Gegen die Euphorie

Nach dem Spiel beim Halleschen FC zum Saisonauftakt wartet nun mit Holstein Kiel die zweite Saisonaufgabe, die man bereits aus einigen Regionalligaduellen der letzten Jahre kennt. Wenn man es genau nimmt, muss man dem DFB danken, dass es dieses Duell überhaupt in dieser Saison in der dritten Liga gibt, denn wenn der Verband nicht die Regionalliga-Reform inklusive Relegation eingeführt hätte, dann hätten nicht beide Teams gleichzeitig aufsteigen können, da es bei Weiterführung der früheren Regionalliga Nord nur einen Aufsteiger, also Kiel oder Leipzig, hätte geben können. Also: Danke DFB. (Wer meine Anmerkungen und Analysen zur Regionalliga-Reform und deren Entstehungsprozess kennt, wird wissen, dass das pure Ironie ist..)

Holstein Kiel also, mit denen RB Leipzig bereits vier Mal die Fußballstollen kreuzte. Und eigentlich jedesmal ein besonderes Spiel herauskam. Im guten, wie im schlechten. Es begann im September 2010 mit dem ersten Regionalliga-Dreier im vierten Anlauf unter Tomas Oral, als RB einen Rückstand in der Schlussphase des Spiels noch drehte und der Siegtreffer von Timo Rost zu einem ungeheueren Emotionsausbruch führte.

Es ging weiter in der Rückrunde der selben Saison als Kiel in der Red Bull Arena, die nach der Verpflichtung von Thiago Rockenbach und einem 3:0 bei Hannovers U23 leise keimenden Aufstiegshoffnungen, mit perfektem Konterfußball und einem 5:1 auf gründliche Art und Weise für immer zerstörte und hinterher eingedeckt mit Red Bull die Rückfahrt in der Freitagnacht zum Tag machte.

Nächste Etappe war das Spitzenspiel im November 2011, als vor offiziell 16.600 Zuschauern und inoffiziell noch ein paar Hundert mehreren (weil es Probleme mit den Karten gab, wurden einige Hundert an den Drehkreuzen vorbei ins Stadion gelassen) Daniel Frahn den Zweitplatzierten RB Leipzig unter ausgelassenem Jubel auf den Rängen zum Tabellenführer schoss.

Und es blieb ein letzter depremierender Akt, als RB Leipzig im April 2012 die letzten Aufstiegshoffnungen in einer (aus Gästesicht) trostlosen Partie fast ohne Gegenwehr begraben musste. Dieses 0:1 aus RB-Sicht war bis zum vergangenen Samstag die letzte Niederlage in einem Ligaspiel. Bis der SV Wehen Wiesbaden kam und mit etwas Glück die Serie von RB Leipzig beendete, bevor Holstein Kiel dies tun konnte. Angesichts der bisherigen emotionalen Duelle vielleicht der einzige Trost, dass Holstein Kiel schon von vornherein die Ungeschlagenserie von RB nicht mehr beenden kann.

Holstein Kiel also, einer der eindrücklicheren Gegner in der bisherigen Geschichte von RB Leipzig. So etwas wie ein alter Bekannter, was sich auch darin zeigt, dass immerhin 12 (RB Leipzig) bzw. 11 (Holstein Kiel) Spieler aus den Viertligakadern der Saison 2011/2012 auch in der dritten Liga immer noch im Kader stehen. Von denen beidseitig ziemlich sicher mindestens fünf Spieler auch in der Startformation stehen werden. Ob auf dem Rasen herzliche Wiedersehensfreude vorherrschen wird, dürfte mehr als ungewiss sein.

Dass man bei Holstein Kiel kadertechnisch mit extrem ruhiger Hand agiert, zeigte sich vor allem in diesem Sommer, als der Aufsteiger fast gar nicht in den Aufstiegskader eingriff. Mit Maximilian Riedmüller wurde eine neue Nummer verpflichtet, während die alte Nummer 1 nach Elversberg (und dort überraschend auf die Bank) wechselte. Mit Tim Danneberg kam noch ein Zweitligaspieler (Sandhausen) für das Mittelfeld. Und ansonsten nur Talente. Geurts, der mal als sehr großes galt aus Cottbus. Breitkreutz von der Hertha. Und u.a. der sensationell zum Stamminnenverteidiger mutierte Kieler A-Junior Hauke Wahl.

Von den 11 Spielern von Holstein Kiel, die man aufgrund ihrer bisherigen Einsatzzeiten von mindestens 50%  der Gesamtzeit mit Fug und Recht als Stammspieler bezeichnen könnte, sind nur Riedmüller, Danneberg und Wahl in dieser Saison neu hinzugekommen. Der Rest war schon letztes Jahr in der Regionalliga dabei und Stammspieler.

Letztlich liegt wohl genau in dieser Eingespieltheit das Geheimnis des Erfolgs in der noch jungen Drittligasaison. Denn als Zweiter ist Holstein Kiel weiterhin ungeschlagen und kassierte bisher lediglich zwei Unentschieden. Insbesondere zu Hause ist man bei drei Siegen aus drei Spielen gegen allerdings nicht allzu übermächtige Konkurrenz (Saarbrücken, Halle, Burghausen) eine Macht. Die besondere Euphorie an der Ostsee resultiert aber aus dem vor einer reichlichen Woche bei Preußen Münster geholten 3:0. Das man beim kriselnden Aufstiegskandidaten wohl in der Form nicht erwartet hatte.

In den ersten sechs Spielen passte mit der typischen Leichtigkeit eines Aufsteigers, von dem niemand etwas erwartet, der aber trotzdem etwas kann, ziemlich viel. Dabei hätte man nach dem Abgang von Aufstiegscoach Thorsten Gutzeit und der Verpflichtung von Karsten Neitzel erst vier Wochen vor Saisonbeginn auch vermuten können, dass gerade der Saisonstart mit neuem Trainer, der mit einem Team arbeiten muss, das er sich nicht selbst zusammengestellt hat, schief gehen könnte.

Aber im Gegenteil hat man nach sechs Spielen das Gefühl, dass der neue Coach einer spielerisch und taktisch sowieso gut funktionierenden Mannschaft mit langer Leine einfach den Spaß an der Sache an sich mitgibt und sich die Mannschaft mit inzwischen schon zwölf Toren (zweitbester Ligawert) erkenntlich zeigt. Wie lange die Gute-Laune-Gruppe in Kiel, die in den vergangenen Jahren auch immer mal die eine oder andere Divenhaftigkeit zu erkennen gab und in entscheidenden Saisonsituationen zurücksteckte, zusammenhält, muss man abwarten. Dass der Lauf in der bisherigen Form weitergeht, ist jedenfalls nicht unbedingt zu erwarten. Vor einem Jahr bspw. stand Halle nach sechs Spielen auf Platz 5, um schließlich lange gegen den Abstieg zu spielen..

Ganz richtig ist die Story vom neuen Trainer Neitzel, der nur den alten Kader übernimmt und ihn ansonsten laufen lässt, aber auch nicht. Vor allem in Bezug auf zwei ganz prominente Kieler hat Neitzel Veränderungen vorgenommen. So rückte Rafael Kazior, der unter Gutzeit noch der Taktgeber auf der Sechs war, unter Neitzel offenbar sehr weit in die Offensive und spielte zuletzt im 4-2-2-2 an der Seite von Marc Heider oder etwas versetzt dahinter Stürmer. Was wiederum Fiete Sykora, der in der vergangenen Rückrunde im offensiven Mittelfeld noch neun Tore schoss, den Stammplatz kostete (bisher lediglich 120 Minuten in sechs Spielen von der Bank).

Im defensiven Mittelfeld agieren nun zwei, die man in Leipzig noch nicht kennt. Tim Dannenberg und Marlon Krause (vor einem Jahr aus Jena gekommen) ziehen dort nun die Fäden anstelle des Strategen Rafael Kazior und des wadenbeißenden Spieleröffners Deran Toksöz, der aktuell nur in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kommt. (Wer Marlon Krauses öffnenden Dominik-Kaiser-Gedächtnis-Pass vor dem 1:0 gegen Burghausen gesehen hat, der weiß auch was für überragende Aktionen von der Sechs im Optimalfall ausgehen können.)

Auf den linken Außenbahnen laufen mit dem Dänen Casper Johansen und Tim Siedschlag zwei Spieler auf, die im besten Fall Tore vorbereiten und dem Gegner die Luft nehmen. Und die Abwehrkette wird aktuell konstant und von rechts nach links von Herrmann, Gebers, Wahl und Wetter gebildet. Nicht unbedingt allerhöchste Qualität, aber diese Analyse gab es in ähnlicher und schon damals nicht zutreffender Form vor 17 Monaten an dieser Stelle auch.

Aufpassen muss man im Spiel von Holstein Kiel neben der hochklassigen Offensivreihe um den schnellen Heider und den technisch hervorragenden, mit viel Spielübersicht agierenden Kazior vor allem auf den Innenverteidiger Marcel Gebers. der bisher in sechs Spielen vier Tore schoss. Drei davon mit dem Kopf. Stichwort Standards. Da diese Disziplin auf RB-Seite bisher zu den deutlichen Mängeln gehörte, sollten die Alarmglocken schon mal schrillen. Vielleicht schafft man es ja in dieser Partie mal, Gefahr für das eigene Tor nach Standards zu vermeiden. Und sei es, indem man Standards vermeidet.

Man muss vor Holstein Kiel sicherlich keine Riesenangst haben. Der Tabellenplatz und die Punkteausbeute des Vereins aus dem Norden ist sehr gut, erklärt sich neben der Aufstiegseuphorie aber auch ein Stückweit aus dem bisherigen Spielplan. Zwei klare Siege hat man bisher erzielt. Einmal hat man Saarbrücken einfach überrannt und ein anderes Mal die defensiv anfälligen Preußen aus Münster ausgekontert. Dass man da gegen Kiel aufpassen muss, weiß man in Leipzig immer noch sehr genau..

Letztlich ist es so, dass man gegen Kiel relativ viel nüchtern-sachlichen Fußball braucht, um ihnen die Lust am Spiel zu nehmen. Quasi Regionalliga-Fußball auf Drittliganiveau. Schafft man es wie vor knapp zwei Jahren im Heimspiel, den Norddeutschen den Spaß zu nehmen, dann hat man gute Chancen, ihre Ungeschlagenserie zu beenden. Lässt man sie laufen, läuft man hinterher..

Nicht mit hinterherlaufen können, wird auf Seiten von RB Leipzig im Fall der Fälle wohl Juri Judt, der in Wiesbaden verletzt vom Platz ging. Für ihn sollte Christian Müller, der sich nach Verletzung am Wochenende in der U23 in Schwung brachte, zurück in die Mannschaft rücken. Ansonsten sind nicht so viele Veränderungen zu erwarten.

Tobias Willers dürfte, nachdem er beim Spitzenreiter zuletzt zweimal nicht gut aussah, trotzdem vorerst gesetzt sein und Fabian Franke (der nach Verletzung sowieso noch nicht so weit ist bzw. Tim Sebastian vorgezogen werden. Bei letzterem steht zudem die Frage, ob ihm die Position auf der Sechs erhalten bleibt oder ob er einem etwas spielstärkeren Mittelfeld mit Fandrich oder Röttger geopfert wird. Für letztere beide gäbe es allerdings auch nocht die Option die Zehnerposition zu besetzen und so aus dem 4-3-3 von zuletzt ein 4-3-1-2 zu machen.

Fraglich ist auch noch der Einsatz von Yussuf Poulsen. Fällt er aus, könnte dies die Entscheidung für einen Zweiersturm beschleunigen. Andererseits könnten auch Denis Thomalla oder Matthias Morys den entsprechenden dritten Platz im Dreiersturm einnehmen.

Grob geraten, könnte bei allen angedeuteten Alternativen folgendes herauskommen:

  • RB Leipzig: Coltorti – Müller, Hoheneder, Willers, Jung – Kaiser, Sebastian, Schulz – Poulsen, Kammlott, Frahn
  • Holstein Kiel: Riedmüller – Herrmann, Gebers, Wahl, Wetter – Siedschlag, Danneberg, Krause, Johansen – Kazior, Heider

Es ist letztlich das Duell zweier Aufsteiger, die vor zwei Jahren leistungstechnisch ungefähr auf Augenhöhe waren (bzw. spieltaktisch Kiel sogar ein ganzes Stück weiter war). Inzwischen dürfte die Waage aber leicht zugunsten von RB Leipzig ausschlagen, wenn man die beiden Teams nebeneinander legt. Wenn da diese große Portion Euphorie und Leichtigkeit nicht wäre, die man auf Kieler Seite mit in die Waagschale werfen kann. Und genau das dürfte die große Schwierigkeit in der Partie werden.

Fazit: Das Spiel RB Leipzig gegen Holstein Kiel ist das Wiedersehen zweier alter Bekannter, das sehr gemischte Gefühle und Erinnerungen hervorruft. Beide sind als Aufsteiger sehr gut in die Saison gestartet, Holstein Kiel bei 14 Punkten aus sechs Spielen sogar hervorragend. Mit einem Sieg würde RB Leipzig direkten Kontakt zur Spitzengruppe halten, bei einer Niederlage würde man erstmal ins Mittelfeld zurückrutschen. RB Leipzig sollte gegen Holstein Kiel leichter Favorit sein, da man letztlich die besser besetzte Startelf und im Vergleich zu vor zwei Jahren eine deutlich verbesserte spieltaktische Ausrichtung hat. Wenn RB Leipzig bei Standards defensiv stabil bleibt und auch ansonsten nüchtern Fußball spielt, kann man die Euphorie des Nordens knacken. Ansonsten könnte sich die über Jahre erworbene und stets verfeinerte fußballerische Klasse von Holstein Kiel durchsetzen.

[Anmerkung: Vor dem Spiel RB Leipzig gegen Holstein Kiel wird es keine Pressekonferenz geben.]

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen Holstein Kiel nicht vor Ort verfolgen kann und am 03.09., ab 19.00 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und das Fanradio. Einen Livestream von der Partie wird es nicht geben.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Holstein Kiel

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4 Gedanken zu „Gegen die Euphorie“

  1. So wie es aussieht, gibt es in keinem der dritten Programme unter der Woche einen Livestream. Vielleicht kommt noch was, aber bisher gibt es keinen Hinweis darauf.

  2. Dreimal habe ich „Ost-, Ost-, Ost-, nicht Nordsee“ gedacht und dann ist es doch durchgerutscht. Naja, in Geographie habe ich früher immer von großen Fußballerlebnissen geträumt. 😉

    (Hab es im Text inzwischen geändert, falls sich jemand wundert, wovon hier die Rede ist..)

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