Kein Erwachen aus dem bösem Traum

Mit dem Spiel gegen Nordhausen manifestierte sich in allen Zügen der Fall in die Bedeutungslosigkeit. Bei Energie Cottbus blieb anschließend im Kader kein Stein mehr auf dem anderen. Jeder, der laufen konnte, sicherte sich irgendwo anders einen Profivertrag. Und auch wenn bis auf Jens Melzig keiner mehr die ganz große Karriere startete, brach für mich ein Jugendtraum auseinander. Helden, denen ich jahrelang mehr oder weniger euphorisiert gefolgt war. Jeder einzelne irgend ein Charakter, den ich mit meinen jugendlichen Fußballträumen auflud und wahlweise ein entscheidendes Tor schießen oder verhindern ließ. In diesem Sommer 1991 war die Wende-Zusammenbruchsdepression, die insbesondere Städte wie Cottbus mit ihrem sozialistisch-künstlich aufgeplusterten Textil- und Energiesektor traf, auch in voller Härte über den Fußball der Stadt hineingebrochen. Wovon man sich auf Jahre nicht wirklich erholen sollte. Was aber im Nachhinein eventuell sogar zu einem gesunden, natürlichen Wachstum des Clubs und damit zur Zukunftsfähigkeit erheblich beitrug. Doch damals fühlte es sich einfach nur trist und falsch an, der geplatzte Traum von Bundesligaspielen in Cottbus. (Geplatzte Träume)

Für mich persönlich ging es anschließend schon ins zweite Jahr meiner Ausbildung zum Industriemechaniker. Auch wenn mir immer noch überwiegend das Talent zu handwerklichen Tätigkeiten fehlte, war ich inzwischen doch in meinem Tun halbwegs angekommen. Mit diesen Tagen fest verbunden, sind morgendliche Fahrten im Trabant, um von Cottbus ins benachbarte Peitz zu gelangen. Volles Auto, alle Insassen Zigaretten im Mund und dazu lief das in jenen Tagen so populäre „Das Boot“ von U96. Kann einem auch nur durch sentimentale Verklärung als positive Erinnerung taugen.

Fußballerisch hatte man nach der Sommerpause für einen kurzen Moment das Gefühl, dass die Ereignisse zuvor und das Verpassen der zweiten Bundesliga nur ein böser Traum gewesen seien. Dazu trug nicht unwesentlich ein 7:0 im ersten Spiel nach der vollzogenen Fußballvereinigung bei (mir ist das Spiel immer noch als 9:0 erinnerlich, aber ich vertraue mal einfach der Energie-Chronik). Ein Auswärtssieg beim SV Lichtenberg 47, der mich kurzzeitig glauben ließ, der Abstieg in die Amateuroberliga sei ein einiziges, großes Missverständnis gewesen, das sich sehr schnell klären würde.

Tat es natürlich nicht in der damals achtgleisigen (!) dritten Liga. Die nebenbei bemerkt eine viel größere Schweineliga war, als es heutige vierte Ligen oder fünfte Ligen sein können. Aufsteigen konnte man damals nur, wenn man einerseits Staffelsieger wurde und anschließend in einer Relegation drei (!) Staffelsieger in Hin- und Rückspiel in der Tabelle hinter sich lassen konnte.

Das war eigentlich schon ausreichend, um mies zu sein, aber die Zusammensetzung der Amateuroberliga Nordost Staffel Mitte machte endgültig deutlich, dass man fußballerisch in der Bedeutuungslosigkeit angelangt war. Union, Magdeburg und Lokalrivale Brieske-Senftenberg ok. Lok Stendal, SV Thale und Anhalt Dessau vielleicht auch noch. Doch danach begann er, der Pulk (unbekannter) Berliner Mannschaften. Insgesamt kamen zusammen mit Union 12 von 20 Mannschaften aus der Hauptstadt. Nimmt man die drei NOFV-Staffeln zusammen kamen 20 der insgesamt 56 Mannschaften aus Berlin. In der dritten Liga!

Um sich eine Vorstellung von der Attraktivität der Gegnerschaft zu machen eine Liste: Hertha BSC II, Türkiyemspor Berlin, VfB Lichterfelde, Hertha 03 Zehlendorf, Türkspor Berlin, Marathon 02 Berlin, SC Charlottenburg, Blau-Weiß 90 Berlin II, SC Gatow, FV Wannsee, BSV Spindlersfeld, SV Lichtenberg 47. Irre Liste. In der Saison spielte man gegen Berlin und manchmal auch nicht. Hätte man in Berlin gewohnt, hätte es fast keinen Unterschied gemacht zum Wohnen in Cottbus.

Sportlich kann ich mich an die Hinserie 1991/1992 kaum erinnern. Dem angesprochenen 7:0 in Lichtenberg folgten noch zwei weitere Siege, bevor man in Dessau und bei Türkiyemspor mit Niederlagen auf den Boden der Tatsachen zurück geholt wurde. Es folgte ein Sieg gegen Charlottenburg, bevor Eisern Union nach Cottbus kam. Sehen wollten das Spiel trotzdem nur 1.400 Zuschauer. Nachdem es in den Vorjahren eigentlich nur selten Duelle gegeneinander gab (so ich mich recht erinnere) entwickelte sich in den Nachwendejahren so etwas ähnliches wie Rivalität. Der Auftakt dazu verlief unspektakulär und unerfolgreich. 0:2. Etwas, was in den Folgejahren typisch sein sollte. Energie spielte immer irgendwie oben mit in der Tabelle, aber für ganz oben reichte es – völlig zurecht- nie.

Der Rest der Hinrunde verlief vor im Schnitt etwa 1.000 Zuschauern irgendwo zwischen belanglos und leicht deprimierend. Niederlagen in Magdeburg, Zehlendorf und bei Marathon 02 Berlin, ein Heimunentschieden gegen den SC Gatow. Dazu ein paar mehr oder weniger überzeugende Siege. Keine Ahnung für welchen Tabellenplatz das reichte. Es wird irgendwas zwischen Platz 3 und 5 mit gewaltigem Abstand auf Tabellenführer Union gewesen sein.

Und nicht nur die Liga war neu, auch die Mannschaft war mit viel regionalem Background neu zusammengewürfelt worden. Trainiert weiterhin von Hans-Jürgen Stenzel, der erst zum Ende der letzten Saison verpflichtet wurde, scharten sich um die bekannteren Frank ‚Toni‘ Lehmann, Ingo Schneider, Frank Pohland und Volkmar Kuhlee auch viele unbekannte Namen, die teilweise dem eigenen Nachwuchs entsprangen.

Aber ja, es war wie gesagt alles eher nichtssagend. Es gab keinen Zündfunken an dieser Saison. Depremierende Zuschauerzahlen, sportlich im Niemandsland. Energie Cottbus war da angekommen, wo es sportlich nach dem Abstieg aus der Oberliga hingehörte. Dass dies kein böser Traum, kein Missverständnis, sondern nachhaltig real war, das dämmerte erst in dieser Saison so richtig. Eine Saison, die als einzigen Vorteil den freien Zugang zur überdachten Sitzplatztribüne bot, die noch zu DDR-Zeiten für Normalsterbliche unerreichbar war. Nun ja, es gibt sicherlich wichtigere Vorteile..

Es war dann auch nicht zufällig dieses Jahr, in dem ich begann, mich etwas intensiver für die Bundesliga zu interessieren. Es war das Jahr des unglaublich spannenden Zweikampfs zwischen Eintracht Frankfurt, Borussia Dortmund und VfB Stuttgart und ein bisschen verlor ich mein Herz an Spieler wie Stéphane Chapuisat und Flemming Povlsen und an Schwarz-Gelb. Es dürfte wohl vielen Neubundesbürgern in dieser Zeit so gegangen sein, dass sie in diesem Jahr Clubs aus den alten Bundesländern für sich entdeckten. Nebenbei erregte aber auch der aufopferungsvolle Kampf der Dynamos aus Dresden gegen den Abstieg aus der Bundesliga mein Interesse, wenn auch nicht mein allergrößtes.

An die zweite Bundesliga kann ich mich schon fast gar nicht mehr erinnern. Zweigeteilt war sie und der Modus war nicht wirklich zu verstehen. Es gab dann später im Jahr Aufstiegs- und Abstiegsrunde und viel, viel Kampf um die Existenz, denn unterhalb der zweiten Liga kam (siehe oben) das große Nichts. In meiner Erinnerung war diese Zweitligasaison ein böses Gehaue und Gesteche mit wenig Fußball. Vermutlich resultiert aus jenen Tagen der lange gepflegte Ruf, dass die zweite Liga eine Klopperliga sei.

Mein Interesse an Fußballclubsclubs begann sich also in der Trostlosigkeit der Amateur-Oberliga ein wenig umzuverteilen, sodass sich die Dortmunder Borussia ein wenig als TV-Favorit herausschälte. Nicht, dass ich mit meinem Cottbuser Club beim Abstieg in die Fußballniederungen gebrochen hätte. Ganz und gar nicht. Aber die Euphorie war vorerst weg, der Weg nun ein ziemlich amateurhaft fußballpuristischer. Wenn man mich fragen würde, was denn in der Hinrunde 1991/1992 in Cottbus beim Fußball für Wetter war, dann würde ich behaupten, dass es bei den Spielen bei acht, neun Grad immer leicht geregnet hat. Was natürlich nicht stimmt, was aber tatsächlich mein Bild von Spielbesuchen jener Zeit ist. Irgendwie bezeichnend.

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2 Gedanken zu „Kein Erwachen aus dem bösem Traum“

  1. Das erinnert mich irgendwie an Dynamo Dresden nach dem Lizenzentzug. Angekommen in der Bedeutungslosigkeit hoffte ich jedes Jahr, dass mein Verein da schnellstmöglich wieder heraus finden würde. Doch es kam sogar noch schlimmer, als 2000 nicht einmal die zusammengefasst Regionalliga erreicht wurde und es auf einmal neue Gegner a la Eintracht Sondershausen gab (und die sogar noch gegen uns gewannen…).
    Aber so richtig zu Energie zurückgefunden hast du nicht mehr, obwohl die doch inzwischen der Nachwendeverein des Ostens sind?!

  2. Naja, ich blieb noch ziemlich lange mit Energie. Es war nicht mehr so euphorisch wie zuvor, aber es war trotzdem mein fußballerisches Zuhause. Nicht mehr Fanblock und Fanclub, sondern eher Sitzplatztribüne. Aber weiterhin mitfiebernd. Immerhin noch bis 1997, also bis zu jenem Jahr als DFB-Pokalfinale und Zweitligaaufstieg anfielen. Das hab ich noch mitgemacht, danach war ich raus. Aber dazu dann in fünf Jahren an dieser Stelle mehr. 😉

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