Scorerkarrieren

Dominik Stroh-Engel war jüngst wegen seines wie auch immer zu nennenden Viererpacks (sein eigener Versuch lautete Quattrick) gegen Hansa Rostock in aller Munde. Dadurch schraubte er sein Torkonto auf erstaunliche 10 Treffer in nur neun Partien. Nimmt man auch noch die nicht zu verachtenden 5 Vorlagen dazu, ist er aktuell der absolut überragende Scorer der dritten Liga. 15 Torbeteiligungen sind in nur neun Spielen eine überragende Bilanz für den 27jährigen, für den es im vergangenen Jahr in Wehen Wiesbaden nicht wirklich funktionieren wollte (6 Torbeteiligungen in 34 Spielen). Zuletzt in Saarbrücken fehlte er verletzungsbedingt. Ob es morgen zum Nachholer in Dortmund für ihn reichen wird, ist aktuell fraglich.

Ob es für Dominik Stroh-Engel in Zukunft noch einmal für eine höherklassige Karriere reichen wird, ist ebenso fraglich, wenn man einen Blick auf die Drittliga-Topscorer der letzten Jahre wirft. Für die meisten Spieler gilt, dass sie zwar sehr gute Drittligaspieler waren und oft auch blieben, aber schon in der zweiten Liga meist nur Durchschnitt mit nicht immer hohen Einsatzzeiten wurden und nur selten den Sprung in die höchste Spielklasse schafften.

Zwei auffällige Ausnahmen gibt es von der Regel. Zum einen ist da Thomas Müller zu nennen, der bevor er bei den Bayern durchstartete, erst einmal ein Jahr lang mit der U23 die dritte Liga aufmischte und letztlich in bisher fünf Jahren eingleisiger dritter Liga der einzige Offensivspieler war, der später auch auf allerhöchstem Niveau funktionierte. Was eher ein Gegenindiz für die These ist, dass die dritte Liga wichtig für die Ausbildung von Top-Nachwuchstalenten wäre.

Die zweite auffällige Ausnahme ist Eintracht Braunschweig, die gleich fünf Spieler in ihrem Erstligakader versammeln, die schon in der dritten Liga herausragende Offensivleistungen zeigten (wobei ein Torsten Oehrl diese nicht für Braunschweig, sondern für Werders U23 zeigte). Was gleichzeitig auch ein Hinweis sein dürfte, warum es Braunschweig in der ersten Liga so schwer hat. Denn aus sehr guten Drittligaspielern im Verlauf der Jahre konkurrenzfähige Erstligaspieler zu machen, scheint nur in wenigen Ausnahmefällen und nicht in der Masse zu klappen, wie die folgende Sammlung an Namen zeigt:

(In die Liste wurden alle Spieler aufgenommen, die in den letzten fünf Spielzeiten der dritten Liga mindestens einmal unter den ersten Fünf der Torschützen oder Vorlagengeber oder Scorer standen. Nicht mit aufgenommen wurden Spieler, die inzwischen ihre Karriere beendet oder diese wie ein Björn Lindemann (Thailand) in sportlich nicht relevante ausländische Ligen verlegt haben. In Klammern jeweils die Vereine, für die die jeweiligen Spieler aktuell aktiv sind und dahinter der Verein, für den sie in der dritten Liga erfolgreich waren.)

  • 1.Liga
    • Thomas Müller (FC Bayern/ FC Bayern II)
    • Hakan Calhanoglu (HSV/ Karlsruher SC)
    • Alexander Esswein (1.FC Nürnberg/ Dynamo Dresden)
    • Domi Kumbela, Dennis Kruppke, Karim Bellarabi, Mirko Boland (alle Eintracht Braunschweig/ Eintracht Braunschweig)
    • Torsten Oehrl (Eintracht Braunschweig/ Werder Bremen II)
  • 2. Liga
    • Rouwen Hennings (Karlsruher SC/ Karlsruher SC)
    • Karim Benyamina (Karlsruher SC/ Union Berlin)
    • Selcuk Alibaz (Karlsruher SC/ Jahn Regensburg)
    • Albert Bunjaku (1.FC Kaiserslautern/ Rot-Weiß Erfurt)
    • Olivier Occéan (1.FC Kaiserslautern/ Kickers Offenbach)
    • Thomas Bröker (1.FC Köln/ Dynamo Dresden)
    • Marc Rzatkowski (FC St. Pauli/ Arminia Bielefeld)
    • Fabian Klos (Arminia Bielefeld/ Arminia Bielefeld)
    • Marcel Reichwein (VfR Aalen/ Rot-Weiß Erfurt)
    • Robert Lechleiter (VfR Aalen/ VfR Aalen)
    • Moritz Hartmann (FC Ingolstadt/ FC Ingolstadt)
    • Frank Löning (SV Sandhausen/ SV Sandhausen)
    • Robert Zillner (SpVgg Greuther Fürth/ SpVgg Unterhaching)
  • 3. Liga
    • Thiago Rockenbach (RB Leipzig/ FC Rot-Weiß Erfurt)
    • Andreas Spann (VfL Osnabrück/ 1.FC Heidenheim)
    • Matthew Taylor (Preußen Münster/ Rot Weiss Ahlen und Preußen Münster)
    • Gaetano Manno (Preußen Münster/ VfL Osnabrück)
    • Nico Zimmermann (SV Elversberg/ 1.FC Saarbrücken)
    • Sven Sökler (1.FC Heidenheim/ 1.FC Saarbrücken)
    • Marc Schnatterer, Patrick Mayer (beide 1.FC Heidenheim/ 1.FC Heidenheim)
    • Julius Reinhardt (1.FC Heidenheim/ Kickers Offenbach)
    • Ronny Garbuschewski (Chemnitzer FC/ Chemnitzer FC)
    • Anton Fink (Chemnitzer FC/ SpVgg Unterhaching und Chemnitzer FC)
    • Dominik Stroh-Engel (SV Darmstadt 98/ SV Babelsberg 03)
    • Marco Grüttner (VfB II/Stuttgarter Kickers)
    • Tobias Rathgeb (VfB II/ VfB II)
  • 4. Liga
    • Tobias Schweinsteiger (Bayern II/ Jahn Regensburg)
    • Kevin Wölk (Wormatia Worms/ Rot Weiss Ahlen)
    • Sebastian Glasner (Viktoria Köln/ Wacker Burghausen)

Eine ganz interessante Liste mit einigen durchaus wohlklingenden Namen. Nicht überraschend aus Drittligasicht, dass der überlegene Spitzenreiter 1.FC Heidenheim gleich vier Spieler versammelt, die in der dritten Liga schon mal offensiv für Furore sorgten. Auch Chemnitz und Münster mit entsprechender, zweifacher Erfahrung im Kader. RB Leipzig verfügt mit Thiago Rockenbach immerhin über einen solchen Spieler, der aktuell allerdings eher wenige Chancen bekommt, seine Bilanz zu erneuern (aber gegen Unterhaching immerhin seine erste Torvorlage der Saison verbuchte).

Nimmt man die aktuelle Liste der besten Drittligatorschützen- und scorer, dann dürften am ehesten der Heidenheimer Linksfuß Marc Schnatterer und der Wehen Wiesbadener Stürmer José Pierre Vunguidica aufgrund ihrer Qualitäten sehr gute Chancen haben, künftig zumindest auch eine Liga weiter oben, eine gute Rolle zu spielen. Ob mit oder ohne ihren aktuellen Verein sei einmal dahingestellt.

Kingsley Onuegbu könnte mehr von seinen Mitspielern abhängen als dies für eine höherklassige Karriere gut ist. Grüttner und Grimaldi wirken eher wie die klassischen, sehr guten Drittligaspieler, für die höhere Aufgaben zu hoch sind. Der Rostocker Leonhard Haas (6 Torvorlagen bereits) dürfte letztlich schon zu alt sein (31 Jahre), was ähnlich für Alf Mintzel und Dennis Grote gelten dürfte. Und bei Dominik Stroh-Engel stellt sich die Frage, wie nachhaltig seine Torjägerqualitäten, die er im ersten Saisondrittel zeigte, sein werden. Ähnliches gilt für den 21jährigen Alexander Riemann vom VfB Stuttgart II, der als Vorbereiter in der Liga vorne mitmischt (und sich gerade schwer verletzt hat und einige Wochen ausfällt..).

  • Aktuelle Top-Offensivspieler der dritten Liga:
    • Dominik Stroh-Engel (Darmstadt 98)
    • Marc Schnatterer (1.FC Heidenheim)
    • José Pierre Vunguidica, Alf Mintzel (SV Wehen Wiesbaden)
    • Kingsley Onuegbu (MSV Duisburg)
    • Marco Grüttner, Alexander Riemann (VfB Stuttgart II)
    • Adriano Grimaldi (VfL Osnabrück)
    • Leonhard Haas (Hansa Rostock)
    • Dennis Grote (Preußen Münster)
    • Daniel Frahn (RB Leipzig)

(Interessant an der Liste der bisherigen Topscorer der dritten Liga, dass sich die 11 Spieler gleichmäßig auf insgesamt neun Vereine verteilen. Auch dies durchaus ein Hinweis auf die Ausgeglichenheit der Liga.)

Bleibt aus Leipziger Sicht noch Daniel Frahn übrig, der hierzulande aus irgendeinem Grund bezüglich seiner Leistungen gerade etwas ambivalent betrachtet wird. Was angesichts geteilter Plätze 3 und 4 in Torschützen- und Scorerliste ziemlich absurd wirkt. Der Kapitän hat es geschafft, auch in einer höheren Liga sofort zu den torgefährlichsten Spielern zu gehören. Allein das reicht als Beweis für seine Qualitäten aus, auch wenn auf seinem Konto durchaus noch ein, zwei Tore mehr Platz gehabt hätten, wenn man nur an die vergebene Riesenchance gegen Unterhaching denkt.

Trotzdem bleibt auffällig, dass er in seiner neuen, komplexeren Rolle im Dreiersturm, die ihn auch immer wieder zum potenziellen Vorbereiter und Flügelstürmer macht, manchmal (wie vor allem auch gegen Unterhaching) ein wenig deplatziert wirkt. In letzter Konsequenz ist und bleibt er wohl ein herausragender Strafraumstürmer, der dort in allen Varianten (Kopf, linker Fuß, rechter Fuß) Tore machen kann und in dieser Saison schon wieder viermal zum 1:0 und einmal zur Führung (2:1 gegen Kiel) traf, sprich im Normalfall auch die wichtigen Tore macht.

Ungern erinnert man sich allerdings an Tomas Orals Versuche in der Anfangszeit der Saison 2010/2011 und damit in der Anfangszeit von Daniel Frahn in Leipzig, ihn zu einem Linksaußen machen zu wollen. Das scheiterte ganz großartig und wurde glücklicherweise auch alsbald aufgegeben, sodass Frahn inzwischen in 103 Ligaspielen für RB Leipzig 68 Tore und 31 Torvorlagen verbuchen konnte. Eine Torbeteiligung pro Spiel im Schnitt. Wenn du nicht gerade Dominik Stroh-Engel heißt und einen neun Spieltage andauernden Lauf hast, ist das eine überragende Bilanz, die nach reichlich drei Jahren vor allem für die Konstanz des Kapitäns vor dem gegnerischen Tor spricht.

Strafraumstürmer, wie es Daniel Frahn einer ist, sind im deutschen Fußball des Jahres 2013 nicht unbedingt wohlgelitten, wenn man an die prominenten Kandidaten Gomez und Kießling denkt. Nicht nur deswegen stellt sich die Frage, wohin die Karriere den inzwischen auch schon 26jährigen Frahn noch führen wird. Nimmt man die obige Liste ehemaliger herausragender Drittligascorer, dann stehen die statistischen Chancen für die ganz große Karriere nicht mehr allzu gut, da bisher lediglich die Braunschweiger Kruppke und Kumbela den Sprung nach ganz oben schafften, nachdem sie in der dritten Liga als Spieler des mittleren Alters auftrumpften. Und dieser Sprung nach oben ist offenbar auch eher vorübergehend.

Fazit: Sehr gute Offensivspieler der dritten Liga werden nur im Ausnahmefall auch sehr gute Spieler in höheren Ligen. Darauf kann man sich zumindest in der Analyse der bisherigen Spielzeiten einigen. Was dem Mythos, die dritte Liga wäre eine wichtige Ausbildungsliga für die Leistungsspitze des deutschen Fußballs, ein wenig den Atem nimmt. Thomas Müller ist da eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt, als der große Widerspruch zur Analyse. Von den aktuellen Topspielern des offensiven Teils der dritten Liga dürften auch nur ganz wenige die Chance haben, in höheren Ligen eine herausragende Rolle zu spielen. Daniel Frahn gehört sicherlich zu den Spielern, die die Chance haben, aber die Fragezeichen, die hinter dieser Chance stehen, sind nicht klein.

3 Gedanken zu „Scorerkarrieren“

  1. Ich habe mich natürlich nicht so eingehend mit der Statistik befasst wie Du, aber es sei doch angemerkt, dass Albert Bunjaku bis zu seiner Verletzung durchaus erflogreich in der 1. Liga (bei Nürnberg) und sogar in der Schweizer Nationalmannschft gespielt hat.

  2. MIt Bunjaku hast du sicherlich partiell recht. Der hatte schon auch eine ordentliche Erstligazeit und ist wohl vor allem an Vereletzungen gescheitert. Aber eben nicht nur und letztlich ist er offenbar besser als potenziell sehr guter Stürmer in der zweiten Liga aufgehoben als in der ersten Liga. Aber da kann man jetzt sicherlich streiten.

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