RasenBallsport Leipzig vs. Hallescher FC 2:0

Es ist in dieser Saison nie vorgekommen, dass ich ein Spiel von RasenBallsport Leipzig so unkonzentriert und mit halbem Auge verfolgt habe wie das gestrige. Was nicht nur am Spiel lag, aber auch. Meine Augen und mein Interesse widmeten sich mit erstaunlich hoher Häufigkeit dem Treiben oder Nichttreiben in den beiden Fansektoren. In Hälfte 1 kam ich mir vor wie beim Tennis. Von rechts nach links und wieder zurück und wieder hin wanderte mein Kopf. Wie ein Zuschauer in Boris Beckers besten Zeiten.

Während Fraktion rechts (von mir von der Haupttribüne aus gesehen), also Gast sich mit ihren vielleicht 700 Anhängern dem Erwarteten widmete, also dem was man in manchen Fankulturen so als Kritik empfindet, also der in unterschiedlicher Qualität der Rhetorik ausgedrückten Wut über Red Bull, Dietrich Mateschitz, den DFB, RB-Fans, kaputtgehenden Sport, Zensur und was auch immer ich noch verpasst haben mag, kam es mir auf Seiten von Fraktion links, also Heim gerade im Bereich des aktiven Supports erstaunlich leer und vergleichsweise verhalten vor. Halbzeit 2 bestärkte mich in meiner Wahrnehmung von Fraktion Heim derart, dass ich permanent verwundert Richtung links schielte (und deswegen rechts ein paar Anti-…-Transparente  verpasste) und mich fragte, ob sich die verschiedenen Fanfraktionen eventuell verstritten hätten und heute nicht zusammen supporten wollten. Fraktion Gast schloss sich mit zunehmender Spieldauer dem Schweigen weitestegehend an und so war es gegen Ende des Spiels, mal abgesehen vom 2:0, als noch einmal Fußballatmosphäre aufkam, erstaunlich ruhig im weiten Rund. Fraktion Haupttribüne verhielt sich währenddessen angepasst unauffällig.

Das alles passte als weitestgehend emotionsloses Ambiente insgesamt natürlich wunderbar zum weitestgehend emotionslosen Spiel. Ein Gast, der auch aufgrund seiner B-Mannschaft (die A-Mannschaft wurde fürs Landespokalfinale morgen geschont) nicht konnte. Also wirklich nicht konnte, wie sich anhand der dürftigen Ausbeute von zwei Halbchancen (eine knapp verpasste Flanke und ein abgefälschter Schuss) gegen die bekanntermaßen nicht übermäßig stabile RasenBallsport-Verteidigung deutlich zeigte. Und ein Heimteam, das offensichtlich nicht übermäßig wollte, es aber immerhin minimal besser machte als der Hallesche FC. Insbesondere Thiago Rockenbach zeigte in zwei, drei Szenen seine überragende Klasse am Ball. Freilich ohne dass dies von Erfolg gekrönt worden wäre.

Es war ein schlechtes Regionalliga-Spiel. Was egal gewesen wäre, wenn trotzdem so etwas wie Derby-Hitzigkeit (auch wenn mir der auf alles lokale draufgepappte Stempel Derby nicht gefällt) aufgekommen wäre. Nach dem 1:0 hatte man kurz mal das Gefühl als käme Emotionalität in das Spiel, in der zweiten Halbzeit gab es mittendrin auch einmal ein paar Minuten, ansonsten tickte eigentlich nur die Zeit herunter. Die Aufregung wiederum entstand auch nur im Zusammenhang mit dem einen oder anderen derben Foul im Mittelfeld, legte sich aber schnell wieder. Man hatte zwar das Gefühl, als würden auf dem Rasen definitv keine Spielerfreundschaften geschlossen, aber um dem Spiel so etwas wie Spannung zukommen zu lassen, reichte das nicht.

Es war defacto ein klassisches 0:0 Spiel. Dass es keins wurde, lag an der Hallenser Verteidigung, die Stefan Kutschke dankenswerterweise per verunglückter Rückgabe das 1:0 für RasenBallsport Leipzig auflegte. Schon gegen die Zweite von Energie Cottbus hatte Kutschke eine ähnliche Situation zu einem Treffer genutzt. Rückpassdazwischenspritzexperte sozusagen. Das 2:0 für RasenBallsport Leipzig fiel dann kurz vor Schluss und wäre wohl in seiner Einfachheit nicht gefallen, wenn es da noch 0:0 gestanden hätte.

Bemerkenswert am Spiel noch die Aufstellung, die aufgrund der Sperre von Goalgetter Daniel Frahn, sich mal wieder von einem 4-4-2 zurück in ein 4-2-3-1 verwandelte. Wobei die taktischen Differenzen nicht allzu groß waren. Zumal, da Benjamin Baier als zentraler Mann im offensiven Mittelfeld eher als hängende Spitze agierte. Wo er mir nicht so gut gefällt. Im Bereich der körperlichen Robustheit scheint mir Benjamin Baier in der Regionalliga weiterhin überfordert. Dank Frahns Ausfall durfte Stefan Kutschke den alleinigen Stümer spielen, wofür er sich höchsteffizient mit zwei Treffern bedankte. Und auf der rechten Außenverteidigerposition lief dank der Ausfälle von Tim Sebastian und Sebastian Albert wieder einmal Shaban Ismaili auf, der in Ansätzen zeigte, warum er sich bei mir zum Spieler der Hinrunde gespielt hatte. Offensiv ist und bleibt er ein sehr dynamischer Spieler, der dadurch immer ein wenig mehr auffällt als andere. Defensiv solide mit bekannten Aussetzern wie beispielsweise bei einem riskanten Rückpass. Shaban Ismaili ist sicherlich kein überragender Spieler, dass er aber so schlecht sein soll, dass in der Rückrunde teilweise nicht einmal ein Platz auf der Bank für ihn frei war, sehe ich nicht so.

Das alles, was mit dem Spiel RasenBallsport Leipzig gegen HFC zu tun hat, ist für die beiden sportlich Enttäuschten so kurz vor Saisonende nicht mehr ganz so wichtig. Im Gegensatz zum Sachsenpokal-Halbfinale der RasenBallsportler gegen Dynamo Dresden übermorgen abend. Wahrscheinlich übermorgen abend, denn auf der Dresdner Homepage ist immer noch vermerkt, dass der Termin für das nächste Spiel noch nicht feststehe. Wass darauf hindeutet, dass man sich in Dresden angesichts der zwei Tage später startenden Aufstiegsspiele zur zweiten Liga für eine Verschiebung einsetzen könnte. In diesem Fall könnte das Halbfinale aufgrund der Terminpläne beider Teams vermutlich erst am 31.05.2011 stattfinden. Da die zweite Liga ihre Saison bereist am 15.07.2011 beginnt, wäre dies für den möglichen Zweiligaaufsteiger Dynamo Dresden ein Desaster. Andererseits brauchen sie ein Sachsenpokal-Halbfinale zwei Tage vor einem Relegationsspiel wie eine Beule am A… Eine schwierige Situation, zumal die zweite Mannschaft der Dynamos parallel zum Sachsenpokal ein Oberliga-Nachholespiel zu absolvieren hat. Die wohl dazu führen wird, dass das Spiel zwar stattfindet, aber auf Dresdner Seite ein Mischmasch aus Profianschlusskader und weiterem x aufläuft. Sebastian Schuppan wäre zum Beispiel ein Kadidat, der auflaufen könnte, um im Spielrhythmus zu bleiben, da er im ersten Relegationsspiel gelbgesperrt fehlen wird.

Wie auch immer, der diesjährige Sachsenpokal ist zumindest bei Beteiligung der Dynamos eine Farce. Was nicht immer an ihnen liegt, aber durchaus aus Erfahrungen aus der Vergangenheit mit ihren und Leipziger Anhängern resultiert. Zwei Klubs aus der Leipziger Region (Kickers Markleeberg, VfB Zwenkau) mussten in dieser Saison schon das Unglück eines Dynamo-Loses erkennen. In beiden Fällen hielten es die für Sicherheit zuständigen Behörden für ausgeschlossen diese Spiele außerhalb der Red Bull Arena auszutragen, wenn man im Raum Leipzig spielen wolle. Während die Markkleeberger nach wochenlangem Gezerre um Spielort und Spielzeit und dem entnervten Abgeben des Heimrechts entschieden, zum mittwochabendlichen Spiel gegen Dynamo im östlich von Dresden gelegenen Neustadt nicht anzutreten, da man keine Mannschaft zusammenbekäme, entschieden sich die Zwenkauer gegen den Tausch des Heimrechts und wählten die Red Bull Arena. Markleeberg schied mit einer Geldstrafe durch den Verband (wegen Nichtantretens) aus dem Pokal aus, Zwenkau konnte die hohen Verluste, die aus der Stadionmiete der Red Bull Arena resultierten nur durch die Hilfe von Sponsoren auffangen. Dynamo Dresden mag sportlich eigentlich ein Traumlos sein. Für Markkleeberg und Zwenkau wurde das ganze zum organisatorisch-finanziellen Desaster. Und auf RB Leipzig wartet sehr wahrscheinlich ein sportlicher Gegner, gegen den man nur verlieren kann (‚gegen eine B-Elf zu gewinnen ist keine Kunst‘ vs. ‚was für Deppen, verlieren gegen eine B-Elf!‘). Sei es drum, es ist Mittwochabend, es ist Flutlicht, es ist trotz allem Dynamo und es geht um den Einzug in das Sachsenpokalfinale gegen den Chemnitzer FC, wo es um die Qualifikation für den DFB-Pokal gehen würde. Mehr braucht es nicht für Vorfreude auf einen tollen Fußballabend.

Fazit: RasenBallsport Leipzig in einem Spiel irgendwo zwischen unansehnlich und solide insgesamt absolut verdienten Sieger. Trotzdem hatte mag Glück, das 1:0 geschenkt zu bekommen. Abhaken und das nächste Spiel angehen. Denn sportlich gesehen, wird es nun noch einmal wichtig.

Randbemerkung 1: Tomas Orals Bank- und Wechselstrategien sind mir weiterhin ein Rätsel. Dass auf der Bank nur fünf Spieler platznahmen, hat mich bereits verwundert. Auch wenn aufgrund der vielen Verletzungen der Kader durchaus dünn aufgestellt war, hätte man doch irgendjemandem im Verein die Chance geben können, den letzten verbleibenden Platz zu besetzen. Oder seh ich das falsch? Wäre doch auch irgendwie ein Erlebnis für beispielsweise einen Spieler aus der zweiten Mannschaft, die am Vortag agierte. Dazu kam dann noch die Einwechslung von Richard van den Bosch. Der 18jährige Stürmer, der vor der Saison von Dynamo Dresden kam, durfte gestern seinen ersten Regionalliga-Einsatz verbuchen. Allerdings kam er erst nach Ablauf der offiziellen Spielzeit in Spiel, welches mit seiner ersten Ballberührung auch schon wieder abgepfiffen wurde. Dazu noch wechselte Tomas Oral nur zwei Mal. Vielleicht ist es Quatsch, aber ein sportlich wertloses Spiel um Platz vier in der Regionalliga böte sich doch mehr als an, um möglichst vielen Spielern möglichst viel Einsatzzeit zu geben und auch mal einem Talent eine Chance einzuräumen. Einen van den Bosch 30 Sekunden über den Rasen toben zu lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Außer beim Stande von 1:0 in der 90. im Pokalspiel gegen Dynamo Dresden.

Randbemerkung 2: Falls ich es richtig beobachtet habe, hat Tomas Oral auf die eindringlich Mahnung des Linienrichters sich an die Spielregeln zu halten, weil er ansonsten auf die Tribüne gehen dürfe, mit einem Schluck aus einer Dose zuckerfreiem Red Bull reagiert. Man stelle sich mal eine Live-Übertragung vor, bei der der jeweils aktuelle Trainer dosenwerfend am Spielfeldrand herumtobt. Da bieten sich völlig neue Möglichkeiten, den Geldgeber mit seinen Produkten werbewirksam in das Spiel zu integrieren. Das klappt bei anderen Vereinen und Firmen wie der Telekom oder Audi oder gar Goldgas nicht ganz so gut.

Licht- und Schattenblicke:

  • Gestern war wenig individuelles Licht und wenig herausragender Schatten zu verzeichnen. Thiago Rockenbach wie schon erähnt mit zwei, drei Highlights, Lars Müller mit ein, zwei Aussetzern im Stellungsspiel, Daniel Rosin mit einigen langen Bällen ins Nirvana, Shaban Ismaili mit Dynamik, Benjamin Baier technisch versiert, aber körperlich unterlegen, Alexander Laas und Tom Geißler auffällig unauffällig, Stefan Kutschke effizient. Man könnte über jeden was sagen, aber nichts ragte so heraus, dass man darauf herumreiten müsste.

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Tore: 1:0 Kutschke (33.), 2:0 Kutschke (89.)

Aufstellung: Neuhaus – Müller, Franke, Rosin, Ismaili – Geißler, Laas – Rockenbach, Baier (73. Frommer), Schinke (90. van den Bosch) – Kutschke

Zuschauer: 3685

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], HFC-Bericht [broken Link]

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7 Gedanken zu „RasenBallsport Leipzig vs. Hallescher FC 2:0“

  1. Alles richtig beobachtet. Aber auch bei uns kam keine dolle Stimmung auf- eher nette Unterhaltungen als Support.

    AAAAABeer diese Aus-/Einwechslungen sind für mich sowas sinnfreies- unglaublich
    v.d.B in der 90./91. min…

  2. ‚Lustig‘ bei v.d.B. fand ich, dass der Linienrichter schon vor dem Anstoß nach dem 2:0 dem Schiedsrichter den Wechsel anzeigte, v.d.B. auch schon bereit stand, Oral aber voller Engagement abwinkte, ganz so als wolle er sich diesen taktisch wichtigen Wechsel für den richtigen Moment aufheben. Eine Minute später war der Moment dann gekommen. Ein taktischer Wechsel beim Stand von 2:0 nach 89 Minuten in einem sportlich wenig wichtigen Spiel. Ach herrjeh. Armer van den Bosch.

  3. Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen, es sagt alles aus über die Qualitäten eines T.O. und erklärt nahezu perfekt, warum ich mir den 1. Arbeitstag von P.P. in L.E. herbeisehne und rot im Kalender angestrichen habe.
    Gegen Dynamo gebe ich trotzdem nochmals alles, Sonntag war ich freiwillig statt im Stadion im Dienst, so etwas passiert bei mir eher selten…

  4. Zumal die verletzungsbedingt auf dem letzten Loch pfeifenden A-Junioren ihn auch ganz gut gebraucht hätten, selbst wenn es auch für sie um nix mehr ging. Bei Vogel hätte er wenigstens 90 Minuten über den Acker jagen können. Spielt übrigens in der Rückrunde dort meist Rechter Verteidiger.

    Einwechslungen und Bankbesetzung waren über die Saison gesehen auch nicht gerade eine von Orals Stärken.

  5. Naja, ich weiss nicht ob es Losunglück ist die Dynamos zu ziehen, das Unglück besteht wohl eher darin aufgrund der Region im wohl unfähigsten aller Fussballverbände zwangseingetragen zu sein. Der Rahmenspielplan vom DFB war bekannt, auch der Nachholer von SGD II am Mittwoch, aber der merkbefreite Herr Mende hat trotzdem diesen grossartigen Ansetzungstermin erdacht.
    Ein richtiges Spiel hätte ich mir sogar vorurteilsfrei angeschaut (spielt ja eh Pest gegen Cholera 😉 ), für’n Trainingsspielchen ist mir das Geld zu schade. Ärgerlich.

  6. Das dürfte wohl einigen so gehen, dass sie sich das Spiel angesichts der Umstände sparen. Was zu Trostlosigkeit statt Fußballfest führen könnte.

    Ich würde im Übrigen nicht nur dem SFV die Schuld geben. Solche Termine werden ja wohl in Abstimmung mit den Vereinen festgelegt (oder etwa nicht?). Gerade im Dynamo-Umfeld tut man mir zu sehr so, als wäre der Termin wie ein Naturereignis über sie hineingebrochen und nur der SFV doof. Die Dresdener Vereinsführung hält sich erstaunlich bedeckt, was den unglücklichen Termin angeht..

    1. Naja ich vermute das sich die DDler nach den Relegationsspielen äussern werden – in welcher Schärfe hängt vom Ausgang ab, bei Aufstieg brauchen sie ja nächstes Jahr keinen Sachsenpokal zu spielen…

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