Entscheidungsbekanntgabe als Kommunikationsstil

Themen, über die ich schon immer mal reden wollte. Also eigentlich nicht, aber was solls. Es geht um Banner. Das sind die Dinger, die bei RB Leipzig immer mit auf den Bildern sind, unter denen dann irgendwas von „Danke an unsere Fans, ihr wart großartig“ oder ähnliches drunter steht. Banner sind auch die Dinger, wegen denen sich Ultra-Gruppen gern auflösen, falls das ihrige mal verschwunden ist oder kaputt ging. Seltsames Ritual.

In jedem Fall haben viele Fan-Gruppierungen gern Banner irgendwo am Zaun eines Fußballstadions herumhängen, um ihre Anwesenheit, ihre Fan-Unterstützung oder schlicht ihre Existenz zu demonstrieren. Nichts ganz spektakuläres, aber irgendwie gehört es zur Optik eines Fußballstadions dazu.

Bzw. gehört es im Sektor A der Red Bull Arena zu Leipzig und in einem fernsehkamerarelevante Teil des Hintersektors D ab sofort nicht mehr dazu, wenn es nach dem Willen von RB Leipzig geht. Sprich, die komplette Haupttribüne und die Hälfte des einen Hintertorsektors soll künftig komplett bannerfrei bleiben. In Sektor D sollen die entsprechenden Banner einfach enger zusammenrutschen. Banner aus Sektor A sollen künftig auf die andere Stadionseite in den Bereich der Gegengerade im Sektor C wandern.

Hintergrund ist, dass der Bereich, in dem bisher die Banner hingen, von RB Leipzig zu einem Werbebereich gemacht wurde. Betrifft den gesamten Bereich unterhalb der Sektoren-Geländer, der eigentlich aus Blechverkleidungen bestand, inzwischen aber mit Planen, von denen Spieler und Bullen grüßen, komplett überspannt ist. Und diese Planen sind als Werbeflächen ausgewiesen (also auch die Bullen, die jetzt drauf sind, schon).

Werbeflächen wiederum bringen Geld bzw. werden sie in den Bilanzen mit entsprechenden Einnahmen versehen. In der Erklärung seitens des Vereins wird auf Verbandsrichtlinien verwiesen und darauf, dass es auch einen steuerrechtlichen Hintergrund gibt. Sprich, wenn man einnahmeseits 500 qm (fiktive Zahl) als Werbefläche angibt, für die man wegen entsprechender TV-Reichweite eine bestimmte Summe einnimmt, dann dürfen es in der Praxis nicht nur 450 qm sein. Weil man dann Probleme bei der Abrechnung bekommt (weil man ja Geld für 500 qm einnimmt). Falls mal jemand nachmessen kommt. Sprich, auch Banner, die über Teile der Werbeflächen hängen, sind da im Weg. Und müssen weg.

Betroffen von der Neuregelung sind einige Gruppen, die ihre Heimat auf der Haupttribüne haben. Von Skatstadtbullen über die A-Block-Bullen (das dürften die beiden mit den größten Bannern sein) bis hin zu einer Borna-Fahne, Brausecrew, taLEntfrei, Kaputte Hagebutten und vielen mehr sind da diverseste Banner und Gruppen dabei.

Das ist zuerst einmal eine langweilige, technokratische Geschichte, bei der jeder selbst überlegen muss, ob er es organisatorisch hinbekommt, vor und nach dem Spiel den Weg von A über Fanblock B hin in Sektor C und wieder zurück zurückzulegen oder auch nicht. Für die einen könnte das eine Option sein, für andere wiederum nicht. Das und auch die sachlichen Hintergründe sind gar nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt heißt wie so oft Kommunikation. Woraus auch Fragen bezüglich der Entscheidungsfindung, von Respekt und Kompromisswilligkeit resultieren.

Die Kommunikation bestand rund um die Entscheidung darin, dass die betroffenen Gruppen vor ein paar Tagen von der RB-Fanbetreuung angerufen wurden und von der Verlautbarung aus dem Marketing-Sales-Bereich in Kenntnis gesetzt wurden.

Es ist nicht die erste Geschichte in den letzten Jahren, in der das Fingerspitzengefühl fehlt, an welcher Stelle man Menschen abzuholen hat und an welcher man das nicht braucht. Seit längerem wurde vereinsintern die Werbeflächengeschichte und der Umgang damit diskutiert. Niemand kam im Verlauf der Entscheidungsfindung auf die Idee, die betroffenen Gruppen ins Boot zu holen, ihnen die Sachlage zu erklären und sich mit ihnen Lösungen zu überlegen. Geringere Bannergröße, einzelne Aussparungen in den Werbeflächen, Umzug in den Oberrang in A, Ausnahmen für Gruppen, die schon lange in A unterwegs sind, Verkleinerung der Werbeflächen um ein paar Zentimeter in der Höhe Es hätte diverse Möglichkeiten gegeben, sich an irgendwelchen Kompromisslinien entlangzuhangeln.

Das war aber offenbar nicht gewollt. Weil man lieber irgendwo sitzt und in Dienstleister-Attitüde Flächen und Einnahmen durchrechnet und dann die entsprechenden Entscheidungen per Dienstanweisung (‚diese Anweisung gilt ab sofort‘) via Fanbetreuung kommunizieren lässt. Seltsamerweise wurde dieses Vorgehen nicht überall mit einem ‚Das ist ja mal echt eine prima Idee, das machen wir‘, begrüßt, sondern auf verschiedensten Kanälen in unterschiedlicher Form kritisiert. Dass daraufhin vereinsseits nichts anderes einfiel, als auf verschiedenen Kanälen im Hintergrund die Kritisierer ruhigstellen zu wollen, war dann nur das I-Tüpfelchen. Erst mit Leuten nicht kommunizieren, um dann die Kommunikation darauf auszurichten, dass nach außen in den Online-Netzwerken bloß kein Negativbild gezeichnet wird. Und öffentlich dazu sowieso lieber kein Ton. Spricht für sich selbst.

Na ja, in der Mitteldeutschen Zeitung ließ man sich dann doch noch zitieren: „Wir haben mit unserer neuen Sales-Ausrichtung zu dieser Saison neue Flächen im Stadion vermarktet“, ließ man im Erfolgsdeutsch verlauten (dass da nur rote Bullen in Spieler- und Tierform zu sehen sind und Vermarktung jedes popeligen Quadratmeters in der Red Bull Arena bisher nicht unbedingt zum Geschäftsmodell gehörte, muss man da erst mal außer Acht lassen).

Und Richtung betroffenen Gruppen: „Die Banner bleiben im Stadion. Im Rahmen der hervorragenden und gelebten Fankultur ist dies auch völlig selbstverständlich.“ Man hat ein wenig das Gefühl, dass man vereinsseits in das fotogene Bild seiner Fans, mit dem man als Schmuck durch die Lande zieht und eine „neue Fankultur“ (Hasenhüttl) beschwört, die vorbildhaft für den Rest der Republik sein soll, verliebt ist. Und fast schon ein bisschen empört ist, wenn nun innerhalb dieser Fankultur Dinge wie Brüchigkeit in Bezug auf gemeinsame Ansichten oder öffentlicher Dissenz auftreten. Wo doch gerade alles so prima ist.

Es ist wie immer in Familien. Es ist nie alles prima. Bzw. ist es mal so prima und mal anders prima. Und wenn der Vati stolz mit dem Bild seines volljährigen Sohnemanns durch die Gegend rennt und es überall rumzeigt, aber gleichzeitig glaubt, dass Kommunikation im Fall der Fälle und in sohnemannrelevanten Fragen die simple Entscheidungsmitteilung und -erklärung irgendwo zwischen Frühstück und zur Arbeit gehen (sprich, mal eben in einer Länderspielpause) ist, dann ist es halt nicht prima. Gar nicht.

Es ist eine seltsame Mischung aus Dienstleister-Attitüde (‚wir arbeiten doch nur für die sportliche Zukunft des Vereins, also für euch als Fans‘), die im Mintzlaff-Sales-Style wieder stärker zum Vorschein kommt (und eigentlich nach den Vereinsanfangstagen mit seinem ‚wollen für Leipzig gutes tun‘ schon in der Schublade verschwunden schien) und Heile-Welt-Kommunikationsversuch, der Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit ignoriert und durch Vornewegpreschen und Weichzeichnen ersetzt, der einem genau dann sauer aufstößt, wenn Entscheidungen an Betroffenen vorbei getroffen werden, die man auf einen gemeinsamen Tisch hätte legen und damit die entsprechenden Gruppen ernstnehmen können.

Und ja, auch frühzeitige Kommunikation (also tatsächliche Kommunikation) wird bei manchen Entscheidungen nicht dazu führen, dass alle begeistert sind, aber sie wird zu mehr Verständnis, zu mehr Nachvollziehbarkeit und bei entsprechendem Willen der Beteiligten auch zu nachhaltigen Kompromissen führen. Wer nicht kommuniziert, der ist auch nicht kompromisswillig, das ist die Essenz der Bannergeschichte in Sektor A. Die auf ähnliche Geschichten bei Ticketpreisfindung oder Vereinshymne in der jüngeren Vergangenheit aufbaut.

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Ein bisschen passend zum Stress mit den Bannern in Sektor A und der gewöhnungsbedürftigen Kommunikation zwischen Verein und Fans kriselt es auch im Fanverband deutlich. Das ist nicht neu, hat sich aber durch den Austritt verschiedener Gruppierungen und offizieller Fanclubs (Red Aces, Rasenballisten, LeCrats und Rabauken) noch mal verschärft. Vor allem wenn man bedenkt, dass mit LE Bulls, den RB Freunden Bennewitz und dem Bulls Club sowieso schon relevante und große Gruppen  fehlen (bzw. in Bezug auf den Bulls Club zwischenzeitlich über einen längeren Zeitraum fehlten).

Die Begründungen drehten sich in der Vergangenheit vor allem darum, dass sich die großen Gruppen in dem Gremium aufgrund ihrer eigenen Größe und im Vergleich zu geringem Stimmenanteil unterrepräsentiert sahen. Dazu geht es um Effizienz, Entscheidungsfindung und natürlich auch um persönliche Befindlichkeiten. Wichtige Entscheidungen und Initiativen wurden in der Vergangenheit meist ohne Fanverband getroffen oder durchgezogen.

Die Gründe für die neuesten Austritte nun in einem Fakt suchen zu wollen, wird misslingen. Die Entwicklung dorthin geht ja schon länger. Gerade zwischen den aktionistischeren Fangruppen und dem eher träge agierenden Fanverband ist der Riss schon länger da. Nicht sonderlich vorteilhaft da, dass Fanvertreter die Kommunikationskanäle des Fanverbands in jüngerer Vergangenheit dazu nutzten, um eher als Verlautbarungsorgan irgendwo zwischen Kommunikationsabteilung von RB Leipzig und Fanbetreuung zu erscheinen und nebenbei in ziemlich anmaßenden Worten (u.a. via inzwischen gelöschtem Facebook-Posting) das Fanprojekt abzuwatschen, dem man aus irgendeinem Grund offenbar die Rolle als Fanverband light zugedacht hatte.

Der Fanverband ist sicherlich aus vielerlei organisatorischen Gründen nicht das Nonplusultra eines Scharniers zwischen Vereins- und Faninteressen. Und die Austritte und Abwesenheiten diversester Gruppierungen machen die Probleme der Vertretung von Eigeninteressen über dieses Gremium allzu offensichtlich. Mal ganz davon abgesehen, dass Sitzungen des Fanverbands kein Vergnügen sind.

Allerdings ist der Fanverband auch die beste Struktur, die es aktuell gibt. Und auch jene Struktur, die die Breite an Fankultur rund um RB Leipzig am ehesten abbilden kann. Klar macht es diese Breite schwierig zu Entscheidungen zu kommen, die tatsächlich auch die Interessen von Mehrheiten vertritt bzw. die Interessen von Minderheiten abbildet und zu Wort kommen lässt. Aber am Ende bedeutet ein Austritt eben auch, dass man sich der Kommunikation in der Breite der Gruppen, die sich für eine Selbstorganisation interessieren, entzieht und jeder künftig für seine Partikularinteressen eintritt, aber damit beim Verein eher noch weniger Gehör findet als mit einem Zusammenschluss im Fanverband, der zudem noch den Vorteil hat, in seinen Strukturen basisdemokratisch veränderlich zu sein. Entsprechend löst der neuerliche Austritt von Gruppen keinerlei Probleme. Im besten Fall verdeutlicht er ein Problem. Allerdings eins, das schon bekannt war.

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Die RB-Fans am Wochenende auch mit einem Kommentar zu Banner- und Fanverband-Fragen mit in vielerlei Hinsicht ähnlicher Schlagrichtung.

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Schöne Szene mit dort nicht mehr gewolltem Banner.. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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11 Gedanken zu „Entscheidungsbekanntgabe als Kommunikationsstil“

  1. Man tut in der Vereinsführung eben alles dafür sein Image als selbstherrliches Marketingkonstrukt, für das Fans nicht so wichtig sind, gegenüber den Hatern und Kritikern zu bewahren.

    (gibt es hier einen Ironiesmily)?

    Ich hatte es im RB- Forum schon geschrieben, dass ein Kompromiss gut möglich sein könne, wenn man z.B. die Bannerhöhe auf z.B. 80 cm begrenzt. Dann bleiben ja immer noch gute 3 m Werbefläche nach unten. Aber das hat man wohl nicht in die Planungen einbezogen oder ist gar nicht gewollt. Weil Banner doch von der Werbebotschaft ablenken könnten.

    Ansonsten wieder ein Artikel der sehr gut meiner
    Ansicht entspricht.

  2. Es ist in der Tat erstaunlich, daß letzte Woche Ralph Hasenhüttel in viele Mirkos sprach, um hier in LE die neue Fankultur zu lobpreisen. Und dann in der LSP wollte man dies auch von der „Anderen“ Seite zeigen. 😉
    Klingt alles in allen nicht so dolle, was Du da schreibst, also inhaltlich! Deine Meinung dazu ist bockstark!

    Ist es aber nicht möglich in den Oberrang zu ziehen, also die Banner? Da ist doch genug Platz da, es stört niemanden und für eine Werbefläche ist dies mMn nach auch zu klein.

    Ich hatte mir gestern mal wieder 1-2 NFL Spiele angesehen und dabei mal genauer die Stadien angeschaut. Ich glaube nun beinahe, daß ist der Traum von der GF von RBL, wie ein (Neues?!) Stadion optimal vermarktet werden kann.
    Ob VIP / Logen, Werbebanden, Anzeigetafel!!! (Locker 25x15m) und tlw. Rasen.

    1. Wo bitte ist denn in der NFL mal der Rasen „beworben“? Mit Ausnahme vom „Play60“ oder anderer Liga-Selbstdarstellung ist gar nix. Im Gegenteil. Im TV Bild ist in der NFL deutlich weniger Werbung zu sehen. Keine Trikot- oder Bandenwerbung. Anzeigetafel ja, aber die ist selten im TV zu sehen…
      BTW… wie immer spannender und treffender Text

  3. „Ist es aber nicht möglich in den Oberrang zu ziehen, also die Banner? Da ist doch genug Platz da, es stört niemanden und für eine Werbefläche ist dies mMn nach auch zu klein. “

    Laut Mitteilung gilt das Bannerverbot für den kompletten Sektor A, also auch den Oberrang. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen.

  4. Warum Kompromisse? Warum vorher miteinander reden?

    Heute A und teilweise D, morgen B?

    Was man mit den Händen aufgebaut hat, wird mit dem…wieder eingerissen.

    Punkt für unsere Kritiker.
    Berechtigt.

    Alles nur Fassade?

  5. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, das halt im Kommunikationsbereich , doch keine Vollprofis sitzen.Sonst wäre so ein Fauxpas nicht passiert oder das Fingerspitzengefühl für Fans einfach nicht vorhanden ist.(sehr bedenklich wenn man das Stadion voll bekommen will. Denn nur mit VIP Logen ist nunmal keine Stimmung zu machen und all den Hatern wurde wieder ein Argument gegeben.Sehr schade.

  6. Aus meiner Sicht schwingt da auch etwas aus der Überheblichkeit des Vereins gegenüber den Fans mit. In den letzten Wochen wurde immer mal wieder in Verbindung mit dem Stadionneubau sinngemäß verlautbart, dass doch zu einigen Spielen die RB-Arena zweimal ausverkauft werden könnte. Somit stellt sich für mich die Frage, inwieweit der Verein auf die „paar Hanseln“, welche derzeit rumoren, verzichten kann. (Achtung, das war Ironie!) Mir kommen solche Verhaltensweisen seitens des Vereins ziemlich unnachsichtig vor. Auf der Basis: Wenn uns etwas eben nicht passt, andere würden gerne an unserer Stelle ins Stadion…
    Natürlich kann ich verstehen, dass man die Werbefläche verkaufen will. Kaum ein Bundesligastadion hat im Kamerabereich Banner hängen. Aber wie man an die Fans herangeht, ist mir völlig unverständlich. Es enttäuscht mich vor allem dahingehend, dass doch der Verein in den Medien sein Fans in den letzten Wochen in fast jedem Interview lobt. Was sind wir doch toll, wie sehr sind wir gewachsen und wie stolz ist man auf unsere Friedfertigkeit. Und dann PENG: Hier nehmt unsere Entscheidung zur Kenntnis und lebt damit? Einfach nur enttäuschend!

    1. Ja, darauf soll das „(bzw. zwischenzeitlich fehlten)“ als nachträglich hinzugefügte Ergänzung hinweisen. Tut es offenbar nicht deutlich genug. Ich mach es noch mal deutlicher.

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