24.Spieltag – 2.Bundesliga 2015/2016

Die Rangnick-Effenberg-Kontroverse schlug in den letzten Tagen ihre typischen, öffentlichkeitswirksamen Wellen. Dazu muss man im Detail gar nicht mehr viel sagen. Es ist sicherlich etwas ungünstig, nach einem glücklich gewonnenen Spiel den Spielstil des Gegners kritisch zu würdigen (mit Betonung auf kritisch), aber faktisch steckte in Rangnicks Äußerungen auch nichts extremes, sondern eher eine Beschreibung dessen, was er auf dem Spielfeld wahrgenommen hatte.

Erwartbar trotzdem, dass man daraus ein paar Schlagzeilen bastelt und dann noch mal das übliche Spielchen von ‚der hat das dazu gesagt, der findet den arrogant, der ist ganz empört‘ spielt, um die Story so lange auszupressen und mit O-Tönen aufzuheizen, bis sie dann wirklich nicht mehr interessiert oder beim nächsten Streit als Referenz (’schon vor zwei Jahren waren Rangnick und Effenberg aneinandergeraten, als…) genutzt wird. So eine Story auszupressen macht aus Mediensicht natürlich Sinn. Zumal wenn mit Rangnick und Effenberg zwei Schwergewichte mit öffentlicher Relevanz und Klickträchtigkeit im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen.

Inhaltlich war eigentlich mit den Einlassungen von Rangnick (Paderborn mit Spielsystem wie vor 30 Jahren, „Anti-Fußball“, „Manndeckung“) und dem entgegnenden Effenberg-Verweis auf zentrale Spieldaten (mehr Chancen gebhabt, mehr Zweikämpfe gewonnen, mehr gelaufen) fast alles gesagt. Tobias Escher schafft es bei spielverlagerung.de trotzdem noch was schlaues zum Thema beizutragen und Rangnicks Äußerungen einzuordnen und darauf zu verweisen, dass Manndeckung nicht 30 Jahre lang her ist und Mannorientierungen in mancherlei Hinsicht auch abseits von Spielen des SC Paderborn gegen RB Leipzig eine nicht unwesentliche Rolle im modernen Fußball spielen.

Interessant neben all dem vielleicht noch, dass Ralf Rangnick via BILD erklärte, dass die Paderborner Spielweise „legitim“ sei, „aber nicht zu einem attraktiven Fußballspiel beiträgt“.  Ein Vorwurf, der in eine ähnliche Richtung weist wie vor ein paar Monaten Ruthenbecks Schimpfen auf die „Scheiß-Liga“, in der mutiges Spielen nach vorn bestraft werde. Oder in die Richtung, die die Herren Reng und Selldorf vor einem knappen Jahr formulierten, als sie die Nachwuchsausbildung von RB Leipzig als eindimensional auf Athletik ausgerichtet kennzeichneten und die fehlende Ausbildung individuell-technischer Qualitäten bemängelten, was auf Perspektive nicht gut für den Fußballsport sei. Oder in die Richtung der generellen Kritik an der Entwicklung des Fußballs in Deutschland, in dem es überwiegend nur noch defensive, auf Umkehrspiel setzende Teams gebe.

Es bleibt erstaunlich, dass mehr oder minder unterschwellig in die Argumentationen immer mal wieder eine quasi normative Idee eines technisch sauberen, offensiv-aktiven Fußballs als Zielvorstellung, auf die man hinzuarbeiten habe, eingearbeitet wird. In dieser Art des Fußballs drücke sich die Attraktivität des Spiels aus. Wobei die Zielvorstellung auch manchmal eher nach Harlem Globetrotters denn nach fußballtypischem Wettbewerb klingt.

Um letzteren geht es aber immer und dieser entscheidet sich nach Siegen. Für die sich Trainer Spielideen zulegen, die letztlich die Wahrscheinlichkeit erhöhen sollen, erfolgreiche Spiele in Pokalen und Meisterschaften auszutragen.

Die Attraktivität des Spiels kann dabei ein Prämisse sein, ist aber im Normalfall nur Nebeneffekt und wird häufig einfach nur rhetorisch vor sich hergetragen. Auch bei RB Leipzig, wo in den letzten Jahren nicht immer hochgradig attraktiver, im Sinne eines spielerisch starken Fußballs geboten wurde und trotzdem häufig die Behauptung im Raum stand, dass die Zuschauer wegen des offensiven, jugendlichen Stils so zahlreich ins Stadion strömen würden.

Das erzählt sich natürlich schön, ist aber auch oft nur die halbe Wahrheit. Für das Strömen zum Fußball gibt es verschiedenste Motive. Und Attraktivität bemisst sich aus Zuschauersicht sicherlich nicht unbedingt daran, ob jemand Manndeckung spielt oder nicht. Was man auch daran merkt, dass man diese Feinheiten im Stadion im Zweifel (je nach Standort) sowieso (als Zuschauer) nicht auf den ersten Blick erkennt.

Gerade auch einem Spiel wie Paderborn gegen Leipzig wohnt durch die Konstellation, dass sich ein Abstiegskandidat in eine Begegnung mit dem Aufstiegsfavoriten hineinbeißt und die Partie mit der Zeit gefühlt auf die eigene Seite zieht, einige Attraktivität inne. Vor allem beim Heimpublikum, das sich in den Bann gezogen fühlt, aber auch darüber hinaus, ist so eine Partie, in der ein Team überraschend gegen eine Mauer anläuft und die Energie, die in so einer Partie drinsteckt, durchaus attraktiv für die Zuschauer.

Es ist am Ende mühselig, darüber zu befinden, ob eine Spielweise aus sich selbst heraus attraktiv ist oder nicht und ob dies nur für technisch sauberen, spielstarken Fußball gilt oder auch für die athletische Pressingvariante oder sogar für das Verteidigen-und-Standards-Modell, das Darmstadt entwickelt hat. Die Schönheit liegt da vermutlich im Auge des Betrachters und hat auch was damit zu tun, welche Ideen aufeinanderprallen. Zwei Darmstadts beim gegeneinander spielen zuzusehen, könnte ein wenig schwer genießbar sein. Ein Darmstadt und ein Leipzig wären schon wieder eine andere Konstellation, weil die Rollen klar verteilt sind und sich daraus potenziell interessante Duelle und Möglichkeiten ergeben.

Im Hinterkopf sollte man dabei immer behalten, dass die gewählte Spielidee nicht nur Selbstzweck ist, sondern die Siegwahrscheinlichkeiten erhöhen soll. Das kann durch spielbezogene Gegneranpassungen wie bei Effenbergs Paderborn gegen Leipzig passieren, kann aber auch wie bei Leipzig eher Anspruch der grundsätzlichen Spielphilosophie sein, die über alle Partien hinweg und relativ unabhängig vom Gegner durchgezogen werden soll.

Schließlich wurde der (Gegen-)Pressingstil bei RB Leipzig seitens der Verantwortlichen ja auch immer damit begründet, dass der Weg zum Tor nach hohen Ballgewinnen nicht mehr so weit sei und man am wahrscheinlichsten Tore soundsoviele Sekunden nach Ballgewinn erziele. (Und nebenbei, dass man mit dem jugendlich-aktiven Stil gut zum Geldgeber passe.) Was eine Begründung des Spielstils über Erfolgsaussicht und nicht primär über Attraktivität ist.

Es wäre vor allem eine von der Empirie zu beantwortende Frage, ob die Jagd nach dem hohen Ballgewinn tatsächlich per se ein anderen Spielideen überlegenes System ist oder es nicht an anderen Stellen Lücken schafft, in die man hineintappt oder der hohe Laufaufwand auf höchstem Ligenniveau nicht mehr so hoch sein kann, dass man dem Gegner läuferisch trotzdem ein Stück überlegen ist oder das viele Laufen zu Unkonzentriertheiten im Torabschluss führt.

Problematisch bei den empirischen Fragen, dass die Modelle, die es bräuchte, um Fragen nach der Effizienz von Spielsystemen zu beantworten, so komplex und von so vielen internen und externen Bedingungen abhängig sind, dass man sie nicht sinnvoll aufstellen könnte. Zumal es wohl utopisch wäre diese Effizienz über alle gegnerischen Spielsysteme hinweg, auf die man treffen kann, nachzuweisen.

Es geht am Ende um Erfolg und der Weg dahin hat auf Trainerseite auch viel mit Bauch und subjektiven Präferenzen und mit (wirtschaftlichen) Gegebenheiten im Verein zu tun. Sich wie Darmstadt mit vielen Spielern immer hinterm Ball zu verschanzen und mit ein, zwei Konterspielern und einem großen Stürmer so viele Standards wie möglich in Nähe des gegnerischen Strafraums zu ergattern, ist eine Konsequenz aus den Möglichkeiten des Vereins und der Tatsache, dass die Spielertypen, die man für dieses System braucht, bei anderen Vereinen nicht unbedingt gefragt, also billig zu kriegen sind. Falls irgendwann einmal die Bundesliga nur noch aus physisch robusten Spielern besteht, die sich Standardmassaker liefern, würde man in Darmstadt (wenn sich an ihren wirtschaftlichen Voraussetzungen nichts wesentliches ändert) wohl kleine Spieler über den Platz wuseln sehen, die den großen Spielerbrocken Knoten in die Beine spielen wollen.

Ob das dann als attraktiv empfunden wird oder nicht und wer womit welchen Beitrag zur Attraktivität leistet, bleibt dabei eine in vielerlei Hinsicht akademische Frage. Oder etwas, was man vor allem dann kritisch sieht, wenn man gerade wie Ruthenbeck unglücklich 2:3 beim FC St. Pauli verloren hat und emotional angefressen ist. Oder etwas, was man äußert, wenn man gerade glücklich 1:0 in Paderborn gewonnen hat und kein Mittel gefunden hatte, die Manndeckung bzw. das mannorientierte Verteidigen aus dem Spiel heraus aufzubrechen. Vielleicht ist das ja die größte Verletzung für einen mit taktischen Fragen sehr vertrauten Trainer wie Ralf Rangnick, dass das Gegenüber für seinen größeren Rückgriff in die taktische Mottenkiste nicht ausreichend bestraft wurde. Was ja wiederum ein Anreiz zur Verbesserung wäre und es dann auch wieder passen würde.

Es macht halt wenig Sinn mit einer normativ-ästhetischen Kategorie wie Attraktivität zu argumentierten, wenn man sich gerade nicht freut, mit Spielideen aus einer bösen Vergangenheit, die man als „Anti-Fußball“ (Rangnick) empfindet, konfrontiert zu werden. Aus Sicht der den Sport Betreibenden ist spielsystemimmanente Attraktivität (im Sinne einer spielerischen Attraktivität) weder die treibende Kraft, die in den Sport hineinzieht noch die Ebene, die Erfolg sichert. Und aus Sicht der Zuschauenden gibt es so viele Möglichkeiten, wie aus einem Fußballspiel ein attraktives werden kann, die alle oder fast alle nichts damit zu tun haben, ob ein Mirnes Pepic fast durchgängig Emil Forsberg verfolgt, dass es wiederum keinen Sinn macht, den Begriff gegen einen bestimmten Spielstil in Anschlag zu bringen. Und da haben wir über Chelseas Sechserkette einst in der Champions League oder St. Paulis ähnliche Versuche im Ligabetrieb, wo die offensiven Außen immer auch verkappte Außenverteidiger sind, noch gar nicht gesprochen.

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24.Spieltag

  • Karlsruher SC – SC Paderborn 07 – 1
  • 1. FC Kaiserslautern – TSV 1860 München – 1
  • Fortuna Düsseldorf – VfL Bochum – 2
  • SpVgg Greuther Fürth – 1. FC Union Berlin – 1
  • SV Sandhausen – 1. FC Nürnberg – 2
  • RB Leipzig – 1. FC Heidenheim – 1
  • FSV Frankfurt – MSV Duisburg – 2
  • Arminia Bielefeld – SC Freiburg – 0
  • FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig – 2

Tippquote bisher: 80 von 207 (bei RB-Spielen: 10 von 23).

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