(Vorerst) geplatztes Fußballmärchen

Ach, lieber Alexander Zorniger, ich gebe es zu, dass ich Ihnen den Erfolg in Stuttgart gegönnt hätte. Weil die Geschichte wie gemalt schien. Von Red Bull aus der Regionalliga geholter und in der zweiten Liga gekickter Coach ist schließlich doch vor Leipzig in der Bundesliga und bringt einen schlingernden Erstligisten alias Traditionsverein aus der Heimat wieder auf Kurs. Es hätte ein wunderbares Fußballmärchen werden können.

Wurde es, ach lieber Alexander Zorniger aber nicht, wie wir nun alle wissen. Nicht in jedem Märchen werden am Ende offenbar die Bösen verbrannt, verbannt oder um die Ecke gebracht, sondern ist Geschäft halt Geschäft und der Sportdirektor sich im Fall der Fälle selbst der nächste. Bzw. wie man in Ihrem Fall munkelt derjenige, der sich eine Veränderung in der Spielweise der Mannschaft gewünscht hatte, aber diesen Wunsch von Ihnen nicht erfüllt bekommen konnte.

Ich werde mir, ach lieber Alexander Zorniger nicht anmaßen, Ihr Wirken in Stuttgart im Detail zu beurteilen. Ich habe ungefähr drei Halbzeiten der Spiele in Kiel und in Hoffenheim gesehen. Halbzeiten, die ok waren, aber das hat vermutlich nicht wirklich Aussagekraft. Mehr habe ich mir nicht angucken können, auch weil ich es nicht ertragen hätte können, zuzusehen, wie das Defensivverhalten Ihres Teams alles einreißt, was man sich offensiv erarbeitet hat. Das empfand ich als zu beklemmend.

Nach diesem Bundesligaausflug kommen, ach lieber Alexander Zorniger, natürlich diejenigen um die Ecke, die es sowieso schon immer gewusst haben, dass das nichts werden konnte, weil Sie zu unerfahren sind, eine zu naive Spielweise pflegen, kommunikativ nicht den Anforderungen entsprechen oder einer dieser „Laptoptrainer“ seien, die noch nie professionell gespielt haben.

Lustig empfand ich ja, dass man Ihnen vorwarf, kein Defensivkonzept zu haben. Man vergaß dabei allzu schnell, dass ihre Art Fußball spielen zu lassen, zuerst einmal ein hervorragendes Defensivsystem ist, wie man relativ schnell hätte herausfinden können, wenn man sich mal die Mühe macht, nur in die letzte Saison bei RB Leipzig zu schauen, als Sie ohne defensiven Überkader zur Winterpause das defensivstärkste Team der Liga formten. Es steht und fällt halt alles damit, dass das Pressing als Kollektiv funktioniert und die Abwehrkette die langen Bälle des Gegners zusammen mit dem Torwart gut entschärft.

Im Sommer bestanden Sie, ach lieber Alexander Zorniger, in einer Ihrer leicht pathetischen Äußerungen darauf, dass Ihr Team Ihnen bedingungslos folgen müsse, um Erfolg zu haben. Ich vermute, dass die fehlenden Ergebnisse nach guten Spielen zu Saisonbeginn diese Bedingungslosigkeit doch ein ganzes Stück haben zusammenschmelzen lassen und der Transformationsprozess hin zu einem balljagenden Team, das darüber auch Defensivarbeit verrichtet, zu sehr belastet wurde.

Schwer zu beurteilen, ob der medial oft herbeigeschriebene und von Spielerberatern und Kollegen mitbeschworene Bruch zwischen Ihnen und Teilen des Teams tatsächlich so stattgefunden hat. Das werden nur die Beteiligten auflösen können. Fakt ist, dass öffentliche Sprüche gegenüber Spielern auch in Leipzig durchaus zum Alltag gehörten, ohne dass dies zum Bruch mit dem Team geführt hätte. Ganz im Gegenteil war ihr Verhältnis zur Mannschaft (wenn man mal von Ante Rebic absieht) bis zum Ende ein sehr gutes und keines, auf das bei Ihrem Abgang in Leipzig eine Befreiung für die Spieler gefolgt wäre.

Der Umgang mit dem medialen Geschäft, das klang hier im Blog ja auch schon gelegentlich an, ist natürlich nicht einfach, wenn viele in ihrer Berichterstattung auf Klicks und Schlagzeilungen, bei denen auch mit Weglassungen gearbeitet wird, statt auf Genauigkeit setzen. Sie, ach lieber Alexander Zorniger, haben früh in Leipzig kommuniziert, dass sie sehr bockig werden, wenn sie sich von den Berichterstattenden veralbert fühlen. In Ihrer RB-Zeit gab es wenig Grund für den großen Journalistendissenz, zu wohlwollend die hiesige Berichterstattung. Aber auch dabei gab es immer wieder Situationen, in denen Sie einen flotten Spruch gegen Journalisten übrig hatten oder mehr gemeinsamen Korpgeist einforderten und mit manch einem Berichterstatter aneinandergerieten.

Klar, man kann sich wünschen, dass man in der täglichen Berichterstattung nur mit Fragen konfrontiert wird, die fachlich vernünftig oder inhaltlich angemessen sind und dass die Anworten auf die Fragen dann auch relativ 1:1 in der Zeitung oder im Internet oder im Fernsehen landen. Allerdings ist dieser Wunsch auch einer, der unter den derzeitgen Mediengegebenheiten nicht umsetzbar ist und man entsprechend selbst Strategien entwickeln muss, diesen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Es sich (von außen wahrgenommen) in kürzester Zeit mit diversen Medienvertretern durch allerlei Bemerkungen zu verscherzen, ist halt ungünstig in einer Umbruchsituation ohne Erfolg, in der man nicht noch Störfeuer von außen braucht.

Ich persönlich habe, ach lieber Alexander Zorniger, Ihre direkte Art immer sehr geschätzt. Auch wenn ich nicht jede Aussage geteilt habe, wusste man bei Ihnen doch immer, woran man ist. Wenn Sie auf eine Frage eine Antwort gegeben haben, dann war diese nicht nur direkt, sondern dann wusste man auch, dass sie im Normalfall der aktuellen Sachlage entspricht. Das machte es einfach, mit Ihren Analysen zu arbeiten. Im Gegensatz dazu gibt es im allgemeinen Fußballgeschäft doch zu viele, die heute noch etwas sagen, bei dem man morgen merkt, dass man doch ziemlich direkt getäuscht wurde. Was diese Katz-und-Maus-Spiel zwischen Neuigkeitsjournalisten und Vereinen noch unangenehm verstärkt.

Ich hatte ganz aus der Ferne bei Ihnen, ach lieber Alexander Zorniger, immer das Gefühl, dass Sie in Stuttgart nach Ihrem Abgang in Leipzig nach zwei Aufstiegen noch mal besonders beweisen wollen, dass sie mit Ihrer direkten Art und mit dem Fußball, den Sie spielen lassen wollen, landen und auf höchster Ebene erfolgreich sein können. Daraus entstand das Gefühl, dass sie an manchen Stellen einfach auch überdrehen. Vielleicht war dies vor dem Hintergrund der besonderen Situation, beim Großclub aus Ihrer Heimat zu arbeiten, auch nachvollziehbar. Vielleicht ist es aber auch nur überinterpretiert.

Die Zeit übersteigerte in Form von Oliver Fritsch die Auseinandersetzung mit Ihnen, ach lieber Alexander Zorniger, zu einer Abrechnung mit dem Prinzip der Balljagd als solcher. In einem Artikel der etwas arg holzschnittartig Pole beschreibt, sind sie der Pol, der abgeschlagen gehört, um die Schönheit des Fußballs vor dem reinen Rennen zu retten. Diese Debatte ist in ihrem Grundsatz sicherlich nicht unspannend und wird in Zusammenhang mit der Nachwuchsarbeit immer mal wieder geführt. Sich über Ihren Abgang zu freuen, weil damit ein Symbol der vom Tempo lebenden Balljagd verschwindet, ist dann vielleicht doch ein wenig jenseits des guten Geschmacks und etwas arg personalisiert. Letztlich ist Fußball ein Erfolgssport. Wenn man mit Sechserkette erfolgreich sein kann, dann spielt man es halt, wie Chelsea zeigte. Und wenn man der Meinung ist, die Balljagd ist der Schönheit des Spiels überlegen, dann muss man es halt durchziehen. Letztlich eher eine empirische Frage und eine der Kaderbesetzung, inwieweit das stimmt.

Ich bin mir sicher, ach lieber Alexander Zorniger, dass Ihr nur kurzer Ausflug in die Bundesliga nichts daran ändern wird, dass sie von Ihren Qualitäten und von Ihrer Spielidee überzeugt sind. An Selbstbewusstsein hat es Ihnen nie gemangelt und wird es wohl auch weiterhin nicht mangeln. Das ist vermutlich für die Position eines Trainers nicht die schlechteste Sache, wenn man alltäglich mit Einwürfen und Kritik aller Art konfrontiert ist und nebenbei über 20 Profis Überzeugung vermitteln muss. Manchmal hat man allerdings auch das Gefühl, dass ein bisschen weniger Dickkopf Ihrer Karriere durchaus gut getan hätte. Und das heißt nicht, Spielideevorschlägen von Robin Dutt folgen zu müssen.

Man könnte natürlich meinen, dass Ihre Karriere mit dem recht krachenden Ende in Stuttgart erst einmal in einer Sackgasse ist. Falls das so ist, dann vermute ich, dass Sie trotzdem nicht extrem unglücklich irgendwo vor sich hin grübeln. So wie ich Sie kennenlernen durfte, ließe sich annehmen, dass Ihre Lebenszufriedenheit nicht existenziell davon abhängt, im Profifußball große Erfolge zu feiern. Sie haben sich durch Ihre Arbeit in Großaspach und Leipzig die Chance in der Bundesliga selber erkämpft. Das allein dürfte sich für Sie schon gut anfühlen. Und falls kein anderer, höherklassiger Verein mehr anklopft, werden Sie wohl anderswo Ihr Glück finden und den Dingen nicht nachtrauern.

Man kann sich natürlich vorstellen, dass irgendwann noch mal ein Zweit- oder vielleicht eher Drittligist bei Ihnen anklopft und fragt, ob Sie noch mal angreifen wollen. Und man kann sich bei passenden Konstellationen auch vorstellen, dass Sie dann Ja sagen und wieder die Fußballbühne betreten. Inklusive klarer Spielideevorstellungen und klaren Aussagen in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist den Verantwortlichen Ihres nächsten Vereins ja besser klar, wen sie sich ins Boot holen und dass sie Ihnen den Rücken stärken müssen, wenn Sie mit Ihnen arbeiten wollen.

Das bleibt aus Ihrer Zeit in Stuttgart als erstaunliches zurück. Dass man eigentlich genau hätte wissen können, welche Form von Konsequenz in Bezug auf den Umbruch sich die Verantwortlichen mit Ihnen ins Boot holen und dass Sie lieber in München in einen Konter geraten, als von dieser Konsequenz, die die Mannschaft mittelfristig und nachhaltig besser machen soll, abzuweichen. Dass Ihr Nachgänger in Stuttgart Jürgen Kramny den von Ihnen verbannten Georg Niedermeier wieder ins Team holte, weil man jetzt schließlich Typen brauche, ist jedenfalls jene Form von Inkonsequenz und Hin und Her in einer Umbruchphase, die mit Ihnen nicht machbar gewesen wäre.

Ach lieber Alexander Zorniger, die Bewertung Ihrer Person ist wie immer eine Frage des Standpunktes. Ich mochte es, weil man mit der Direktheit gut umgehen und arbeiten konnte. Andere mögen es nicht, weil sie es als zu doll und nicht als zielführend im Umgang mit Jungfußballern empfinden. Ähnliches gilt für Ihren Spielstil und die Frage, inwieweit dieser den Fußball unschön verändert oder wirklich erfolgsversprechend ist. Ob Sie mit Ihrer Art des Spielens und Redens noch mal Ihr Glück im höherklassigen Fußball finden (wollen), wird man sehen. Ob das dann zu einem anderen Ergebnis als in Stuttgart führt, bleibt dabei natürlich völlig offen. Die Schwierigkeiten, die Sie mit der Arbeit der Medienwelt haben, werden jedenfalls in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Viel Glück trotzdem, vielleicht klappt es ja doch noch mal mit einem sportlichen Aufeinandertreffen mit RB Leipzig irgendwo in den Weiten dieser Republik.

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5 Gedanken zu „(Vorerst) geplatztes Fußballmärchen“

    1. Auf Wagner-Level ist es hinsichtlich Länge und Komplexität dann aber schon fast ein wissenschaftlicher Sammelband. 😉

  1. Ein äußerst wohlwollender (vorläufiger) Abgesang auf Alexander Zorniger. Man könnte so einiges auch kritischer sehen. Aber gut, der Kritik hat es genug gegeben. Da sei der wohlwollende, etwas melancholische Beitrag des Rotebrausebloggers für den Trainer, der – unter anderen – für einen zweimaligen Aufstieg von RB gesorgt hat, gestattet 😉

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