Mit ohne Rangnick in eine Veränderung mit unklaren Folgen

Manchmal sind es einfache Twitterfragen, die für spektakuläre Antworten sorgen. Das demonstrierte Ralf Rangick am Sonntag in der Sendung Talk und Tore bei Sky, als er die Frage, ob er noch eine Zukunft als Sportdirektor bei Red Bull Salzburg habe, wenn Leipzig irgendwann mal in die Bundesliga aufsteigen sollte, mit einem spontanen „Nein“ beantwortete. Eine Antwort, die den Moderator, der schon zur nächsten Frage übergehen zu wollen schien, hörbar überraschte.

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Dürfte den meisten der Zuseher so gegangen sein, aber letztlich ist die Antwort grundsätzlich nachvollziebar. Einerseits, da die Begründung mit einem zu großen Arbeitsaufwand schlüssig ist. Und andererseits weil der Hinweis auf mögliche Konflikte mit UEFA-Regularien auf ein schlichtes Problemlösungsszenario verweist. Die Verquickung der Sportdirektorenposten bei RB Leipzig und Red Bull Salzburg ließ schon früher Raum für Spekulationen, ob die UEFA, die im Normalfall prüft, ob über zwei Vereine in ihren Wettbewerben dieselbe Hand Einfluss hat, sich an dieser Konstellation nicht final aufhängen könnte bzw. diese zum Anlass nehmen könnte, bei möglichen Einzügen beider Vereine in einen europäischen Wettbewerb, gegenüber einem der beiden Clubs den Daumen zu senken.

Das ist natürlich nur ganz schön leise Zukunftsmusik und spart zudem die Frage aus, wie die UEFA den Einfluss von Red Bull auf Salzburg und Leipzig wertet. Formal ist die Firma beim einen Club Besitzer, beim anderen letztlich nur Sponsor. Da bei beiden Teams Red Bull aber der Hauptfinanzier ist, könnte es auch sein, dass die UEFA darüber einen (de facto auch vorhandenen) bestimmenden Einfluss bei zwei Vereinen herleitet und anschließend trotz unterschiedlicher Sportdirektoren einem der beiden eine Teilnahme an ihren Wettbewerben verweigert, wenn sich denn beide gleichzeitig qualifizieren.

Interessant an der Rangnick-Geschichte ist vor allem, dass durch einen Komplettwechsel nach Leipzig die Strukturen im Fußball-Haus Red Bull wieder mal eine unter Umständen eher unangenehme Veränderung erfahren würden. Für Dietmar Beiersdorfer wurde im Herbst 2009 erstmals eine Position geschaffen, aus der heraus, die verschiedenen Fußballaktivitäten bei Red Bull zusammengedacht und zusammen weiterentwickelt werden sollten. Also letztlich die gewinnbringenden Synergien, die aus der Finanzierung unterschiedlicher Fußballteams resultieren können, auch nutzbar gemacht werden sollten.

Das Konstrukt mit Beiersdorfer als zentralem Koordinator und später Thomas Linke als lokalem Leipziger Sportdirektor (und entsprechendem Äquivalent in Salzburg) hielt nicht lang genug, um tatsächlich Synergien herstellen zu können. Im Frühjahr 2011 fühlte sich Beiersdorfer bei der Wahl des Leipziger Cheftrainers vom Geldgeber übergangen und schmiss seinen Job letztlich hin. Ihm folgte mit Verzögerung auch Thomas Linke (heute in Ingolstadt sportlich verantwortlich).

Für das kommende reichliche Jahr arbeiteten dann Red Bull Salzburg und RB Leipzig parallel. Und parallel heißt tatsächlich parallel, denn Berührungspunkte gab es in jener Zeit wenige. Was sich vor allem im langwierigen Theater um den Wechsel von Roman Wallner von Salzburg nach Leipzig äußerte, der  von Wasserstandsmeldungen vor allem aus Salzburg begleitet wurde, so als ob man nicht auf dem kurzen Dienstweg zum Telefon hätte greifen können.

Noch schwerwiegender allerdings, dass eine lokale Red-Bull-Struktur ohne übergeordnete Koordination letztlich auch bedeutet, dass der Zugriff aus der Geldgeberetage direkter wird, weil die Vereine mehr oder minder direkt rechenschaftspflichtig sind, während sie mit einem Beiersdorfer oder einem Rangnick immer eine sportlich kompetente, zwischengeschaltete Instanz haben, die eine Philosophie entwickelt und Ansprüche und Anmerkungen von oben abfedert und so auch den lokalen Strukturen den Rücken zum eigenständigen Arbeiten freihält.

Mit Ralf Rangnick kam vor zwei Jahren ein verspäteter Ersatz für Dietmar Beiersdorfer (mit leicht veränderten, weil nur für Leipzig und Salzburg verantwortlichen Zuständigkeiten) und schaffte es in dieser Zeit, die Idee einer Vernetzung der Clubs zum Zwecke der perfekten Spielerentwicklung enorm voranzutreiben und gewinnbringend einzusetzen. Gewinnbringend zumindest, wenn man die Tatsache sieht, dass Spieler inzwischen bspw. nach Salzburg oder Liefering wechseln oder dort bleiben, weil sie es als guten Schritt sehen, um perspektivisch vielleicht mal deutsche Bundesliga spielen zu können. Ralf Rangnick hat (auf der Basis seines Scoutingteams natürlich auch) einen guten Blick für Talente, aber auch die Fähigkeit, ihnen mit den sportlich unterschiedlich aufgestellten Teams auch Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen (wie realistisch die im je konkreten Fall auch immer sein mögen).

Die interessante Frage, die aus Rangnicks Ankündigung resultiert, besteht letztlich darin, was aus den zentralen Strukturen wird, wenn denn die Person, die die zentrale Koordinierung bisher in den Händen hatte, sich in die Lokalität Leipzigs verkriecht. Fakt dürfte sein, soweit man Ralf Rangnicks Arbeitsweise in seiner bisherigen Karriere einschätzen kann, dass er über sich niemanden dulden dürfte, der ihm eine Spielphilosophie aufdrückt oder bei Transfers das letzte Wort hat. Käme es zu einem solchen Versuch, würde das Kartenhaus wohl schnell zusammenfallen.

Andersherum wäre eine Struktur ohne zentralen Koordinator ein Rückfall in eine suboptimale Zeit, in der zwei Vereine nebeneinander her arbeiteten. Das kann natürlich funktionieren, wenn der Austausch zwischen den Sportdirektoren ein guter ist, ist aber trotzdem ziemlich krisenanfällig, wenn man nur daran denkt, dass plötzlich beide Vereine um den selben Spieler konkurrieren könnten. Letztlich würde man sich durch eine solche Struktur, in der man auch mal gegeneinander arbeiten könnte, einiger zentraler Synergie-Vorteile der aktuellen Arbeitsweise zweier Sportdirektoren in einer Rangnick-Person berauben.

Letztlich dürfte ein Rangnick-Schritt nach Leipzig nur dann vollends Sinn machen, wenn über ihm eine Person installiert wird, die letztlich nicht über ihm steht, sondern eher ein teamarbeitender Erfüllungsgehilfe in nichtoffizieller Funktion ist. Und somit Rangnick über diese Person trotzdem weiterhin die Gewissheit hätte, dass am Gesamtkurs keine Kurskorrekturen vorgenommen werden, die ihm widerstreben.

Wenn man über eine solche Person nachdenkt, landet man wohl relativ schnell bei Oliver Mintzlaff, der als Rangnick-Berater wie es heißt in der Red-Bull-Welt den Posten als Head of Global Soccer (wie ihn Beiersdorfer einst in Verantwortung für alle Fußballaktivitäten von Red Bull inne hatte) (wobei man eigentlich immer davon ausging, dass Gerard Houllier diesen Posten seit 2012 als Repräsentationsfigur bekleidet) besetzt und aktuell gleichzeitig Vorstandsvorsitzender bei RB Leipzig ist. Das wäre die vollumfängliche Vertrauensmann-Lösung für eine Rangnick-Nachfolge.

Bei der sich dann allerdings auch die Frage nach der Fachkompetenz stellen würde. Denn die Fähigkeiten, die ein Rangnick bei der Spieler- (und sonstigen Personal-)beurteilung hat, muss ein Oliver Mintzlaff als Fußball-Quereinsteiger nicht haben. Und wenn es Rangnick auch um Arbeitserleichterung geht, dann wäre eine koordinierende Person, die nur ein verlängerter Arm von Rangick ist, nicht ganz optimal, weil sich Ralf Rangnick dann doch wieder um viele Entscheidungsfindungen selber kümmern müsste.

Bis all diese Fragen wirklich relevant werden, fließt natürlich noch viel Wasser durch die Republik und werden noch viele Fußballspiele ausgekämpft werden. Trotzdem zeigen die Erfahrungen mit dem Treiben rund um Red Bull aus den letzten Jahren, dass Eingriffe in die Struktur an der einen Stelle meist in einer Art Dominoeffekt auch Auswirkungen an vielen anderen Stellen hatten. Nicht immer nur positive Auswirkungen wie der Beiersdorfer-Abgang zeigte. Nicht immer nur schlechte Auswirkungen wie der Moniz-Abgang zeigte, in dessen Folge Leipzig zu Rangnick und Zorniger kam. Heißt also abwarten, Tee trinken und vorsorglich leicht die Stirn in Falten legen.

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