Tim Thoelke: „Am Ende mache ich das, was ich immer mache.“

Als RB Leipzig im vergangenen Juli Tim Thoelke zum neuen Stadionsprecher ernannte, wurde dies allgemein als Überraschung empfunden. Handelte es sich doch um jenen Tim Thoelke, der sich bis dahin vor allem über den Szene Club Ilses Erika einen Namen gemacht hatte und als Moderator seinen Ruf via Leipzig Fernsehen [broken Link] und Moritzbastei festigte. Mit Fußball hätte man ihn damals spontan nicht unbedingt in Verbindung gebracht, schon gar nicht mit RB Leipzig. Seit jenem Tag im Juli stand Tim Thoelke auf meiner höchst geheimen Interviewwunschliste, weil ich wissen wollte, was einen wie ihn, einen also aus der sogenannten ‚Szene‘ in die Red Bull Arena verschlagen hat und wie es ihm dort geht. Inmitten des Januars nahm er sich die Zeit, um für mich nach einem halben Jahr RB Leipzig eine Art Zwischenbilanz zu ziehen. Tim Thoelke über seinen Weg zum Stadionsprecher, seinen holprigen Start bei RB, seinen Wunsch nach leipzigspezifischen Fan-Ritualen, seine Fußballvergangenheit, die Musik, die Moderation, Leipzig, den Spagat zwischen Massenkultur bei RB und Subkultur in Ilses Erika und Moritzbastei, sein Vereinshymnen-Angebot an Sebastian Krumbiegel und einiges mehr.

Wie kam es denn dazu, dass Du Stadionsprecher bzw. wie es offiziell heißt Stadionmoderator geworden bist?

Das passierte in der Sommerpause, circa zwei Wochen vor dem Wolfsburg-Spiel. Es ist ja allgemein bekannt, dass RB auch gern mal neue Wege geht. Man kannte mich durch die Sachen, die ich für Leipzig Fernsehen mache und über die Show „Riskier Dein Bier!“. Das hat sich mal jemand angesehen, und sie fanden es interessant, was ich für eine Ausstrahlung habe und wie ich eine Moderation angehe. Sie wollten es auch nicht ganz so klassisch haben, sondern jemanden, der eher aus der Unterhaltung kommt. Einer, der mit dem Fußball noch gar nicht so viel zu tun hat und es von seiner Seite angeht. Keiner, der schon ewig Fan ist und dann dort im Trikot steht. Da ich sowieso fußballaffin bin, fiel mir das auch relativ leicht, obwohl ich mich vorher mit dem Thema vierte Liga noch nicht so intensiv beschäftigt hatte.

Wie lief denn der Start?

Ich wurde im Spiel gegen den VfL Wolfsburg direkt ins kalte Wasser geworfen. Das war ein sehr turbulenter, chaotischer Tag. Das galt für den ganzen Verein. Alle waren nervös, das Spiel für keinen normal. Ich hatte vorher noch einige Moderationen und wusste wie gesagt erst zwei Wochen vorher, dass ich den Job machen würde. Und dann ging natürlich manches schief. Zum Beispiel gehe ich auf das Spielfeld und begrüße die Leute und werde sofort ausgepfiffen. Das lag daran, dass im gleichen Moment die Wolfsburger aufs Spielfeld kamen. Heute achte ich natürlich darauf und mache keine Moderation, wenn der Gegner aufläuft. Damals habe ich darauf noch nicht geachtet und im ersten Moment gedacht, dass das ganz viele Fans vom alten Sprecher sind, die mich nicht sehen wollen. Du sagst zum ersten Mal was durchs Mikrofon und alles pfeift.

Klingt wie bei der versteckten Kamera.

Ja, so ein bisschen. War ganz schön, gleich so in die Vollen zu gehen. Aber im Nachhinein würde ich es anders machen. Da würde ich vorher ins Stadion gehen und mich in Ruhe intensiv mit der ganzen Technik vertraut machen, bevor ich mich vor 30.000 Leute stelle. Das war vielleicht keine sehr kluge Idee.

„Glücklicherweise“ hat die Stadiontechnik die Lautstärke herunterreguliert, sodass man Dich kaum verstanden hat.

Wir arbeiten bis heute daran, dass sich die Situation verbessert, und ich glaube, dass man es inzwischen schon sehr viel besser verstehen kann als noch am Anfang. Wobei das auch immer davon abhängt, wo man jetzt im Stadion ist. Aber am Anfang war das eine totale Katastrophe. Ich habe von allen Seiten nur Kauderwelsch von meiner eigenen Stimme gehört, das hat mich wirklich irre gemacht. Aber mittlerweile haben wir das alles einigermaßen im Griff.

 

„Ich hatte keine Lust, mich total zu verbiegen.“

 

Warum heißt es eigentlich offiziell Stadionmoderator?

Es heißt deswegen so, weil ich ja tatsächlich Sachen mache, die über die klassischen Aufgaben eines Stadionsprechers hinausgehen, Interviews z.B. Das wollen wir sogar noch ausbauen. Deswegen finde ich es eigentlich ganz schön, dass es diesen Begriff Stadionmoderator gab, weil ich den Stadionsprecher als reinen Ansager verstehe, der den Spielstand ansagt und die Mannschaften.

Als der Anruf vom Verein kam, was hast Du da als Erstes gedacht?

Ich habe mich natürlich gefreut über den Anruf. Klar, man freut sich immer, wenn man ein Angebot bekommt. Gerade von einem in einer Stadt wie Leipzig sehr wichtigen Verein. Trotzdem gehe ich bei so etwas nicht gleich total euphorisch und blind rein. Ich wollte mich auf jeden Fall erst mal in Ruhe mit dem Verein treffen und gucken, was der überhaupt erwartet. Ich hatte keine Lust, mich total zu verbiegen. Ich wollte beispielsweise von Anfang an nicht den Animateur spielen, mir ein lustiges Hütchen aufsetzen und im Trikot moderieren, obwohl ich das sonst im Anzug mache. Dafür wäre ich vermutlich auch gar nicht der am besten geeignete Mann gewesen. Glücklicherweise war es bereits im ersten Gespräch so, dass gesagt wurde: „Bitte bleibe so, wie Du bist. Verändere Dich möglichst gar nicht, denn wir wollen genau den Charakter haben, den Du hast.“ Von RB-Seite war also die Grundvoraussetzung, dass ich mich nicht verändere, ich z.B. weiter mit Krawatte und Sakko herumlaufen kann. Das hat es natürlich für mich super einfach gemacht.

Gab es auch Leute in Deinem Umfeld, die Dir geraten haben, die Finger von dem Job zu lassen?

Das nicht unbedingt, weil ich auch keine Die-Hard-Chemie- oder Lok-Fans in meinem Umfeld habe. Aber es gab doch Leute, die das nicht so toll fanden und die dann gesagt haben: „Mein Gott, was hat der denn jetzt mit dem Verein zu tun, der ist doch eigentlich so voll Szene.“ Das hat sich aber auch ganz schnell wieder gelegt, und es waren auch nur ganz wenige Stimmen. Eigentlich haben sich fast alle gefreut. Erstens, weil sie dadurch mal jemanden kannten, der was bei RB macht. Und zweitens fanden fast alle die Idee ganz interessant, dass jemand wie ich, der vorher etwas ganz anderes gemacht hat und eigentlich eher aus der Musikszene kommt, dort Stadionmoderator wird.

Als Du angefangen hast, gab es ja im Netz von Seiten der Fans relativ viel Kritik. Hast Du das mitgekriegt?

Ich habe mir in den ersten drei Monaten fast nichts angeguckt im Internet. Ich wollte erst einmal für mich selber ein paar Sachen ausprobieren, ohne von Anfang an gleich wieder total beeinflusst zu sein von ganz vielen Meinungen. Am wichtigsten war mir, dass der Verein hinter mir steht. Und die haben auch gleich gesagt, dass ich erst einmal machen kann, was ich will. Trotzdem habe ich z.B. auf meiner Facebook-Seite auch mitbekommen, dass es negative Stimmen gab. Aber es gab auch schnell positive Stimmen. Die einen haben Wünsche, die sie gerne noch erfüllt hätten. Und die anderen sagen wiederum, dass es total super ist, so wie es ist. Ich weiß, Fußball ist eine sehr ernste Geschichte, viel ernster, als ich gedacht hätte. Ist ja auch klar, es geht ja schließlich um Emotionen, sodass gerade die Fans, die viel Zeit in den Club investieren, total allergisch reagieren, wenn dort Sachen passieren, die sie sich anders vorgestellt haben oder die vorher anders waren. Aber mittlerweile hat sich das alles wieder einigermaßen eingerenkt.

Gab es denn mal einen direkten Austausch mit Fans?

Am Anfang wurden die Fanclubs vom Verein angeschrieben. Da kamen aber nur drei. Die hatten auch sehr eigene Vorstellungen. Bei einigen habe ich gesagt, dass ich die nicht so gerne umsetzen möchte. Mittlerweile sind wir aber alle auf einem Wohlfühlniveau. Ich gehe auch regelmäßig in die Kurve rein und mach dort Interviews oder quatsche mit den Fans. Und wie gesagt, über Facebook kriege ich auch Meinungen und Anregungen. Wenn mich jemand erreichen will, dann ist das gar kein Problem, entweder über das Internet oder direkt über den Verein.

 

„Ich fühle mich sehr wohl im Stadion.“

 

Wie läuft denn so eine Woche mit Heimspiel? Wie bereitest Du Dich darauf vor? Wie läuft der Austausch mit dem Verein?

Ich stürze mich zuerst einmal auf die Informationen, die für alle zugänglich sind, gucke also auf der Vereinshomepage, was passiert oder wer verletzt ist. Ich kriege die Spieleraufstellung oder interne Informationen z.B. über Transfers auch nicht früher als andere. Das ist okay so, weil ich das auch nicht eher wissen muss als alle anderen. Dann wird unter der Woche meist festgelegt, wer mein Interviewpartner wird. Das heißt, auf den bereite ich mich noch mal speziell vor.

Und am Spieltag selbst?

Am Spieltag selbst bin ich relativ früh im Stadion. Das heißt, bevor das Stadion öffnet, denn dann mache ich noch mal einen Soundcheck. Es klappt zwar eigentlich immer alles, aber man muss es trotzdem machen. Das heißt, ich bin um 10 Uhr da. Um 11 Uhr werden die Sky-Boxen aufgemacht. Um 11.30 Uhr kommen dann die Leute rein. Ich habe also eine Stunde Zeit, Musik auszuprobieren und mal durchs Mikrofon zu sprechen, damit der Tontechniker verschiedene Bereiche der Anlage und Lautstärken testen kann. Dann habe ich eine Phase, in der ich nicht viel zu tun habe, denn ich bin zu der Zeit so gut vorbereitet, dass ich schon genau weiß, was ich später mit den Leuten machen will.

Und dann geht es ziemlich schnell auf das Spiel zu.

An Tagen, an denen das Spiel 13.30 Uhr losgeht, ist die erste Moderation gegen 12.50 Uhr. Wir wollen natürlich, dass die Leute möglichst früh kommen, um Staus zu vermeiden, und natürlich, weil wir wollen, dass möglichst viele mitkriegen, was wir uns in den einzelnen Moderationsblöcken so überlegt haben. Meistens ist es ja so, dass die Leute so ziemlich auf den letzten Drücker kommen, und da wir die Moderation nicht vor nur 100 Leuten machen wollen, fangen wir gegen 12.50 Uhr mit der ersten Moderation an. Und dann bin ich tatsächlich bis zum Ende des Spiels ununterbrochen unterwegs und habe minütlich was zu tun. Das sind nicht immer Sachen, die jeder sieht. Ich muss zum Beispiel Wege im Stadion zurücklegen, die nicht ganz ohne sind. Wenn ich von ganz oben, von der Pressetribüne, runtermuss, dann muss ich, wie jeder andere auch, die ganz normalen Wege nutzen. Das dauert dann eben, vor allem, wenn jemand mit einer Kamera auf der Schulter hinter dir herkommen muss. Ich muss mich natürlich dann noch im Detail mit den Spielernamen des Gegners auseinandersetzen, da ich die Spielaufstellung auch erst kurz vor Spielbeginn erfahre. Dann spreche ich mich noch mal mit dem Betreuer vom Gegner ab und lese ihm alle Namen noch einmal laut vor, damit definitiv auch alle Namen korrekt ausgesprochen werden. Das ist schon aus Respekt der Mannschaft gegenüber wichtig. Und manchmal ist die korrekte Aussprache gar nicht so einfach, denn die Spieler kommen ja inzwischen aus aller Herren Länder. Damit bin ich also beschäftigt, bevor die ganzen festen Rituale kommen, wie das Vorstellen der Mannschaft und so.

Was machst Du während des Spiels?

Da sitze ich die ganze Zeit am Spielfeldrand. So habe ich den besten Kontakt zum Trainer und zum Trainerstab der gegnerischen Mannschaft. Ich muss ja wissen, wie die Ein- und Auswechslungen sind. Und auch sonst bekommt man unten alles am schnellsten und direktesten mit, deswegen würde es keinen Sinn machen, oben in der Regie zu sitzen. Wenn das Spiel zu Ende ist, mache ich manchmal noch ein Abschlussinterview oder noch etwas, das wir nur fürs Internet nutzen, ein kleines Statement oder Ähnliches. Und dann habe ich Feierabend. Dann gucke ich mir die Pressekonferenz an, gehe nach oben und esse unter Umständen noch etwas. Manchmal muss ich aber auch los, weil ich abends noch Platten auflege.

Wenn das Spiel am Sonntag ist, gehst Du dann auch manchmal samstags Platten auflegen?

Das geht nicht. Dann wäre ich zu matschig, das kann ich nicht machen.

Erzähl doch mal was zu den Interviews, die Du führst.

Neben dem Halbzeitgespräch habe ich vor dem Spiel drei Moderationen. Die Anfangsmoderation ist immer ohne Interview, jedesmal aus einer anderen Ecke des Stadions. Da begrüße ich die Zuschauer und zeige meistens noch einen Blick ins Stadion, der den meisten verwehrt bleibt, also zum Beispiel aus der Regie oder aus dem Raum der Greenkeeper. Dann habe ich als zweite Moderation immer die Experten vom Fanradio im Interview, da reden wir natürlich über das letzte Auswärtsspiel, die Entwicklung der Mannschaft und den Gegner. Die dritte Moderation ist immer anders, entweder ich interviewe einen Otto Normalbürger, also einen Fan oder auch jemanden, der im Stadion am Kiosk arbeitet oder eben, wenn ich einen kriegen kann, einen Promi der auch ins Stadion geht, wie z.B. Sebastian Krumbiegel. Das letzte Interview führe ich dann in der Halbzeitpause, wo ich ja meistens noch mit einem Spieler, der verletzt ist rede oder mit einem Verantwortlichen oder auch schon mal mit dem Oberbürgermeister. Bei den Spielern muss ich vorher schon noch mal gucken, wer das ist und was der für eine Verletzung hat, damit ich nicht die falsche Frage stelle. Für den Interviewpartner in der Halbzeitpause suche ich auch immer noch ein Lied raus. Das passt mal mehr, mal weniger gut, aber ich finde es ganz schön, für den Gast noch mal eine entsprechende Musik zu finden und z.B. beim Bürgermeister Burkhard Jung „König von Deutschland“ von Rio Reiser zu spielen. Ein paar Leute finden es lustig, die meisten kriegen so was aber bei dem ganzen Trubel gar nicht mit, was aber auch nicht weiter wild ist. Manche Sachen sind aber auch sehr offensichtlich, wie z.B. dass man zu Weihnachten „Last Christmas“ spielt oder Ähnliches.

Du hast gesagt, dass es ein bisschen in Deinem Verantwortungsbereich liegt, Dir Interviews auszusuchen. War das beim Augsburg-Spiel mit den Poetry Slammern vom Team Totale Zerstörung auch so?

Das war eine spontane Geschichte. Die habe ich zufällig gesehen und vorher gehört, dass sie Deutscher Meister geworden sind. Das wollte ich unbedingt noch mit reinbringen. Warum auch nicht so ein ganz kurzes Interview mit Kulturschaffenden? Deutscher Meister musst Du erst mal werden, auch in punkto Kultur. Ich hab mir so eine deutsche Meisterschaft im Poetry Slam mal angeguckt, da machen Hunderte Leute mit, und die sind alle super. Von daher ist das schon eine tolle Sache, dass da zwei Leipziger den Titel geholt haben. Bei den Interviews mit Leuten, die nicht zum Verein gehören, geht es mir ja auch immer darum, rauszukriegen, ob das jetzt schon richtige Fans sind oder ob sie nur bei diesem einen Spiel hereinschauen. Ich finde das ganz interessant, da mal nachzubohren.

Sind spontane Interviews eher die Ausnahme?

Ja. Auf die meisten Interviewpartner habe ich keinen Einfluss, weil das der Verein organisiert. Es gibt auch Spieler, die wollen das grundsätzlich nicht, z.B. weil sie schlecht drauf sind und mit ihren Verletzungen hadern. Das ist ja auch verständlich. Es kann aber auch immer mal passieren, dass ich mir einfach irgendjemanden aus dem Publikum schnappe. Wobei das gar nicht so einfach ist: Beim 96-Spiel, als so viele Karten an Kindergärten verteilt wurden, habe ich mir z.B. gedacht, dass ich ein paar Kinder interviewe. Aber da musst du erst mal welche finde, die auch mitmachen, und dann müssen die Eltern auch noch einverstanden sein. Nachdem ich gegen 96 ein Kind gefunden hatte, habe ich abgesprochen, den Jungen zu fragen, wer sein Lieblingsspieler sei. Als wir dann „on Air“ sind, frag ich ihn mit dem Mikro: „Wer ist dein Lieblingsspieler?“, und er versteckt sein Gesicht sofort völlig verschreckt hinter seinem Arm und steckt sich im nächsten Moment eine Riesenportion Pommes in den Mund. Da dachte ich: „Super, das läuft ja spitze!“. Im Endeffekt war es aber doch niedlich und er hat mir wenigstens noch seinen Lieblingsverein verraten. Vorher war das Kind voller Power, doch sobald der gehört hat, das geht jetzt über die Anlage, war es vorbei. Von daher, bei spontanen Interviews kann es durchaus auch mal schwierig werden. Das kommt natürlich auch bei Erwachsenen vor.

Vorhin meintest Du, dass Du für Deine Halbzeitgäste Musik spielen würdest. Ist die komplette Halbzeitmusik auf Deinem Mist gewachsen?

Ich mache die ganze Musik im Stadion. Das hat sich für mich natürlich angeboten, weil ich erstens leidenschaftlicher Musikliebhaber und zweitens seit vielen Jahren DJ bin. Als ich gefragt wurde, ob ich mich um die Musik kümmern kann, habe ich gleich zugesagt. Und ich freue mich natürlich, wenn ich da stehe und es läuft nicht – ich hoffe, ich mache mich jetzt nicht unbeliebt – DJ Ötzi oder Andrea Berg. Denn ich finde, das passt einfach nicht zu RB Leipzig. Ich finde es wichtig, dass, die Musik bei RB auch ein bisschen cool ist. Da habe ich von Anfang an gute Resonanzen bekommen, über die ich mich natürlich sehr freue. Auch Torhymne und Einlaufmusik haben wir geändert.

Sind Einlaufmusik und Torhymne auch auf Deinem Mist gewachsen?

Ja. Von Vereinsseite kam als Vorschalg für die Einlaufmusik zuerst die Titelmelodie von „Ben Hur“. Die hat mir persönlich nicht gefallen. Die kam irgendwie nicht so richtig aus dem Knick. Ich möchte gerne, dass wenn die Spieler auf das Feld laufen, es dann auch gladiatorenartig losgeht und die Gänsehaut kommt. Und das ist bei mir bei dem Stück nicht passiert. Deswegen habe ich seit vier, fünf Spielen die neue Einlaufmusik durchgesetzt. Die kommt auch vom Timing her exakt hin. Also wenn ich dann sage „Jetzt geht es los, Rote Bullen …“, und die Spieler kommen aufs Feld, dann kommt es immer ungefähr hin, dass die Musik mit dem Anpfiff vorbei ist. Und sie baut sich auch perfekt auf. Die Musik ist aus dem Soundtrack von „Rocky I“. Aber man erkennt nicht sofort das klassische Rocky-Motiv. Das ist etwas versteckter, das ist so eine orchestrale Variante des Motivs. Damit bin sehr zufrieden. Und mit der Torhymne bin ich sowieso sehr glücklich, James Browns Musik ist ja immer ein Grund zum Feiern. Und „I Got You (I Feel Good)“ passt ja auch textlich sehr gut. Man kann bei den Spielen mit Musik auch noch mehr machen, aber da sind wir im Moment noch nicht so weit. Z.B. wäre es sicherlich schön, für bestimmte Spieler bestimmte Torhymnen zu haben und, und, und. Man sollte so etwas aber nicht über das Knie brechen, sonst kann es schnell albern und übermotiviert wirken.

Wo siehst Du Dich denn gerade in Bezug auf Deine Stadionmoderation? Wie würdest Du die Situation nach einem halben Jahr einschätzen?

Es macht mittlerweile viel Spaß, und ich bin sehr froh, dass ich das vor einem halben Jahr angenommen habe. Wir schöpfen die Möglichkeiten, die wir haben, inzwischen sehr schön aus, und ich fühle mich sehr wohl im Stadion, sowohl technisch als auch von den Leuten her. Und wir haben noch viele Ideen, noch mehr daraus zu machen. Wann wir das umsetzen und wie genau, das müssen wir noch sehen. Ich glaube trotzdem, dass wir schon auf einem sehr hohen Niveau arbeiten. Ich denke, wir haben die interessanteste Moderation in der vierten Liga. Was gar nicht so viel mit meiner Person zu tun hat, sondern damit, dass wir so viel vorneweg machen. Das ist schon eher ungewöhnlich. Von daher bin ich im Moment ganz zufrieden auch wenn der Anfang ziemlich holprig war.

 

„Es wäre toll, wenn wir wenigstens ein, zwei eigene Rituale hätten.“

 

Mal zu konkreten Kritiken: Eine Kritik der Fans am Anfang war ja, dass Du beim Ansagen der Namen immer noch den Nachnamen mitgesprochen hast.

Die Idee kam im konkreten Fall gar nicht von mir, aber ich habe sie mitgetragen, dass man bei dem Ansagen der Mannschaftsaufstellung die Nachnamen mit ansagt. Es hieß im Vorfeld, dass viele Leute die Nachnamen gar nicht kennen, dass das Rufen der Nachnamen beim alten Stadionsprecher nicht gut funktioniert habe und dass es blöd ist, wenn man sagt Daniel … und dann passiert nichts. Das habe ich aber eigentlich von Anfang an gar nicht so erfahren und mittlerweile hat sich das von den Fans her total geil entwickelt. Die sind inzwischen megalaut, und dadurch, dass die Saison auch so toll läuft und der Pokal so gut gelaufen ist, haben wir dort auch viel mehr Leute, als wir ursprünglich erwartet hätten. Und die kennen mittlerweile natürlich auch alle Namen und jetzt macht es natürlich richtig Spaß, nur den Vornamen zu sagen, weil dann eine Wand kommt, und zwar auch aus Block A. Klar, dass die in Block B alle wissen wie es funktioniert, aber auch der ganz normale Zuschauer in Block A kennt mittlerweile die Namen und macht mit.

Eine andere Kritik bezieht sich darauf, dass Du beim Torritual am Ende immer „Danke schön“ sagst und nicht „Danke“.

Ich habe am Anfang gedacht, dass solche Sachen von alleine funktionieren. Dass es praktisch ganz schnell geht. Dass man beim ersten Tor „Danke schön“ sagt, und beim zweiten wissen die Fans schon, dass sie „Bitte schön“ rufen sollen. So ungefähr. Das ist natürlich ein Trugschluss gewesen. Es ist scheinbar noch nicht durchgedrungen, dass ich versuche zu provozieren, dass die Fans bei den Toren dann „Bitte schön“ rufen. Es wäre irgendwie schon toll, wenn wir wenigstens ein, zwei Rituale im Stadion hätten, die anders sind als in München, Dortmund und, und, und. Wenn das Ritual mit „Danke schön, Bitte schön“ wirklich auf Dauer nicht klappt, dann können wir das natürlich auch weglassen. Aber ich fände es schön, wenn es hier nicht wie überall wäre. Wenn wir jetzt in den frühen Vereinsjahren nicht anfangen, uns irgendwelche schicken Rituale aufzubauen, wann dann? Wir können ja nicht erst mal alles so machen wie alle anderen und uns in zehn Jahren überlegen, dass wir jetzt Sachen anders machen.

Ist es schwierig, Fußballfans neue Rituale und Gewohnheiten beibringen zu wollen?

Wir wollten eigentlich noch viel kompliziertere Sachen machen. Ich hätte ja richtig Bock gehabt auf von mir aus auch „Da-da-da-da-danke schön“ oder so was, und dann sagen die „Bi-bi-bi-bi-bitte schön“ oder so. Da hätte man sich bei jedem einzelnen Ding was Neues ausdenken können. Das funktioniert so natürlich nicht. Mittlerweile machen wir schon fast wieder alles so wie in allen Stadien auch. Bei manchen Sachen ist es super, dass es so passiert ist wie beim Rufen der Nachnamen. Aber bei anderen Sachen halte ich noch an Veränderungen fest, wie z.B. beim „Danke schön, Bitte schön“. Es gibt so Kleinigkeiten, wo ich gedacht habe, dass ich die Leute viel schneller dazu kriege, dass sie was ganz Bestimmtes mitmachen. Das war vielleicht falsch gedacht. Im kleinen Rahmen kriegst du das ja ganz leicht hin. Wenn du eine volle Moritzbastei hast, und da sitzen 150 Leute, und dann sagst du, dass wir jetzt mal das und das so oder so machen, dann machen die das. Und das funktioniert dann den ganzen Abend über. Und das geht im Stadion nicht.

Aber beim Wechselgesang hat das ja auch gut funktioniert im Kiel-Spiel.

Oh ja, das hat super funktioniert, aber das ist eben auch eine Choreographie, die sehr naheliegt. Wäre klasse, wenn wir das mal wiederholen könnten, dafür muss aber auch Block C auf sein.

 

„Ich bin in dem halben Jahr schon zu einem totalen RB-Fan mutiert.“

 

Du hast ja vorhin schon erzählt, dass Du Dich in der vierten Liga nicht wirklich auskanntest. Wie sieht es denn aus mit Deiner generellen Fußballaffinität? Was hat Fußball bisher für Dich für eine Rolle gespielt?

Ich komme ursprünglich aus Hannover, da bin ich hin und wieder mal ins Stadion gegangen. Als Kiddy war ich mal Schalke-Fan, warum, weiß ich nicht. Weiß wahrscheinlich kaum noch jemand, warum er als Kiddy mal Fan von irgendwas war. Das sind dann die Vereine gewesen, die man auch immer in der Sportschau beobachten konnte. Und ich glaube, dass ich schon, als ich klein war, aus irgendwelchen Gründen dieses Arbeiterverein-Ding ansprechend fand.

Da bist Du jetzt aber in einer ganz anderen Ecke gelandet...

Ja, natürlich. Andererseits spielen wir vierte Liga. Für eine große Stadt wie diese ist es immer noch so, dass man, wenn man sich mit Leuten aus anderen Städten unterhält, als kleiner Verein gesehen wird. Ich hatte neulich ein Gespräch mit jemandem aus Dortmund, der meinte auch: „Ja toll, RB und so.“ Ich hab gesagt: „Du hast gut reden, Du kommst aus Dortmund, hast dort seit x Jahren einen der erfolgreichsten Fußballvereine, da setzt Du Dich auf ein so hohes Ross? Wenn Du in Leipzig wohnen würdest, wärst Du der Erste, der bei uns im Stadion ist.“ Die Situation in Leipzig ist, wie sie ist, und du kannst dir in Leipzig nirgendwo schöneren Fußball ansehen als bei RB. Also.

Du hast gesagt, dass Du ab und zu bei Hannover 96 warst. Da warst Du aber nicht so extrem involviert?

Nee, überhaupt nicht. Ich war, als die dritte Liga gespielt haben, relativ häufig dort, weil es auch nur fünf Mark gekostet hat und man dann dort ein Bierchen getrunken hat mit seinen Kumpels. Ich könnte Dir aber nicht mehr als zwei oder drei Spieler von der Mannschaft aufzählen. Ich bin ein absoluter Schönwetterfan gewesen. Ich kenne aber sehr viele Leute in Hannover, die regelmäßig ins Stadion gehen. Es ist auch ein Wahnsinnsthema in Hannover. Wenn wir da mal hinkommen würden mit RB, das wäre ein Traum. In Hannover ist es mittlerweile so, dass wirklich jede Oma eine Fahne raushängt, wenn 96 spielt.

Also ich kenne Leute, die sich eher darüber beschweren als freuen.

Ja, das kann sein, aber ich finde es schön. Es ist Spieltag, und in jeder Kneipe wird das gezeigt, alle Kneipen sind voll, das Stadion ist eh ausverkauft, und wirklich jeder redet darüber. Das ist schon irgendwie geil. Ich war auch mal auf Schalke, und da war es ähnlich. Da stehen die Uhren still, wenn Spiel ist. Es ist grandios, wenn das so funktioniert. Ich will nicht sagen, dass da das Geschäftsleben zusammenbricht, aber tatsächlich gucken dort alle das Spiel. Da ist dann in der Innenstadt nichts los.

Ich habe gelesen, dass Du in Hannover mal an der Stadionhymne beteiligt warst.

Das war 2000, da gab es in einem Club in Hannover, vergleichbar mit dem Ilses Erika, einen Wettbewerb für eine Stadionhymne für Hannover 96. Die haben zu diesem Zeitpunkt immer Heino gespielt im Stadion, wenn die Fußballer aufliefen. Das hat natürlich einige Fans geärgert, gerade aus dem Punk- und Underground-Bereich. Da haben sich ganz viele Bands beteiligt, unter anderem auch ich. Und ich hab mit meinem Kumpel zusammen so einen Song geschrieben, der auf die große Masse abzielte, mit Chören und so. Eigentlich nichts, worauf ich sonderlich stolz wäre, aber es hat funktioniert und landete auf Platz 1 des Abends und wurde auch drei- oder viermal im Stadion gespielt. Leider war ich nie anwesend. Da es aber nur eine Initiative von bestimmten Fans war – Rote Kurve hießen die damals – hat sich das als Stadionhymne nicht durchgesetzt. Seit vielen, vielen Jahren heißt die Stadionhymne dort „Rote Liebe“. Und das Stück ist viel besser als das Stück, das ich gemacht habe. Auf jeden Fall gab es eine CD-Produktion als Preis. Wir haben dann in deren eigenem Studio an einem Tag das Stück aufgenommen. Und dann wurde es in 500er-Auflage auf CD gepresst und an die Fans verschenkt.

Wie ausgeprägt ist denn Dein Hang zum Fußball inzwischen?

Er spielt jetzt natürlich eine viel größere Rolle als je zuvor. Und ich bin auch in dem halben Jahr schon zu einem totalen RB-Fan mutiert. Heißt, ich fiebere mit und ziehe mir die ganzen News rein, und ich stehe auch eigentlich immer komplett die letzte Viertelstunde, weil ich dann nicht mehr sitzen kann. Dadurch, dass ich auch die Spieler und alle im Verein kennengelernt habe, ist es natürlich für mich noch viel krasser, weil ich nah dran bin. Das heißt, wenn einer, der früher für mich nur ein Abwehrspieler war, einen Ball durchlässt, dann weiß ich nun, wie sehr der sich darüber später ärgert. Und wenn ich den dann vielleicht noch nett finde, dann ist das schon was anderes. Du hängst einfach viel tiefer mit drin. Von daher hat Fußball für mich noch nie eine so große Rolle gespielt wie jetzt. Und inzwischen habe ich mich auch mit der vierten Liga intensiv auseinandergesetzt.

Hast Du auch einen Lieblingsspieler?

Ja, ich habe schon so meine Lieblingsspieler. Ich stehe eher auf den großen athletischen als auf den kleinen flinken Typ. Deswegen finde ich einen Hünen wie Stefan Kutschke schon gut. Oder Fabian Franke. Oder Timo Röttger, auch wenn der eher der bullige Typ ist. Oder Marcus Hoffmann, für den habe ich mich super gefreut, als er gegen Halberstadt den Anschluss erzielt hat. Manchmal sind es bei mir gar nicht so sehr die Daniel Frahns, also die Spieler, die am meisten gefeiert werden, weil sie das Tor schießen. Sondern ich kann mich auch sehr gut mit einem Abwehrspieler identifizieren. Ich bin tendenziell nicht so sehr für das filigrane Spiel, sondern eher für das „Kampfschwein“ zu haben. Das ist besonders beeindruckend, wenn du unten am Spielfeldrand sitzt, und die Spieler wirklich mal aufeinanderprallen. Wenn du direkt unten sitzt, dann siehst du auch die Athletik und was die Spieler eigentlich leisten.

Du hattest ja Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel am Rande eines Heimspiels gefragt, ob er mit Dir eine Vereinshymne für RB Leipzig aufnehmen möchte. Was ist draus geworden?

Er hat sich bisher nicht gemeldet bei mir. Aber wir kennen uns und wollten demnächst mal ein Bier zusammen trinken, da frage ich ihn noch mal. Das war auch eher eine spontane Idee, aber es liegt nahe, dass man einen der bekanntesten Musiker der Stadt fragt, ob er nicht musikalisch was für den größten Fußballverein der Stadt machen möchte. Und da ich weiß, dass Sebastian sowieso oft auf der Tribüne sitzt, warum also nicht? Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, wenn er Lust dazu hat, dass man sich zusammensetzt und was zusammen spinnt. Aber so etwas muss auch einfach passieren. Und ich weiß auch gar nicht, ob er Lust hat, etwas für einen Fußballverein zu machen. Es war eher eine spontane Idee.

Das Ganze ist also noch nicht im Projektstatus?

Nein, absolut nicht. Es war nur eine Idee. Vielleicht setzen wir uns irgendwann mal zusammen und machen was. Oder auch nicht.

 

„Ich bin froh, dass ich inzwischen mehr moderiere als auflege.“

 

Machen wir doch mal einen Schritt zurück in Deiner Biografie. Hast Du eigentlich irgendwas gelernt, eine Ausbildung gemacht oder so?

Ich habe Abitur gemacht und einen Führerschein, und dann habe ich angefangen, Anglistik und Soziologie zu studieren, habe das aber nie zu Ende gemacht. Damals war das ja noch was anderes, zu studieren. Damals hieß es, wenn man ein Magisterstudium macht, muss man eigentlich nicht hingehen, man kriegt trotzdem BAföG. Und das war natürlich angenehm. Man war versichert und konnte machen, was man wollte. Ich war dann auch ein paar Mal in der Uni, hab auch ein paar Scheine gemacht, so ist es nicht. Aber ich habe schon vor der Zwischenprüfung das Handtuch geworfen. Ich habe damals Musik gemacht und mit dem Kultur-Musik-Zirkus auch ein bisschen Geld verdient. Ich will nicht sagen, dass ich alles auf eine Karte gesetzt habe, schließlich kann man sich auch mit dreißig noch umentscheiden, aber es hat sich für mich auch immer etwas ergeben. In dem Bereich, in dem ich arbeite, gibt es ja auch eigentlich keine Ausbildung. Als Moderator nicht und als DJ sowieso nicht.

Wenn ich das richtig verstehe, dann war Hannover schon eher Musik und noch gar nicht so sehr Moderation?

Das mit der Moderation fing da schon an, aber es war eher ein Randgebiet. Ich habe vor allem Musik gemacht. Und dann hat mich mal jemand gefragt, ob ich nicht mal was moderieren wolle, da ich doch in einer Band spiele und immer vorne stehe. Das habe ich dann gemacht, und es hat auch funktioniert, aber dann war es lange Zeit kein Thema mehr. Das war mit dem Auflegen was anderes. Das habe ich einmal gemacht und war sofort Feuer und Flamme. Platten auflegen war für mich als Musiksammler großartig. Da bin ich voll eingestiegen und war sofort süchtig.

Wie kamst Du dann zum Moderieren?

Das ist mir tatsächlich eher zugefallen. Als ich vor zehn Jahren nach Leipzig gezogen bin, habe ich im Ilses Erika angefangen. Ich habe auf Veranstaltungen aufgelegt und sofort begonnen zu moderieren. Ich würde nicht sagen, dass es eine Grundvoraussetzung war für meine Einstellung in Ilses Erika, aber es war schon so, dass es diesen Dienstag in der Ilse gab, an dem Shows laufen sollten. Und da war dann ein Dienstag frei, und ich sollte den füllen. So kam ich dazu, eine Quizshow zu machen, aus der sich dann „Riskier dein Bier!“ entwickelt hat. In der Folge verlief das mit dem Plattenauflegen und dem Moderieren parallel. Irgendwann habe ich immer mehr moderiert und immer weniger Platten aufgelegt. Ich könnte natürlich noch mehr machen, aber das will ich nicht. Jetzt ist es so, dass ich drei Viertel moderiere und ein Viertel auflege. Das macht mir sehr viel Spaß, und ich bin auch froh, dass ich inzwischen mehr moderiere als auflege. Erstens bin ich dadurch ein bisschen aus dem Nachtleben raus, und zweitens kann ich viel mehr selektieren, was das Auflegen angeht. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn du Veranstaltungen beschallen musst, auf die du keine Lust hast.

Warum bist Du denn nach Leipzig gekommen?

Weil ich einfach mal eine andere Stadt kennenlernen wollte und nach Leipzig zog es mich eigentlich schon immer. Ich wollte schon in den Neunzigern herziehen, weil damals ein Freund von mir hergezogen war, der Chef vom Ilses Erika, ein Schulfreund von mir. Ich habe ihn früher regelmäßig besucht und fand die Stadt immer großartig. Ich konnte aber wegen der Band und auch aus privaten Gründen einfach nicht umziehen. 2002 habe ich dann beschlossen, dass ich das mit der Band auch mal sein lassen möchte. Es war eine schöne Zeit, aber ich hatte einfach keinen Bock mehr. Da hat sich für mich die Gelegenheit ergeben, irgendwo anders hinziehen zu können. Und da war sofort klar, dass ich nach Leipzig will. Und dann habe ich bei meinem Schulfreund angerufen und ihn gefragt, ob ich den Job noch haben kann, und als er Ja sagte, habe ich zwei Monate später hier gewohnt.

Was findest Du denn an Leipzig so großartig, wunderschön, oder warum ist es für Dich, wie Du in der Stadionmoderation beim Einlaufen der Spieler immer rufst „die schönste Stadt der Welt“?

Leipzig hat für mich eine tolle Größe. Es gibt Leute, die wollen in einer größeren oder in einer kleineren Stadt wohnen, aber für mich ist es optimal. Man kennt genug Leute, aber kann trotzdem noch anonym bleiben. Dann ist Leipzig als Stadt sehr schön. Ich komme aus Hannover, da ist 90 % zerbombt worden, und das ist wirklich fies, was da so rumsteht, und wenn du nach Leipzig kommst, ist das für dich wie eine Offenbarung. Dann ist es für mich hier im Osten die Kulturhochburg. Auch wenn man von Popkultur ausgeht. Das macht die Stadt natürlich für mich attraktiv, weil es viel gute Musik, Lesungen und Clubs gibt. Es gibt hier viele Studenten, das heißt, ich kann hier mit Moderieren und Auflegen viele Leute bespaßen. Und dann hast du in Leipzig den Vorteil, dass du hier noch Sachen machen kannst. In anderen Städten sind die Claims schon abgesteckter. Da hat schon jeder was x-mal gemacht, und da ist die etablierte Zeitschrift schon da und das Fanzine hier und der Club dort. In Leipzig gibt es noch eine Stimmung, in der du bei einer guten Idee Leute dazu kriegst, mitzuziehen und Sachen umzusetzen.

Warum eigentlich Tim Thoelke?

Das fing an mit der Quizshow im Ilses Erika. Ich fand es lustig und auch praktisch, mir dafür ein Pseudonym zu verpassen, weil ich mich auch ein bisschen von dem, was ich auflegetechnisch mache, abgrenzen wollte. Das eine ist Moderieren, das andere Auflegen. Und es gibt ja den berühmten Wim Thoelke, das war für mich der Quizmoderator schlechthin. Als ich klein war, durfte ich immer noch „Der große Preis“ gucken, nach dem Baden im Schlafanzug um 19.30 Uhr. Und danach ging es in die Heia. Da ich nun mal mit Vornamen Tim heiße, war das ein bisschen so ein Gag, sich Tim Thoelke zu nennen. Mittlerweile, nach den vielen Jahren, gibt es die Assoziation bei mir gar nicht mehr. Für mich ist das so etwas wie mein Name.

Aktuelle und abgelaufene Moderationsprojekte von Dir heißen „Riskier dein Bier!“, „Thoelkes Hausbesuch“, „Das Nachtgespräch“ oder „2 bis 1“. Denkst Du noch an neue Formate?

Ja, ich mache gerade neu bei Leipzig Fernsehen eine Art Late-Night-Show aus einem Imbiss mit dem Namen „Tim Thoelkes Nachtimbiss“. Eine Folge davon gibt es schon und ab sofort werden wir einmal monatlich eine neue Folge drehen. Ich habe da super viel Spaß dran, weil ich mich endlich mal an dieses Format Late-Night heranwagen wollte.

Um welchen Imbiss geht es bei deiner Late-Night-Show?

Das ist der Imbiss Curry Süd am Connewitzer Kreuz. Das ist ein ganz kleiner Schuppen, und ich gehe da so mit meiner Schürze hinter den Tresen und mache für meine Gesprächspartner Würstchen. Das finde ich sehr schön, denn schon die Location ist total super. Neben mir steht dann ein Musiker, der Jingles spielt. Das ist ein Konzept, das sich sicher noch sehr weit spinnen lässt.

Wenn man mal alles zusammen betrachtet, dann haben Deine Moderationsgeschichten schon eher anarchische Konzepte?

Ja, das stimmt. Das kann man natürlich wunderbar bei Leipzig Fernsehen machen. Das ginge woanders so sicher nicht unbedingt. Aber trotzdem ist es letztlich wie bei jedem anderen privaten Fernsehsender auch. Es muss am Ende immer jemanden geben, der das bezahlt. Das heißt natürlich auch, dass Sachen, die gar keiner sehen will, auch keiner braucht. Das Problem ist, dass man bei so einem lokalen Sender wie Leipzig Fernsehen die Quoten nur einmal im Jahr per Befragung ermittelt und man dabei nicht herausfindet, welche Sendung denn nun tatsächlich häufig gesehen wurde. Das kriegt man eher über die Onlineaktivitäten mit, also über die Seiten von Leipzig Fernsehen, die ziemlich gut besucht sind. Es gibt da das Sendungsarchiv, wo es z.B. alle Folgen von „Thoelkes Hausbesuch“ oder dem „Nachtgespräch“ aus der Südbrause gibt. Und das gucken sich dort sehr viele Leute an.

Wenn ich frei zu Deiner Person assoziieren müsste, würde mir zuerst Ilses Erika einfallen. Wenn ich zu RB frei assoziieren würde, dann käme die Ilse in der Liste nicht mal vor. Wie kriegt man denn den Spagat hin zwischen klassisch gesagt Subkultur Ilse und Massenkultur RB?

Mittlerweile mache ich zwar gar nicht mehr so viel im Ilses Erika, ich finde es aber völlig in Ordnung, dass man mich immer noch mit dem Ilses Erika verbindet, weil ich da ja auch sozusagen aufgewachsen bin. Im Moment lege ich dort nur alle ein, zwei Monate Platten auf und mache dort immer wieder Specials. „Riskier dein Bier!“ läuft jetzt z.B. aus Platzgründen in der Moritzbastei. Aber Du hast trotzdem grundsätzlich recht, es ist Subkultur und Massenpublikum. Andererseits, wenn du donnerstags ins Ilses Erika gehst oder in die Moritzbastei zu „All you can dance“, dann ist da auch Massenpublikum, und wenn man sich ein verregnetes Spiel gegen Meppen anguckt, dann kann das unter Umständen auch sehr subkulturartig wirken. Am Ende mache ich das, was ich sowieso immer mache. Natürlich mache ich das im Stadion mit einer größeren Geste, und ich wälze Interviews nicht mit popkulturellen Details aus. Dort ist das Interview nach fünf Fragen beendet. Und trotzdem mache ich am Ende immer das, was ich bin und was mich ausmacht. Deswegen ist es für mich gar keine so große Umstellung.

Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich Tim Thoelke weiterhin viel Spaß im Stadion wünsche. Mögen sich seine Wünsche nach einer unverwechselbaren Leipziger Fan(block)identität erfüllen. Im Netz ist Tim Thoelke mit einer eigenen Homepage genauso vertreten wie mit einer Facebook-Page. Wer sich gern einen Überblick über seine Moderationen verschaffen will, ist bei Leipzig Fernsehen an der allerbesten aller Adressen. [Achtung, die folgenden Links verweisen auf Seiten mit selbststartenden Videos!] Dort findet man umfangreiche Archive sowohl für das „Nachtgespräch aus der Südbrause“ [broken Link], als auch für „Tim Thoelkes Hausbesuch“ [broken Link]. Zusätzlich findet man auch die Premiere von „Tim Thoelkes Nachtimbiss“ [broken Link] und beispielhaft die Januar-Aufzeichnung von „Riskier dein Bier!“ [broken Link]

Flattr this!

9 Gedanken zu „Tim Thoelke: „Am Ende mache ich das, was ich immer mache.““

  1. Langes Interview, keine neuen Aspekte. Der alte Stadionsprecher war ein echter RB-Fan, er wollte keinen „krumbiegeln“ und war auch sonst um Längen besser! Meine Meinung, dieser muß sich keiner anschließen, ist nun mal so…

  2. Sehr langes, vielleicht etwas zu langes Interview. Es beinhaltet aber einige sehr interessante Aspekte. Das er sich beispielsweise bemüht, die Namen der Spieler richtig auszusprechen, gefällt mir gut – sein Vorgänger kannte teilweise ja nicht mal die Spieler der eigenen Mannschaft richtig. Weniger sympathisch hingegen sein Hang zu Ritualen (Stichwort: Da-da-da-da-dankeschöööön).

  3. „Gab es denn mal einen direkten Austausch mit Fans?
    Am Anfang wurden die Fanclubs vom Verein angeschrieben. Da kamen aber nur drei.“

    ——————————————————————————————————–

    Diese Aussagen sind, so muss ich das hier leider ganz offen ansprechen, schlichtweg FALSCH!
    Tim macht inzwischen n tollen Job, gar keine Frage, aber WIR wurden nicht vom Verein angeschrieben oder informiert. Tut mir leid Tim, aber genau deswegen kamen wahrscheinlich auch nur 3 Leutchen. Der Anfang war aufgrund dessen sicherlich auch holprig.

    Sonst macht er inzwischen nen tollen Job und passt zur Auffassung von Red Bull. Normal kann jeder, wir sind anders, WIR SIND RED BULL!

  4. Und zum Thema RB-Song, sollte er neben Sebastian auch mal Henri ansprechen. Mit ihm hab ich 2009 schon einmal darüber diskutiert, dass DIE PRINZEN doch mal nen Song machen könnten.

    Henri war damals sehr angetan von der Idee, wollte aber lieber abwarten, bis neben ihm, auch andere Feuer und Flamme für DIE ROTEN BULLEN sind.

    Los geht’s Tim, schließt euch ein und überrascht uns mit ner geilen Vereinshymne!

  5. @Max Gut an (abgetippten) Interviews ist ja, dass man einfach weiterscrollen kann, wenn die Frage auf ein uninteressantes Thema verweist. Von daher finde ich das mit der Länge (ganz subjektiv) gar nicht so schlimm, auch wenn ich natürlich weißt, dass so was wie hier drüber auf den ersten Blick erschlagend wirken kann..

    @Haar in der Suppe Nur weil der alte Stadionsprecher im RB-Shirt durch die Gegend sprang, muss er jetzt nicht unbedingt ein eingefleischter Fan gewesen sein. Einige Ausrutscher, was die Benennung der Gegner anging (die Teams, nicht einzelne Spieler!), ließen zumindest dran zweifeln. Letztlich ist es aber tatsächlich Geschmacksfrage, was man von einem Stadionsprecher erwartet.

  6. Tim ist kreativ, macht einiges überraschend anders, ist noch lange nicht perfekt aber hat den Willen besser zu werden. Eine stetige Entwicklung ist für mich hörbar. Nichts davon kann ich vom Stadionsprecher im RB-Shirt sagen. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

  7. Ein Stadionsprecher mit Intelligenz, der sich durchaus lernfähig zeigt – wenn die Lonzen-Truppe jetzt auch noch die Beschallung so hinbekommt, dass man alles versteht, kann man sehr zufrieden sein.
    Ich finde TT einfach gut, auch wenn ich sicher nicht „Bitteschön“ rufen werde.

  8. ha, ha.
    Durch Dein PingPack, bin ich auf das Interview gestossen, was ich noch nicht kannte.
    Nach fast 5 Jahren liest es sich, wie in einem falschen Film (in Bezug auf RBL).

    Schönes Interview!

    Das „Danke schön“ ist mir seltsamer Weise nie so richtig bewusst aufgefallen. Hoffe daher am Samstag auf ein Heimtor, damit ich das mal prüfen kann 😉

    Tim T. macht mMn einen Klasse Job!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.