Unerquickliches

Schlimm dieser Fußball. Will nach dem Terror von Paris nicht nur ein (am Ende wegen Terrorwarnung abgesagtem) Länderspiel gegen die Niederlande austragen, sondern erlaubt sich auch noch, dieses Spiel zu einem Statement für die Freiheit zu stilisieren. So vernahm man in den letzten Tagen an verschiedensten Stellen. Um es kurz zu machen, mir persönlich ist in dem Fall ein wenig Pathos und Überhöhung sehr viel näher als die professionelle Kühle, mit der man noch nach grauseligsten Schlachtfesten eine ruhige Reaktion propagiert oder den Islam als Religion vor seinen islamistischen Mörderbanden in Schutz zu nehmen versucht.

Man sollte aus Sport nicht mehr machen, als er ist. Und an die Kraft dessen, dass das gemeinsame Fußballerlebnis eine quasi kathartische Wirkung habe, die Differenzen überwindet und die Gesellschaft heilt, habe ich nie geglaubt. Trotzdem ist es interessant, dass Bekenntnisse zur Freiheit und zur Solidarität mit Paris im amerikanischen Sport sehr viel alltäglicher sind als in Deutschland, wo ein Benedikt Höwedes für seine Aussage, er reise „als Fan der Demokratie“ zum Deutschland-Niederlande-Spiel eher noch Spott erntet.

Sich über den Sport zu einem bestimmten freiheitlichen Gesellschaftsmodell zu bekennen, tut natürlich erstmal nicht sonderlich weh. Und die Fragen danach, welche Konsequenz und Militanz eine freiheitliche Gesellschaft braucht, um sich gegen Mörderbanden zu schützen, werden damit auch nicht beantwortet. Wäre vielleicht auch etwas viel verlangt.

Fakt ist, dass der Fußball nur ein Puzzlestück in der ganzen Geschichte ist. Denn die Angriffe von Paris, genauso wie die gegen die Charlie-Hebdo-Redaktion (großartiges neues Cover, aber das nur nebenbei) oder gegen die Twin Towers in New York oder das Abschlachten von Theo van Gogh vor reichlich zehn Jahren in den Niederlanden, ganz zu schweigen von den alltäglichen Gräueltaten in den nichtwestlichen Regionen dieser Welt gegen Menschen auf der Suche nach individueller Freiheit sei es kulturell, sexuell, spirituell oder was auch immer, haben die gemeinsame Logik, sich gegen Freude und Selbstverwirklichung als solcher zu richten.

Dazu gehört natürlich auch der Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie, die Sittenwächtern aller Art auch hierzulande schon immer ein Dorn im Auge war. Dazu gehören aber von Wirtschaftsinsitutionen über die die Meinunsfreiheit ausreizende Satirezeitschrift bis zum Club, in dem bis zum Umfallen gefeiert wird, alle Institutionen, die das Leben zu einem machen, das über das pure Verwalten von Lebenszeit hinausgeht oder potenziell zumindest hinausgehen könnte.

Der islamistische Terror von Paris und anderswo richtet sich gegen Orte und Personen, die Dekadenz, Individualität, Selbstverwirklichung und Freiheit des Gedankens symbolisieren. Und ist damit inhaltlich durchaus anschlussfähig beim Islam, ohne den er nicht wirklich zu denken ist oder auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen, denen Selbstbezogenheit und Karriere ein Dorn im Auge sind.

Natürlich kann man völlig nachvollziehbar nach den Anschlägen von Paris auf die Idee kommen, ein Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden zum Symbol für die Freiheit und zum Zeichen, sich nicht unterkriegen zu lassen, aufzublasen. Genausogut könnte man aber auch Mohammed-Karikaturen an jede Wand malend, Israel-Fahnen schwenkend, knutschend und Alkohol trinkend durch die Gegend tanzen und nebenbei die Kurse seines Aktienpakets checken, um zu demonstrieren, dass man das komplette Gegenteil der von Todessehnsucht, Mordlust und Zwangsritualen geprägten Welt will, wie sie Islamisten oder mit ihnen im Geist verbundenen, durchaus weltlichen Gruppen vorschwebt.

Man könnte vieles machen, stattdessen arbeitet man sich an der gesellschaftlichen Rolle des Fußballs ab oder debattiert, ob Flüchtlinge willkommen sein sollten oder nicht oder ob sie potenzielle Terroristen sind oder vor realen Terroristen fliehen. Und unterscheidet sich dabei im Dafür und Dagegen nur unwesentlich, weil man Flüchtlinge zu einer Opfer- und Objektgruppe macht, der man wahlweise positive oder negative Eigenschaften anhängt.

In dieser inhaltsleeren Zuspitzung drauf zu kommen, dass die Gruppe so heterogen ist wie die meisten anderen nach Herkunft zusammengestellten Gruppen auch und dass unter Flüchtlingen sowohl Opfer als auch Täter sind (wenn man die öffentliche Opfer-Kennzeichung der Gruppe denn aufgreifen will), geht im Bekenntnisdiskurs schon fast als Unding durch. Auch weil man in Deutschland über Parallelgesellschaften, in denen autoritäre Familienstrukturen den Versuch der inidividuellen Selbstverwirklichung als Schande auch mal eben selbst sanktionieren, nur ungern spricht.

Das aktuelle Zeitgeschehen mit seinen Besitzstandswahrerrassisten von Pegida und Co, mit den Flüchtlingsbewegungen und mit islamistischem Terror, dessen ideologischen Grundlagen und dem innewohnenden, historische Bezüge aufweisenden Vernichtungswahn ist auf ziemlich vielen Ebenen höchst unerquicklich. Die Debatte darum und die permanente Vermischung der Themen ist es meist auch. Vermutlich wird sich daran kurz- bis mittelfristig nichts ändern. Schade eigentlich.

In diesem Sinne, macht was draus. Irgendwas mit Selbstverwirklichung, Freude, Musik, Leben, Dekadenz, Liebe und sogar auch Fußball. Prost.

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(Bis Dose leer – Playlist)

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