Filialen, oho

„Salzburg will keine Leipzig-Filiale sein“

So titelte es vor zwei Wochen in Österreich. Was eine etwas spektakuläre Zuspitzung einer gar nicht so spektakulären Aussage der Salzburger Verantwortlichen war. Der Hinweis galt der Tatsache, dass die Ansprüche der Leipziger von Jahr zu Jahr wachsen und entsprechend ein mögliches Interesse Leipzigs an Salzburger Spielern nur noch den absoluten Topspielern, die sowieso Angebote aus den Topligen kriegen, gelten wird und nicht mehr einer eher breiten Masse wie noch in den letzten Jahren und insbesondere zu Beginn der aktuellen Spielzeit, als gleich fünf Akteure sich für den Schritt von Salzburg nach Leipzig entschieden bzw. nach Ablauf der Leihe ihren Arbeitsverträgen folgten.

Die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in Salzburg und Leipzig dürften entsprechend auch eine gewisse Entkopplung der sportlichen Vorgänge in beiden Clubs mit sich bringen. Was insbesondere der geschundenen Salzburger Seele in Sachen Selbstverständnis und Identität als Club, der nicht ausschließlich Talentedurchlauferhitzer sein will, positiv zugute kommen dürfte.

Die Frage ist halt, wie weit die Abkopplung zwischen Leipzig und Salzburg gehen wird. Ralf Rangnick erklärte gerade erst der Mitteldeutschen Zeitung, dass er bspw. in die Trainerfindung in Salzburg in diesem Winter nicht mehr eingebunden war. Was zumindest dahingehend plausibel erscheint, dass der Neu-Salzburger Oscar Garcia für eine Spielidee steht, die auf Spielkontrolle und Ballbesitz beruht.

Interessanterweise war Adi Hütter im letzten Sommer noch gegangen, weil er „die Mannschaft auch im Spiel mit dem Ball verbessern“ wollte und dies noch unter Rangnick „nicht gern gesehen wurde“. Auch wenn Ralf Rangnick sicherlich als Trainer in Leipzig den Ballbesitz im Vergleich zu den Zorniger-Jahren wieder mehr kultiviert hat und man von der extremen Balljagd etwas abgekommen ist, spricht die Verpflichtung von Oscar Garcia in Salzburg doch für eine gewisse Eigenständigkeit, weil sie nicht unbedingt wie eine ultimative Rangnick-Wunschverpflichtung wirkt.

Man geht also in Österreich und Deutschland wieder ein Stückweit eigene Wege. Bzw. entwickelt man sich in die Richtung der Wege, wie man sie auch schon ging, bevor Rangnick 2012 den Job in Salzburg und Leipzig antrat und mit einer unheimlichen Geschwindigkeit und Konsequenz Liefering, Salzburg, Leipzig und den Leipziger Nachwuchs miteinander so pragmatisch verzahnte, dass es am Ende fast alles dasselbe war. Einige Spieler, die in den letzten Jahren betonten, dass der Vorteil der Ausbildung unter dem Dach von Red Bull sei, dass man immer irgendwo eine Mannschaft finde, die perfekt zu den Erfordernissen des nächsten Entwicklungsschritts passt.

Inwiefern diese Synergien bei der Ausbildung von Spielern auch künftig in dieser Form genutzt werden, wird man erst in ein, zwei Jahren beurteilen können. Aktuell ist eher der Eindruck, dass man im Nachwuchsbereich wieder etwas getrennter voneinander arbeitet und die Spieler bspw. kaum noch querwechseln. Wenn es denn nicht gerade ein 18jähriges russisches Talent ist, das in Leipzig in der U23 keine Spielzeit kriegen könnte, weil es in der Regionalliga nicht auflaufen dürfte und deswegen lieber gen Liefering in die zweite österreichische Liga abgegeben wurde (also theoretisch zumindest, praktisch ist Skopintsev etwas in der Versenkung verschwunden).

Es bleibt halt die Frage, welche Aspekte der wünschenswerten Synergien und Ausbildungsangebote man sich erhalten kann, die entstanden nachdem man aus dem merkwürdigen Status, Leipzig und Salzburg nebeneinander wurschteln zu lassen und dann mal zu gucken, wenn ein Pacult bspw. einen Wallner wollte und öffentliches Transfertheater zu spielen, heraustrat. Bevor Rangnick seinen Dienst antrat, wirkte vieles zwischen Leipzig und Salzburg zufällig, ungeplant und ohne größeren Weitblick. Diesen Vorteil der zwischen 2012 und 2015 aufgebauten gegenseitigen Nähe bei der Spielerentwicklung und Spielphilosophie zu Teilen aufzugeben, wäre ein merkwürdiger, schwerlich nachvollziehbarer Rückschritt.

Auch wenn Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff im Hause Red Bull einen ziemlich großen Einfluss haben dürften und sie wichtige Entscheidungen bei unterschiedlichen Ansichten zwischen den Clubs dort sicherlich auch durchgedrückt bekämen, bleibt doch anzunehmen, dass das Fehlen einer für beide Clubs verantwortlichen Person in der Alltagsarbeit eben auch dazu führt, dass die ganz enge Verzahnung per se nicht mehr fortgeführt werden kann. Selbst wenn darin gar kein bewusster Schritt hin zu mehr Eigenständigkeit stecken sollte.

Die personelle Entflechtung ist natürlich auch Folge dessen, dass man Leipzig und Salzburg fit machen will für eine gemeinsame europäische Fußballzukunft. Die es nur gibt, wenn beide Clubs formal und im UEFA-Sinne unabhängig voneinander agieren. Was auch bedeutet, dass beide Clubs nicht nur eher schwerlich einen gemeinsamen Sportdirektor verargumentieren könnten, sondern auch nicht vom selben Geldgeber gesteuert werden dürfen. In diesem Zusammenhang ist auch die kürzliche Meldung interessant, dass man bei RB Leipzig versuche, den Anteil des Red-Bull-Sponsorings am Leipziger Clubetat auf 30 Prozent zu reduzieren.

Offenbar geht die UEFA ab 30 Prozent Etatfinanzierung per se davon aus, dass der Geldgeber einen bestimmenden Einfluss auf die Clubgeschicke hat und ergo eine Quasi-Besitzer ist (die UEFA nennt es „related party“). Da Red Bull in Salzburg schon ganz offiziell Besitzer der Clubs ist, wäre eine weitere, informell-finanzielle Besitzereigenschaft (formal ist ja der RasenBallsport Leipzig e.V. der ‚Besitzer‘ der RasenBallsport Leipzig GmbH) in Leipzig wohl ein Ausschlusskriterium für eine gleichzeitige Teilnahme beider Clubs an europäischen Wettbewerben. Je nachdem von welcher Etathöhe man ausgeht, bleibt da eine ordentliche Summe, die Leipzig jenseits von Red Bull erwirtschaften muss, um sich als eigenständig darzustellen. Wobei Fernsehgelder, Merch und Zuschauereinnahmen nach einem möglichen Erstligaaufstieg schon mal einen ordentlichen Batzen bringen würden.

Wie auch immer, im letzten Sommer begann zwischen Salzburg und Leipzig ein interessanter Prozess, der unter dem Arbeitstitel ‚leichte Entkoppelung‘ laufen könnte. Zumindest sprechen einige Indizien dafür, dass der ganz enge Weg, der in den drei Jahren unter dem gemeinsamen Sportdirektor Rangnick beschritten wurde, etwas verlassen wird. Was natürlich nicht heißt, dass beide Clubs sich nicht mehr miteinander beschäftigen oder austauschen oder interessante Personalien miteinander besprechen.

Was dieser Prozess bedeutet und welcher sinniger Details man dabei unter Umständen verlustig geht, wird man vermutlich erst in mittlerer Zukunft genau sagen können. Gewinnen kann man dabei, dass die Salzburger Anhänger auf Dauer etwas besser gelaunt sind, als sie es in der Sommertransferperiode des letzten Jahres waren und dass die UEFA Leipzig und Salzburg nicht (mehr) als reine Ableger voneinander ansieht. Das ist sicherlich nicht nichts.

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2 Gedanken zu „Filialen, oho“

  1. Sehr guter Kommentar!
    Ich denke auch, daß man schon etwas langfristig denkt (hoffe ich!). Wenn der Tag kommen sollte und RBL und RBS spielen international in einer Gruppe, dann müssen ja einige § und das „Kleingedruckte“ der UEFA eingehalten werden. Stand heute (bin aber unsicher), wäre ein oder Beide Verein(e) nicht spielberechtigt. Also fängt man jetzt schon langsam an, die Dinge richtig zu planen. Den (Spieler) Austausch wird es weiterhin geben, nicht aber in der Form wie Sabitzer/Bruno oder Damari, sondern eher wie bei der Verletzung von Müller, im Nachwuchsbereich oder nach einer Verletzung zum Wiedereinstieg (Könnte ich mir z.B. bei Boyd vorstellen)
    Mal schauen wie kommen wird.

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