Transfer: Marius Müller

Zuerst lange nichts und dann ein Trio auf einen Schlag. Nach Benno Schmitz, dem nun auch offiziellen Neuzugang Timo Werner wurde gestern der dritte Transfer binnen fünf Tagen offiziell bekanntgegeben. Marius Müller heißt der Glückliche, der sich über drei Jahre gültige Arbeitspapiere freuen und auf einen Platz im Tor von RB Leipzig hoffen darf.

Müller kommt für kolportierte irgendwas bis 2 Millionen Euro wie schon Willi Orban aus Kaiserslautern nach Leipzig und gehört mit seinen 22 Jahren noch in die Kategorie Torwarttalent. In der Pfalz wurde Müller seit seinem zehnten Lebensjahr ausgebildet und ist damit nach Orban, Heintz und Zimmer binnen zwei Jahren das vierte der hoffnungsvollen Eigengewächse mit Nachwuchsnationalmannschaftsvergangenheit, die der FCK für vergleichsweise schmales Geld verliert.

Marius Müller wurde bereits am Ende der Saison 2014/2015 unter Kosta Runjaic als Stammkeeper in Kaiserslautern aufgebaut. Auf eigene, junge Spieler wollte man damals setzen und gab dafür sogar den auch nicht gerade alten Publikumsliebling Tobias Sippel ab. Dass man an Müller nur ein Jahr lang Freude haben würde (und nun mit André Weis jemanden holen muss, der im Vergleich mit Müller so abschneidet wie Innenverteidiger Stipe Vucur im Vergleich zu Willi Orban vor einem Jahr), ahnte man da wohl auch noch nicht.

Wobei Freude relativ ist, denn die Begeisterung über Marius Müller gerade im Vereinsumfeld war in der abgelaufenen Saison 2015/2016 nicht durchgängig überbordend. Denn unumstritten war das Talent in seiner ersten kompletten Saison als Nummer 1 im Profifußball nicht. Einige Patzer und unsichere Spielleistungen, von denen die in Heidenheim oder in Nürnberg, wo das auch Punkte kostete, zuerst einfallen, führten sogar dazu, dass Konrad Fünfstück seinen Keeper aus der Schusslinie nahm und ihn bei der Partie in Düsseldorf auf die Bank setzte (wo dann allerdings Vertreter Alomerovic so patzte, dass er seine Chance, Müller anzugreifen, auch gleich wieder verspielt hatte).

Die Unsicherheiten in vielleicht einem Fünftel der Saisonspiele führten auch dazu, dass Marius Müller im Vergleich der Zweitligatorhüter hinter einer sicherlich oft nicht sonderlich stabilen Abwehr eher im Mittelmaß versank, denn herauszustechen. Trotzdem darf man natürlich konstatieren, dass Müller an guten und vielen Tagen ein spektakulärer Torwart ist, der Bälle hält, die ein durchschnittlicher Zweitligatorhüter nicht halten würde. Mit seinen Reaktionen, seiner Statur und seiner physischen Präsenz hat er sowohl auf der Linie, als auch bei der Strafraumbeherrschung auf jeden Fall alle Anlagen und oft auch schon aktuell alle Klasse, um auch auf höchstem Niveau in Deutschland bestehen zu können.

Das Problem des Marius Müller heißt also (noch?) Konstanz. In Leipzig gab es unter Fabio Coltorti, Peter Gulacsi und Benjamin Bellot in zwei Zweitligajahren genau einen groben Schnitzer (also einen Fehler, der mehr ist als eine ‚Hätte er halten können‘-Situation), der zu einem Gegentor und verlorenen Punkten führte. Fabio Coltorti war es im ersten Spiel unter Achim Beierlorzer, der damals dem Gegner mit perfektem Pass den Treffer auflegte. Konstanz und weitgehende Fehlerlosigkeit in den Torwartleistungen war also bisher eine Stärke der Leipziger Keeper. Eine Fehlerlosigkeit auch mal über zehn Spiele am Stück, die sich ein Müller erst noch aneignen muss.

Mit seinen 22 Jahren ist Müller natürlich gerade als Torhüter noch im besten Lernalter und Ruhe, Abgeklärtheit und extreme Fokussiertheit auch über 90 Minuten plus x durchaus etwas, was man noch lernen kann. Die Frage ist halt, wie schnell der Keeper lernt und inwiefern er durch diese Inkonstanz nicht von vornherein im deutlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber den anderen RB-Keepern ist.

Wobei die Konstituierung des neuen Leipziger Torwarttrios sowieso noch ein paar spannende Fragezeichen beinhaltet. Mit Coltorti, Gulacsi und Müller hat man jetzt drei Keeper (plus Bellot, der ja auch noch zum Verein gehört), von denen (im Gegensatz zu einem Benjamin Bellot bisher) es sicherlich niemand als Teil seiner Saisonplanung ansieht, als Nummer 3 auf der Tribüne zu sitzen. Sprich im aktuellen Trio gibt es keine Nummer 3.

Das führt dann gleich zu der Frage, ob die Planung auf der Torwartposition bei RB Leipzig damit abgeschlossen ist oder sich nicht über den Sommer noch Änderungen ergeben. Variante Nummer 1 wäre, dass das Trio Coltorti, Gulacsi, Müller so wie es ist in die Saison geht. Dann wäre wohl (wenn man das letzte halbe Jahr als Maßstab nimmt) Gulacsi die Nummer 1, Müller der Herausforderer, der in Ruhe lernen kann und Coltorti (nach derzeitiger Lage) in seinem letzten Vertragsjahr so etwas wie der Torwartmentor, der vor allem Müller auch ein wenig an die Hand nehmen kann in seiner Entwicklung. Keine ganz schlechte Konstruktion (mal abgesehen davon, ob Gulacsis Strafraumpräsenz für eine Nummer 1 in der Bundesliga reicht), aber ob Coltorti damit leben kann, zu einer Art Vereinsmaskottchen zurückgestuft zu werden, während er von seiner in Spanien lebenden Familie getrennt ist, darf man zumindest ganz leise anzweifeln. Vielleicht ist ihm das das Abenteuer Bundesliga aber auch wert.

Variante 2 wäre dann entsprechend, dass einer der beiden bisherigen Stammkeeper Coltorti und Gulacsi im Sommer noch den Club verlässt und man dafür eine tatsächliche Nummer 3 (also irgendeinen 19jährigen, 20jährigen, der sich auch zwei, drei Jahre auf die Tribüne setzt und im Sinne seiner Entwicklung gut mit Einsätzen bei der U23 leben kann) holt oder weiter mit Benjamin Bellot als Nummer 3 durch die Fußballwelt geht. Für diese Variante spräche eine klarere Struktur und Hierarchie im Keepertrio.

Allerdings war die Planung der Torhüterposition bei RB Leipzig in den letzten Jahren nicht immer geprägt von Weitsicht und Nachhaltigkeit. Mit Fabian Bredlow hatte man bis vor zwei Jahren ein großes Talent und einen Nachwuchsnationaltorhüter im Verein, ließ den dann aber über Salzburg gen Halle ziehen, anstatt ihm eine Perspektive im Verein aufzuzeigen. Dafür holte man dann 2014 mit Thomas Dähne aus Salzburg einen anderen, damals 20jährigen deutschen Nachwuchsnationaltorwart und stattete ihn mit einem Alibi-Einjahresvertrag aus, nach dessen Auslaufen Dähne (Im Interview bei transfermarkt.de: „Bin mit großen Zielen nach Leipzig gegangen, um mich persönlich weiter zu entwickeln, aber es wurde mir sehr schwer gemacht. Die Chance, die mir in Aussicht gestellt wurde, habe ich nie bekommen.“) nach Finnland zu HJK Helsinki weiterzog.

Nun ist also mit Marius Müller der nächste Nachwuchsnationalkeeper dran. Vielleicht hat er den Vorteil, dass er nicht aus der eigenen, strenger beäugten Nachwuchsausbildung kommt und entsprechend mehr Vertrauen und Kaderplanungsnachhaltigkeit spüren darf. Drei Jahre Vertrag sprechen schon mal dafür, dass er ein Jahr Zeit kriegt, sich zu akklimatisieren und zu wachsen, um dann in eine ernsthafte Rolle als Nummer 1 hineinzuwachsen.

Ein bisschen deutet sich aber in der Verpflichtung von Müller auch schon ein Notnagel-Transfer ohne ganz großes Vertrauen an. Vor ein paar Wochen sprach Ralf Rangnick noch davon, dass man noch nicht wisse, welche Lösung man in der Transferperiode für die Torwartposition anstrebe. Sprich, es war auch immer die große Lösung einer neuen, potenziell klaren Nummer 1 eine Option. Doch da sich entsprechende Varianten der Größenordung Horn, Leno, Karius aufgrund fehlender Strahlkraft, fehlendem Gehaltsetat oder fehlendem internationalen Startplatz zerschlugen, fiel man am Ende doch auf die kleine Lösung Müller zurück. Wobei man davon ausgehen darf, dass die große Torwartlösung eher aufgeschoben und nicht aufgehoben ist. Was dann für einen Marius Müller denkbar ungünstige Zukunftsaussichten wären.

Letztlich bleiben bei der Verpflichtung von Marius Müller kleine Fragezeichen. Für eine kleine Lösung, die sich auch klaglos auf die Tribüne setzen würde, ist der 22jährige zweifellos viel zu groß und talentiert. Für eine große Lösung als dauerhafte Nummer 1 ist er zumindest aktuell allerdings auch noch zu klein und zu fehleranfällig. Die spannende Frage ist, ob man ihm die Zeit gibt, zu einer großen Lösung heranzuwachsen und man entsprechende Rückschläge auf diesem Weg aushält oder ob Sportdirektor Rangnick dann eben in einem Jahr zuschlägt und die große externe Lösung präsentiert, die dies Jahr nicht geklappt hat und diese dann Müller vor die Nase setzt.

Abgesehen davon darf man sich natürlich auch fragen, inwiefern ein aktuelles Torwarttrio Sinn macht, in dem die drei Keeper bei unterschiedlichen Stärken und Schwächen ein ungefähr gleiches Niveau repräsentieren und entsprechend am Ende der Sommerpause auch jeder der drei Torhüter (bei Müller wegen seiner bisherigen Inkonstanz mit deutlichen Abstrichen, aber ansonsten steht er den anderen beiden Keeper nicht nach) im Kasten stehen könnte. Die Situation spricht natürlich erst einmal für einen belebenden Konkurrenzkampf in der Vorbereitung, aber sie spricht auch für viel Frust im Ligaalltag.

Mal abgesehen von allen möglichen Problemen und offenen Fragestellungen bei der Planung der Torhüterposition hat die Verpflichtung von Marius Müller aber natürlich auch eine eigene Logik. Man hat sich ein junges, deutsches Talent gesichert, das viele Anlagen hat, zu einem Bundesligakeeper zu werden. Dieses Profil ist natürlich erst mal das präferierte Profil der RB-Kaderplaner. Wodurch die Verpflichtung Müllers logisch und nachvollziehbar wird. Jetzt kommt es halt nur noch darauf an, dass das Torwarttalent nicht wie manche vor ihm in Leipzig in der zweiten Reihe versauert und anschließend anderswo den (in seinem Fall erneuten) Durchbruch schafft.

Das hängt natürlich in erster Linie von Müller selbst, aber auch von der Geduld im Verein und von der weiteren Kaderplanung in Bezug auf die Torwartposition in dieser und in den nächsten beiden Transferperioden ab. Bisher war RB Leipzig abgesehen von Fabio Coltort und der ewigen Nummer 3 (gelegentlich auch mal Nummer 2) Benjamin Bellot nicht gerade als ruhiges Torwartpflaster bekannt. Neuhaus, Moritz, Borel, Gäng, Kerner, Domaschke, Bredlow, Dähne. In erster und zweiter Reihe war immer viel Bewegung in den letzten sieben Jahren. Mal sehen, ob sich Marius Müller eher in die Reihe teilweise längst vergessener Ex-Keeper einreiht oder eine prägende Rolle spielen darf und spielen kann.

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