (wobei es ja auch noch 17 Spiele sind bis zum Saisonende).

Natürlich darf man die 60 Millionen netto, die RB Leipzig bisher in dieser Saison an Transferausgaben in den Kader steckte, nicht unter den Tisch fallen lassen. Zumal sie mit Werner und Keita zwei mitentscheidende Puzzlestücke in den Kader spülten. Und mit Bernardo einen überraschten stabilen Außenverteidiger einbrachten. Insgesamt kann man aber auch nicht behaupten, dass die Neuzugänge des Sommers dazu geführt hätten, dass RB Leipzig plötzlich über einen Champions-League-Kader verfügt. Wenn man Gehalt als ein Maßstab für aktuelle Leistungskraft nimmt, dann verweist die Möglichkeit, eine Gehaltsobergrenze von 3 Millionen Euro einzuführen, darauf, dass im Kader von RB Leipzig nicht unbedingt Spieler stehen, von denen man vor der Saison Topniveau in einer Topliga erwartet hätte. Wäre dem so, hätten ihre Berater andere Verträge ausgehandelt (was sie sicherlich schon bald nachholen werden).

Kaderbaustelle Defensive?

Aber diese Debatte ist tatsächlich eher etwas mühselig. Interessanter da vielleicht schon, wie es denn mit den Baustellen im Kader aussieht, die man im Sommer noch zu haben schien. Gerade im Defensivbereich war man eigentlich nicht so breit aufgestellt, dass man dem Ganzen gehobenes Bundesliganiveau zugetraut hätte. Erlebnisse wie das 4:4 gegen Liefering in der Vorbereitung trugen zu diesem Eindruck erheblich bei.

Dafür dass dann später auch noch Klostermann dauerhaft und Compper für längere Zeit ausfielen, hat man dieses defensive Loch ganz gut überspielt. Abgesehen vom Spiel bei den Bayern war man über den Rest der Hinrunde das Team mit den mit Abstand wenigsten zugelassenen Großchancen. Peter Gulacsi bekam nicht sonderlich viel auf sein Tor. Manchmal war es ein Schuss, zuweilen sogar gar keiner.

Würde man die Teamleistungen der bisherigen 17 Spiele nicht kennen, würde man vielleicht auch vor der Rückrunde die Defensive als Wackelkandidaten empfinden (zumal man mit dem 1:5 gegen Ajax Amsterdam wieder ein Liefering reloaded hatte). Da Klostermann noch länger ausfällt, verbleiben mit Upamecano, Orban und Compper nur drei Innenverteidiger und mit Halstenberg, Bernardo und Schmitz nur drei Außenverteidiger. Und da ist mit Bernardo schon ein Spieler dabei, der da zum Anfang der Saison noch gar nicht eingeplant war. Wenn es keine weiteren langfristigen Ausfälle gibt, dann passt das schon mit sechs Spielern für vier Positionen. Ansonsten wird das personell wieder eng. Auch wenn da noch ein Ilsanker wäre, der von der Sechs nach hinten rutschen kann.

Zu hohe Belastung?

Generell bleibt der Kader (vorbehaltlich weiterer Transfers, nach denen es aktuell aber nicht aussieht) nicht übermäßig üppig besetzt. Bisher spielte man mit einer Besetzung von 12 bis 13 Feldspielern plus zwei regelmäßigen Einwechslern. Mit Upamecano kommt noch eine weiter, regelmäßige Option dazu. Wenn Klostermann irgendwan wieder fit ist, wäre man dann bei 16, 17 Feldspielern mit sehr realistischen Einsatzchancen. Das passt schon ungefähr und führt vielleicht dazu, dass man über eine stärkere Verteilung von Einsatzzeiten auch die Belastung gut steuern kann. Viel personellen Spielraum für Verletzungen und Ausfälle hat man aber weiterhin nicht.

Das mit der Belastung ist allerdings sowieso relativ, denn auch weiterhin spielt RB Leipzig nur in der Bundesliga und nicht in einem weiteren Wettbewerb. Sodass man gerade in Sachen Physis gut auf die Bedürfnisse der Spieler reagieren kann. Wobei eigentlich die Belastungen gar nicht so hoch sind, wie immer allgemein vermutet wird. Im Bundesliga-Vergleich läuft man nach Freiburg und Ingolstadt am drittmeisten. Im Sprintvergleich ist man hinsichtlich der gesprinteten Strecke allerdings nur Ligaschnitt. Und im Vergleich zur Vorsaison in der zweiten Liga läuft man insgesamt pro Spiel fast drei Kilometer weniger, während man im höheren Geschwindigkeitsbereich ungefähr gleichgeblieben ist.

Sprich, die körperlichen Belastungen sind insgesamt nicht mehr so hoch wie noch in der zweiten Liga, weil man Spielidee und Pensum ein wenig dosiert hat und das Pressing etwas zielgerichter einsetzt und auch oft in der Grundformation kurz vor der Mittellinie wartet und dort die Passwege zustellt. Sollte insgesamt heißen, dass ein Einbruch des Teams jedenfalls nicht wegen der Physis zu erwarten ist. Zumal im Offensivbereich, wo die Belastungen des Anlaufens am größten sein dürften, doch bisher einigermaßen häufig schon früh in Spielen gewechselt wurde.

Neun Heimspiele und ein paar heftige Auswärtsaufgaben

Vorteil für RB Leipzig neben der fehlenden Doppel- bis Dreifachbelastung vielleicht auch, dass man in der Rückrunde häufiger zu Hause als auswärts spielt. Die bisherige Bilanz in Heimspielen liegt bei sieben Siegen und einem (unglücklichen) Unentschieden. Eine nahezu perfekte Bilanz. Wobei der Unterschied zu den Auswärtsspielen, bei denen man ja auch das zweitbeste Team der Liga ist, eher marginal ausfällt.

Interessant wird sowieso, wie sich die Mannschaft in den verbleibenden acht Auswärtsspielen schlägt. Denn die Spiele vor großen, lauten und vielleicht nicht zu 100% freundlichen Kulissen kommen in der Rückrunde erst noch. Dortmund wird da Anfang Februar gleich mal ein richtiger Stabilitätstest. Schalke, Mönchengladbach, Frankfurt oder auch Bremen folgen noch im Laufe der Saison. Atmosphärisch war es bis auf Köln ja in Auswärtsspielen bisher eher entspannt. Mal sehen, was da die restlichen Partien an Gegenwind noch so bringen und wie sich die RasenBallsportler vor diesen Kulissen schlagen.

Psychologische Folgen von Platz 2

Verändert hat sich im Vergleich zu Saisonbeginn auch die psychologische Herangehensweise. Wenn man an den zweiten Spieltag zurückdenkt und wie man damals als Underdog gegen Dortmund wie in ein Pokalspiel gegangen ist, dann weiß man, dass es so etwas (bis auf das Spiel gegen Bayern vielleicht) nicht mehr geben wird. Man ist als Team in der Liga angekommen, man wird ernstgenommen und man nimmt selbst seine eigene Qualität auch wahr und ernst.

Ob das etwas für das fußballerische Auftreten bedeutet, wird man sehen. Bisher war man im Saisonverlauf in Bezug auf solche Auswirkungen relativ stabil. Vielleicht kippt das, je länger man an der Tabellenspitze steht, noch und die Last dessen, etwas verteidigen zu müssen, statt etwas zum Jagen zu haben, legt sich auf die Schultern der Beteiligten. Möglich aber genausogut, dass Hasenhüttl mit seinem Versuch, sich von Tabelle und Punkten zu lösen und ein ‚Wollen uns fußballerisch verbessern‘ als Rückrundenziel auszugeben, durchkommt und man sich nur darum kümmert, wie man spielt und nicht gegen wen es geht und wo man in der Tabelle steht. Je länger man oben steht, dürfte das aber immer schwieriger werden.

Taktische Veränderungen

Spieltaktisch wird sich im wesentlichen nichts verändern. Die Grundlage bleibt das 4-2-2-2. In dem je nach Besetzung manche Rolle vor allem mit dem Ball unterschiedliche interpretiert werden mag (sprich, ein Keita spielt auf der Zehn natürlich anders als Sabitzer dies tut). Aber in der Feldabsicherung und gegen den Ball bleibt man bei seinen Mechanismen. Sprich, schon im Ballbesitz einen Plan haben, was man bei Ballverlust tut und gegen den Ball entscheidende Passwege zustellen und das Spiel so lenken, dass man eine Situation herstellt, in der Pressing und Balljagd erfolgsversprechend sind.

Gearbeitet hat man laut Ralph Hasenhüttl in der Winterpause auch daran, wie man im Spiel gegen den Ball gegen Mannschaften agiert, bei denen Spieler für das Aufbauspiel in die Abwehrkette abkippen. Da hat das Spiel bei den Bayern, in dem man quasi einen Raum zugestellt hat, in dem kein Bayern-Spieler war (Sechser- bis Achterraum), während in der Verteidigungslinie drei bis vier Spieler unbedrängt die Pässe auf die Außen oder auf Thiago auf der Zehn durchspielten, einige Spuren hinterlassen. Bzw. war deutlicher Ansporn, noch mal weiter zu gehen und sich neue Dinge einfallen zu lassen.

Kratzen und Beißen Richtung Europa

Das wurde sowieso oft betont. Dass nicht nur die Gegner jetzt RB Leipzig kennen, sondern dass man auch selbst die Gegner besser kennt. Darin steckt immer die implizite Kampfansage, dass man noch besser werden kann. Sowieso vermittelt Hasenhüttl mit jeder Phase, dass er überhaupt nicht gewillt ist, Platz 2 wieder herzugeben. Den Platz hat man sich verdient und den Platz will man mit Kratzen und Beißen verteidigen. Um es sich zu zeigen und um es denen zu zeigen, die schon jetzt vermuten, dass RB Leipzig nach der Hinrunde ein ganzes Stück abrutschen wird.

Wobei der Weg kaum noch an Europa vorbeiführen kann. Wenn sich nicht zwei, drei Schlüsselspieler gleichzeitig langfristig verletzen, dann kann man eigentlich 13 Punkte Vorsprung auf Platz 7 nicht mehr verspielen. Zumindest wäre es ein Einbruch eines Spitzenteams, den es historisch so noch nie gegeben hätte. Von daher steht aktuell Richtung Saisonende eher die Frage Champions League oder Europa League und nicht die Frage Europa ja oder nein. Die beiden ersten Spiele der Rückrunde gegen Hoffenheim und in Dortmund werden bezüglich der Fragestellung schon erste Antworten geben.

Insgesamt wird es für RB Leipzig natürlich eine Herausforderung, sich auf dem neuen Niveau zu stabilisieren und zu beweisen. Zweiter in der Bundesliga ist bei permanenter Besetzung europäisches Topniveau, das sollte man bei der Geschichte nicht vergessen. Insofern ist die Verteidigung dieses Platzes eine ziemliche Mammutaufgabe. Und die nochmalige Verbesserung des fußballerischen Auftretens ist ein bemerkenswertes Ziel.

Man wird am 20.05., um 17.15 Uhr, also nach Abpfiff des letzten Spiels der Saison in Frankfurt, wissen, inwieweit man dieses Ziel erreichen konnte. Normalerweise würde man ja bei solchen Zielstellungen freundlich aber bestimmt einen Finger an die Stirn führen und leicht mit dem Kopf schütteln. Aber angesichts der Hinrunde, in der aus RB-Sicht so viel passiert ist, was man nicht für möglich hielt, bleibt der Finger dann doch in der Tasche und der Kopf kriegt höchstens eine leichte Neigung, um Gespanntheit auf 17 weitere Bundesligaspiele auszudrücken.

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Ralph Hasenhüttl will nach 34 Spielen mit RB Leipzig in der Bundesliga genauso viel zu lachen haben wie nach 17. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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