Limonaden-Hitler

Satire darf ja bekanntlich alles. Wenn man dies ernst nimmt, dann darf sie eben auch doof sein. In einem Beweis in diese Richtung versucht sich der Kabarettist und Wahl-Leipziger Mathias Tretter, der in der vergangenen Woche in einer Sendung bei WDR5 [broken Link] folgenden Vergleich einstreute:

..der Chef der Firma Red Bull, Gerhard Mateschitz, von manchen auch liebevoll ‚Limonadenhitler‘ genannt..

Womit Tretter nebenbei zeigt, dass Humor eben auch ohne vernünftige inhaltliche Grundlage funktioniert. Irgendwas mit Hitler geht grundsätzlich immer. Auf der Bühne legt man dann noch passend zwei Finger über die Oberlippe und die Lacher kommen ganz von allein. Ob der Name Gerhard in diesem konkreten Fall auch einen (hahaha, wie lustig) humoristischen Hintergrund hat oder schlicht nur ebenso falsch ist wie der Rest, ist nicht überliefert.

Nein, es ist grundsätzlich nicht der Nazi-Vergleich, der am obigen Zitat stört. Nazi-Vergleiche, selbst welche, die in einem deutlichen Bogen böse-witzig überspannt sind, können ein völlig angemessenes Stilmittel sein, um einen bestimmten Inhalt zu verdeutlichen. Auf Sachebene gilt das zum Beispiel, wenn man jemandem erklären will, warum die Bezeichnung Ungeziefer, in der immer eine Vernichtungsdrohung drin steckt, wie sie die Nazis verbal nutzten und dann in die Tat umsetzten, für Menschen unangemessen ist.

„Limonaden-Hitler“ erklärt als Nazi-Vergleich leider nichts, sondern funktioniert nach dem ziemlich schlichten Muster vom österreichischen, getränkeproduzierenden Firmenbesitzer, ergo Führer, der sich nach Deutschland und weiter ausbreitet, ergo ein Hitler ist. Hahaha, Hitler! Limonade!

Man muss schon sehr schräg denken, um das kosmopolitische, auf Internationalität und Image bzw. sportlicher Leistung jenseits irgendwelcher nationaler Grenzen abzielende Denken einer Firma wie Red Bull mit der völkischen Bewegung deutscher Nazis, die sich einen Österreicher als ihren Führer auswählte und alles kosmopolitische und internationale auf Teufel komm raus vernichten wollte, brachialrethorisch zu vergleichen.

In einem Vergleich, wie dem von Tretter, den er natürlich nicht selbst erfunden haben will, sondern lieber irgendwelchen anderen in den Mund legte (wahrscheinlich auch so ein künstlerisches Stilmittel, um einen Witz machen zu können, für den man nicht die Verantwortung übernehmen muss), steckt eine ordentliche Portion imperialismustheoretische Gleichmacherei drin. Kapitalismus in Form von Energy Drinks, die die Welt erobern, muss irgendwie ähnlich sein wie eine Nationalbewegung im weltweiten Vernichtungskrieg.

Ja, Kapitalismus ist letztlich nicht lustig, weil das System Zumutungen in Bezug auf die Zurichtung der Subjekte schafft, die in einer idealen Weltvorstellung so nicht existieren würden. Und trotzdem schafft der Kapitalismus mit seinen Traum- und Wunschwelten und seinen relativen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und des freiheitlichen Denkens überhaupt erst die Möglichkeiten, Genuss und Freude über Todes- und Vernichtungsdrohung des völkischen Rackets zu stellen.

In diesem Sinne gehört auch Red Bull und der Firmenmitbesitzer Mateschitz zur Welt des auf Individualität abzielenden Glücksversprechens und nicht zur Welt der alles gleichmachenden Volksgemeinschaft. Wobei das Ganze kapitalismustypisch in guten Portionen verkaufbares Glücksversprechen und vor allem eben auch vornehmlich Versprechen und nicht Glück ist. Viele schöne Bilder von Möglichkeiten, Erfolgen, Schwierigkeiten beim Überwinden von Hindernissen und schönen Menschen bei irgendwas mit Glück. Menschen, die irgendwo aus der Raumkapsel springen und dies als Traumerfüllung empfinden und nicht als namens- und gesichtslose Ausübende damit zuallerest eine  nationale Pflicht erfüllen. Menschen, die damit per se der Idee der Nazis nicht entsprechen.

Die in die Red-Bull-Extremsport-Welt eingeschriebene Suche nach dem Besonderen, nach der zu überwindenden Gefahr, nach dem Durchbrechen von Grenzen, um den Kick oder den persönlichen Erfolg zu finden, mag absurd sein und überdreht sich in seiner kapitalistischen Natur immer auch so weit, dass die Grenze des Machbaren manchmal überschritten wird und immer wieder neu justiert werden muss (im Normalfall wird sie auch neu justiert und nicht wie bei Systemen mit Todesdrohung permanent überdreht). Und trotzdem bleibt es der Versuch der individuellen Selbsterfindung und nicht das Aufgehen in der Masse als Loblied der entindividualisierten Anpassung.

In diesem Sinne ist es deutlich jenseits des inhaltlichen Sinns Mateschitz und Hitler mal eben in einem Vergleich unterzubringen, weil die Ideen und Weltvorstellungen, die mit beiden Namen verbunden sind, nicht unterschiedlicher sein könnten und eben nicht mit irgendwas mit Eroberung und Österreicher beschrieben werden können. Aber wie schon eingangs gesagt, bei Satire und gerade bei Hitler-Vergleichen geht es oft nicht um Inhalt, sondern um den schnellen Lacher. Quasi als pseudointellektueller Stammtischgluckser.

Limonaden-Hitler ist innerhalb der brachialrethorischen Sammlung wohl eher ein Leichtgewicht, weil dem Begriff vor allem Spott und nicht Gewaltdrohung inne wohnt. Nichtsdestotrotz verrät der Begriff wieder einmal mehr über den, der ihn benutzt als über den, für den er verwendet wird. Entweder, dass in der Nutzung Hitler auf irgendwas mit Eroberung reduziert wird oder dass man Mateschitz als Spitze einer auf Vernichtung ausgelegten Bewegung gegen die Individualität ansieht. Und beides ist deutlich jenseits der (geschichtlichen) Realität. Außer man macht in Satire.

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7 Gedanken zu „Limonaden-Hitler“

  1. Schöner PR-Text! Hat da die Kommunikationsabteilung von Red Bull vorher noch mal drüber geschaut, oder arbeitest du als Freelancer?

    1. Schöner Konter! Wessen Social Media-Abteilung hat den in Auftrag gegeben? Die von „Gegen den modernen Fußball“? Oder „Nein zum Produkt Rasenball“? Oder war es doch jene von „In den Farben getrennt, in der Sache vereint – Fußballfans gegen RB“?

      Oder war das etwa gar keine Auftragsarbeit?

  2. Lennart hat schon Recht, arbeitest du freelancer-technisch für Matthias Tretter oder für einen früheren Diktator im deutschsprachigen Raum? Erklär‘ dich bitte! haha.

  3. Ach, liest sich doch ganz nett. Auch wenn der Tretter vermutlich wirklich die Erwähnung nicht wert ist. Aber auch wenn Ihr frotzelt, ist Euch der Konter immerhin auch einen Kommentar wert. Ich finde ja: rotebrauseblogger darf alles! Und ich bin nicht gekauft 😉

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