Wochen(end)splitter

Journalismus und insbesondere das Herausgeben von Zeitungen ist schon ein arg hartes Brot. Meist geht es darum, aus News, die keine sind, welche zu machen und damit als Zeitung im Gespräch zu bleiben. Dass die LVZ dieses harte Brot beherrscht, zeigt sich darin, dass sie seit Jahren zu den meistzitierten Regionalzeitungen Deutschlands gehört, ihr also im Bereich der Eigen-PR nur wenige etwas vormachen. Dass dies gelegentlich zu einer tiefen Kluft zwischen Behauptung und Informationsgehalt führen kann, bewies die LVZ gestern (26.03.2011) wieder einmal:

Ab Sonntag wird Formel-1-Champion Sebastian Vettel der Gejagte sein. Vor dem Saisonstart gibt der Red-Bull-Pilot im Exklusiv-Interview mit dieser Zeitung Auskunft zu seinen Erwartungen, den Chancen der Konkurrenz und den Zielen des Leipziger Fußball-Regionalligateams RBL.

Das schreibt die LVZ auf ihrer Titelseite unter ein Bild des Rennfahrers Vettel. Nun erwartet man tatsächlich irgendetwas Spannendes, irgendeine Information aus dem Innenleben Sebastian Vettels zu RB Leipzig. Heraus kommt dann im Sportteil das:

Interessiert Sie die RB-Fußball-Abteilung, auch RB Leipzig?
Ich hoffe, dass sie jedes Jahr eine Klasse höher steigen, bis sie in der Bundesliga sind.

Ah ja, ein vorgefertigter Antwortsatz, vermutlich direkt aus dem Management Vettels, das ist sie die exklusive Auskunft zum Leipziger Fußballgeschehen. Vermutlich wird dies in späteren Berichten als „RB-Leipzig-Fan Vettel“ paraphrasiert..

Und noch einer wird in der LVZ vom 26.03.2011 zu RB Leipzig zitiert: Bernd Schröder, Trainer des frischgebackenen Deutschen Meisters und DFB-Pokalverlierers im Frauenfußball Turbine Potsdam. Einer, dessen sportliches Lebenswerk ich beeindruckend finde, aber auch einer, den ich als Typus, wie er sich öffentlich in Interviews präsentiert bzw. wie er öffentlich präsentiert wird doch eher schräg finde. Einer von dem ich gerade erst gelernt habe, dass er seit 41 ehrenamtlich als Trainer arbeitet und dies nicht etwa als Not, sondern als Tugend begreift und einer, der desöfteren über die charakterlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau philosophiert. Die Verleihung (in Abwesenheit) des Mitteldeutschen Trainerpreises beim Olympiaball in Leipzig nahm die LVZ zum Anlass für ein längeres Porträt, in dessen Rahmen sie auch dieses Zitat von Schröder zum Geschehen bei RB Leipzig unterbrachte:

„Wenn ich so viel Geld habe, dann hole ich mir doch Trainer und Spieler, die etwas drauf haben.“

Nunja, bei allem Respekt vor Schröders sportlichem Wirken scheint mir dies eher in die Kategorie schräges, öffentliches Auftreten zu passen, denn eine dermaßen unfundierte, generelle Kritik am sportlichen Wirken bei RB Leipzig, die offenbar nur auf dem sportlichen (Miss-)Erfolg basiert, passt eigentlich eher in den Boulevard als in den (strategisch denkenden?) Kopf des letztjährigen Champions League Gewinners.

Womit ich mir einen Übergang gebaut habe, der unlösbar wird, denn wie soll man von der Champions League zu Hans-Georg Felder kommen? Zu diesem hatte ich erst kürzlich einen unsentimentalen Abschiedsbeitrag geschrieben, dem ich noch ein, zwei Bemerkungen anschließen wollte. Bei allem bereits beschriebenen Verständnis für die Entscheidung, die Öffentlichkeitsarbeit bei RB Leipzig personell neu zu organisieren und bei aller Kritik an der Außenwirkung Felders, muss man auch einmal festhalten, dass er 2009 aus der Bundesliga in die fünfte Liga gewechselt ist. Zu einem Verein, der zu diesem Zeitpunkt noch gar keine funktionierende Pressearbeit hatte. Hans-Georg Felder hat also seinen Job in einer Phase übernommen, die von Aufbauarbeit und all den Schwierigkeiten eines noch jungen, personell in der Verwaltungsstruktur nicht ganz optimal aufgestellten Vereins geprägt war. In der Zeit seines Wirkens hat er die Öffentlichkeitsarbeit professionell betrieben und Strukturen geschaffen, von denen RB Leipzig noch zukünftig profitieren wird. Deshalb sollte auch Zeit bleiben, dafür noch mal Danke zu sagen und Hans-Georg Felder ein freudliches „Viel Glück weiterhin“ hinterher zu rufen. Was hiermit geschehen sei. Und an den alten Beitrag als Update angehängt wird.

Und noch eine Ergänzung sei mir gestattet. Diese betrifft Paul Schinke. Den hatte ich im Spielbericht zur Partie gegen Oberneuland als Schattenblick bezeichnet. Grundsätzlich sehe ich das immer noch so. Mir wirkt seine Spielweise oft etwas kopflos. Zu oft geht es gesenkten Hauptes durch eine Wand aus zwei oder drei Gegenspielern, was nur in seltenen Fällen gut geht und was bei resultierenden Ballverlusten an der Mittellinie, wenn die Mannschaft sich in der Vorwärtsbewegung befindet, tendenziell schlecht und gefährlich ist. Gerade, wenn das hervorragende Merkmal der eigenen Verteidigung nicht die Schnelligkeit ist. Sei es drum, das ist die Perspektive des Stadionbesuchers, der das Spiel als Gesamtprodukt beobachten kann, sieht wie die Mannschaftsteile miteinander arbeiten, sieht wie Spielsituationen aus dem Verhalten von 11 Spielern im Zusammenspiel entstehen. Eine eigene Sportart – so scheint es manchmal – ist dagegen der Fernsehfußball, bei dem vielmehr individuelle Fehler und Großtaten beobachtbar werden, als dass für den Stadiongucker bei der Schnelligkeit des Spiels möglich wäre. Womit wir wieder bei Paul Schinke wären, dessen Großtaten im Spiel gegen Oberneuland erst durch die Fernsehperspektive so richtig hervortraten. Schon beim 1:0 mit einem guten Pass auf Rockenbach entscheidend beteiligt, war die Vorbereitung des 2:0 schlicht und einfach großartig. Einen derart gut getimten, flachen Ball in die Spitze, genau in den Lauf von Daniel Frahn hat man im Laufe der Saison bei RB Leipzig selten gesehen. Eine Szene, bei der ein genialer Moment das ganze Spiel verändert und ein defensives System ausgehebelt wird. Eine Szene, bei der das Fußballzuschauerherz höher schlägt. Eine Szene, die Paul Schinke produziert hat. Wegen der allein er schon kein Schattenblick gewesen sein kann.

Und als letztes noch: Dass Fans eines Zweitligisten(!), von dem nicht bekannt wäre, dass er sich Gehälter, Marketing und Co nicht im zweitligaüblichen Rahmen leisten würde, ein Freundschaftsspiel zu einem „Anti-Kommerz-Test“ [broken Link] machen, ist schon erstaunlich, weil man dafür schon ganz schön arg vom eigenen Verein absehen muss. Dass die Kasseler Gästefans es vorzogen, das Spiel bei Union Berlin, das fanseitig als gemeinsame Manifestation gegen das große Böse, nämlich RB Leipzig konzipiert wurde, dann doch aufgrund von Meinungsdifferenzen mit einigen (wenigen) heimischen Anhängern lieber allein aus dem Gästeblock heraus zu beobachten, ist eine nicht witzige, aber doch ironische Fußnote der ganzen Geschichte.

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2 Gedanken zu „Wochen(end)splitter“

  1. Damit sollte diese lächerliche Testspielgeschichte nun auch abgeschlossen sein. Das scheint mir ein typisches Länderspielpausengeplänkel gewesen zu sein, bei dem sich am Ende zwei Fangruppen als Retter des guten Fußballs abgefeiert haben und RB Leipzig nicht wirklich Schaden entstanden ist.

  2. Ach wie schön, daß nicht nur ich das „Interview“ mit Sebastian, insbesondere den „Teil“ zum RBL, … nun ja, wie fand ich es? Er wußte immerhin mehr über die Situation als wir, politisch, von Angela Merkel erfahren. Die LVZ wird auch regelmäßig in dradio zitiert; fragt sich nur für wen das jetzt peinlich ist. 😉

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