Sachsenpokal: FC Oberlausitz Neugersdorf vs. RB Leipzig 5:6 n.E.

Einmal tief durchatmen bitte. Das Highlight eines Sachsenpokal-Finales im eigenen Haus gegen den Chemnitzer FC hing am seidenen Faden des Elfmeterschießens, bevor Benjamin Bellot den dritten und den fünften Elfmeter der Gastgeber halten konnte und damit für die finale Befreiung sorgte. Ein insgesamt schwererer Betriebsausflug ganz tief in den Südosten der Republik zum tschechisch-deutschen (sechs tschechische Ex-Profis in der Startelf) Co-Produkt, als man dies vorher gehofft hatte.

Bei RB Leipzig standen Fandrich, Coltorti und die angeschlagenen Domaschke, Sebastian, Hoheneder und Koronkiewicz gar nicht erst im Kader. In der Startelf stand deshalb Benjamin Bellot als Torhüter. Henrik Ernst ersetzte erwartungsgemäß Niklas Hoheneder in der Innenverteidigung. Im linken Mittelfeld und im Sturm sollten zudem Sebastian Heidinger und Matthias Morys statt Clemens Fandrich und Stefan Kutschke für mehr Geschwindigkeit in den Aktionen sorgen. Das schien gegen das Ü30-Team aus Neugersdorf insgesamt logisch, ging aber insgesamt aufgrund der tief verteidigenden Gastgeber auch nicht so recht auf.

Letztlich hatte das Spiel aus Sicht von RB Leipzig zwei negative Knackpunkte und das waren die zwei Gegentore zu ungünstigen Zeitpunkten. Einerseits war das 1:0 für die Gastgeber bereits nach fünf Minuten das denkbar ungünstigste Signal an den unterklassigen Gegner, denn dadurch holt man den Außenseiter mit seiner unbestrittenen individuellen Klasse erst so richtig ins Spiel. Und nachdem man nach der Pause das Spiel gedreht und das Momentum auf seine Seite gezogen hatte, half man beim zweiten Gegentor (bei dem Benjamin Bellot sehr schlecht aussah) direkt nach der eigenen Führung mit. Psychologisch in einer Situation, in der man sich die Neugersdorfer zurechtgelegt hatte, ganz schlecht, weil man nun den Gegner noch mal ins Spiel zurückholte.

Die erste Halbzeit von RB Leipzig war sicherlich nicht gut. Und mit dem Rückstand vor der Brust wurden die Aktionen bestimmt nicht selbsbewusster. Wie schon oft in dieser Rückrunde gesehen, fehlte den Aktionen Tempo und Genauigkeit, sodass sich die Gastgeber mit viel kämpferischen Einsatz immer wieder in die Angriffe werfen konnten. Klare Torchancen blieben so für RB Leipzig Mangelware. Aber bei allem, was in dieser ersten Halbzeit falsch lief, muss man auch festhalten, dass man sich eigentlich bis zum Neugersdorfer Strafraum auch immer wieder freispielte, es dort dann aber verpasste, den letzten entscheidenden Pass zu spielen oder sich mit einer entscheidenden Aktion durchzusetzen. Das Spiel der ersten Halbzeit war sicherlich aus RB-Sicht keine komplette Katastrophe, aber man machte sich das Leben selbst schwer, indem man dem Gegner früh das Tor schenkte und auf den letzten 20 Metern vor dem Tor mit zu wenig Präszision und Durchschlagskraft agierte.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit kamen dann Röttger und Kutschke für Schulz und Rockenbach, wodurch die so ziemlich am offensivsten denkbare Formation auf dem Platz stand. Die Position von Rockenbach hinter den Spitzen wurde nun flexibel von einem der Stürmer ausgefüllt. Wenn ich das richtig gesehen habe in den TV-Bildern, tat sich da insbesondere Frahn als zurückfallender Stürmer hervor. Und Timo Röttger brachte den Schwung ins Spiel, mit dem er schon gegen Torgelow nach seiner Einwechslung aufgefallen war.

Dadurch wurde aus einer Partie, in der zu wenig Tempo drin war, plötzlich eine Begegnung, in der die RasenBallsportler ihren Gegner mit viel Tempo verwirrten. Viele Fouls und Standardsituationen rund um den Neugersdorfer Strafraum waren die direkte Folge dessen, dass die Gastgeber dem Spiel nicht mehr folgen konnten. Und zwei davon nutzte RB zur Führung. Zuerst verwandelte Kaiser einen Freistoß vom Strafraumeck, den wohl alle als Flanke erwartet hatten, direkt in den Winkel. Bei einem anderen Torwart als einem Landesligatorwart wäre das Tor wohl als Torwartfehler durchgegangen. Aber der Ball war stark geschossen und nicht viele Keeper hätten den Ball noch aus dem Winkel gekratzt. Und kurz danach kam Sebastian Heidinger und verwandelte eine Ecke per Direktabnahme.

Ende des Spiel durfte man angesichts des Tempos mit dem man aus der Kabine kam und angesichts der relativen Leichtigkeit, mit der man durch die gegnerischen Defensivreihen hindurchspielte, annehmen. Doch denkste, denn es folgte nicht nur das verflixte zweite Gegentor, sondern im Laufe der zweiten Hälfte entwickelte es sich immer mehr zu einer Kopie der ersten Hälfte. Sprich, RB Leipzig mit zu wenig Tempo und wegen der Kutschke-Einwechslung auch wieder vielen hohen Bällen ohne größere Durchschlagskraft, sodass die ganz großen Chancen Mangelware blieben. Jeweils noch einmal Aluminium auf beiden Seiten hätte das Spiel in die eine oder andere Richtung kippen lassen können.

Klar, insgesamt hatte RB viel mehr vom Spiel und war viel näher am Sieg, doch die Verlängerung hatten sich die Gastgeber mit viel Kampf und dem geschickten Stören schon direkt bei oder vor der Ballannahme verdient. Man sah darin auch schön den Unterschied zum Torgelow-Spiel, wo sich die RasenBallsportler teilweise ungestört den Ball zuspielen konnten. In Neugersdorf gab es gefühlt keine drei Ballkontakte in des Gegners Hälfte, ohne dass nicht bereits ein Gegenspieler mit seinem Körper oder seinen Füßen dazwischen funkte. Das ist ziemlich fies zu spielen, wenn man nicht schnell und genau genug spielt.

Die folgende Verlängerung wurde dann für die Gastgeber noch mal ganz hart, denn nun verstärkte sich noch einmal der Ablauf der zweiten Hälfte. In Richtung Offensive kam von Neugersdorf praktisch gar nichts mehr und defensiv versuchte man es mit einer Mischung aus Zeitspiel und Robustheit. Wobei ich noch nicht einmal behaupten würde, dass das Zeitspiel tatsächlich primär dazu dienen sollte, sich das Elfmeterschießen zu sichern, sondern schlicht der Tatsache geschuldet war, dass der Gastgeber nicht mehr konnte und immer mehr Zeit zum Luftholen brauchte. So entstand eine extrem zerfahrenes Spiel mit vielen Fouls und Unterbrechungen und ohne Spielfluss. Und trotzdem muss es negativ überraschen, dass die RasenBallsportler ihre konditionelle Überlegenheit nicht auch in Torchancen umsezten konnten. Dass man gegen überalterte Amateure gen Spielende keine klaren Aktionen mehr setzen und keine Entscheidung erzwingen kann, passiert, aber verwundert dennoch.

Klar, Elfmeterschießen ist dann Glückssache. Und als der eingewechselte Marcus Hoffmann als zweiter Schütze verschießt, ist die Story vom Pechvogel Hoffmann, der den Anschluss an die Profimannschaft verpasst hat und bei seinem ersten Einsatz seit Ewigkeiten das Sachsenpokal-Finale verschießt, schon fast fertig geschrieben. Doch der Ausflug nach Neugersdorf hatte dann doch noch seine hübsche Pointe. Und die bestand darin, dass Benjamin Bellot, nicht unbeteiligt am 2:2, sich zwei Elfmeter fischt (wovon mindestens einer sehr schlecht geschossen ist) und sein Team so ins Finale bringt. Ende gut, alles gut.

Ein Spiel auf seinen essenziellen Moment zusammengeschmolzen - Benjamin Bellot hält den entscheidenden Elfmeter | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Denn letztlich ist das einzige, was in einem Pokalspiel zählt das Weiterkommen. Und das hat RB Leipzig gesichert. Nicht eben überragend, aber eben erfolgreich. Mal ehrlich, wer wird am 15.05. (am Tag, an dem das Finale gegen den Chemnitzer FC stattfinden soll), wenn der Schiedsrichter das Pokalfinale anpfeift, noch an das Spiel in Neugersdorf denken? Niemand. Weswegen man auch nicht päpstlicher als der Papst sein muss. Bei den Unmengen an Pokalüberraschungen, die es Jahr für Jahr gibt, muss man auch mal demütig sein und einen rumpeligen Pokalerfolg im Halbfinale mitnehmen.

Zumal die Rückrunde ab jetzt ein wenig von ihrer bisherigen bemühten Angestrengtheit verliert. Die Duelle gegen Magdeburg, Zwickau, Lok und Jena in der Regionalliga werden dank der gestrigen Niederlage Jenas und nachholspielbereinigt mindestens 12 Punkten Vorsprung bei sechs verbleibenden Spielen eher Fußballspiele mit viel Spaß und wenig Druck. Und das Sachsenpokal-Finale und die Relegation dürften emotional-motivational eh von selbst laufen. Ab Samstag wird sich in neun Spielen in fünf Wochen zeigen, was diese Saison Wert ist. Und das Sachsenpokal-Halbfinale wird bei der Bewertung nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Fazit: Meckere über diesen rumpeligen Sieg, wer will, aber letztlich wurde das Ziel Pokalfinale erreicht und alles andere ist schon sehr bald vergessen. Gegen einen individuell auf Oberliga-Niveau besetzten Gegner mit robust-kämpferischer Klasse, der auch aufgrund des Spielverlaufs konditionell über sich hinaus wuchs, hat es sich RB Leipzig letztlich aufgrund der Schwächen auf den letzten 20 Metern vor dem Tor selber schwer gemacht. Aber man hat auf der anderen Seite den Fight angenommen und letztlich für sich entschieden. Und wird mit dem Highlight-Spiel gegen den Chemnitzer FC und dem bestmöglich denkbaren Finale belohnt. Aus dieser Perspektive gesehen, ist alles prima. Und kann sogar noch besser werden. Nicht nur spielerisch.

Randbemerkung: Dafür dass Daniel Frahn am Spiel gegen den Chemnitzer FC teilhaben darf, sollte er irgendwo eine Kerze spenden. Denn genaugenommen muss er in der zweiten Hälfte der Verlängerung, als er nach bösem Foul an ihm seinen Gegenspieler mit Arm Richtung Gesicht umstößt, vom Platz fliegen. Dass er es nicht tat, hat er dem wohlmeinenden Schiedsrichter und dessen Assistentin an der Linie, die direkt danebenstehend auch nicht auf Tätlichkeit plädierte, zu verdanken. Sehr, sehr viel Glück gehabt und ein bisschen schien Frahn direkt nach der Aktion auch die Angst vor einer roten Karte ins Gesicht geschrieben. Einmal tief durchatmen hieß es nicht nur bei dieser Szene, sondern auch bei seinem wieder mal in die Mitte gechippten Elfmeter, mit dem er das 4:3 im Elfmeterschießen erzielte und so den großen, siegbringenden Auftritt Bellots direkt vorbereitete. Sieht natürlich lässig und cool aus, kann aber auch schnell daneben gehen, wenn mal jemand stehen bleibt und den Ball wegfängt. Ein Torhüter, der sich vor dem Spiel mit Elfmeterschützen beschäftigt, könnte bei der Häufigkeit mit der Frahn das versucht, zum Beispiel auf so eine Idee kommen. Ich habe ehrlich gesagt Angst vor entsprechenden Aktionen in einer entscheidenden Situation im Sachsenpokal-Finale oder in der Relegation, denn auch wenn man in Neugersdorf noch nichts von diesem Trick weiß, in anderen Regionen der Republik könnte das schon anders aussehen..

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Tore: 1:0 Sisler (5.), 1:1 Kaiser (46.), 1:2 Heidinger (51.), 2:2 Sisler (54.)

Elfmeterschießen: 0:1 Müller, 1:1, Lukas, Zelenka hält gegen Hoffmann, 2:1 Flachbart, 2:2 Kaiser, Bellot hält gegen Heimlich, 2:3 Kutschke, 3:3 Berg, 3:4 Frahn, Bellot hält gegen Stefan Fröhlich

Aufstellung: Bellot – Müller, Ernst (78. Hoffmann), Franke, Judt – Schulz (46. Röttger), Kaiser, Heidinger – Rockenbach (46. Kutschke) – Morys, Frahn

Zuschauer: 1.559 (davon 150 Leipziger)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], FCO-Bericht [broken Link]

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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5 Gedanken zu „Sachsenpokal: FC Oberlausitz Neugersdorf vs. RB Leipzig 5:6 n.E.“

  1. Ich glaube vor längerer Zeit war mein Bauchgefühl in 3 Worte gepackt, dreckig, knapp und mit viel Glück. Außer beim Torgelow Spiel, zutreffend, wie Deine Spielanalyse! Danke dafür!

  2. Ich finde auch – gut geschrieben – nicht merh und nciht weniger gibts darüber zu sagen – schon am Sonntag wird hoffentlich nichemand mehr darüber ein Wort verlieren „wie“ wir im Halbfinale weitergekommen sind – gegen Chemnitz wirds definitiv ein anderes Spiel und am Sonntag steht Magdeburg vor der Tür die uns ja gestern schön Supportet haben mit ihrem 2:1 gegen Jena – solange wir wieder 3 Punkte mitnehmen 😉

    Aber Pokalspiele sind eben ein anderes Kaliber – ich denke auch mit Coltorti im Tor wäre es nicht bis zur Verlängerung und 11Meterschießen gekommen – aber schlußendlich alles Schnee von gestern 🙂 Bellot konnte seinen Schnitzer wieder Wett machen – wir stehen im Finale – alles andere ist vorerst uninterressant 🙂

  3. Frahns Unbeherrschtheit und Elfer Eskapaden machen mir auch Sorgen. Mit ihm sollte sich dringend mal jemand unterhalten…

    Hab mir die Wiederholung gestern angeschaut. Unglaublich wie bissig die Neugersdorfer waren. Typischer Pokalfight eben. Trotzdem sehr bedenklich das wieder über weite Strecken einfach nicht gut gespielt wurde. Ich weis nicht ob es systembedingt ist, aber die Abwehrleistung ist derzeit nicht aufstiegstauglich. Dank der Magdeburger Schützenhilfe kann Jena ja nun aus eigener Kraft nur auf 12, mit Sieg gegen RB auf 9 Punkte verkürzen. Also der Drops ist gelutscht. Es stehen Vorbereitungsspiele mit Wettkampfcharakter an. Das beste ist sicherlich das nun erreichte Finale gegen Chemnitz.

  4. Ich finde, es ist nun langsam genug mit dem klugen Pferd, welches nur so hoch springt, wie es muss. Ich frage mich, wie kann es nach den vergangenen Wochen sein, dass wieder die erste Hälfte des Spieles nicht die Wege gegangen werden, wie si zu sein haben? Schon t man sich für das Wochenende? Erst vor dem Torgelow-Spiel rumposaunen, jetzt hat man es kapiert. Jetzt wird jedes Spiel ernstgenommen. Ist das Torgelow-Spiel der Mannschaft wieder zu Kopf gestiegen, nach dem Motto: Ok, alles klar, wir sind der Star? Nun wirklich, Torgelow war echt kein Maßstab, das war eine U17 in der Bezirksklasse, eine Schießbude. Fußballerisch habe ich da nix aufblitzen sehen. Man will nach wie vor den Ball ins Tor tragen, immer noch eine Paß spielen. zum Glück kommt am Wochenende endlich mal wieder eine halbwegs vernünftige Mannschaft. Ich kann nur hoffen, dass wenn wir schlecht spielen, diesmal auch verlieren. Denn diese elende: „Wir sind nach wie vor ungeschlagen“ Ist langsam nicht mehr lustig, sondern eher ein Klotz am Bein. Wenn wir gut spielen, gewinnen wir auch. Aber nur, wenn eben alle Spieler auch die Wege gehen. Und ehrlich, lasst endlich Kutschke draussen. Er selbst kann nichts dafür, aber jeder Spieler ausser Kaiser sieht nur noch den schnellen Weg nach vorn über einen hohen Ball. Bei Pacult dachte ich, es wär die Direktive, aber nun ist mir klar. Es soll der einfache Weg nach vorne sein.
    Also, Sonntag – HAcken zusammen knallen und mal ein schönes Spiel. Es muß kein hoher Sieg sein (Ist ja keine CL :), aber ein verdienter Sieg.

  5. @Smood Mal abgesehen davon, dass ich das alles etwas entspannter sehe, weil Pokal eben ist, wie er ist, glaube ich tatsächlich, dass es mit dem Mgdeburg-Spiel sukzessive aufwärts geht und man eher bei dem ansetzt, was man bei der Hertha gespielt hat, als bei dem, was man in Neugersdorf oder gegen Plauen gezeigt hat. Mal gucken, ich bin aktuell noch sehr optimistisch.

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