Zweiter Anlauf

Eines der Themen der kommenden Wochen dürfte die Frage nach dem neuen RB-Trainer werden. Angesichts der Tatsache, dass die im Moment gehandelten Kandidaten allesamt noch in einem Job sind und wohl auch noch eine Weile bleiben werden, wird es vermutlich keine schnelle, offizielle Bekanntgabe eines neuen Trainers geben. Was alle, die rund um RB Leipzig Zeitungen oder Sendezeit füllen müssen, freuen, aber ansonsten wenig Anlass zur Freude sein wird.

Denn gehaltvoller wird das Thema durch die längere Wartezeit eher nicht werden. BILD hat rund um den Jahreswechsel schon mal die Wahrsagerin zum zukünftigen RB-Trainer befragt. Zu befürchten ist zudem eine Verschiebung in der Debatte hin zu einem ‚Warum bleibt Rangnick eigentlich nicht selber Coach?‘, zu dem auch Dominik Kaiser zum Trainingsauftakt via LVZ schon übergeschwenkt war.

Eine Variante, die von allen möglichen Varianten immer noch die schlechteste ist, weil sie aus dem Strategen und Vereinsgestalter Rangnick einen ganz normal auf einem Schleudersitz sitzenden Übungsleiter macht. Was RB Leipzig aber viel mehr als den Trainer Rangnick braucht, ist eine recht starke und inhaltlich kompetent-konsequente Persönlichkeit auf dem zentralen Posten des Sportdirektors. Einer, der den Weg des Vereins vorgibt und entsprechende Personalentscheidungen trifft, aber auch einer, der Richtung Geldgeber Mateschitz als Puffer fungiert und vor Entscheidungen wie einst der Pacult-Verpflichtung von oben schützt.

Wenn Rangnick also keine Option für ein weiteres Trainerjahr ist (was er bisher genauso sieht), dann steht RB Leipzig am selben Punkt wie vor einem knappen Jahr, als man auf der Suche nach einem Zorniger- bzw. Beierlorzer-Nachfolger war und solange Absagen von 1A-Lösungen bekam, bis man Rangnick zur 1A-Lösung hochinterpretierte. Ein Szenario, das auch dieses Jahr nicht völlig auszuschließen ist. Denn am Setting, in dem ein neuer Trainer in Leipzig arbeiten würde, hat sich nichts geändert. Allerdings steht am Ende der aktuellen Saison eventuell der Aufstieg, sodass man einen Erstligacoach suchen könnte. Was für den einen oder anderen Coach eventuell noch mal einen neuen Anreiz setzt. Auf der anderen Seite folgt man dann dem Aufstiegstrainer Rangnick. Auch keine ganz einfache Konstellation, die daraus erwachsene Erwartungshaltung zu schultern.

Das Trainerpaket, das gesucht wird, hat auch abgesehen davon seine Tücken. Zum Anforderungsprofil gehört nicht nur, dass der Rangnick-Nachfolger der Spielphilosophie des Vereins treu bleibt, also Gegenpressing und Balljagd präferiert, ohne Ballbesitz zu vernachlässigen, sondern sich auch in die bestehenden Strukturen mit einem starken Sportdirektor integriert. Es dürfe „keine Eitelkeiten“ zwischen Rangnick und dem neuen Coach geben, so die Aussage von Rangnick selbst. Ein relativ klarer Wink Richtung Zorniger, der im Nachklapp zu seiner Demission bei RB Leipzig mal erklärt hatte, dass mit ihm und Rangnick vielleicht zwei zu große Dickköpfe aufeinandergeprallt seien. Auch Zornigers Äußerung kurz vor seiner Entlassung, dass „wenn wir den Aufstieg im Sommer schaffen, mein Denkmal hier nicht kleiner als Ralfs sein wird“, verweist darauf, dass das Verhältnis mit Rangnick zu jener Zeit nicht frei von Eitelkeiten war und in dem Fall der Sportdirektor am längeren Hebel saß.

Gesucht wird also jemand, der bereit ist, spielphilosophisch in einem vorgegebenen Rahmen zu agieren, seine Arbeit als eine im Team begreift und trotzdem von seiner ganzen Persönlichkeit her in der Lage ist, gegenüber dem Team Autorität und Kompetenz darzustellen. Nimmt man dieses Paket, kann es sich eigentlich nur um einen Kandidaten handeln, für den Leipzig der nächste logische Karriereschritt ist, bei dem er nicht die eigenständige Entwicklung des Vereins im Auge hat, sondern die Arbeit unter Rangnick auch als Möglichkeit des Lernens und Weiterentwickelns begreift.

Daraus ergibt sich wohl, dass der Kreis der möglichen Kandidaten relativ klein wird und sich jeder der Kandidaten fragen muss, ob er in dieser Konstellation mit maximalen infrastrukturellen Möglichkeiten bei gleichzeitig geringem Gestaltungsspielraum in Bezug auf Personal- und Richtungsentscheidungen im Verein arbeiten möchte. Gehandelte Kandidaten wie Roger Schmidt scheinen da von vornherein auszuscheiden, denn dass ein Schmidt noch mal diesen Schritt zurück in eine Position machen möchte, in der er sich ein Stückweit unterordnen muss, scheint eher schwer vorstellbar.

Generell scheint eine spezielle Struktur wie die bei RB Leipzig eher darauf hinauszulaufen, dass man Trainer über einen kurzen Zeitpunkt beschäftigt. Mehr als zwei, drei Jahre der Mannschaftsbetreuung und der Weiterentwicklung als Trainer bis man vielleicht an einen Punkt kommt, an dem man selbst stärker die Entscheidungen, die die Vereinsentwicklung betreffen, mitbestimmen will, sind unter diesen Voraussetzungen nicht zu erwarten. Was auch nicht wirklich schlimm ist, wenn der Verein oberhalb des Trainerpostens eine klare Philosophie hat und diese auch über einen Trainerwechsel hinaus Bestand hat und so ein Umbruch auf der Position des Trainers keine grundlegenden Folgen für die Arbeit im Verein hat.

Zumal man immer bedenken muss, dass die Halbwertzeit eines Trainers in den Topligen sowieso gering ist. In der Bundesliga gibt es gerade mal drei Trainer die aktuell länger als drei Jahre am Stück beim selben Verein im Amt sind. Zehn Trainer haben noch nicht mal das Jahr vollgemacht. Kein Trainer ist länger als vier Jahre dabei. Und auch in Liga 2 sind gerade mal vier Trainer länger als drei Jahre im selben Verein aktiv, wobei hier mit Frank Schmidt und Torsten Lieberknecht zwei echte Langzeitübungsleiter (über sieben bzw. über acht Jahre) am Start sind.

Moderner Fußball ist also sowieso etwas, wo Trainer nicht unbedingt die Figuren sind, die über einen längeren Zeitraum die Entwicklung und Philosophie eines Vereins bestimmen. Der Trend geht eher dahin, dass der Coach zum kurz- bis mittelfristigen Verwalter des sportlichen Glücks wird. Oft allerdings ohne dass der jeweilige Verein eine klare Philosophie hat, sodass die Trainerwechsel in kurzen Abständen zu ständen Kurskorrekturen, ergo zu Unruhe und nicht zu sportlichen Erfolgen führen. Das Problem hat RB Leipzig nicht, wenn man mit Ralf Rangnick in einer vereinszentralen Position einen grundlegenden Weg verfolgt, auf den der jeweilige Coach nicht den alles entscheidenden Einfluss hat.

Man sucht bei RB Leipzig also einen Trainer, der zur Spielphilosophie und zu Ralf Rangnick passt, einen der Lust hat, die Möglichkeiten in Bezug auf Trainingsbedingungen und relativ frei von Zwängen gestaltbare Kaderplanung zu nutzen, aber um die Beschränktheiten seiner Position in Bezug auf das ganz große Vereinsgestaltungsrad weiß. Was auch umfassen könnte, große Teile des von Rangnick zusammengestellten Funktionsteams um die Profimannschaft herum zu übernehmen. Jeder, an den RB Leipzig in den nächsten Wochen herantritt oder den RB Leipzig schon seit Wochen oder Monaten auf dem Zettel hat, wird sich überlegen müssen, inwieweit er tatsächlich in dieses Szenario hineinpasst und inwieweit er einen nah am Tagesgeschäft agierenden Rangnick tatsächlich hinnehmbar findet.

Wenn man sich die Geschichten von Roger Schmidt und Alexander Zorniger während Rangnicks Verantwortlichkeit in Salzburg und Leipzig anschaut, dann kann man interpretieren, dass beide gerade am Anfang die Möglichkeiten eines Trainerfachmanns Rangnick (und auch des Philosphiemitbestimmers im Hinergrund Helmut Groß), der in allen Aspekten des Tagesgeschäfts auch Diskussionspartner ist, sehr zu schätzen wussten, dass aber genau diese Nähe im Verlauf der Zeit auch problematisch wurde, weil sie die Trainer ein Stückweit einschränkte. Bei Zorniger stärker problematisch wurde, bei Schmidt weniger.

Zu vermuten ist, dass einer wie Sandro Schwarz, der offenbar zumindest auf der ‚interessanter Kandidat‘-Liste bei RB Leipzig steht, die Möglichkeiten, die sich aus der Interaktion mit Rangnick und vielen anderen Fachleuten bei RB Leipzig für die eigene Entwicklung und Karriere ergeben, eher zu schätzen wüsste, als ein (fiktives Beispiel) Lucien Favre, für den eigenständiges Arbeiten ein sehr viel höheres Gut sein dürfte. Was auch bedeutet, dass sich ein Trainer, der bisher vor allem in unteren Spielklassen erfolgreich arbeitete, sehr viel leichter tun könnte, ein Angebot von RB Leipzig als reizvoll zu empfinden.

Schon bei einem Markus Weinzierl, der gewiss ein Trainer ohne große Eitelkeiten ist, würde sich die Frage stellen, ob er nach seinen erfolgreichen Augsburger Jahren, einen Schritt nach Leipzig als reizvoll empfinden würde. Klar hätte er hier die Chance, kadertechnisch noch einmal auf sehr viel freierem Niveau zu arbeiten und vielleicht sogar eine sportliche Entwicklung zu gestalten, die dauerhaft zu größeren Chancen auf regelmäßige Europa-Besuche führt. Dafür müsste er allerdings von einem Verein, in dem er sehr viel Gestaltungsspielraum hat, zu einem Verein wechseln, bei dem viel mehr noch als anderswo völlig unklar ist, wo man in ein, zwei Jahren steht und ob man von den eigenen Erfolgen auch noch profitieren kann oder nicht doch plötzlich der Stuhl vor der Tür steht, weil das interne Verhältnis mit dem Sportdirektor nicht mehr stimmt.

Neben Schwarz scheinen da Namen wie René Weiler, mit dem sich RB Leipzig offenbar schon im letzten Jahr zumindest unterhalten hat, oder Markus Kauczinski, der in Karlsruhe unter Einbeziehung von jungen Talenten versucht, einen technisch sauberen Fußball mit Fokus auf Geschwindigkeit unter Einbeziehung von Ballbesitz spielen zu lassen und zudem für die kommende Spielzeit noch ohne Arbeitsvertrag ist, naheliegender. Wobei gerade ein René Weiler inzwischen in Nürnberg in ruhigen Strukturen arbeitet, mit denen er recht glücklich sein kann und mit denen er vielleicht rundum glücklich wäre, wenn am Ende der Saison der Aufstieg steht. Wobei die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Nürnberger, die immer wieder auch zum Verkauf von zentralen Spielern führen, einen Trainer auch darüber nachdenken lassen können, ob es nicht besser ist, irgendwo zu arbeiten, wo Kaderplanung einfacher ist.

Es macht aktuell wenig Sinn, alle möglichen Trainernamen durchzudeklinieren oder Trainerlisten nach möglichen Kandidaten zu durchforsten. Das von RB Leipzig formulierte Anforderungsprofil wird dazu führen, dass die letztendliche Trainerwahl gar nicht so entscheidend ist und sich die Kandidaten in vielerlei Hinsicht ähneln werden.

Entscheidender für den Erfolg oder Misserfolg des neuen Coaches wird eher sein, wie die Rücktransformation des Trainers Rangnick zum Sportdirektor Rangnick funktioniert und wie ein neuer Trainer die Autoritätslücke Rangnick in der Alltagsarbeit auf dem Trainingsplatz schließt. Dass Ralf Rangnick die „Führungsqualität“ als wichtiges Kriterium bei der Trainersuche ausgerufen hat, ist nicht nur dahergesagt, sondern bei der Nachfolge eines möglichen Aufstiegstrainers essenzielle Voraussetzung, um die Mannschaft mitnehmen zu können. Wobei Führungsqualität sich primär wohl durch fachliche und soziale Kompetenzen ergibt.

Am Ende dürfte es auf einen neuen RB-Trainer hinauslaufen, der in seiner Karriere die ganz großen Erfolge noch nicht gefeiert hat, sich mit einer jungen Mannschaft mit Potenzial und vielversprechendem Nachwuchsunterbau gen europäische Wettbewerbe entwickeln möchte (also dahin, wo man vereinsintern vermutlich binnen zwei bis drei Jahren nach Bundesligaaufstieg auch hinwill) und sich den besonderen Erfolgsdruck innerhalb des Vereins und von Seiten der (bundesdeutschen) Öffentlichkeit antun will. Durchaus spannend, für wen sich Ralf Rangnick am Ende entscheidet und vor allem, wer sich für die Strukturen bei RB Leipzig erwärmen kann. Zu 100% sicher sein, dass man mit der Trainersuche im zweiten Anlauf erfolgreicher ist, als man es im Jahr 2015 war, sollte man nicht. Dass die Nummer weit vor Mai entschieden ist bzw. offiziell wird, sollte man auch nicht unbedingt erwarten.

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Ein Gedanke zu „Zweiter Anlauf“

  1. Aus meiner Sicht kann die one man Show gedeihlich nur mit dem Trainer RR weitergehen.
    Einem Trainer von Anfang an ein enges Korsett zu verpassen und von ihm ein gewisses Untertanverhältnis gegenüber dem SD zu verlangen, muss eigentlich zu einer schwachen ( Persönlichkeit ) Kandidatenauswahl führen.
    Eine starke Trainerpersönlichkeit, die Gestaltungsverant-wortung hat und auf Augenhöhe mit dem SD agiert muss es schon sein ( 4 Augenprinzip ) .
    Diese Anforderung würde der Trainer RR sicher erfüllen.
    Man könnte also auch einen SD mit diesen Persönlichkeits-merkmalen suchen, wie gewisser GS schon festgestellt hat.

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