Statistiksieger

Der Worte sind fast schon genug gewechselt vor dem DFB-Pokal-Erstrundenmatch RB Leipzig gegen den FC Augsburg. RB Leipzig sieht sich als Underdog, der FC Augsburg sieht sich vor einer ganz, ganz schweren Aufgabe. Um die 30.000 Zuschauer werden prüfen, wessen sportliche Vorstellungen sich besser umsetzen lassen. (Vorbericht RB Leipzig gegen FC Augsburg inklusive Pressekonferenzticker)

Als Vorteil wird gemeinhin gesehen, dass RB Leipzig bereits zwei Pflichtspiele Vorsprung vor dem FC Augsburg hat, sprich demnach auch zwei Wochen weiter in Sachen Spritzigkeit und Pflichtspielrhythmus ist. Wenn dem so ist, sollte sich anhand der vergangenen Spielzeiten eigentlich zeigen lassen, dass die Drittligisten (seit Einführung der eingleisigen dritten Liga 2008) in der ersten DFB-Pokal-Runde die Erstligisten in Scharen aus dem Wettbewerb gekegelt haben, denn in all den Jahren seitdem startete die Saison für die Bundesligisten immer mit dem DFB-Pokal, während die Drittligisten zuvor schon im Ligenbetrieb waren.

Soweit zur Theorie. In der Praxis zeichnet sich ein differenziertes Bild. Denn in fünf Spielzeiten mit eingleisigen Drittligisten gab es 21 Erstrundenbegegnungen 3. gegen 1. Liga, in denen der unterklassige Verein fünfmal als Sieger vom Platz ging.

Interessanterweise scheint es dabei kaum eine Rolle zu spielen, ob nur eine Woche zwischen der Saisoneröffnung der dritten Liga und dem DFB Pokal liegt (wie 2011/2012) oder gleich drei oder vier Wochen (wie 2010/2011 oder 2012/2013). Denn einerseits kassierten die Drittligisten 2009 bei nur einer Woche (aber zwei Spielen) Vorlauf zwei klare Niederlagen, während 2011 in sieben Spielen zwei Siege zu Buche stehen.

2010 wiederum haben die Drittligisten drei Wochen Vorlauf vor dem DFB-Pokal und fliegen fünffach und zumeist chancenlos raus, während vor einem Jahr gleich vier Wochen Vorlauf zu drei Siegen in sechs Spielen führen. Insgesamt scheint die konkrete Spielpaarungssituation sehr viel entscheidender als die im Vergleich längere Vorbereitungszeit. Und als Drittligatopteam wie Karlsruhe, Heidenheim oder Münster auf ein insbesondere defensiv anfälliges Erstligateam wie zweimal Bremen und einmal den HSV zu treffen, scheint wesentlich relevanter als der Pflichtspielvorlauf.

Interessanterweise gab es in den ersten drei Jahren eingleisige dritte Liga in acht Versuchen keinen DFB-Pokal-Erstrundensieg eines Drittligisten gegen einen Bundesligisten. Was auch bedeutet, dass in den letzten zwei Jahren in der Auftaktrunde die Drittligisten von 13 Spielen dann doch ziemlich phänomenale fünf gewannen. Möglicherweise drückt sich darin auch die in den letzten Jahren immer weiter gestiegene Leistungsstärke in der dritten Liga, gerade im oberen Teil der Tabelle aus und Münster-Coach Pavel Dotchev hat Recht, wenn er von einer kleinen zweiten Liga spricht.

In diesem Jahr gibt es zum Auftakt des DFB-Pokals neben der Partie RB Leipzig gegen den FC Augsburg zwei weitere Paarungen dritte gegen erste Liga. Saarbrücken empfängt Bremen und Darmstadt spielt gegen Gladbach. Geht es nach der dürftigen Datenlage der letzten zwei DFB-Pokal-Spielzeiten, dann wird es ein Drittel, also einer der Drittligisten in die nächste Runde schaffen.

Nimmt man die obige These, dass vor allem defensivschwache Bundesligisten ausscheiden, ist Bremen der größte Favorit. Zumal sie in den letzten beiden Jahren jeweils in der ersten Runde bei einem Drittligisten verloren (in Heidenheim 1:2, in Münster 2:4 n.V). Andererseits scheint Saarbrücken aktuell noch nicht wirklich in Form und hat mit einigen Ausfällen zu kämpfen.

Darmstadt ist da vielleicht aktuell schon der etwas heißere Kandidat für eine Pokalüberraschung. Gegen ein taktisch stabiles Team wie das der Borussia aus Mönchengladbach liegt aber wiederum das Ausscheiden näher als die Sensation. Auch wenn ein volles Stadion sicherlich der Heimelf ordentlich Schwung geben wird.

Bliebe noch RB Leipzig, denen man im Vergleich der drei Partien wohl die besten Chancen auf das Weiterkommen zubilligen muss. Erstens ist es der stärkste Drittligist, zweitens hat man die Offensivqualitäten auch eine eher geordnete Bundesligadefensive zumindest auf Betriebstemperatur zu bringen und drittens ist Augsburg aufgrund von Ausfällen, Abgängen und Neuzugängen aktuell eher noch in der Findungsphase.

Fazit: Wenn man die Erfolgsquote der Drittligisten gegen Bundesligisten in den Auftaktrunden der letzten zwei DFB-Pokal-Spielzeiten von reichlich einem Drittel ernst nimmt und vermutet, dass diese auch in diesem Jahr eingehalten wird, dann stehen die Chancen in diesem theoretisch-statistischen Spielchen mit qualitativ-interpretierenden Einsprengseln für RB Leipzig gar nicht schlecht, sich zum zweiten Mal in die zweite Pokal-Runde vorzuspielen. Völlig unabhängig davon, ob man nun zwei Pflichtspiele mehr hat oder nicht, denn das scheint – betrachtet man die letzten Jahre – kein sonderlich relevantes Kriterium zu sein. Und falls man in der zweiten Runde wieder einen Erstligisten zieht, stünde statistisch die Chance auf ein Weiterkommen wieder bei einem Drittel, also gar nicht so schlecht. Na wenn das mal keine zahlenverklärten, guten Aussichten sind.

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Zahlenannex

  • 2008/2009 (2 Wochen zwischen 3.Liga-Auftakt und DFB-Pokal):
    • 1.Runde: 1 Spiel, 1 Niederlage (Erfurt-Bayern 3:4)
    • 2.Runde: 2 Spiele, 2 Niederlagen (Aue-Bremen 1:2, Offenbach-Karlsruhe 0:2)
    • Achtelfinale: 1 Spiel, 1 Niederlage (Jena-Schalke 1:4)
  • 2009/2010 (1 Woche, aber 2 Spieltage Differenz):
    • 1.Runde: 2 Spiele, 2 Niederlagen (Dresden-Nürnberg 0:3, Offenbach-Frankfurt 0:3)
    • 2.Runde: 1 Spiel, 1 Sieg (Osnabrück-HSV 7:5 n.E.)
    • Achtelfinale: 1 Spiel, 1 Sieg (Osnabrück-BVB 3:2)
    • Viertelfinale: 1 Spiel, 1 Niederlage ( Osnabrück-Schalke 0:1)
  • 2010/2011 (3 Wochen, aber 4 Spiele Differenz)
    • 1.Runde: 5 Spiele, 5 Niederlagen (Burghausen-BVB 0:3, Babelsberg-Stuttgart 1:2, Ahlen-Bremen 0:4, Rostock-Hoffenheim 0:4, Aalen-Schalke 1:2)
    • 2.Runde: 1 Spiel, 1 Sieg (Offenbach-BVB 4:2 n.E.)
    • Achtelfinale 2 Spiele, 2 Niederlagen (Offenbach-Nürnberg 0:2, Koblenz-Kaiserslautern 1:4)
  • 2011/2012 (1 Woche Differenz)
    • 1.Runde: 7 Spiele, 2 Siege, 5 Niederlagen (Regensburg-Gladbach 1:3, Wehen-Wiesbaden-Stuttgart 1:2, Heidenheim-Bremen 2:1, Bielefeld-Nürnberg 1:5, Sandhausen-BVB 0:3, Oberhausen-Augsburg 1:2 n.V., Unterhaching-Freiburg 3:2)
    • 2.Runde: 1 Spiel, 1 Niederlage (Heidenheim-Mönchengladbach 3:4 n.E.)
  • 2012/2013 (4 Wochen, aber 5 Spiele Differenz)
    • 1.Runde: 6 Spiele, 3 Siege, 3 Niederlagen (Aachen-Mönchengladbach 0:2, Offenbach-Fürth 2:0, Karlsruhe-HSV 4:2, Saarbrücken-Schalke 0:5, Münster-Bremen 4:2 n.V., Burghausen-Düsseldorf 0:1)
    • 2.Runde: 2 Spiele, 2 Niederlagen (Münster-Augsburg 0:1, Bielefeld-Leverkusen 2:3 n.V.)
    • Achtelfinale: 2 Spiele, 1 Sieg, 1 Niederlage (Karlsruhe-Freiburg 0:1, Offenbach-Düsseldorf 2:0)
    • Viertelfinale: 1 Spiel, 1 Niederlage (Offenbach-Wolfsburg 1:2)

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3 Gedanken zu „Statistiksieger“

  1. Nach diesen scharfsinnigen Betrachtungen bleibt die Frage über warum man eigentlich noch spielen muss. Eine telefonische Einigung über ein 1:0 für RB plus obige Begründung warum nicht.
    Wäre es nicht besser die ausgefallene Aufstiegsparty mit der zu erwartenden tollen Kulisse nachzuholen ? Vielleicht ist Augsburg dankbar für einen solchen Vorschlag. Immerhin schließen sie auf diese Weise eine solche Klatsche wie sie sich der HSV gestern in Dresden abgeholt hat, aus.
    Das Grippeln im Bauch und die spannende Erwartung ob es reicht oder nicht sind durch nichts zu ersetzen. Besser ist doch wohl Spielen und nach großem Kampf zu Siegen

  2. Gute Idee. Da der FC Augsburg bei der Zuganreise gerade sowieso offenbar in Bamberg gestrandet ist und mit dem Taxi weiterreist, sind sie für so eine Idee ja vielleicht auch offen..

  3. Solange immer noch ne Taxe fährt…vielleicht stand am Bamberger Bahnhof auf einmal eine ominöse Hürde vorm ICE.

    Zahlenfetischist trifft es ganz gut in der Selbstbeschreibung, vielen Dank, wie immer aufschlussreich!

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