Noch lange nicht das Ende der U23-Teams

Die Sportbild war es, die am Montag mit einem nicht uninteressanten Bericht über Bemühungen, dass die Pflicht von Proficlubs, sich eine U23 zu halten, gestrichen werden möge, aufwartete. Leverkusens Rudi Völler wurde hier als Vorreiter benannt, der den Sinn dieser Teams in Frage stellt. DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig bestätigte, dass man an dem Thema arbeite und Düsseldorfs Manager Helmut Schulte will gehört haben, dass künftig der Betrieb einer U23-Mannschaft auf Freiwilligkeit basieren werde.

Was alles in allem deswegen interessant ist, weil noch vor nicht allzu langer Zeit behauptet wurde, dass die tolle Nachwuchsausbildung, die der Nationalmannschaft ihre Erfolge bescheren würde, ohne Zweitvertretungen nicht denkbar wären. Ex-MSV-Geschäftsführer und DFB-Vorstandsmitglied Roland Kentsch argumentierte auf diese Art (damals noch als Zweitligist..) beispielsweise nach der letzten Fußball-WM in Südafrika gegen Pläne, die Regionalliga so zu reformieren, dass die U23-Teams in eine eigene Staffel müssen.

Das war genaugenommen schon vor knapp vier Jahren nicht wirklich richtig, wie hier an dieser Stelle damals anhand der Einsatzzeiten der WM-Fahrer in U23-Teams gezeigt wurde. Die im Schnitt derart gering waren, dass das eindeutige Fazit lautete, dass „das vielgepriesene Argument, die Profimannschaften vollzögen mit ihren Zweitvertretungen quasi ihren Dienst an der Nationalmannschaft, täten damit also etwas für das Gemeinwohl (…), empirisch nicht zu halten ist“.

An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Weiterhin kommen die Toptalente mit Nationalmannschaftsformat im Normalfall auf direktem Wege in die Profivereine und von dort zu Jogi Löw. Im Schnitt dürften die diesjährigen WM-Fahrer im Laufe der Jahre ca. eine halbe Saison in einem U23-Team gespielt haben (Zahl ist abhängig von den Spielern, die letztlich tatsächlich nominiert werden).

Eine Abschaffung der Pflicht, eine U23-Mannschaft in den Spielbetrieb einzubringen, macht aus dieser Perspektive ziemlich viel Sinn. Denn wenn die Pflicht im Kern darauf abzielte, die Spitze des deutschen Nationalmannschaftsfußballs zu stärken, der durchschnittliche Nationalspieler aber gleich den Schritt von der Jugend zu den Profis nimmt oder lieber zu einem anderen Proficlub verliehen wird (bspw. Kroos), anstatt ihn in den unteren Spielklassen die ganz robuste Schule nehmen zu lassen, dann braucht man auch die Pflicht nicht mehr.

Zweitvertretungen sind und bleiben wohl vor allem Institutionen zur Pflege des eigenen Profinachwuchses und der eigenen Identität plus eine elegante Möglichkeit, dem Profi-Anschlusskader gelegentliche Spielpraxis zukommen zu lassen. Was vollkommen ausreichen mag, um als Profiverein daran festhalten zu wollen, die eigene U23 gegen Männermannschaften antreten zu lassen, aber eben nicht selbstlos, sondern den Vorteilen im jeweiligen sportlichen Vereinsalltag geschuldet ist.

So die Behauptung hier im Blog vor knapp vier Jahren. Letztlich könnte es aber genausogut sein, dass die U23-Teams letztlich in Bezug auf die Nachwuchsförderung fast völlig überflüssig sind und dort letztlich nur Unsummen verbrannt werden und die ausgebildeten Spieler, dann doch nur bspw. in der dritten Liga landen. Bzw. andersherum die Kader der DFL-Teams weitgehend aus Spielern bestehen, die nur sehr wenig Einsätze in U23-Teams absolvierten.

Zur Klärung dieser Frage wurden von jedem Bundesliga-Team per Zufallsverfahren wenn möglich fünf Spieler über 23 Jahre ausgewählt , die ihre Jugendausbildung in Deutschland genossen (schließlich geht es um die Frage, inwieweit die Spieler beim Übergang zu den Profis die U23 brauchen). Basis sind die entsprechenden Kaderlisten bei transfermarkt.de. Die letztlich 87 Profis aller Vereine repräsentieren gewissermaßen die Gruppe jener, die über die Nachwuchsausbildung in Deutschland und über den U23-Bereich hinaus in der Bundesliga Fuß gefasst haben.

Im Schnitt absolvierte jeder dieser Profis bis zur Vollendung des 23.Lebensjahres 44 Spiele in einer U23-Mannschaft (Spiele in der U23 obwohl man schon älter war, wurden nicht berücksichtigt, da diese Einsätze im Normalfall nicht mehr der fußballerischen Ausbildung dienen). Was – nicht wirklich überraschend – mehr als doppelt so viele Einsätze im am Männerspielbetrieb teilnehmenden Nachwuchsteam sind wie bei einem Nationalspieler.

Im Durchschnitt verbringt ein in Deutschland ausgebildeter Profi knapp zwei Spielzeiten mit relevanten Einsatzzeiten in einem U23-Team (als relevant wurden hier 10 oder mehr Einsätze pro Saison klassifiziert). Was bedeutet, dass für den durchschnittlichen Fußballer jenseits der Mega-Talente auf Nationalmannschaftsniveau die U23 ein wichtiger bis unabdingbarer Schritt in die Karriere im Männerbereich ist.

Interessanterweise waren die betrachteten Fußballer bei ihrem letzten Spiel in einer Spielzeit mit relevanten Einsatzzeiten in der U23 (also mindestens 10 Spiele) im Durchschnitt 20 Jahre und ungefähr 5 Monate alt. Was die Alltagspraxis vieler Vereine bestätigt, ihre U23 de facto als U21 zu betreiben. Denn als Faustformel kann man festhalten, dass es für Spieler oberhalb der 21 schwer wird, noch den Durchbruch im obersten Profibereich zu schaffen. Klar gibt es auch diese Fälle in nennenswerter Menge, aber aber es ist doch deutlich abseits des Standards.

Dass Spieler mit wenig Jahren in der U23 im Schnitt mehr Jahre im Profifußball verbringen (von 8,83 Profijahren im Schnitt nachdem man kein Jahr mit mehr als 10 U23-Einsätzen hatte bis hin 4,8 Profijahren, wenn man vier relevante U23-Jahre hatte), ist wenig überraschend und ergibt sich aus der Natur der Zeit, von der man mehr zur Verfügung hat, wenn man sie nicht vorher ‚verplempert‘. Etwas aussagekräftiger ist es da schon, dass ehemalige Nachwuchsspieler aus den aktuellen Bundesligateams im Verhältnis mehr Erstliga- als Zweitligajahre verleben, wenn sie denn nur kurz in der U23 spielten.

Am optimalsten hierbei das Verhältnis bei nur einem Jahr mit relevanten Einsätzen in der U23.  Dann haben die Profis heute nämlich im Schnitt 6,3 Erstligajahre und 1,1 Zweitligajahre auf dem Buckel. Verbleiben sie vier Jahre beim Übergangsnachwuchsteam, dann sind es nur noch 3,8 Erstligajahre, aber weiterhin 1 Zweiligajahr. Interessant auch, dass Spieler ohne große U23-Erfahrung, also ohne Jahr mit mindestens 10 Einsätzen dort, zwar im Schnitt fast neun Jahre in einer der Bundesligen verbuchen können, aber knapp drei davon Zweitligajahre sind. Sprich, wer den Übergang in den Profibereich nicht über die U23 macht, der scheint im verstärkten Maße auf einen kleinen Schlenker über die zweite Liga angewiesen zu sein.

Wenn man das alles zusammenfassen will, dann bleibt festzuhalten, dass das Argument, die U23-Mannschaften würden quasi im Sinne des Allgemeinwohls kleine Nationalspieler produzieren, nicht zieht. Gleichwohl spielen die Nachwuchsteams, die den Übergang von der Jugend zu den Profiteams erleichtern sollen, eine wichtige Rolle für die Vereine, denn die meisten Spieler (von den wenigen über 23, die überhaupt in Deutschland ausgebildet wurden) sind ihren meist längeren Weg in den bezahlten Fußball über irgendein U23-Team in diesem Land gegangen (ein Nachweis für die Bayern von 2011).

Weswegen es auch unwahrscheinlich scheint, dass die Mehrzahl der Proficlubs auf ihr Nachwuchsteam verzichten würde, wenn denn das System von Pflicht auf Freiwilligkeit umgestellt werden sollte. Denn neben der Nachwuchsausbildung erfüllen die Zweitteams auch noch wichtige Funktionen für die Reintegration von Verletzten. Oder wird im Fall der Fälle, wie man gerade auch beim VfB Stuttgart II (Khedira, Yalcin) oder BVB II (Ducksch, Sarr) sieht, genommen, um Kaderengpässe oder andere Schwierigkeiten bei den Profis auszugleichen.

Wobei hier auch gleich ein Problem aufscheint, denn Nachwuchsarbeit mit der U23 unterhalb der dritten Liga ist für viele Vereine eher unattraktiv, weil der sportliche Wettbewerb oft unausgeprägt oder nicht zielführend ist. Dass mit Wolfsburg und Bayern zwei Teams mit Vehemenz auf einen Aufstieg hoffen, verdeutlicht dies. Und auch andere Zweitteams würden gern diesen Schritt gehen. Ein Schritt, der aber wiederum nicht für jeden verlockend ist, denn die dritte Liga ist durchaus mit einigen Investitionen verbunden. Wenn man nach Stuttgart guckt, wo mit Rathgeb, Grüttner, früher Vier und jetzt Funk gleich drei Spieler das Gerüst des Teams bilden, die individuell zur Drittligaspitze gehören, ahnt man, dass eine U23 in der dritten Liga ordentlich Geld verschlingt. Ohne dass man sich sicher sein kann, dass man zum Schluss die sportlichen Ziele (mindestens Klassenerhalt) erreicht.

Vor diesem Hintergrund scheint Völlers Nachdenken über die Zukunft des Leverkusener Nachwuchsteams auch absolut sinnig, denn für ihn dürfte das Verhältnis zwischen Aufwand, den es benötigen würde, die eigene U23 dauerhaft fit für die dritte Liga zu machen und Nutzen in Form von eher gelegentlichem Talentoutput zu schlecht zu sein. Und mit einer U23, die drei Klassen unterhalb der Profis spielt, lässt sich nicht wirklich arbeiten.

Völlers Gedanken werden sicherlich auch dadurch gestärkt, dass man in der Bundesliga sowieso immer stärker den Trend sieht, dass man Talente lieber verleiht, als sie in den U23-Niederungen versauern zu lassen. Dann doch lieber ab mit dem 19jährigen, dessen Perspektive notgedrungen noch unklar ist, zu einem schlechter postierten Ligakonkurrenten oder in die zweite oder dritte Liga, wo er in einem normalen Team bestehen und trainieren muss.

Fazit: Alles in allem bleibt es bei dem altbekannten Zustand, dass das deutsche U23-System für die Proficlubs durchaus wichtig ist (auch wenn andere Lösungen denkbar sind – siehe das PS unten drunter). Dass über einen möglichen Wegfall der Pflicht, eine U23-Mannschaft zu unterhalten, plötzlich die Anzahl der Nachwuchsmannschaften in Regionalligen und wohl perspektivisch auch der dritten Liga drastisch verringert werden würde, ist jedenfalls ziemlich unwahrscheinlich, auch wenn es im Einzelfall für Vereine sicherlich bedenkenswert und eine sinnige Lösung sein kann.

PS: Interessant am Rande noch, dass man sich natürlich fragen kann, was mit dem Wegfall des übergeordneten Arguments deutscher Fußball denn überhaupt die Legitimationsgrundlage für die U23-Mannschaften im normalen Wettbewerbsfußball ist. Denn letztlich bleibt nur das Interesse vor allem der DFL-Clubs übrig, die in diesen Teams weiterhin eine wichtige Stütze in der Nachwuchsarbeit sehen und auch künftig nicht darauf verzichten wollen. Ein Interesse, das absolut legitim ist, aber eben auch den Interessen von Dutzenden Vereinen in dritter Liga und Regionalliga gegenübersteht.

Wenn man sich die Möglichkeiten in Sachen Leihe und Co einerseits und die oben präsentierten Zahlen andererseits anguckt, dann wäre es durchaus denkbar (und wird ja in anderen Ländern auch so praktiziert), dass man die U23-Mannschaften einfach als U21-Teams deklariert und sie aus dem normalen Ligenbetrieb herauslöst und sie in einen einstaffligen, bundesweiten Nachwuchwettbewerb steckt, in dem sich dann die Talente, die noch zwei Jahre brauchen, weiterentwickeln können. Wer dafür zu gut ist, kann immer noch verliehen werden (am Rande erwähnt sei noch das österreichische Prinzip des Kooperationsvereins, das flexiblere Leihen ermöglicht). Gleiches gilt für Spieler, bei denen auch mit 21 noch nicht der Knoten geplatzt ist. Letztlich wäre ein solcher Wettbewerb sportlich attraktiv und gleichzeitig sicherlich in Bezug auf die Kosten effizienter und in Bezug auf die Nachwuchsausbildung nicht wesentlich nachteilig.

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