Mit leuchtenden Augen in fremder Umgebung

Stell dir vor du ziehst im Sachsenpokal den Achtligisten BSV Gelenau, freust dich auf einen Ausflug in den Fußballalltag der unteren Spielklassen und landest schlussendlich doch wieder nur in Grimma, dem heimlichen Freundschaftsspielzuhause von RB Leipzig.

Es ist in gewisser Weise schon ein Armutszeugnis, dass der ureigene Reiz des (Landes-)Pokalwettbewerbs, dass Mannschaften plötzlich Gegner aus völlig anderen Welten auf den heimischen Fußballplätzen begrüßen und Vereinsfesttage feiern können, selbst bei einer Begegnung zwischen dem BSV Gelenau und RasenBallsport Leipzig dem Gott der Moderne, den Sicherheitsbedenken geopfert wird. Keine Fantrennung möglich, keine Fluchtwege und schon muss sich ein Achtligist den Einsprüchen der örtlichen Behörden beugen und in eine andere Stadt umziehen.

Dabei wurde das Los RB Leipzig und damit das hochrangigst mögliche Los nach Bekanntgeben in der kleinen Gemeinde im Erzgebirge fast schon euphorisch bejubelt. Ein Spieler sprach kürzlich noch via Freier Presse von der „Partie des Jahrhunderts“. Was nicht unverständlich ist, wenn man jenen Verein zieht, der unter (günstigen) Umständen das letzte Mal vor dem Weg in den Profifußball am Sachsenpokal teilnimmt.

Letztlich muss man es dann eben nehmen, wie es kommt. Und Grimma ist sicherlich der bestmögliche Kompromiss für dieses Spiel, weil der Ort von beiden Seiten relativ gut erreichbar und das dortige Stadion für den Achtligisten finanzierbar ist. 800 Zuschauer braucht die Partie, um kostendeckend über die Bühne zu gehen.

Jeweils 400 gingen in Gelenau und Leipzig im Vorverkauf weg, sodass die schwarze Null schon erreicht ist. Mit 1.500 rechnet der ‚Gastgeber‘. Mögen noch ein paar mehr kommen, um dem Verein neben dem sportlich reizvollen Los auch noch einen wirtschaftlichen Gewinn in die Vereinskassen zu spülen. Vielleicht verzichtet ja RB Leipzig auch auf den eigenen Einnahmeanteil, dann wären alle Beteiligten sicherlich ganz zufrieden.

Ganz zufrieden dürfte der Ballsportverein Gelenau angesichts der Ausgangslage mit einer gesichtswahrenden Niederlage sein. Ein Ehrentor hat man fest ins Repertoire der Ziele aufgenommen. Der Klassiker eines Underdogs also. Und gegen die mitunter sehr offensiv stehenden RasenBallsportler vielleicht auch keine unmögliche Aufgabe.

Unmöglich dagegen sollte eine reale Siegchance für den Achtligisten, der in den zwei Runden zuvor zwei Siebtligisten mit 3:1 bzw. 4:1 ausschaltete (Pirna-Copitz und Merkur Oelsnitz), sein. Zu freizeitsportlich dürften die Kicker aus Gelenau, die sicher mit Herzblut und Leidenschaft kicken, aber eben nach großen Siegen am Spielfeldrand auch gleich mal den Kasten Bier köpfen, unterwegs sein. Und das ist tatsächlich gar nicht abschätzig gemeint, sondern soll lediglich die völlig unterschiedlichen sportlichen Welten zwischen 3. und 8. Liga beschreiben.

Im DFB-Pokal ist es inzwischen ‚dank‘ der Qualifikationsregularien so, dass ein Bundesligist kaum noch jemanden erwischt, den man konditionell beeindrucken kann. Weil man zumindest bis runter zur Regionalliga in diesem Bereich sehr gut arbeitet. Bei einem Duell 3. Liga gegen 8. Liga, also Profifußball vs. Freizeitfußball spielen diese Differenzen neben vielen anderen dann doch eine Rolle.

Weswegen es auch nicht viel Sinn macht – mal abgesehen davon, dass es aus der Ferne praktisch unmöglich ist – sich über die Stärken und Schwächen des Gegners auszulassen. Der BSV Gelenau wird ohne Druck und mit großer Lust in das Spiel gehen, auf Teufel komm raus rennen, solange es die Kraft hergibt und hoffen, dass es lange 0:0 steht, um von den Geschichtsbüchern träumen zu können.

Auf Seiten von RB Leipzig spielt bei so einem Spiel natürlich auch immer ein bisschen die Angst vor der Blamage mit. Und natürlich die Form von Unterschätzung, die sich als Bruder Leichtfuß äußert. Aber letztlich sind die sportlichen Unterschiede zu groß, sodass man schon eine extreme Form der Unterschätzung bräuchte, um den Einzug ins Viertelfinale zu verpassen. Denn wenn man ein bisschen ehrlich mit dem Spiel umgeht, dann müsste selbst für die U19 von RB Leipzig der Anspruch sein, gegen den BSV Gelenau zu gewinnen.

Die U19 wird jedoch auf keinen Fall auflaufen. Alexander Zorniger wird aber das Wochenende dazu nutzt, seinem Kernteam bzw. jenen Spielern, die zuletzt aufliefen eine kleine Auszeit zu gönnen. Joshua Kimmich und Yussuf Poulsen werden wegen Spielen mit der deutschen U19 bzw. der dänischen U21 sowieso fehlen. Fabio Coltorti wird – so ist anzunehmen – wie schon traditionell im Landespokal Platz machen für einen der beiden Ersatzkeeper Domaschke und Bellot. Und auch ansonsten wird kräftig durchgewechselt. Sodass auch ein André Luge, der in der dritten Liga der einzige RB-Profi ohne Einsatzminuten ist, seine Künste zeigen können sollte.

Die finale Aufstellung ist nach einer Trainingswoche, in der auch durch ein gemeinsames Training mit den Erstligabasketballern des Mitteldeutschen BC ein wenig der ganz große Druck rausgenommen und der Spaß in den Vordergrund gestellt wurde, eher irrelevant. Letzlich wird es darum gehen, dass jene Spieler die auflaufen, ihre körperlichen und fußballerischen Vorteile auch auf den Platz bringen und ausspielen. Lässt man den Gegner ohne leichtsinnig zu werden laufen, dann werden die Tore zwangsläufig im Verlauf der 90 Minuten fallen. Insofern könnte es in Grimma so zugehen, wie es das sonst eben bei RB-Freundschaftsspielen tat.

Fazit: Achtligist gegen Drittligist. Schön, dass in einem Pflichtspiel im ansonsten meist hermetisch abgeschotteten Fußball noch mal Welten aufeinander treffen und Spieler mit leuchtenden Augen auflaufen können. Schade, dass man nicht in Gelenau auflaufen kann, dann wäre es perfekt gewesen. Sportlich bleibt es eine eindeutige Sache, bei der die RasenBallsportler dem Gegner früh den Zahn einer Pokalsensation (oder eher Pokalweltwunder) ziehen sollten. Der Chemieblogger würde die Sache im positiven Sinne „Bratwurstfußball“ nennen. Mögen es alle Beteiligten genießen und dem Spiel einen würdigen Rahmen geben. Und zeigen, dass die Sorge um fehlende Fantrennung und Co völlig deplatziert war.

[Wer das Spiel von RB Leipzig in Grimma gegen den BSV Gelenau nicht vor Ort verfolgen kann und am 16.11.2013, ab 13.30 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und das Fanradio.]

Randbemerkung: Bisher stehen schon zwei Viertelfinalisten im Sachsenpokal fest. Der FC Eilenburg setzte sich Ende Oktober gegen Stahl Riesa mit 4:2 durch. Und Budissa Bautzen gewann locker mit 7:0 beim TSV Cossebaude. Das Highlight des Achtelfinals ist sicherlich das Aufeinandertreffen zwischen der BSG Chemie Leipzig und Drittligist Chemnitzer FC am Sonntagnachmittag (14 Uhr). Chemie zwar Bezirksligist, aber von der Qualität her eher durchschnittlicher Landesligist. Dürfte das erste richtige Highlightpflichtspiel der Chemiker sein, die erst seit 2008 am Spielbetrieb teilnehmen. Und mal wieder Gewimmel in Leutzsch geben. Mögen die Beteiligten das beste draus machen. Sportlich ist Chemie sicherlich nicht so krasser Außenseiter wie Gelenau und mit dem Publikum im Rücken gegen kriselnde Gäste nicht komplett chancenlos. Ein Weiterkommen liegt trotzdem im Bereich des ziemlich unmöglichen.

Auch noch in Leipzig bzw. im Umland der Auftritt der SG Sachsen Leipzig ebenfalls im Alfred Kunze Sportpark gegen den Regionalligisten VfB Auerbach. Keine ganz uninteressante Partie. Markranstädt empfängt mit Plauen einen weiteren Regionalligisten und ist bei Weitem nicht chancenlos. Bezirksligist VfB Zwenkau empfängt zudem den Landesligisten Gelb-Weiß Görlitz. Bliebe noch eine Partie und in der empfängt mit Germania Mittweida ein weiterer Bezirksligist Oberlausitz Neugersdorf, einen Oberligisten. Müsste man die Viertelfinalteilnehmer tippen, würde ich neben Eilenburg und Bautzen auf RB Leipzig, Chemnitz, Auerbach, Markranstädt, Görlitz und Neugersdorf setzen. Wäre eine illustre Runde mit einigen interessanten, potenziellen Gegnern für RB Leipzig.

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. BSV Gelenau

  • keine

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