Davie Selke auf der Suche nach der Cinderella Story

Viele Verlierer hat der Kader von RB Leipzig in dieser Saison nicht zu bieten. Papadopoulos war so einer, aber der ging leicht erbost im Winter Richtung Hamburg. Gilt ähnlich, nur nicht mit ganz so viel Erbostheit für Terrence Boyd und Zsolt Kalmár. Rani Khedira gehörte bis zuletzt auch dazu. Nach ein paar mehr Einsatzminuten als in der Hinrunde hat sich bei ihm der Wind aber ein bisschen gedreht. Dominik Kaiser kann mit der Entwicklung von Spielzeit auch nicht zufrieden sein, würde deswegen wohl aber eher keinen Stunk machen.

Bleibt also noch Davie Selke, der mit seiner Situation absolut nicht zufrieden sein kann. Lediglich 360 Einsatzminuten hatte er bei immerhin 15 Einsätzen. Macht im Schnitt 24 Minuten Einsatzzeit. Auf Augenhöhe mit Oliver Burke. Das ist das, was man im allgemeinen Sprachgebrauch als Jokerrolle bezeichnen würde. Also zu wenig für jemanden, der schon letzten Sommer mit seinen abnehmenden Einsatzzeiten in der Rückrunde der zweiten Liga am Hadern war.

Entsprechend der unbefriedigenden Situation brauchte es im Winter schon eines längeren Gesprächs, in dem Ralph Hasenhüttl seinen Stürmer davon überzeugte, den Konkurrenzkampf anzunehmen und den Verein nicht übereilt zu verlassen. In der Vorbereitungszeit bekam Selke dann auch besonders viele Einsatzzeiten, um auf sich aufmerksam zu machen und sich in verschiedenen Sturmkonstellationen zu präsentieren.

Und dann ging die Rückrunde wieder los und es ging praktisch weiter wie vorher. Naja fast, denn in Dortmund bekam Selke die Chance, sich dank einiger Ausfälle von Beginn an zu zeigen. Und gegen Hamburg wurde er bereits vor der Pause für den verletzten Poulsen eingewechselt. Zwei Spiele, in denen Davie Selke seine Chance nicht nutzte. Aber auch zwei undankbare Spiele. In Dortmund in einem extrem ersatzgeschwächten Team etwas reißen zu sollen, war schwierig. Gegen Hamburg mit dem robusten Duo Mavraj/ Papadopoulos einem 0:2-Rückstand hinterherzulaufen, war auch nicht sonderlich optimal.

Das führte aber dazu, dass Selke in den letzten zwei Spielen in Mönchengladbach und gegen Köln trotz eines verletzten Poulsens gerade mal sechs Minuten Einsatzzeit bekam. Viel depremierender geht es eigentlich nicht, wenn man annehmen konnte, dass der Ausfall von Poulsen bis Ende März so etwas wie die letzte Chance für Selke bei RB Leipzig darstellt.

„Wenn man die Chance bekommt zu spielen, sollte man auf sich aufmerksam machen und die Chance nutzen. Es war sicher nicht so, dass er gegen Dortmund oder Hamburg sein bestes Spiel gemacht hat. Das hat er auch selber so gesehen“, erklärte erstaunlich offensiv Coach Ralph Hasenhüttl in Richtung Hasenhüttl. Selke gehöre halt derzeit nicht zu den elf Spielern, die den maximalen Erfolg garantieren (’selbst ohne Poulsen nicht‘ muss man dazu im Hinterkopf behalten), aber das könne sich auch schnell wieder ändern.

Die Frage ist halt, wie und auf welcher Position sich das ändern soll. 2015 noch war Selke ganz heiße Ware auf dem Stürmermarkt und wechselte in einem ordentlichen Transfercoup für geschätzte 8 Millionen Euro vom Bundesligisten Werder Bremen zum Zweitligisten nach Leipzig. Neun Bundesligatreffer waren seine mehr als ordentliche Referenz. Sein erstes Jahr in Leipzig ging noch als erfolgreich durch. Was vor allem an der Hinrunde lag, in der er sieben seiner zehn Saisontore schoss. Damals hieß die große Frage, wie man Poulsen und Selke gemeinsam im Team unterbringen kann. Eine Antwort darauf fand man nicht. Dass man sie nicht fand, empfand Ralf Rangnick als große Niederlage und die Lösung der Aufgabe als wichtig für die Zukunft.

In der laufenden Saison wurde die Frage allerdings praktisch gar nicht mehr gestellt. Werner ist im Sturm gesetzt. Sodass sowieso nur noch die Frage ‚Poulsen oder Selke‘ steht und nicht die Frage, wie es mit Selke und Poulsen gehen könnte. Da Hasenhüttl die Frage meist mit Poulsen beantwortete, blieb im direkten Konkurrenzkampf für Selke nur die Bank. Und als die beiden Kumpels, die immer wieder betonen, dass sie auch zusammen gut spielen können, in Dortmund zusammen ran durften, sah es eher suboptimal aus.

Wenn man mal Poulsens und Selkes Daten vergleicht, dann fiel schon letzte Saison auf, dass Selke vor dem Tor der etwas effektivere Stürmer ist, der quasi als Abschlussspieler eingesetzt wird, während Poulsen die vielseitige Kampfmaschine gibt, der im Sinne der Mannschaft für andere die Lücken reißt, in die diese stoßen können.

Das hat sich in dieser Saison kaum verändert, auch wenn die Daten gar nicht mehr so weit auseinander liegen wie noch in der Zweitligasaison. Wobei die Daten auch schwerer vergleichbar sind, weil auf der einen Seite ein Joker steht und auf der anderen Seite ein Stammspieler. Das verzerrt manche Werte, weil man in 20 Minuten Einsatzzeit ganz anderes zu Werke gehen und sich auspowern kann als in 70 Minuten, wenn man Kräfte auch einteilen muss.

Entsprechend sind Laufwerte und Anzahl der Zweikämpfe pro 90 Minuten nicht sinnvoll zu vergleichen. In allen Werten liegt Selke leicht vorn. Alles andere wäre auch Wahnsinn. Wenn ein Einwechselspieler in der kurzen Zeit, die ihm bleibt, nicht überdurchschnittlich viel sprinten würde, dann würde er etwas falsch machen (oder wäre der legendäre Rebic, für den die Datenerfassung einst in Heidenheim null Sprints in 20 Minuten nach Einwechslung bei 0:1-Rückstand auswies).

Interessanter da schon die Torbeteiligungen. Fast ausgeglichen sind die Bilanzen beim Torschuss. Poulsen und Selke schießen jeweils etwa zweimal pro 90 Minuten auf das gegnerische Tor und bereiten einen Torschuss vor. Selke schließt etwas öfter ab, Poulsen bereitet dafür etwas öfter vor. Wobei Selke der deutlich effektivere Stürmer ist. Alle 120 Minuten ist er durch Tor oder Torvorlage an einem Treffer beteiligt. Bei Poulsen ist das nur alle 480 Minuten der Fall.

Wenn man noch Beteiligungen an der Entstehung von Toren hinzunimmt, dann holt Poulsen deutlich auf. Denn an fünf weiteren Toren war er an der Entstehung durch Ballsicherung oder Weiterleitung oder was auch immer beteiligt. Bei Davie Selke steht da nur ein weiteres Tor. Auch die Passquote weist in diese Richtung und spricht ein Stückweit für Poulsen (66% vs. 59%), auch wenn Selkes Passquote gegenüber dem Vorjahr deutlich besser geworden ist. Nimmt man alles zusammen, ist Selke aber immer noch deutlich häufiger an Toren beteiligt, wobei bei Poulsen der Fokus vor allem auf der Torentstehung und nicht auf der direkten Beteiligung durch Abschluss oder Vorlage liegt.

  • Yussuf Poulsen: 1 Tor, 2 Vorlagen, 5 weitere Torbeteiligungen, alle 179 Minuten an einem Tor beteiligt
  • Davie Selke: 2 Tore, 1 Vorlage, 1 weitere Torbeteiligung, alle 90 Minuten an einem Tor beteiligt

Dass Selke vor allem ein guter Abschlussstürmer ist, sieht man auch an seiner Effektivität vor dem Tor. Während Yussuf Poulsen mit 29 Torabschlüssen gerade mal einen Treffer erzielte, brauchte Selke für zwei Treffer nur acht Schüsse (wobei die Spielsituation für Selke als Joker natürlich auch eine andere ist als für Poulsen). Alle vier Schüsse ein Tor, das ist ungefähr auch die Quote von Timo Werner, also durchaus eine sehr gute Quote.

Ein bisschen lustig auch, dass Davie Selke 29% aller Tore erzielt, die fallen, wenn er auf dem Platz steht (2 von 7), während es bei Poulsen keine fünf Prozent sind (1 von 24). Wobei bei beiden unterdurchschnittlich viele Tore fallen. Wenn Poulsen auf dem Platz steht, fallen nur 1,51 Tore pro 90 Minuten (RB-Schnitt: 1,86), dafür steht die Abwehr überdurchschnittlich gut. Bei Davie Selke fallen immerhin 1,75 Tore pro 90 Minuten, dafür ist aber auch noch die Abwehr schlechter als im Normalfall.

Darin deutet sich auch schon ein Stückweit an, dass Poulsen für das Funktionieren des Teams sehr wichtig ist. Das liest sich auch gut in anderen zweikampforientierten Daten ab. Beide führen ähnlich viele Zweikämpfe pro 90 Minuten (Poulsen mit 32 die meisten aller Stammspieler).  Allerdings gewinnt Selke gerade mal 43% der Duelle (was aber bereits eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr ist), während es bei Poulsen 48% sind. Besonders in der Luft hat Poulsen deutliche Vorteile (53% vs. 43% gewonnene Duelle), was vor allem bei langen Bällen aus der Abwehr (Ballsicherung!) wichtig ist.

Für Poulsen sprechen auch Foulbilanz und Balleroberungen. Selke wird nur alle 72 Minuten unfair vom Ball getrennt, Poulsen alle 42 Minuten. Was Auskunft gibt, in welchen Situationen und an welchen Orten auf dem Spielfeld die Spieler den Ball haben und wie gut sie ihn behaupten können. Zudem erobert Poulsen pro 90 Minuten vier Bälle vom Gegner. Bei Davie Selke sind es gerade mal 0,75 Bälle pro 90 Minuten.

Letztlich zeigen die Zahlen Poulsens Vorteile. Er besticht als fleißiger Arbeiter, der die gegnerischen Abwehrreihen beschäftigt und Bälle für die Mitspieler sichert. Davie Selke hat dagegen in der wichtigen Disziplin der direkten Torgefahr die Nase vorn und liegt in vielerlei Hinsicht nicht mehr so deutlich hinter Poulsen wie noch in der zweiten Liga.

Trotzdem sind es vor allem Poulsens Qualitäten im Zweikampf und bei der Balleroberung und -behauptung, die im Idealfall in der Sturmspitze als Ergänzung zu Werner gefragt sind. Die entsprechenden Werte (Zweikampfquote, Passquote, Balleroberung) sprechen da noch immer recht deutlich für Poulsen. Sodass er im direkten Vergleich der beiden Stürmer die Nase im Normalfall auch zurecht vorn hat.

Und weil Selke eben kein Poulsen II ist, macht es offenbar auch keinen Sinn für Hasenhüttl, ihn in Poulsens Abwesenheit als Poulsen II aufzustellen. Sprich, wenn Poulsen nicht dabei ist, müsste RB das Spiel entweder ein bisschen mehr auf Selke abstimmen. Was ein bisschen schwierig ist, weil ein klassischer Strafraumabschlusstürmer im Hasenhüttl-System nicht so richtig vorgesehen ist. Oder aber es läuft dann doch auf ein leicht verändertes System mit nur einem echten Stürmer wie im 4-3-3 aka 4-1-2-2-1 hinaus. Oder es wird dann doch eher der perfekte Spieler für die Aktionen in den Zwischenräumen zwischen Viererkette und Mittelfeld, nämlich Marcel Sabitzer, neben Werner eingesetzt.

Sprich, wenn Davie Selke nicht noch mehr zu (einem abschlusstärkeren) Poulsen II wird, dann spricht aktuell wenig dafür, dass es unter Ralph Hasenhüttl in dieser Saison noch zum großen Durchbruch kommt (Cinderella Story natürlich nie ausgeschlossen, falls man ein paar taktische Anpassungen im Sinne von Selkes Spiel vornimmt). Womit sich dann Vermutungen von vor der Saison bestätigen würden, dass Selke es unter Hasenhüttl schwer haben werde. Und was dann dafür spricht, dass man sich im Sommer voneinander trennt. Interessenten dürften zu finden sein. Einen sehr guten Abschlussstürmer, den Selke weiterhin darstellt, können viele Teams immer gebrauchen (Mönchengladbach mit ihren schnellen Flügeln zum Beispiel). Zumal man nicht vergessen darf, dass Selke gerade mal 22 Jahre alt ist und gerade als Stürmer den besseren Teil seiner Karriere noch vor sich hat.

In Leipzig reicht das kurzfristig nach Lage der Dinge auch weiterhin nicht für übermäßig viel und konstante Einsatzzeit. Weil Sprinter Werner Fähigkeiten mitbringt, an denen niemand vorbeikommt (und die am ehesten wohl noch ein Burke ersetzen könnte) und weil Selke eben kein Poulsen II für das System von RB Leipzig ist und das auch nicht durch seine höhere Qualität in unmittelbarer Tornähe aufgewogen wird. Passt halt manchmal nicht. An Selkes Einsatz, das belegen vor allem seine Sprint-, Lauf- und Zweikampfdaten, die zeigen, dass er in den paar Minuten, die er kriegt, alles gibt, liegt es nicht. Manchmal wirkt er, dazu passen die häufigen Abseitsstellungen, fast ein bisschen zu willig und entsprechend verkrampft. Auch das ist sicherlich Teil der aktuellen Problemlagen.

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Davie Selke hat diese Saison bei RB Leipzig wenig zu feiern. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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5 Gedanken zu „Davie Selke auf der Suche nach der Cinderella Story“

  1. Was mir , wenn Davie spielt, auch immer mal wieder auffällt, ist seine Körpersprache. Nach meinem Gefühl, gibt er in manchen Situationen vielleicht auch zu schnell auf. Hinzu kommt, dass er, bedingt durch die Teilnahme am olympischen Turnier, hier einen großteil der Vorbereitung verpasst hat. Erschwerend kommt hinzu, funktioniert eine Mannschaft, muss man nicht all zu viel wechseln. Dies ist ja bekanntlich nicht gut für den Rhythmus eines Teams ( was ja auch im Text niedergelegte Fakten besagen).
    Fazit: Einen Wechsel im Sommer würde ich dennoch nicht gutheißen. Nach jetzigem Stand spielen wir wohl sicher International, in welchem Format auch immer. Gute Spieler und das ist Davie allemal, werden dann mehr denn je gebraucht.

  2. Sehr schöner Titel dieses Blogposts!

    @Torsten: Gutes Argument, dass gute Spieler für den internationalen Wettbewerb gebraucht werden. Noch besser (und wichtig) wäre es natürlich, wenn diese Spieler auch in das taktische System passen würden. Das konnte Selke eben noch nicht oft nachweisen und wenn das so bleibt hilft er auch im europäischen Wettbewerb nicht weiter.

    1. @TOM, das bleibt abzuwarten, ob er uns da helfen kann. Erfahrungen der letzten Jahre anderer Clubs zeigen , das bei unbequem zu bespielenden Gegnern auch das eigene Konzept das ein oder andere mal über den Haufen geworfen werden muss. Verteufeln würde ich Ihn jedenfalls nicht. Mit 22 Jahren ist noch viel Entwicklungspotenzial in ihm drin. Anfangen abzurufen muss er langsam, da gebe ich Dir recht.

  3. Für Selke spricht ebenfalls, dass er das Taktikkonzept kennt. Neuzugänge kommen ja manchmal auch mit „leerer Festplatte“ hinzu.

  4. Eigentlich war ich ja positiv überrascht .als Selke kam und er fügte ja eine gute 2 .Liga Saison an
    Aber nach den olympischen Spiele kam er vollkommen von der Rolle wieder und das hat sich leider bis jetzt nicht geändert.
    Unsicherheiten in der Ballannahme.verarbeitung und Weiterleitung sind leider immer wieder zu sehen und gegen robuste Verteidiger ala Sokrates komplett abgemeldet.
    So ein zwingender Wille zum absoluten Einsatz ist auch nicht zu verzeichnen.

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