Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Drei Wochen Urlaub am Stück gab es in diesem Sommer für mich. Fast schon opulente Zustände, die auch dazu führten, wieder mal viel Zeit zum Lesen von Büchern zu haben. Neben einigen Werken, die gar nichts mit Sport zu tun hatten, schlich sich aber dank der Gabe des twitternden @rbfreund auch ein Büchlein mit Fußballbezug in die Leseliste.

Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ und den protzigen Untertitel „Warum (fast) alles, was wir über den Fußball wissen, falsch ist“ (im englischen Original hat man im Untertitel das „(fast)“ sogar noch weggelassen). Ein Untertitel, der etwas arg dick aufgetragen ist, denn nach dem Lesen des Buchs hat man nicht wirklich das Gefühl, dass sich irgendetwas auf den Kopf gestellt hätte. Vielmehr ergänzt das Buch an manchen Stellen einfach auf angenehme Art und Weise die Sicht auf das Spiel.

Das Buch dreht sich (an der Stelle sind dann wahrscheinlich 80 Prozent der LeserInnen weg) um Statistik. Die Autoren Chris Anderson und David Sally glauben an den Erkenntnisgewinn, den man aus Daten über den Fußball gewinnen kann und nutzen ihr Buch, um Zahlen und Analysen vorzustellen und auch manchmal darzulegen, an welcher Stelle man mit solchen Analysen vielleicht zu anderen Entscheidungen kommen würde, als es Clubs manchmal tun.

Das Buch erschien 2013 in England und 2014 in Deutschland. Vielleicht erklärt sich daraus, dass man sich noch ein wenig stärker  in einer Pionier- und Vorreiterrolle sah, während es heutzutage das Packings fast schon als eigener Programmpunkt ins Hauptabendprogramm gebracht hat. Wobei die Diskussion ums Packing auch gezeigt hat, wie ungewohnt der Umgang mit solchen Statistiken noch ist. Der zu Beginn der Europameisterschaft ziemlich überzogene Einsatz des Analysetools im öffentlich-rechtlichen TV ist nur als manisches Pendant zur klischeehaften Ablehnung von Analysedaten zu verstehen.

Packing ist richtig eingesetzt vor allem im Bereich der Individualanalyse und des Scoutings ein sehr wertvolles Mittel. Es erklärt aber, das hat diese Statistik mit vielen anderen Daten gemein, auch nicht alles und korreliert (so ist zumindest anzunehmen) auf Mannschaftsebene sehr stark mit dem Chancenverhältnis und erklärt so natürlich auch das Endergebnis. Was nahliegt, denn Mannschaften, die viele Gegenspieler und Verteidiger überspielen, landen automatisch oft nah vor des Gegners Tor, kommen öfter zum Schuss und erhöhen ihre Siegwahrscheinlichkeit.

Im Bereich der Statistik kommt es halt auch immer darauf an zu erkennen, was sich durch die Zahlen tatsächlich erklären lässt und an welcher Stelle es in Zahlenpräsentation der Zahlenpräsentation wegen hinausläuft. Sprich, am Ende sind es immer noch Menschen, die den Zahlen Sinn geben und die Grundlagen verändern, auf denen die Zahlen basieren.

Ist ja letztlich nicht anders, was die nicht nur rund um RB Leipzig gern genommene Statistik angeht, dass man am ehesten Tore erzielt, wenn man binnen kurzer Zeit nach der Balleroberung zum Abschluss kommt, weil dann der Gegner noch in Unordnung ist. Wenn man sein Spielsystem auf diese Analyse hin ausrichtet und nur noch auf hohe Ballgewinne setzt, wird man naturgemäß verstärkt auf Gegner treffen, die versuchen das zu umgehen, indem sie die Bälle schnell und ohne anfälliges Kombinationsspiel aus der Abwehr nach vorn schlagen, um keine Ballverluste und schnellen Gegentore zu verursachen.

Was nicht nur dem Setzen auf hohe Ballgewinne ein wenig die Grundlage nimmt, sondern auch die Statistik, wie schnell nach dem Ballgewinn man Tore erzielt, verändert. Sprich, Menschen nutzen rund um den Fußball Statistiken und verändern sie durch ihr Tun vielleicht auch wiederum an manchen Stellen.

Wie auch immer, das Buch „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ schafft es zwar nicht, den selbst auferlegten Anspruch aus dem Untertitel zu erfüllen, dass Zahlen belegen, dass all unser Wissen über den Fußball falsch ist, aber die Autoren schaffen es, in einer leicht verständlichen und nachvollziehbaren Sprache, statistische Analysen zugänglich zu machen. Um den Darlegungen zu folgen, muss man kein Statistikexperte sein. Generelles Interesse am Thema reicht aus. Statistisches Grundwissen dürfte aber das Verständnis für manche Analyse (bzw. deren Hintergrund und Herleitung) und Grafik erleichtern.

Das Buch liefert keine revolutionären, aber im Detail durchaus interessante Einsichten und Klarstellungen. Interessant beispielsweise die Auseinandersetzung mit Charles Reep, der einer der ersten war, der auf der Basis von Analysen Mitte des letzten Jahrhunderts schon zu der Ansicht kam, dass sich die Wahrscheinlichkeit, ein Tor zu erzielen, wesentlich erhöht, wenn vorher wenige Pässe gespielt werden. Schnell vors Tor kommen und dadurch die Effizienz erhöhen, war entsprechend seine Devise.

Anderson und Sally zeigen anhand von Daten, dass tatsächlich die Chancenverwertung nach wenigen Pässen höher ist, aber Mannschaften mit stärkerem Passspielfokus auf der anderen Seite auch wesentlich mehr Torschüsse generieren. Sodass am Ende doch die Passspielmannschaften mehr Tore schießen. Weil ihre Chancenverwertung zwar schlechter ist, aber sie einfach mehr Chancen haben, sodass trotz schlechterer Verwertung am Ende doch mehr Tore herausspringen. Sprich, wenn ich von 100 Chancen 20% nutze (also 20 Tore schieße), bin ich immer noch besser, als wenn ich von 60 Chancen 30% nutze (also 18 Tore schieße).

Differenzierung von Daten ist entsprechend durchaus nicht unwichtig. Wie auch die Einsicht, dass Daten über alle Teams hinweg nicht immer den Erfolg (oder Misserfolg) eines einzelnen Teams erklären. Sprich, wenn alle auf Passspiel mit vielen Stationen und technisch gut ausgebildeten, eher kleinen Spielern setzen, dann verschafft man sich vielleicht sogar einen Vorteil, wenn man der Einzige ist, der auf lange Bälle, robusten Körpereinsatz und wie Darmstadt darauf setzt, dass jeder ruhende Ball in der gegnerischen Hälfte vom Einwurf über den Freistoß bis zur Ecke dazu genutzt wird, ihn direkt in den gegnerischen Strafraum zu befördern. Was bei Teams wie Guardiolas Barcelona ja fast schon verpönt war.

Vielleicht etwas unbefriedigend für die Kontrollfreaks unter den Fußballfachleuten und -fans, dass statistisch gesehen sich etwa 50% des Ausgangs eines Fußballspiels durch den Faktor Glück erklärt, man also ergo nur auf 50% durch Kaderplanung, Training, Taktik und ähnliches Einfluss hat. Wobei die Vorhersehbarkeit eines Ergebnisse natürlich steigt, je größer die sportlichen Differenzen zwischen Favorit und Außenseiter sind. Wenn die 50% nicht durch Glück erklärbaren Teile eines Spiels komplett für den Favoriten sprechen und dann noch 25% vom Glück hinzukommen, wird die Siegchance bereits sehr hoch. Sprich, wenn jemand, der dem anderen Team sportlich, individuell, fitnesstechnisch und was auch immer komplett unterlegen ist, trotzdem das Spiel gewinnen will, braucht er bereits alles Glück, das es rund um ein Fußballspiel so geben kann, um eine Chance zu haben.

Dass Glück zumindest bei halbwegs ausgeglichenen Teams eine recht große Rolle spielt und man dessen Einfluss nur zu minimieren versuchen kann, ist natürlich auch direkte Folge dessen, dass Fußball ein Spiel mit wenigen Scores in Form von Toren ist und der erste Treffer oder ein glückliches Tor extrem viel von den bestehenden Voraussetzungen verändern können. Entsprechend ist es punktetechnisch auch wertvoller, kein Tor zu kassieren, als eins zu schießen. Die im Buch auf England basierenden Daten zeigen, dass man in Spielen ohne Gegentor im Schnitt fast 2,5 Punkte holt, während man selbst in Spielen mit zwei geschossenen Toren im Schnitt unter diesen fast 2,5 Punkten bleibt.

Statistisch gesehen definiert sich dabei die Erfolgsaussicht eines Teams vor allem über das schwächste Glied im Kader. Sprich, Erfolg oder Misserfolg basieren vor allem darauf, wie gut mein schlechtester Spieler ist und nicht wie gut der beste Spieler. Was vielleicht auch erklärt, warum manch ein Versuch in Leipzigs Fußball, mal eben ein Team mit drei, vier sehr guten Neuzugängen nach oben zu bringen, schief gehen musste.

Die Rolle der guten Spieler ist dabei aber trotzdem nicht zu unterschätzen, weil der schwächste Spieler im Team sich leistungstechnisch am besten entwickelt, so zumindest die Buchthese, wenn er sehr gute Spieler zur Orientierung, zum Lernen und zum Wachsen hat und die sehr guten Spieler ihm auch helfend zur Seite stehen. Sprich, der Einfluss der sehr guten Spieler auf den Teamerfolg wird dadurch am größten, dass sie nicht nur ihre sportlichen Leistungen einbringen, sondern dabei helfen, das schwächste Glied in der Kette zu stärken.

Alles in allem gibt es in dem Buch wenige Erkenntnisse, bei denen man spontan den Kopf schütteln würde. Auch wenn man manchmal die berühmte Henne-Ei-Diskussion führen könnte. Beispielsweise wenn Ballbesitz anhand von Daten als Erfolgsmittel propagiert wird und der Abgesang auf Kontersysteme gesungen wird. Letztlich sind es ja eben oft auch individuell stark besetzte Teams, die den Ballbesitz pflegen und sind es die wirtschaftlich großen Player, die von wirtschaftlichen Außenseitern in Ballbesitzrollen gedrängt werden. Dass fußballerisch stärker besetzte Teams mit besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen über eine Saison gesehen mehr Spiele gewinnen als ihre Konkurrenten, kann aber auch nicht wirklich überraschen, worüber sich dann vielleicht die Ballbesitzstatistik noch mal ein kleines Stück relativiert. Bzw. die Ballbesitzstatistik eher Folge sportlicher und wirtschaftlicher Voraussetzungen ist.

Insgesamt ist das ungefähr 400 Seiten dicke „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ für Leute, die zumindest einen kleinen Hang dazu haben, sich den Fußball auch über Zahlen zu erschließen, ein hübsches kleines und an vielen Stellen sicherlich auch anregendes Buch, das zeigt, dass die Erstellung und Verwendung von Statistiken viel mit Denken und nicht ganz so viel mit Rechnen zu tun hat und das sich gut weglesen lässt. Menschen, die wie der ehemalige Nationalcoach der USA Bruce Arena praktisch nur die Anzahl der Tore als statistisches Analysemittel akzeptieren, sollten vielleicht genauso die Hände von dem Buch lassen wie ganz große Statistiknerds, die sich beim Lesen unter Umständen eher unterfordert fühlen könnten.

Wer bis hierher mit Lesen durchgehalten hat, wird diesmal nicht mit einem Gewinnspiel belohnt. Wer das Buch trotzdem haben will, Amazon nutzt und diesem Blog hier zusätzlich noch was gutes tun will, kann sich „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ via Link holen, dann fließen automatisch ein paar Prozent in den rotebrauseblog.

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