3.Liga: 1.FC Heidenheim vs. RB Leipzig 0:2

Nach der unglücklichen Niederlage in Osnabrück und dem schlechten Heimspiel gegen Unterhaching hatte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass RB Leipzig sich ausgerechnet zum Spitzenreiter-Bezwinger aufschwingen würde. Schließlich hatte Heidenheim zuletzt am 20.10.2012, also vor ziemlich genau einem Jahr ein Ligaheimspiel verloren. Aber fast schon folgerichtig für diese unheimlich unberechenbare 3.Liga schwang sich RB Leipzig zu einer Topleistung auf und entführte völlig verdient alle drei Punkte.

Der Moment, in dem sich diese Partie in einem Spielzug ausdrückte, kam nach 78 Spielminuten, als RB Leipzig am eigenen Strafraum den Ball erobert und dann über viele Stationen den Ball laufen lässt, bis Kaiser hervorragend freigespielt nach 25 Sekunden ohne gegnerische Ballberührung den Ball aus spitzem Winkel im linken oberen Eck unterbringt. Es war dies der Moment, in dem sich die in der zweiten Halbzeit zunehmende spielerische Überlegenheit in einem großartigen Tor, an dem faktisch alle Mannschaftsteile beteiligt waren, manifestierte und sich auch die letzten Zweifel im Gästeblock in kollektivem Freudentaumel auflösten.

Zu Beginn des Spiels überraschte Alexander Zorniger mal wieder mit einer neuen Aufstellung. Dass Joshua Kimmich im Mittelfeld sein Startelfdebüt feiern würde, konnte man noch erwarten. Mit Fabian Franke, der Tim Sebastian ersetzte, war schon weniger zu rechnen. Dass aber Sebastian Heidinger vom rechten auf den linken Verteidigerposten rückte und damit den bisher dauerhaft gesetzten Anthony Jung auf die Bank verdrängte (Christian Müller verteidigte dafür wieder mal rechts hinten), war wohl nur für Hellseher vorhersehbar. Uns selbst wenn man – wie ich – angesichts dieser Entscheidung skeptisch war, muss man doch gestehen, dass Zornigers Entscheidung durch das Spiel gerechtfertigt wurde.


Da alle Wechsel positionsgetreu durchgeführt wurden, kam am Ende wieder das gewohnte und eigentlich gut zum Kader passende 4-3-3 heraus, in dem aber Daniel Frahn diesmal gerade in der ersten Halbzeit oft nicht den zentralen Stürmer spielte, sondern mit Matthias Morys vertauscht auf die linke Seite rutschte und dann oft mit Morys rochierte.

Insgesamt kamen die Gastgeber anfangs etwas besser ins Spiel, auch wenn daraus wenig direkte Torgefahr resultierte. Schon nach kurzer Zeit riss dann RB Leipzig das Spiel immer mehr an sich und war aufgrund großer Ballsicherheit im Mittelfeld bereits in der ersten Halbzeit das optisch bessere Team. Heidenheim lauerte in dieser Zeit auf den schnellen Gegenstoß und das Kontertor, wurde allerdings von diversen Abseitsfallen und einer im Zweikampf aufmerksamen RB-Defensive im Normalfall gestoppt. Erst kurz vor der Pause kamen die Gastgeber zu zwei größeren Chancen, bei denen Fabio Coltorti aber auf dem Posten war. Da es auf der anderen Seite auch nur zwei gefährlichere Aktionen vor dem Tor zu zählen gab, ging es letztlich mit einem chancengerechten 0:0 in die Kabine.

"So sehn Sieger aus" - Ausgelassene Freude nach dem 2:0 von RB Leipzig beim 1.FC Heidenheim | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Wer nun geglaubt hätte, dass die Gastgeber nach der Pause mit frischen Kräften verstärkt das Coltorti-Tor bestürmen würde, sah sich komplett getäuscht, denn nach der Pause spielte eigentlich 45 Minuten lang nur noch RB Leipzig, die sich zu keiner Zeit aus der Ruhe bringen ließen und immer versuchten, den Ball laufen zu lassen und Fußball zu spielen.

Wenn an diesem Tag (und einigen anderen zuvor) die RasenBallsportler ein Problem hatten, dann dabei, aus der spielerischen Dominanz im Mittelfeld etwas zählbares zu kreieren. Bis zum Strafraum war es für Drittligaverhältnisse fast perfekt, doch auf den letzten 20 Metern schaffte man es nicht diese Dominanz auch in eigene Tore umzusetzen.

Was dazu führte, dass man nach knapp 60 Minuten fast um den Lohn der Mühen gebracht worden wäre, als Heidenheim in der einzigen gefährlichen Aktion der zweiten Hälfte mal die Abseitsfalle umgeht, anschließend aber Niederlechner in der Mitte alleinstehend drei Meter vor dem Tor den Ball knapp verpasst. Geht der Gastgeber in der Situation in Führung, dann fährt RB vielleicht wieder unglücklich und unverdient mit einer Niederlage nach Hause.

Aber an diesem Tag war auch das Glück ein Leipziger, sodass der Gegentorkelch an RB vorbeiging und Tim Göhlert, das Heidenheimer Abwehrurgestein, kurz danach am eigenen Strafraum einen katastrophalen Querpass spielt und Daniel Frahn am Elfmeterpunkt alleinstehend an den Ball kommt und ihn im Gegensatz zum Unterhaching-Spiel vor Wochenfrist nicht über das Tor, sondern mitten hinein ins Glück schießt. Die Führung war absolut verdient, aber in der Entstehung je nach Sichtweise völlig überflüssig oder glücklich.

Dass die restlichen 30 Minuten zu einer RB-Demonstration wurden, war wohl das erstaunlichste an diesem Tag, denn nach dem 1:0 und nach zwei offensiven Wechseln der Gastgeber (Thurk und Morabit waren gekommen) hatte man doch noch mal mit erheblicher Gegenwehr rechnen können. Aber in letzter Konsequenz agierte RB Leipzig nun defensiv sicher, gewann alle Zweikämpfe, die nun vor allem zu Kopfballduellen wurden und ließ sich im Offensivspiel nicht beirren, behielt den Kopf oben und spielte weiter Fußball, sodass die Gastgeber zumeist hinterherliefen und RB noch einige Chancen herausspielte. Und dann eben auch eine dieser Chancen auf ganzen hohem Niveau nutzte.

Den Rest der Spielzeit ließ man routiniert herunterlaufen, auch weil Heidenheim die Klarheit im eigenen Aufbauspiel vermissen ließ und nur noch lange Bälle in die RB-Abwehr schlug. Selbst als Christian Müller nach einer unnötigen Aktion, die er nicht für eine Tätlichkeit hielt, die aber aus der Nähe und der Ferne nach Nachschlagen und Tätlichkeit aussah, die berechtigte rote Karte gesehen hatte, kam RB Leipzig nicht mehr in ernsthafte Gefahr, verteidigte nun teilweise sehr tief, aber vielbeinig und sicher.

Als Wermutstropfen in diesem tollen Spiel blieb aus RB-Sicht nicht nur der Platzverweis und die damit verbundenen mindestens 2 Spiele Sperre zu verbuchen, sondern auch die Verletzungen von Yussuf Poulsen (der nach der Partie auf einem Bein feiernd vor dem Gästeblock rumhüpfte) und Matthias Morys. Poulsen wurde schon in Hälfte 1 von seinen Gegenspielern erlegt und ging nach einem Tritt auf den Fuß, für den es noch nicht mal Freistoß gab, vom Platz. Morys, der zudem seine fünfte gelbe Karte kassierte und damit sowieso beim Heimspiel gegen Regensburg in zwei Wochen ausfällt, erwischte es in Hälfte 2. Die schnelle Flügelzange komplett aus dem Spiel. Dass RB sich auch davon in Heidenheim nicht aufhalten ließ, gehörte auch zu den beeindruckenden Fakten des Spiels. Bleibt nur zu hoffen, dass beide keine ernsthafteren Verletzungen davontrugen.

Es war bis zum 1:0 für RB Leipzig ein angenehm hitziges, weil auch nie brutales Spitzenspiel. Viele Zweikämpfe, diverse Fouls und ein paar gute Torchancen. Vielleicht kein Spiel auf allerhöchstem Niveau, aber ein sehr intensives und umkämpftes Spiel mit vielen Emotionen. Nach dem 1:0 wurde das Spiel dann allerdings zu eindeutig, um die Emotionen noch mal ganz hochkochen zu lassen. Wenn man mal vom ausgelassenen Gästeblock mit seinen vielleicht 400 Bewohnern absieht.

Aus RB-Sicht knüpfte das Spiel relativ nahtlos an die ersten 60 Minuten des Spiels in Osnabrück an. Nur dass man diesmal defensiv keine individuellen Schnitzer und entsprechende Gegentore einbaute. Gerade das Suchen nach spielerischen Lösungen im Mittelfeld sah zeitweise sehr gut aus und verstärkte den Eindruck, den man schon in Osnabrück gewonnen hatte, dass die RasenBallsportler spielerisch gerade einen Sprung nach vorn machen (was in Heidenheim auch eng mit dem Namen Joshua Kimmich verbunden war), ohne die Aggressivität im Spiel gegen den Ball zu verlieren.

Bleibt RB Leipzig dieser Linie treu und schafft es weiter, die defensiven Blackouts auszumerzen, dann ist für sie in dieser Liga, in der es aktuell hinter Heidenheim keinen richtigen Favoriten (mehr) gibt, tatsächlich viel möglich. Aktuell ist es Platz 3 mit nur einem Punkt Rückstand auf Platz 2 und das nach 12 Spielen, in denen die RasenBallsportler oft gar nicht an der oberen Leistungsgrenze agierten oder sich durch Abwehrschnitzer selbst um den Lohn brachten. Aber letztlich ist auch das wieder nur eine Momentaufnahme und nach den nächsten Spielen steht dann vielleicht schon wieder die Angst um das Abrutschen ins Mittelfeld an..

Fazit: Es war ein ganz großer und völlig verdienter Sieg, den RB Leipzig da ausgerechnet beim Spitzenreiter in Heidenheim davontrug. Ganz groß, weil man mit einem solch überzeugenden und schließlich dominanten Auftritt beim Topteam der Liga nicht rechnen konnte. Völlig verdient, weil man über 90 Minuten einfach das spielerisch dominante Team mit einem deutlichen Chancenplus war. Diese Vorstellung vor Rekordkulisse war angesichts der bei einer Niederlage drohenden 11 Punkte Rückstand auf Heidenheim überhaupt nicht selbstverständlich und genau deswegen umso beeindruckender. Nichts was man jede Woche erwarten kann, aber für diesen einen Tag durfte man sich wie im Fußballhimmel fühlen.

Randbemerkung 1: Das was in Heidenheim in den letzten Jahren gewachsen ist, ist – Geldgeber Voith hin oder her – ziemlich beeindruckend. Ein kleines, enges Stadion, das von außen nicht sehr einladend wirkt, in dem man wohl ziemlich gut Zweitligafußball spielen könnte. Eine sportliche Entwicklung, die – Geldgeber Voith hin oder her – ziemlich nachhaltig verfolgt wurde und inzwischen aus Heidenheim den Topfavoriten auf den Zweitligaaufstieg machte. Und dazu auch eine Zuschauerentwicklung, die ihnen Platz 6 in der Drittligatabelle einbringt (aktuell 8.300 Zuschauer im Schnitt pro Spiel). Heidenheim ist ein Beispiel, wie mit dem Einsatz von Geld auch sportlich und im Umfeld eine adäquate Vereinsentwicklung einhergehen kann. Dass nun aber ausgerechnet die Voith-gepimpten Heidenheimer, die dank ihres Hauptsponsors für lediglich 55 Euro 19 Heimspiele auf der Stehplatztribüne verfolgen können und auf den Haupttribünen eine geewöhnungsbedürftige Klatschpappenkultur haben, dem Gast das pathetische Zaunbanner „Fußballmörder RB“ entgegenhielten, geht als kleine, witzige Randgeschichte zu einem  eigentlich nicht unsympathischen Verein durch.

Lichtblicke:

  • Joshua Kimmich: Was für ein famoser Auftritt des Neuzugangs in seinem ersten Pflichtspiel von Beginn an für RB Leipzig. Ballsicher, technisch beschlagen und mit hervorragender Spielübersicht setzte er eine deutlich vernehmbare Duftmarke im zentralen Mittelfeld und war über weite Strecken der Partie Dreh- und Angelpunkt des Offensivspiels über den so ziemlich jeder vielversprechende Angriff lief. Dazu war er auch im Spiel gegen den Ball umsichtig und permanent präsent. Mit Foul, wo zwingend nötig. Viel öfter ohne Foul, wenn machbar. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass der junge Mann, der da mit größter Selbstverständlichkeit auch unter Druck den Ball forderte und geschickt verarbeitete, gerade mal 18 ist (und wer ihm mal Angesicht in Angesicht gegenüberstand, der weiß, dass er auch wie 18 wirkt) und seine allerersten Schritte im Profi- bzw. Männerfußball macht. Von Anpassungsproblemen aber gar keine Spur. Man sollte Kimmich jetzt auch nicht überhypen, aber wenn er das, was er beim Spitzenreiter an unbeschwerter Klasse auf den Platz brachte, stabil einbringen kann, dann ist er ein absoluter Volltreffer, den RB Leipzig völlig zu Recht für 500.000 Euro und leider nur mit Rückkaufoption vom VfB Stuttgart losgeeist hat. Phänomenale Granate. (Sorry für den Ausdruck.)
  • Fabio Coltorti: Viel musste er nicht halten, aber in den Situationen, in denen er gebraucht wurde, war er da. Ende der ersten Halbzeit verhinderte er zweimal auf der Linie das 0:1. Beim Herauslaufen fing er alles weg, was wegzufangen ging. In einigen Situationen klärte er sicher durch Herauslaufen. Wenn er das Geschimpfe gegenüber dem Schiedsrichter noch ein bisschen auf ein akzeptables Minimum runterfährt, wärs perfekt.

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Tore: 0:1 Frahn (62.), 0:2 Kaiser (78.)

Rot: Müller (80./ Tätlichkeit)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Franke, Heidinger – Kaiser (82. Sebastian), Ernst, Kimmich – Poulsen (38. Kammlott), Frahn, Morys (54. Röttger)

Zuschauer: 10.200 (davon 400 Leipziger)

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, MDR-Bericht [broken Link], FCH-Bericht [broken Link], Kicker-Bericht

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „3.Liga: 1.FC Heidenheim vs. RB Leipzig 0:2“

    1. Es ist schon fast eine Farce und der Aufnäher „respect“ dient wohl mehr zum Schutz dieser peinlichen Subjekte- Sorry aber anders kann man die offensichtlichen regelmäßigen Verpfeiffer nicht mehr nennen

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