Timo Werner als perfekter Rollenspieler zum Nationalspieler?

Viel wurde in den letzten Wochen über Timo Werner geschrieben. Also viel wurde auch mit Hilfe seiner Worte in Form von Interviews geschrieben (gemeinsamer Arbeitstitel: ‚Warum alles super perfekt ist und ich mich in Leipzig wohl fühle.‘). Aber viel wurde auch schlicht über ihn geschrieben. Ob er beispielsweise nicht bald ein Thema für die deutsche Nationalmannschaft sein müsste. Weil die doch so ein Stürmerproblem habe.

Fakt ist, dass Timo Werner bisher eine sehr gute Saison spielt. Das zeigt bereits ein ganz einfacher erster Blick auf die Zahlen. Elf Torbeteiligungen stehen schon auf Werners Konto. Sieben Tore und vier Vorlagen. Nur Emil Forsberg ist (wenn man Burke und Selke als Joker mal nicht beachtet) in Sachen direkter Torbeteiligungen besser. Der Schwede ist alle 65 Minuten an einem Tor beteiligt, Werner nur alle 80 Minuten.

Torbeteiligungen (min. 300 Minuten Einsatzzeit):

  • Emil Forsberg: alle 65 Minuten (5 Tore, 7 Vorlagen)
  • Timo Werner: alle 80 Minuten (7 Tore, 4 Vorlagen)
  • Marcel Sabitzer: alle 97 Minuten (4 Tore, 4 Vorlagen)
  • Naby Keita: alle 137 Minuten (4 Tore, 1 Vorlage)
  • Yussuf Poulsen: alle 291 Minuten (1 Tor, 2 Vorlagen)

Ähnlich sieht es aus, wenn man guckt, wie viele Tore fallen, wenn die Stürmer und bisherigen Toptorschützen auf dem Platz sind. Nur dass sich Naby Keita noch nach vorn schiebt. Bei zwölf Spielen und 27 Toren würde man erwarten, dass bei jedem Spieler pro 90 Minuten Einsatzzeit 2,25 Tore fallen. Alles was drüber liegt, wäre also erstmal gut, alles was drunter liegt erklärungsbedürftig.

  • Emil Forsberg: 2,66 RB-Tore pro 90 Minuten
  • Naby Keita: 2,5 RB-Tore pro 90 Minuten
  • Timo Werner: 2,35 RB-Tore pro 90 Minuten
  • Marcel Sabitzer: 2,10 RB-Tore pro 90 Minuten
  • Yussuf Poulsen: 1,75 RB-Tore pro 90 Minuten

Platz 2 kommt für Timo Werner heraus, wenn es nach Torschüssen geht. 2,86 Schüsse gibt er pro 90 Minuten ab. Lediglich Marcel Sabitzer feuert noch häufiger Bälle ab.

  • Marcel Sabitzer: 3,26 Schüsse pro 90 Minuten
  • Timo Werner: 2,86 Schüsse pro 90 Minuten
  • Emil Forsberg: 2,08 Schüsse pro 90 Minuten
  • Dominik Kaiser: 2,06 Schüsse pro 90 Minuten
  • Naby Keita: 1,84 Schüsse pro 90 Minuten
  • Yussuf Poulsen: 1,44 Schüsse pro 90 Minuten

Effektiver als Timo Werner sind mit Emil Forsberg und Naby Keita gleich zwei Spieler, die jeweils weniger als vier Schüsse pro Tor brauchen. Marcel Sabitzer braucht dagegen für seine Tore vergleichsweise viele Versuche.

  • Naby Keita: 3,5 Schüsse pro Tor
  • Emil Forsberg: 3,6 Schüsse pro Tor
  • Timo Werner: 4 Schüsse pro Tor
  • Marcel Sabitzer: 7 Schüsse pro Tor
  • Dominik Kaiser: 13 Schüsse pro Tor
  • Yussuf Poulsen: 14 Schüsse pro Tor

Interessant dabei vielleicht, dass Timo Werner derjenige unter allen Spielern ist, der am häufigsten von innerhalb des Strafraums abzieht. 27 von insgesamt 28 Torschüssen werden aus unmittelbarer Tornähe abgegeben. Was viel über Werners Rolle als Zielspieler im System RB Leipzig aussagt. Er ist derjenige, der im Fall der Fälle mit seiner Geschwindigkeit tief geschickt wird. 2,76mal pro Spiel schließt er deswegen im Strafraum ab. Ein einziger Torabschluss in fast 900 Minuten Einsatzzeit kam von außerhalb.

  • Timo Werner: 2,76 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums
  • Marcel Sabitzer: 2,22 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums
  • Yussuf Poulsen: 1,44 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums
  • Emil Forsberg: 1,39 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums
  • Naby Keita: 1,05 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums
  • Dominik Kaiser: 0,95 Schüsse pro 90 Minuten innerhalb des Strafraums

Von den 23 Toren, die in der Zeit fielen, in der Timo Werner auf dem Platz stand, schoss der Stürmer mit sieben fast ein Drittel. 15 Tore waren in dieser Zeit Treffer zur Führung oder zum Ausgleich. Wenn Werner dort auch ein knappes Drittel aller RB-Tore geschossen hätte, dann wären dies 4,6 (also knapp 5) Tore zur Führung oder zum Ausgleich gewesen.  Real waren es aber lediglich drei. Das heißt, dass Timo Werner bei den wichtigen Toren etwas seltener trifft. Dafür ist er bisher verstärkt da, wenn es darum geht , eine Führung auszubauen. Vier von acht Toren, mit denen bei seiner Einsatzzeit eine Führung ausgebaut wurde, erzielte er selbst. Deutlich mehr als ein Drittel und damit deutlich mehr als man statistisch erwarten könnte.

Man könnte daraus auch schließen, dass Werner vor allem dann zur Waffe wird, wenn nach einer Führung Räume entstehen. Allerdings hat Werner auch schon dreimal zu einer Führung eingenetzt. Und fünf seiner sieben Tore in der ersten Halbzeit erzielt. Also zu einer Zeit, die gemeinhin als eine gilt, in der Mannschaften ihre Defensivkonzepte noch recht gut umsetzen.

Im Gegensatz zu Werner treffen gerade Emil Forsberg und Naby Keita häufiger als man es von ihrer allgemeinen Torquote her erwarten würde auch zur Führung oder zum Ausgleich. Sechs von zehn 1:0-Treffern gehen zudem auf das Konto der beiden. Werner fügt noch zwei weitere hinzu. Sabitzer und Burke erledigten den Rest.

Interessant vielleicht, dass Timo Werner der am wenigsten in die Ballzirkulation eingebundene Offensivspieler ist (Passmaschine Naby Keita ist hier aufgrund seiner oft tieferen Rolle auf der Sechs nicht mitbetrachtet). Keine 16 Pässe spielt er auf 90 Minuten.

  • Emil Forsberg: 27,07 Pässe pro 90 Minuten/ 56,92 Ballkontakte
  • Marcel Sabitzer: 21,80 Pässe pro 90 Minuten/ 48,96 Ballkontakte
  • Yussuf Poulsen: 19,07 Pässe pro 90 Minuten/ 45,88 Ballkontakte
  • Timo Werner: 15,92 Pässe pro 90 Minuten/ 44,49 Ballkontakte

Nicht nur ist die Passzahl gering, auch die Passquote ist nicht sehr hoch. Wobei dies für die anderen Offensivspieler in ähnlichem Maße gilt. Lediglich Emil Forsberg hat eine für seine Rolle herausragende Passquote.

  • Emil Forsberg: 77,7% angekommene Pässe
  • Yussuf Poulsen: 64,7% angekommene Pässe
  • Marcel Sabitzer: 62,8% angekommene Pässe
  • Timo Werner: 62,4% angekommene Pässe

Zahlen wie die Passquote sind natürlich nicht ausschließlich Beweis für Qualität oder eben nicht Qualität. Sondern auch Zeichen für bestimmte Rolle. Bei Timo Werner passt die Passquote recht gut zu einer Rolle als Spieler, der vor allem Arbeit in der Tiefe zu verrichten hat. Im Kombinations- und Passspiel hat er durchaus seine Probleme. Das Abklatschen von Bällen, um dann tief zu starten und einen Pass zu jagen, beherrscht er aber durchaus recht gut.

Die Zahlen werden noch durch die Tatsache unterstrichen, dass Timo Werner noch an keinem Tor beteiligt war, dass er nicht selber schoss oder selber vorbereitete. Sprich, Timo Werner spielte noch nie einen vorletzten Pass oder war zudem nicht an der Entstehung eines Tores beteiligt, das er nicht selbst schoss oder vorbereitete . Marcel Sabitzer spielte gleich fünf vorletzte Pässe, bei Yussuf Poulsen sind es noch zwei.

Timo Werner ist entsprechend ein Spieler, der meist außerhalb der Ballzirkulation arbeitet. Vor allem in der Tiefe, vor allem strafraumnah. Deswegen erzielt er Tore und bereitet sie vor und ist mit 1,33 Torschussvorlagen pro Spiel auch auf Augenhöhe mit Yussuf Poulsen und Marcel Sabitzer. Aber in der Angriffsentwicklung und -abwicklung spielt Timo Werner kaum eine Rolle.

Als letzte Zahl lohnt sicherlich auch noch ein Blick auf die Zweikampfbilanz. Timo Werner führt auf 90 Minuten gesehen von der Zahl her Zweikämpfe auf Augenhöhe mit Emil Forsberg. Während Marcel Sabitzer eher wenig in direkte Duelle geht, ist Yussuf Poulsen erwartungsgemäß die Zweikampfmaschine.

  • Yussuf Poulsen: 31,2 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Emil Forsberg: 20,5 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Timo Werner: 20,2 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Marcel Sabitzer: 14,7 Zweikämpfe pro 90 Minuten

In der Quote gewonnener Zweikämpfe führt Yussuf Poulsen mit ordentlichen 48%. Wenn man bedenkt, dass das oft auch Luftduelle nach langen Bällen sind, in denen er sich behaupten muss, ist das mehr als vernünftig. Timo Werner kommt dagegen auf nicht mal 42% und ist damit im gesamten RB-Team von den Spielern, die regelmäßig zum Einsatz kommen, der mit Abstand schwächste Zweikämpfer.

Auch hier kann man natürlich wieder viel in Rollen hineininterpretieren. Vor allem über die Rolle von Yussuf Poulsen und seine eigene, geringe Torausbeute sagt es viel aus. Viele Zweikämpfe jedes Spiel. Die Aufgabe ist das Binden der gegnerischen Verteidiger und deren Beschäftigung. Dadurch entstehen Lücken, in die dann ein Timo Werner in der Tiefe starten kann. Als Stammspieler wie Poulsen pro 90 Minuten 15 Zweikämpfe zu gewinnen, ist jedenfalls ein enormer Wert.

Wenn man es so sehen will, dann brauchen Yussuf Poulsen und Timo Werner einander sehr. Ohne Timo Werner neben sich, wäre Poulsens Bearbeiten der gegnerischen Defensivreihen eine brotlose Kunst. Und ohne Yussuf Poulsen würde Timo Werner wohl viel stärker in massive Defensivreihen rennen und an ihnen auch ein Stückweit zerschellen.

Letztlich ist Timo Werner auch wegen dieser Konstellation so schnell in Leipzig in die Spur gekommen. Weil er eine klar definierte Rolle hat, die auf seine Qualitäten explizit zugeschnitten ist. Geschwindigkeit, Tiefe, Ball aufs Tor. Dabei ist er im Torabschluss gerade angesichts der Nähe zum Tor, die er beim Torschuss hat, noch nicht mal extrem effektiv im Vergleich mit seinen Mitspielern. Aber er ist derjenige, der mit seiner Schnelligkeit den gegnerischen Abwehrreihen im Umkehrspiel am meisten weh tun kann. Da ist der eine oder andere Fehlschuss aus guter Position zu verkraften.

Ob das für die Nationalmannschaft reicht, ist je nach Sicht eine gute oder überflüssige Frage. Ein 20-jähriger Stürmer, der der beste deutsche Torschütze in der Bundesliga ist, muss über kurz oder lang wohl ein Thema auch für die Nationalmannschaft sein. Man muss aber dabei im Hinterkopf behalten,  dass Werner in Leipzig in sehr spezieller, auf ihn zugeschnittener Rolle für Furore sorgt. Ob es eine solche Rolle auch in der Nationalmannschaft geben kann, ist fraglich. Ob der Bundestrainer sein Team auf eine solche Rolle zuschneiden will auch.

Letztlich wird über Timo Werner in den letzten Wochen nicht zu Unrecht viel geredet. Auch wenn er nur das durch die Tore auffälligste Glied in der Spielsystemkette RB Leipzig ist, die offensiv derzeit vor allem von Emil Forsberg und Naby Keita getragen wird. Als dieses letzte Glied macht er sehr viel richtig, bewegt sich sehr gut an der Abseitslinie und stellt den Gegner dabei oft vor Probleme. Dabei ist es dann auch verkraftbar, dass er nicht wirklicht Teil des Kombinationsspiels und des Entstehens von Toren ist. Und da sind dann auch geringe Passquoten, schlechtere Zweikampfwerte oder auch (im Vergleich mit den anderen Offensivspielern) Schwächen in der Balleroberung hinnehmbar. Ist halt alles nicht wesentlich für seine Rolle im RB-System. In das Timo Werner als perfekter Rollenspieler sehr gut passt.

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Einfangen ist bei Timo Werner gerade schwierig. | Foto: GEPA Pictures - Roger Petzsche
Foto: GEPA Pictures – Roger Petzsche

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Daten sind Eigenaggregate auf der Basis von bundesliga.de, fourfourtwo.com und BILD-Sportdatencenter.

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4 Gedanken zu „Timo Werner als perfekter Rollenspieler zum Nationalspieler?“

  1. Genauso viele Treffer wie ein Robert Lewandowski bei kürzerer Einsatzzeit sind ja auch schon mal ein Wort!

    Sehr interessanter Beitrag übrigens!

  2. Es geht zwar im Blog über Timo Werner, aber der Zweikampfwert von Poulsen zeigt genau, warum er so wichtig für das Team ist, obwohl er beim Tore schiessen bzw vorbereiten geringe Zahlen aufweist. (Paradebeispiel das 3:1 gegen Freiburg)

    Wenn Werner so weiter spielt, dann wird Herr Löw ihn schon anrufen. Bis dahin weiter Gas geben und Geduld haben.

  3. Servus in die Runde,

    da ja meine Holde bekanntlich (zumindest für den RBB) aus Schwaben ist (und dementsprechend VFB Fan), habe ich Werner schon eine längere Zeit betrachten dürfen (in seiner VFB Zeit).

    Ohne das konkret mit Zahlen hinterlegen zu können führte ich damals schon aus, dass Werner zwar superschnell ist aber eben auch seine Probleme hat (speziell: Schussgenauigkeit, Balltechnik und Zweikampf).

    Mit den zusätzlich hohen Erwartungen beim VFB Publikum im Rücken wurden diese Werte (verständlich) auch nicht besser.

    Noch heute winkt meine Holde immer ab, wenn sie Werner aufs Tor zurennen sieht mit dem Satz „das ist Werner, der trifft eh nicht“ worin sich natürlich vor allem die Stuttgarter Erfahrung widerspiegelt (und auch schön im 1. Spiel in Hoffenheim zu sehen war.. typische WErner Szene: bis kurz vors Tor und dann in die Hände des Torhüters).

    Letztendlich treffen m.M.n. für Timo gerade 3 Faktoren aufeinander, die ihn im Moment für uns wichtig (und erfolgreich) machen:

    1. das perfekte System, mit perfekter Position und den perfekten Nebenleuten (perfekt im sinne von „für ihn hilfreich“)
    2. Das Selbstvertrauen durch Siege und Erfolge.
    3. „Backup“Lösungen die seine „Fehler“ wiedergutmachen (sprich: die halt die Tore schießen, wenn er es nicht macht)

    Das ist für Ihn natürlich so ziemlich perfekt und entsprechend fühlt er sich wohl und er wirkt dadurch auch souveräner als in all der Zeit beim VFB.

    Ein Problem sehe ich jedoch in der Nationalmannschaft. Hier ist ein völlig anderes Konzept (sprich: Taktik, Aufstellung, Positionen) das ihn letztendlich nur wieder in den Zustand wie beim VFB zurückversetzen würde. Solange hier die Taktik „wir machen min. 100 passspiele bevor wir 1x aufs tor schiessen“ vorherrscht wird er nur wenig hilfreich sein. da passt dann auch eher mal nen mittelstürmer wie der herr selke.

    1. Das was Matthias zu Timo und Nationalmannschaft sagt, möchte ich unterstreichen! Schaut euch nur das Beispiel Marcel Sabitzer und seine Rolle in der Nationalmannschaft an, auch da vermisst man für Marcel Sabitzer die passenden Nebenleute!

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