Frommer Wunsch

Mit rein erfolgsorientiertem Ergebnisfußball erreichen wir die Menschen nicht, aber mit unserem Bienenschwarm-Fußball. Die Fans sollen bei uns auch nach Niederlagen heimgehen mit dem Gefühl: war ein geiles Spiel. (Ralf Rangnick, Kicker vom 02.02.2015)

Also wenn letzteres der Anspruch ist, dann kann man für die aktuelle Saison wohl schon mal vermelden, dass dieser Plan schief ging. Nach keiner der fünf Niederlagen ist man mit dem Gefühl nach Hause gegangen bzw. (weil es vier Auswärtsniederlagen waren) gefahren, dass es ein geiles Spiel war. Vielleicht trifft es mit Einschränkungen noch auf das Ingolstadt-Spiel zu, das durch die Fokussierung auf den zum Buhmann auserkorenen Schiedsrichter zumindest eine Emotionalisierung und einen Zusammenhalt mit dem eigenen Team erfuhr, dass wohl die Mehrheit des Publikums nicht unzufrieden nach Hause ging.

In dem obigen Zitat steckt aber ein ganz anderes Missverständnis drin. Nämlich, dass der „Bienenschwarm-Fußball“ etwas wäre, das über „Ergebnisfußball“ hinausgeht. Irgendwas, was also ein ästhetisches Empfinden und auch eine Identifikation mit der Art des Spiels ermöglicht, die im gewöhnlichen, sagen wir Ballbesitz-Fußball nicht drinsteckt. An anderer Interviewstelle an anderem Zeitungsorte ist für den Sportdirektor diese Spielweise ja auch schon mal verantwortlich für den Anstieg der Leipziger Zuschauerzahlen gewesen.

Das Missverständnis besteht darin, dass das „Bienenschwarm“-(Gegen)Pressing in den letzten zweieinhalb Jahren in den guten Phasen trotz aktiver Philosophie gar kein spektakuläres Offensivsystem, sondern vor allem ein stabiles Defensivsystem war. Wenn man sich anschaut, warum man vor einem Jahr aufgestiegen ist, dann lag das in erster Linie daran, dass man nach den zwei Auftaktpleiten nach der Winterpause neun der folgenden 15 Spiele ohne Gegentor absolvierte und in den ersten 10 dieser 15 Partien den Ball nur dreimal aus dem Tor holen musste. Das waren fast nie Fußballfeste (wie man auch an 13 Toren in den ersten 10 Spielen nach der Winterpause erkennt), sondern in der Teamorganisation extrem gefestigte und routinierte Auftritte, bei denen man dem Gegner kaum Tormöglichkeiten ließ und offensiv unheimlich effektiv agiert wurde.

Dem Gegner mit viel Laufaufwand die Luft zum Atmen bzw. die Lust am Spielen zu nehmen, hat prinzipiell erst mal wenig damit zu tun, ein ästhetisch besseres oder ein berührenderes Erlebnis mit höhrerer Identifikationskraft zu sein. Es ist in erster Linie eine Philosophiefrage und hängt vor allem an der Überzeugung, dass man damit erfolgreicher ist, als mit anderen Spielphilosophien. Bzw. man den Erfolg aktiver beeinflussen kann.

Ob dem tatsächlich so ist, ist entsprechend zuerst einmal eine statistische Frage. Klar ist es plausibel, dass die Möglichkeit, binnen acht Sekunden nach Balleroberung ein Tor zu erzielen, höher ist, als nach 20 Sekunden, weil dann die Abwehrformation schon steht. Wenn man aber die hohe Balleroberung nicht hat, um die gegnerische Unordnung auszunutzen, hilft dieses plausible Argument jedoch auch nicht unbedingt viel.

Dass man noch mehr braucht, als den Gegner in der Balleroberung ungeordnet zu erwischen, hat man bereits irgendwann tief in der Hinrunde erkannt und entsprechend den Plan ins Repertoire aufgenommen, auch aus dem Ballbesitz heraus, gefährlicher und zielstrebiger agieren zu wollen. Zudem kam man nach 19 Spielen vor der Winterpause zu dem (auch anhand der Statistiken wie der Zweikampfwerte) nachvollziehbaren Schluss, dass man im Sturm eine höhere individuelle Klasse braucht, um Bälle auch verarbeiten und sichern zu können. Vielleicht hätte man sich eher noch einen torgefährlichen Mittelfeldakteur gewünscht, aber da stand letztlich auch die Philosophie-Entscheidung für ein Rückrunden-4-3-3, das unter dem Trainer Rangnick auch schon in Hoffenheim gespielt wurde, im Wege.

Man hat sich bei RB Leipzig also der zwei Problemfelder angenommen, denen man sich nach Lage der analysierbaren Dinge annehmen musste. Ganz so, wie es eigentlich im Fußball laufen sollte. Sich vor allem in Winter- und Sommerpause hinsetzen, die Situation analysieren und dann entsprechend Veränderungen durchführen.

Ein Spiel später ist die allgemeine Stimmungslage rund um RB Leipzig mit Panik fast schon freundlich umschrieben. Eine erstaunliche Stimmungslage nach einem Spiel, das in den beiden Bereichen, in denen Veränderungen geplant waren und vorgenommen wurden, wesentlich besser aussah, als noch die Versuche in Aalen, Sandhausen, Darmstadt oder auch Fürth und Co. Denn sowohl das individuelle Auftreten im Sturmbereich, als auch phasenweise der Versuch, sich Chancen herauszuspielen (bspw. die Forsberg-Chance direkt nach der Pause), waren im Vergleich zu den letzten Spielen der Vorrunde deutlich verbessert.

Wenn in Aue etwas nicht stimmte, dann war es das zentrale und völlig unspektakulär aussehende Erfolgselement des Pressingsystems. Nämlich den Gegner gar nicht erst zu Chancen kommen zu lassen. Das Agieren vor allem der Viererabwehrkette war in einem selten gesehenen Ausmaß unerklärlich fahrlässig. Wenn z.B. das Herausrücken eines Innenverteidigers, der in einen Zweikampf geht, nicht abgesichert wird, dann kann man sich in einem System, in dem man an der Mittellinie verteidigt, den Ball eigentlich auch gleich selber ins Tor schießen.

Dass nach einem solchen Spiel die Laune rund um RB Leipzig nicht sonderlich gut ist, mag nicht erstaunen. Sollte sie nach einer eher depremierenden Niederlage auch nicht. Und dass man medialerseits die Messer wetzt, nervt zwar, erstaunt aber auch nicht weiter. Nachrichtenlagen orientieren sich immer zuerst am Ergebnis.

Vielleicht dann doch ein wenig erstaunlich, dass vor allem in Bezug auf den Coach die Stimmung im Fanumfeld von RB Leipzig scheinbar am Kippen ist. Erstaunlich deswegen, weil es nach einem halben Zweitligajahr und einer gerade erst erfolgten Fehleranalyse in der Winterpause und dem Versuch, jetzt den nächsten Schritt zu machen, geradezu absurd ist, nach nur einem Spiel nach der Winterpause (absurd wäre es aber auch noch nach dem zweiten oder dritten oder vierten Spiel nach der Winterpause) den Notstand auszurufen.

Man scheint da ein wenig zum Opfer des Erfolgsversprechens von Red Bull zu werden, das Dietrich Mateschitzt am Wochenende noch mal auffrischte und sich den Leipziger Aufstieg schon in dieser Saison wünschte. Der Erfolg ist in den letzten zweieinhalb Jahren als Fan-DNA offenbar so tief in die Adern gesickert, dass man in seltener Einigkeit mit dem medialen Sportboulevard den Trainer mit sturmreif schießt. Endlich können die Verdammten dieser Erde auch mal Verdammende sein. ‚Wer uns nicht weiter bringt, muss weg. Wir sind schließlich auf einer Mission.‘, so das scheinbare Motto (das sich vermutlich von den bundesweiten Vergleichsvereinen auch nur in Nuancen unterscheidet) bei manch einem Leipziger Fußballenthusiasten.

Man darf das angesichts der angesprochenen Tatsachen der Winterpausenanalysen und -veränderungen und den letzten zweieinhalb erfolgreichen Jahren als absolut ungerecht und unangemessen empfinden. Auch wenn man natürlich Fans zugute halten darf, dass sie vor allem aus der Emotion und nicht aus der Ratio heraus argumentieren. Dass man die erste sportliche Krise in zweieinhalb Jahren Zorniger zum Anlass nimmt, die Fundamente des Hauses einreißen zu wollen, darf man trotzdem komisch finden.

Es bleibt zu hoffen, dass vor allem der Verein intern die Kraft hat, sich den aktuellen Eigendynamiken von Medien und Umfeld zu entziehen und dem Plan zu folgen, den man mit seiner Winterpausenanalyse verfolgte. Nämlich auf der Basis einer weiterhin guten Defensivorganisation (2013/2014 bestes Defensivteam in der dritten Liga nach der Winterpause zusammen mit Darmstadt, 2014/2015 bestes Defensivteam der zweiten Liga vor der Winterpause) eine Anpassung des Spielsystems ohne Abrücken von der grundsätzlichen Spielphilosophie vorzunehmen und das individuelle Auftreten vor dem gegnerischen Tor zu verbessern.

Wer die Ausführenden dieser Idee bereits nach dem ersten, in vielerlei, aber sicher nicht jeder Hinsicht missglückten Spiel nach der Winterpause zertrümmern will, ist entweder darauf reingefallen, dass der RB-Fußball in irgendeiner Kategorie von Spaß oder Ästhetik mehr wäre als der Rest des Fußballs. (Was Quatsch ist, denn wer schon mal zwei pressende Mannschaften gegeneinander hat spielen sehen, weiß, dass das nicht unbedingt mehr Spaß macht.) Oder darauf, dass ihm als RB-Fan immer der Erfolg auf die Fanmütze nicht nur scheinen, sondern geradezu brennen wird.

Ob die Mannschaft zusammen mit dem Trainer und dem Sportdirektor und dem ganzen Funktionsteam (und sie gehören nun mal alle zusammen) den nächsten Schritt machen konnte, wird man in ein paar Monaten bewerten und dann analysieren können, woran es gelegen hat, dass man erfolgreich oder nicht erfolgreich war. Wenn man dann auf die Idee kommt, es muss definitiv z.B. am Verantwortlichen für die Reinigung der Torpfosten gelegen haben, dann muss man sich dem Thema widmen.

Nach einem Spiel nach der Winterpause ist noch nicht mal ansatzweise die Zeit für abschließende Bewertungen, geschweige denn für Abrechnungen gekommen. Eigentlich wäre vielmehr die Zeit gekommen, dass man vom Sportdirektor bis zum Team und am besten auch bis zu den Fans noch enger zusammenrutscht. Aber das muss an dieser Stelle wohl ein frommer Wunsch bleiben.

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3 Gedanken zu „Frommer Wunsch“

  1. Auch, wenn der Fußballexperte @„roger“ von geäußerten Meinungen eines bestimmten Kommentators erlöst werden möchte, wird sich Letzterer bei Bedarf an Diskussionen weiter beteiligen wollen, bei denen es um „RaBa“ geht.

    Nach der 0:2 -Auftaktniederlage in Aue ist man in Leipzig an einem gefährlichen Punkt angekommen, der irgendwie eigentlich auch zu erwarten war. Nämlich, wie wird von den „Oberen“ der derzeitige unbefriedigende Tabellen-Mittelplatz angenommen, der von allen genannten Personen, Spielern, Betreuern und Fans bestimmt nicht gerade erwartet wurde. Genau das ist jetzt aber passiert, und schon läuten die Alarmglocken! Sofort dreht sich das Karussell der personellen Ursachenforschung von „oben“ nach „unten“.

    Die ersten gegensätzlichen Meinungen zwischen Hauptgeldgeber, Sportdirektor sind bereits in der Öffentlichkeit gelandet.
    Während sich der bekannte lockere Geldgeber hinter den großen Bergen verständlicherweise u. a. auch aus egoistischen Gründen nicht mit einem längeren Zweitligaaufenthalt begnügen möchte, wollte in erster Linie der Sportdirektor mit entsprechenden, nicht billigen „Aufstockungen“ dafür sorgen, die Wünsche seines indirekten „Chefs“, einen Sofortaufstieg der „Filiale“ Leipzig anzustreben, möglichst auch zu erfüllen. Für diese Umsetzung ist aber nun einmal der Trainer zuständig, der sich aber bedrängt fühlt und um Gelassenheit sowie Ausdauer bittet, weil seine von ständigen Zu- und Abgängen betroffenen Jungs in der relativen Kürze noch nicht so richtig zueinander fanden. Nun steht er plötzlich ganz alleine da und muss sogar – wie bei diesem Club in der Vergangenheit schon oft passiert – im schlimmsten Fall mit seiner vorzeitigen Entlassung rechnen, was ich allerdings nicht richtig finden würde, doch leider fast vermute.

    Bekanntlich sprach mir bereits der aufmerksame „rrb“ auf dieser Seite vor ca. fünf Jahren schon aus dem Herzen, dass mit D. Beiersdorfer eine Ausfüllung der Funktion eines Sportdirektors bei gleichzeitig mehreren Vereinen nicht für eine Kontinuität bei allen zutreffenden Vereinen sorgen kann. Während nun die FIFA bei einem Spieler feststellte, dass er bereits bei drei Vereinen innerhalb einer Saison kickte, entging ihr scheinbar (evtl. mit zwinkernden Augen), dass R.R. als privilegierter Sportdirektor eigentlich jede Woche, mal hier und mal dort agieren kann! Endlich hat aber dieser das eingesehen, möchte das Hin- und Herdüsen zukünftig unterbinden und demnächst in Leipzig auf Wohnungssuche gehen…..

    In den nächsten Spielen müsste es gelingen, tatsächlich die möglichst gesunden sieben vorhandenen Topstürmer, je nach der Gegnerschaft, irgendwie erfolgsversprechend in die Mannschaft einzubauen. Wenn dann der Leipziger „Bienenschwarm“ mit gekonntem Offensivfußball die kommenden Gegner nicht nur umkreist, sondern auch nach Punkten schlägt, wird man sich auch wieder an die gar nicht weit entfernten Spitzenplätze heranschleichen können.

    Dann würde im Verein selbst auch wieder Ruhe eintreten und ein gehegter vielseitiger „frommer Wunsch“ erfüllt werden.!

  2. Damit die Stimmung bezüglich des A.Z. jetzt eindeutig kippt, dafür hat derselbe alles getan, als es scheinbar noch lief.
    Die Presse wurde in aller Öffentlichkeit abgewatscht und belehrt (finde ich mehr als gewagt, fast schon suizidal in dem Geschäft, BILD hat nur gewartet = verständlich für mich), der gemeine Fan hat eh keine Ahnung/Demut, nur die Mutti darf eine mögliche Dünnhäutigkeit beurteilen, Fehler machen nur andere, ich bin der Beste für RB im Universum usw.
    Herr Rangnick wurde auch belächelt (Denkmal und so), seine Autorität bei der letzten PK nicht gerade gestärkt.
    Der A.Z., so wie er aus der Provinz nach L.E. zu diesem Traumjob kam und mit etwas Bescheidenheit (da ist ja nicht einmal ein Rest davon vorhanden), über den würden wir selbst nach den desaströsen Spielen der letzten Monate gar nicht reden, wir würden die 2. Liga genießen, was auch ich weiter sehr gern mache, notfalls noch 5 + x Jahre!

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