Gefühlswelten

Der Fan soll nicht das Gefühl haben, dass er komplett kapitalisiert wird. (Oliver Mintzlaff im Sponsors-Interview)

In kürzeren Wort könnte man die Crux in der Fußballmoderne gar nicht auf den Punkt bringen. Einerseits vor der Aufgabe zu stehen, den Verein auf den möglichsten und unmöglichsten Ebenen zu vermarkten, um die Einnahmeseite zu erhöhen und sich konkurrenzfähig zu machen. Und andererseits den Anhängern, die ja überhaupt erst die Basis und gleichzeitig das (Konsum-)Ziel der Vermarktung sind, das Gefühl geben, dass sie und ihr Verhalten nicht komplett „kapitalisiert“, also den Interessen der Vermarktung untergeordnet werden.

Dieser Kampf führt dann eben auch zu Stilblüten wie dem „Echte-Liebe“Claim oder dem „Die Mannschaft“-Branding, in dem Vereinsidentität und Zugehörigkeitsgefühl zu einem Team in vermarktungsgerechte Hülsen gegossen werden, die für die Anhängerschaft aber durchaus noch anschlussfähig (im Sinne dessen, warum sie Fans sind) bleiben. Die „Wir sind E1ns“-Nummer funktioniert hierzulande durchaus ähnlich.

Oliver Mintzlaff steht aktuell und schon seit einer Weile für die Aufgabe, einen gewissen Paradigmenwechsel bei RB Leipzig durchzusetzen. Bisher war Red Bull der alles finanzierende Geldgeber, sodass klassische Unangenehmheiten wie ein übermäßiges Zuschütten des Fußballerlebnisses mit irgendwelchen Vermarktungsspielchen rund um die Partien unnötig blieben.

Künftig geht es offenbar vermehrt darum, Partner zu gewinnen, die auch in der Öffentlichkeit als Partner wahrgenommen werden und in den Nahkontakt mit den Anhängern gehen sollen dürfen. Mintzlaffs Ankündigung im „Digitalbereich“ in Sachen Vermarktung einen aggressiveren Kurs als bisher fahren zu wollen, dürfte auch bedeuten, dass die Vereinskanäle künftig stärker zu Orten der Partnerpräsentation werden. So wie man es von anderen Vereinskanälen in anderen Städten ja durchaus auch kennt.

Oliver Mintzlaff ist ein Pragmatiker, dem man sicherlich beim Ausüben seines Jobs nicht Sentimentalität vorwerfen kann. Kann man sich in seiner Position, wo es darum geht, einen Verein in der Bundesliga und perspektivisch auch in den vorderen Bereichen der Bundesliga positionieren zu wollen, vermutlich auch nicht leisten. Eine gewisse wirtschaftliche Abnabelung vom großen Geldgeber Red Bull macht zudem absolut Sinn, nicht nur für mögliche künftige Teilnahmen an europäischen Wettbewerben und die Erfüllung von UEFA-Regularien, sondern auch für eine nachhaltige, nationale Wettbewerbsfähigkeit.

In Bezug auf die künftigen Ticketpreise in der Red Bull Arena vor allem an der Tageskasse hat man schon mal gezeigt, dass Einnahmenmaximierung derzeit ziemlich weit oben auf der Agenda steht. Die Stadionneubaudebatten weisen in eine ähnliche Richtung. Wird spannend, wie dieses „Fan soll nicht das Gefühl haben, dass er komplett kapitalisiert wird“ in den nächsten Jahren konkret aussehen wird und wie sich das dann tatsächlich anfühlt.

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4 Gedanken zu „Gefühlswelten“

  1. Ein überraschend kurzer Beitrag im Vergleich zu manch anderen Artikeln an dieser Stelle, wenn das Red-Bull-Imperium verteidigt werden musste. Es fällt auf, dass der Text auch wenig selbstkritisch oder hinterfragend ist – das habe ich hier schon durchaus besser gesehen bzw. gelesen.

    Ich persönlich finde das Sponsors-Interview sehr entlarvend. Aussagen wie „Aber die Kapitalisierung dieses Potenzials und dieser Ressourcen ist nun eines unserer Kernziele.“ oder „…er [der Fan] soll nicht das Gefühl haben, dass er komplett kapitalisiert wird.“ bieten jede Menge Möglichkeiten, mal hinter die glänzenden Fassaden des ‚Vereins‘ zu schauen.

    Auch die Aussage „Aber schauen Sie sich einmal die Fußballlandkarte an, wir haben einen weißen Fleck besetzt, der sicherlich viel Potenzial hat.“ bedeutet doch, dass Leipzig oder ‚der Fußball-Osten‘ nie im Vordergrund stand. Es geht von Anfang nur um rein wirtschaftliche Aspekte und die Stadt und das Stadion passten zufällig hervorragend in die Auswahlmatrix.
    Dazu passt auch, dass der Dauerkartenverkauf ein „…Indikator [ist] für die vielfältigen Möglichkeiten und die Attraktivität, die der Standort mitbringt.“. Indikator? Standort? Herzlich emotionslos für einen Verantwortlichen eines Fußballclubs, wie ich finde.

    Und gewisse Parallelen zum Einstieg in den deutschen Fußball lese ich aus folgendem Zitat heraus: „Die FFP-Regularien sind sehr komplex und nicht in zwei Sätzen zu behandeln. Wir wissen damit umzugehen und werden uns selbstverständlich an diese Regeln halten.“. Also sucht man wieder nach Lücken und Schluplöchern im System – „FFP ist ein wichtiger und notwendiger Bestandteil der UEFA. Wir wissen, was wir zu tun haben.“

    Das Interview unterstreicht für mich den eigentlichen Zweck der Gründung und die Ziele der ‚Unternehmung‘ RasenBallsport. Es ist ziemlich unterkühlt, emotionslos und Business-like. Moderner Fußball halt.

    1. Willkommen im Geschäft Bundesliga. Seit Hoeneß Wutrede “ Wer glaubt ihr, bezahlt das alles …? “ und den unzähligen Auslieferungen der Profiabteilungen wie BVB und KoKG, herthanischen Investmentfonds sollte jedem deutschen Fußballkonsumenten klar sein, dass hier das Geld regiert. Wenn Bayern zig mal mehr Geld verdient als Augsburg, wer wird dann Meister? Diese Erkenntnis ist bei den meisten RBL Anhängern angekommen. Insofern sind Belehrungen zum wahren Fantum von Heuchlern wie 11feinden (Stichwort Catering) überflüssig.
      Zur Zeit erkennen wir , wie recht RR mit dem Geldüberfluss in Englands PL hatte und müssen darauf reagieren.

    2. @Neuner: Verstehe nicht, was laut Deiner Aussage an dem Interview mit einem BWLer „entlarvend“ sein soll. Red Bull hat den Standort Leipzig nicht gewählt hat um den Fußball-Osten zu retten, sondern um ganz oben mitzuspielen und Geld zu verdienen. Und stell Dir vor, das wissen die RB-Fans… und haben auch noch Spaß dabei!

      Es soll sogar komplett durchgedrehte Leipziger geben, die Herrn Mateschitz für das „Investment“ in ihre Heimatstadt dankbar sind! Crazy, oder?

  2. Diese wacklige aktuelle wirtschaftliche und sportliche Standortbestimmung des neuen Erstligaclubs, der neben dem bekannten Hauptsponsor mit nur vier Premium-Sponsoren hat, ist natürlich zu diesem frühen Zeitpunkt sehr spannend! Das Thema macht aber auch sehr nachdenklich. Die kürzliche riesige Aufstiegsfeier auf dem überfüllten Leipziger Marktplatz bewies eigentlich, dass unsere von bisher ganz großen Fußballbegegnungen nicht gerade verwöhnten „Schlachtenbummler“ nicht nur aus purer Neugierde auf die jeweiligen Gäste in das modernisierte ehemalige Zentralstadion strömten!

    Der vor Rangnick agierende 1. Vermittler zwischen der „Finanzzentrale“ hinter den großen Bergen und dem Bundesligisten, Mintzlaff, kann sich in der Praxis gar nicht vom Geldgeber abnabeln, obwohl das natürlich Sinn machen würde. Er befindet sich praktisch zwischen zwei Stühlen und merkt selbst mit seiner Feststellung, den wichtigen Fan nicht kapitalisieren zu wollen, wie dünn eigentlich das Eis ist! Seine Suche nach „ergänzenden“ Partnern (ohne dem Hauptsponsor dürfte alles zusammenbrechen!) wird nicht einfach sein, wobei ein bisher finanziell sehr profitierender Kölmel durch den doch angestrebten Stadionneubau der erste größere Verlierer sein könnte….

    „RaBa“, erntet, Dank der einmaligen Möglichkeit, in der Vergangenheit zweifacher Sportdirektor bei verschiedenen internationalen Vereinen sein zu können, jetzt mit den „Zugängen“ aus der ehemaligen Salzburger Zentrale, ganz schön kräftig, wobei die dabei auch mit wechselnden Gelder bekanntlich in der Familie bleiben! Das in der „Zentrale“ schon seit Jahren angestrebte, doch kläglich gescheiterte Bemühen, auch in Europa eine wichtige Rolle spielen zu können, wird sich wohl in den Köpfen der Verantwortlichen aus dem Alpenland nun auch nach Leipzig verlagern!

    Weil in Leipzig keine absolute Not herrscht, wäre es gut vorstellbar, dass ein anderer „Finanzvorstrecker“ erst einmal den sportlichen Einstieg der Jungs in der Eliteliga etwas näher angeschaut hätte, um sich erst danach zu entscheiden, ob z.B. die Umsetzung der gemeinsamen Idee, bezüglich des schon in einigen Köpfen schwebenden Stadionneubaus, überhaupt einen Sinn macht…….So, wie es Mintzlaff als „Interims-Geschäftsführer“ sehr vernünftig meint, nicht gleich mit dem Aufzug nach oben zu fahren, sondern nach und die Treppen zu benutzen, sollte man auch dieses Thema angehen, das aber bereits mit der Beauftragung von Planungen gestartet sein dürfte!

    Die anstehende Saison wird wie eine regelrechte „Wunderkiste“ wirken!

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