DFB-Pokal: RB Leipzig vs. VfL Wolfsburg 3:2

Ich hatte ja vor dem Spiel angemerkt, dass ich ob dieses Highlight-Spiels aus dem Sommerpausen-Nichts nicht so recht wüsste, ob das ganze tatsächlich ein pflichtspieladäquates Mitfiebern in mir auslösen könne. Zu surreal kam mir die ganze Szenerie vor dem Spiel vor, die von der wer-will-wer-will-wer-hat-noch-nicht-Pacult-interviewt-Stimmung in diversesten Medien untermauert wurde. Aus dem abgelehnten Kunstprodukt RB Leipzig, das irgendwo in den unteren Ebenen des Fußballs eher unbemerkt rumrumpelte, wurde urplötzlich ein bundesdeutsches Diskursthema. Wer soll sich denn da noch zurecht finden.

Es kam, wie es nicht kommen musste. Bereits vor dem Spiel war dann doch ein wenig der spieltypischen Aufregung in mir zu spüren. Und spätestens nach 60 Sekunden und der ersten Frahn-Großchance waren Spiel und Zuschauer und auch ich zu 100% miteinander verknüpft. Überhaupt, der Neu-Kapitän Frahn, der schon letzte Saison der Top-Torjäger war. Drei Tore in einer Halbzeit hätte wohl kaum niemand prognostiziert. Drei Frahn-Tore noch viel weniger. Beim dritten Tor kam ich nicht mal mehr zum richtigen Jubeln, weil ich vor lauter Staunen mit meinem offenen Mund beschäftigt war. Die sicherlich perfekte Flanke dermaßen abgezockt und großartig in der langen Ecke unterzubringen, war ganz großes Kino und die Krönung einer im Umkehrspiel überragenden ersten Hälfte der RasenBallsportler.

Was sofort zur wichtigsten Veränderung im Spiel von RB Leipzig gegenüber der vergangenen Saison führt. Dynamik, Schnelligkeit, Zug zum Tor. Alles Komponenten, die man ein ganzes Jahr lang nicht mal im Ansatz gesehen hat. Peter Pacult hat der Mannschaft in nicht mal fünf Wochen eine Idee vermittelt, wie man den Ball schnell, effektiv und ansehnlich vor des Gegners Tor befördert, wenn man ihn zuvor in aussichtsreicher Position erobert hat. Ehrlich? Das hat mich umfassend begeistert, weil das Spiel von RB Leipzig zumindest in dieser Beziehung absolut modern aussah.

Das Spiel war, man muss das auch mal zugeben, aber auch in allen Belangen auf RB Leipzig zugeschnitten. Die Großchance zum Auftakt impfte allen Beteiligten das nötige Selbstvertrauen ein und schien bei den Wolfsburger Gästen erst einmal großen Respekt zu hinterlassen. Was RB zu zwei wunderhübschen Toren zur fast schon beruhigend wirkenden Führung nutzte. Dazu kam, dass Wolfsburg etwas machen musste, was sie zumindest gestern absolut überhaupt nicht konnten, nämlich das Spiel zu gestalten und Gefahr produzierend an sich zu reißen. Beide Tore, die zum zwischenzeitlichen Ausgleich führten, wären bei kompromissloser Zweikampfführung sicherlich vermeidbar gewesen und waren auf keinen Fall Ausdruck einer umfassenden, spielerischen Idee des Bundesligisten. RB Leipzig konnte im Gegensatz dazu das vermeiden, was sie gestern auch nicht konnten, nämlich einen geordneten Spielaufbau betreiben und sich voll und ganz dem widmen, was sie offenbar unter Pacult extrem gut gelernt haben, mit schnellem Spiel in die Spitze für Torgefahr sorgen.

Was dummerweise genau das Spiel ist, was man wohl für die kommende Regionalliga-Saison nur im absoluten Ausnahmefall gebrauchen kann, weswegen auch niemand auf die Idee kommen sollte, den Sieg gegen Wolfsburg als Zeichen für eine großartige Saison zu nehmen. RB sah gestern immer dann nicht gut aus, wenn sie den Ball kontrollieren und aus Ballbesitz gegen einen geordneten Gegner nach vorne kombinieren mussten. In diesen Fällen war die Fehlerquote im Aufbauspiel doch ziemlich hoch. Glücklicherweise kamen sie gestern nicht oft in diese (Not-)Situation.

Was alles in allem kein Grund zum Nörgeln, eher zum mahnenden Vorausblicken ist. Für den gestrigen Tag war das Spiel von RB Leipzig perfekt, sieht man mal von der gelegentlich wackelnden Innenverteidigung und der nicht in allen Situationen perfekten Abstimmung (Kompaktheit) zwischen den und innerhalb der Mannschaftsteile(n) ab. Ich habe jedenfalls jede Minute des Spiels genossen und wenn das, was da gestern Abend los war, Retorten- oder Kommerzfußball gewesen ist, dann kann ich Retorten- und Kommerzfußball ziemlich gut leiden. Wie sich Mannschaft und Publikum über 90 Minuten gegenseitig hochgepuscht und zu emotionalen Höchstleistungen getrieben haben, war sehr schick. Dass die Mannschaft nach dem Spiel alle drei Heimtribünen besuchte, um mit den jeweiligen Zuschauern einen feiernden Moment zu verbringen, war deutlicher Beleg dafür, wie das ganze Stadion gerade in Hälfte zwei zu einem spielmitentscheidenden Faktor wurde. Dieses Spiel zog in den Bann, weil RB Leipzig eine leidenschaftliche Partie ablieferte, die nahtlos an den Auftritt gegen den Chemnitzer FC und die Begeisterung rund um das damalige Spiel anschloss.

Was wiederum auch deutlich zeigt, dass das was da gestern in der Red Bull Arena lief, die Zukunft des Leipziger Fußballs, zumindest in der Spitze, ist. Mancher mag das nicht mögen, aber die Zuschauer nehmen RB Leipzig als sportliches Produkt an und unterstützen es nach Leibeskräften als ihr Leipziger Fußball-Team (was beim gestrigen Spiel-Storytelling zugegebenermaßen auch nicht schwer war). Ich empfinde dabei keine Häme, wenn ich RB Leipzig als wahrscheinlichen Gewinner der Leipziger Fußballgeschichte sehe, weil ich keinerlei emotionales Bedürfnis habe, gegenüber den vermutlichen Verlierern in den Traditionsfarben nachzutreten. Aber das gestrige Spiel hat wieder einmal gezeigt, dass die fußballinteressierten Zuschauer in Leipzig mit den Füßen (31.000 Zuschauer!) und auch mit ihrer Begeisterung zugunsten der RasenBallsportler abstimmen. Was man selbst wenn man das ganze fußballkulturell Mist finden mag, zumindest zur Kenntnis nehmen sollte. Manchmal frage ich mich, ob die bei Red Bull eigentlich wissen, was die für ein Schwein (um auch wenigstens ein Tier in diesem Artikel unterzubringen) mit dem Fußballstandort Leipzig und der Tatsache haben, dass die Stadt dermaßen nach Fußball-Festen giert, dass man das Vereins-Personal wahrscheinlich auch im Monatsrhythmus feuern könnte, ohne dass das zu einem essenziellen Substanzverlust führt?

Apropos fußballkulturell und zurück zum Spiel. Taktisch gesehen war das gestern ein 4-2-3-1, das man nach der Vorbereitung als System für dieses Spiel mit exakt der Besetzung erwarten durfte. Was auch für Peter Pacult spricht und seine Fähigkeit, in einer kurzen Vorbereitung eine eindeutige Stammformation mit klarem System zu haben. Das ganze kann dann auch mal ein 4-4-2 mit Raute oder auch Doppel-Sechs sein, aber der Kern der Mannschaft steht und das ist jetzt schon mehr als RB Leipzig in der vergangenen Saison bis zum Schluss hatte. Was dieses 4-2-3-1 gestern so perfekt machte, waren die drei schnellen Leute links und insbesondere rechts und in der Mitte Heidinger, Röttger und Frahn. Dazu der in einigen Situationen wieder einmal großartig vorbereitende Rockenbach und der ewig agile Lagerblom und fertig war ein oft überfallartiger Angriffswirbel. Taktisch perfekt eingestellt und individuell perfekt ausgefüllt. Respekt.

Es war einer dieser geilen Fußballabende, die einen von Minute zu Minute mehr in den Bann ziehen. Die einen die Atmosphäre und das Spiel aufsaugen lassen. Mein letztes Live-DFB-Pokal-Spiel war das 3:0 vom damalige Drittligisten Energie Cottbus im Halbfinale gegen den damaligen Bundesligisten Karlsruher SC. Denkwürdiger Schneeeinbruch im Frühling inklusive. Ein Wahnsinns-Spiel damals. Das gestrige stand dem atmosphärisch kaum nach. Am beeindruckendsten, dass nach dem 2:2 bei RB Leipzig kein Einbruch erfolgte. Aber auch bezeichnend, weil das Spiel nie einen wirklichen Klassenunterschied sah und mit den RasenBallsportlern auch ein nicht unverdienter Sieger gefunden wurde. Wobei die Story Viertligist schlägt Bundesligist auch ein wenig unfair ist, denn gestern agierte eine Mannschaft auf mindestens Drittliga-Niveau gegen eine auf unterem Bundesliga-Niveau. Und da liegen nun wirklich nicht unbedingt Welten dazwischen.

Fazit: Um es mal mit meinen meistgenutzten Worten von gestern zu sagen: Wow. Geil. Irre. Wahnsinn. Verrückt. Unglaublich.

Randbemerkung 1: Darf ich auch noch was meckern? Ja? Na gut. Ich hatte mich ja auf den neuen Stadionsprecher Tim Thoelke gefreut bzw. darauf gefreut, ihn in seinem neuen Job zu beobachten. Wobei ich das mit dem Beobachten nicht gar so streng gemeint hatte, wie es dann war. Denn Hören konnte man ihn leider nicht oder nur in bruchstückhaftesten Bruchstücken. Zumindest in Block C nicht. Also zumindest nicht dort, wo ich saß. Was mir beim Sachsenpokal-Finale schon mal so ging, als man dann wenigstens in der Halbzeitpause den Ton auch in Block C zuschaltete. Gestern leider nicht (sollte die Sky-Produktionsbasis nicht unnötig gestört werden?). Aber irgendwann klappt das schon noch mal mit mir und Tim Thoelke. Stimmts?

Randbemerkung 2: Die zweite Hauptrunde im DFB-Pokal lässt noch eine Weile auf sich warten und ist für das Wochenende 25./ 26.10. geplant. Darf man sich schon mal für ein Heimspiel freihalten, denn auch in der zweiten Runde werden die Partien nach dem Modus der ersten Runde gelost. Das heißt, dass die Vereine der ersten zwei Ligen in einen Topf kommen und die sogenannten Amateure (alles ab Liga 3 abwärts) in den anderen und dann den Amateuren ein Bundesliga-Team zugelost wird. Das ganze findet netterweise bereits nächste Woche Samstag (also am 06.08.) bei Sky statt. Man darf sich also wieder mal heimliche oder unheimliche Wunschlisten basteln.

Randbemerkung 3: Nächstes Heimspiel in zwei Wochen gegen den HSV II. Das ist die Regionalliga. Vorher geht es nächste Woche nach Meppen. Noch Fragen?

Lichtblicke:

  • Daniel Frahn: ja, na klar, was denn sonst. Drei Tore gegen einen Bundesligisten. Schöne Tore. Daniel Frahn darf stellvertretend den Ruhm davontragen, den das direkte, schnelle Spiel der RasenBallsportler produziert hat. Wenn man dem durch das neu erworbene Kapitänsamt gestärkten Daniel Frahn etwas vorwerfen will in diesem Spiel, dann dass er nicht noch zwei, drei wunderschöne Tore mehr gemacht hat. Was er durchaus hätte machen können. Hätte auch ein paar meiner Nerven geschont. Felix Magath wird sich jedenfalls auf der Bank geärgert haben, dass er ihn in seiner dunklen Vergangenheit nicht doch zu Schalke locken konnte.
  • Timo Röttger: Was ein Typ. Mein heimlicher Spieler des Tages. Ich habe hier im Blog schon einige Male erwähnt, dass ich Röttger als schnellen, robusten und torgefährlichen Spielertypen großartig finde. Was er gestern auf Rechtsaußen eindrucksvoll bewies. Ein ständiger Unruheherd und prima Vorbereiter. Viele Ballgewinne, lange Wege. Sowohl defensiv und offensiv. Weswegen er nach 80 Minten auch ziemlich platt wirkte. Sorry, aber Timo Röttger gehört von seinem Niveau her dermaßen offensichtlich nicht in die vierte Liga, dass man nur hoffen kann, dass er nur ein Jahr lang dort spielt..
  • Pekka Lagerblom: Ich war bei seiner Verpflichtung zugegebenermaßen etwas irritiert. Was soll RB denn mit dem, das war meine sinngemäße, innere Frage. Im defensiven Mittelfeld mit seinen sowieso schon reichlich vorhandenen hochklassigen Spielern. Seit gestern weiß ich es. Lagerblom ist defensiv eine mehr als sichere Bank und hat dazu eine hohe Ballsicherheit und Passgenauigkeit. Was ihn auf der Position der Sechs zu einem Top-Spieler macht, neben dem Timo Rost wie ein fußballerischer Schuljunge aussah. Tolle Vorstellung.

Schattenblicke:

  • Nö, diesmal nicht.

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Tore: 1:0 Frahn (7.), 2:0 Frahn (25.), 2:1 Lakic (25.), 2:2 Salihamidzic (29.), 3:2 Frahn (45.)

Aufstellung: Borel – Müller, Ernst, Franke, Kocin – Rost (80. Rosin), Lagerblom – Röttger (90. Kutschke), Rockenbach, Heidinger (86. Kammlott) – Frahn

Zuschauer: 31.212

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], VfL-Bericht [broken Link]

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7 Gedanken zu „DFB-Pokal: RB Leipzig vs. VfL Wolfsburg 3:2“

  1. Schattenblick oder nicht:
    Hatte Rockenbach eins, zwei Mal geschlafen oder die Zeichen eines Abseits/Ball geht ins Aus bereits erkannt? Abgesehen davon fand ich sein Spiel auch sehr gut.

    Wirklich irres tolles Spiel. Mehr!

  2. … hoffen wir mal, das sich die Dinge aus dem Vorjahr nicht wiederholen… 🙂 auch ich war begeistert von einem Zug zum Tor, welchen ich so schmerzlich vermisst hatte… geile Stimmung und das Gefühl auf dem Heimweg „…wir waren dabei…“
    Zwei Bemerkungen am Rande die aber bestimmt nicht existenziell bedrohlich sind: … Stadionsprecher mit Krawatte und einigem Nichtwissen in Sachen Fussball, welches mann auch noch kaum verstand… und ein Maskottchen wie ein NBA Defensive Blocker oder so…. Aber wir kommen wieder!

  3. Eine Randbemerkung zur Randbemerkung 😉
    Randbemerkung 2: Die zweite Hauptrunde im DFB-Pokal lässt noch eine Weile auf sich warten und ist für das Wochenende 25./ 26.10. geplant….

    Der 25./26.10. ist kein Wochenende, sondern Dienstag/Mittwoch (zwischen dem Heimspiel gg. St. Pauli2 und Auswärts in Meuselwitz).

  4. Ach, gut zu wissen. Dann wird es auf jeden Fall wieder ein Flutlichtspiel. Schön. Eigentlich logisch, dass ein Zwei-Tage-Spieltag unter der Woche sei würde. Am Wochenende würde man ja von Freitag bis Sonntag spielen. Danke für die Randbemerkung.

  5. Sei froh, dass du den neuen Stadionsprecher nicht gehört hast! Mit Worten wie „Vielen Dank“ und dem Vorwegnehmen des Spielstandes unterband er geschickt den Dialog mit den Fans. Für mich, der schlechteste Stadionsprecher aller Zeiten!!!

  6. @Benny: da muss man aber mal Ruhe bewahren ein paar Spiele. Moderieren kann der Stadionsprecher wohl, was gerade für Halbzeitgespräche und die Zeit vor dem Spiel wichtig ist. Und wann er was in der Interaktion mit den Fans zu sagen hat, kann man ihm sicherlich (hoffentlich) noch beibringen. Ich würde das Experminent nicht nach einem Spiel als gescheitert betrachten. Mich wundert nur, dass man mit ihm nicht vor dem Spiel durchgegangen ist, wie man die Aufstellung präsentiert und Tore ansagt. Spricht nicht für eine gute Einarbeitung..

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