Testspiel: RB Leipzig vs. Werder Bremen 2:1

Testspiele gegen Bundesligisten sind immer so eine Sache. Letztlich kickt man gegen durchschnittlich motivierte Profis, während die eigene Motivation vergleichsweise hoch ist und hat immer mal die Chance, dass sich die individuelle Klasse der Gegenüber nicht durchsetzt und man einen, den Blick auf die Realitäten etwas verstellenden Sieg landet. Sehr hübsch, aber auch sehr wenig aussagekräftig.

Sollte nach dem gestrigen 2:1 von RB Leipzig gegen Werder Bremen jemand hypervenitlieren wollen, dann hat man ein paar gute Argumente, denjenigen wieder ein Stück gen Boden zurückzubefördern. Denn Werder Bremen steht noch mitten in der Vorbereitung und hat deshalb in Sachen Spritzigkeit und Athletik per se einen Nachteil in so einem Spiel. Einer, der sich insbesondere in Halbzeit 2 recht deutlich zeigte.

In Halbzeit 1 startete RB Leipzig sehr gut und setzte die Gäste von Beginn an unter Druck. Einige kleinere und größere Chancen waren die Folge. Dass Bremen, die in den ersten 45 Minuten quasi komplett mit ihrer ‚B‘-Elf (die sich, so Dutt nach dem Spiel, für höhere Aufgaben empfehlen sollte) antraten, auch gewillt war mitzumachen, zeigte Joseph Akpala nach 10 Minuten, als er an der Strafraumgrenze ein wenig herumtänzelte und den Ball dann trocken an die Latte zimmerte.

Von da an kippte das Spiel von Minute zu Minute immer mehr gen Gäste, auch wenn RB Leipzig jederzeit gefährlich blieb und sich im Verlauf der ersten Hälfte noch einige gute Chancen erspielte (Kammlott, Luge). Doch die im 4-4-2 angetretenen Gastgeber (später sah es auch mal nach einem 4-3-3 aus) wirkten in ihrem spieltaktischen Auftreten seltsam chaotisch, sodass sich die Werder-Spieler in ihrem Spiel mit dem Ball zwischen den RB-Ketten nach Herzenslust austoben und den Ball zuspielen konnten. Gerade nach Ballverlusten (und davon gab es ab Minute 20 auf Seiten von RB Leipzig einige) kam nur selten ein druckvolles Gegenpressing zustande, sodass aus Ballverlusten eigentlich immer Gefahr entstand, weil der Ballführende Zeit und Optionen hatte, das Spiel schnell und präzise fortzuführen, sprich der Bundesligists den Trumpf individuelle Klasse ausspielen konnte.

Alte Bekannte aus Cottbuser Tagen - Nils Petersen (Werder Bremen) und Clemens Fandrich (RB Leipzig) beim Trikotausch | GEPA-Pictures - Sven Sonntag

Man hätte annehmen sollen, dass das 4-4-2 auf RB-Seiten auch als Test für das Münster-Spiel gedacht war. Eine kompakte Formation, aus der heraus man immer wieder den gegnerischen Strafraum attackieren kann. Letzteres klappte einige Male ganz gut. Das mit dem kompakt ging ziemlich komplett schief. Insbesondere über die linke Verteidigungsseite von RB Leipzig lief ein Angriff nach dem nächsten. Was nur partiell an der linken Verteidigungsseite lag, sondern auch – wie schon beschrieben – daran, dass die Passwege im Werder-Mittelfeld oder in deren Verteidigung oft nicht gut zugestellt waren.

Das 1:0 für Werder war letztlich nur konsequenter Ausdruck, dass sie über weite Strecken der ersten Halbzeit unaufgeregt und reifer wirkten und desöfteren den Ball ganz gut laufen ließen. Der offensivstarke Rechtsverteidiger Levent Aycicek bediente den mehr schlampigen als genialen Marko Arnautovic, der wiederum Niclas Füllkrug den Ball so auf die Füße legte, dass der nur noch einschieben musste. Es war ein prototypischer Werder-Angriff der ersten Halbzeit und es war durchaus ziemlich glücklich, dass die Gäste aus diesen Möglichkeiten nur ein Tor machten. Was zu nicht kleinen Prozentpunkten auch an der Innenverteidigung Hoheneder/ Franke lag, die einiges im und am Strafraum wegfischte, was bis dahin durchgekommen war.

Auch glücklich war, dass quasi mit dem Halbzeitpfiff noch der Ausgleich fiel, mit dem man zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich rechnen konnte. Timo Röttger, der sich in den frühen Zügen der Partie mit Bastian Schulz einmal recht intensiv über die taktischen Zuordnungen auf dem Platz stritt, war es vorbehalten mit einer Einzelaktion, bei der die Werder-Verteidigung freundlich assistierte, das 1:1 zu erzielen.

In der Halbzeit wechselte Alexander Zorniger, dann neumal aus (nach einer Stunde kamen mit Müller und Poulsen die letzten zwei) und von da an war eigentlich nur noch RB Leipzig auf dem Platz. Werder, die schon vor dem Wechsel nicht wirklich vor Aggressivität sprühten, zog sich nun immer weiter in profihaftes Testspielphlegma zurück und die RasenBallsportler – mit dem Vorteil der Frische – dominierten die Partie in einer recht eindruchsvollen Vorstellung eigentlich durchgehend bis zum Schlusspfiff.

Was vor allem daran lag, dass das kompakte 4-4-2 nun mit viel mehr Ordnung gespielt, ihm so mannschaftlich geschlossen auch Leben eingehaucht und auf dieser Basis der Gegner permanent unter Druck gesetzt wurde. Am deutlichsten wurde der Unterschied zwischen den Halbzeiten im Spiel gegen den Ball. Wo dieses auf Seiten von RB Leipzig in der ersten Halbzeit noch kaum effektiv stattfand, gab es nun fast keinen Ballverlust mehr, nach dem nicht sofort wieder Druck auf den Balleroberer ausgeübt wurde. Sodass Werder nun nur noch sehr selten die Möglichkeit bekam, direkt aus Ballgewinnen Gefahr für den RB-Kasten zu entwickeln.

Carsten Kammlott war es vorbehalten, die Kräfteverhältnisse der zweiten Halbzeit auch auf die Anzeigetafel zu bringen, indem er eine Eingabe des schön freigespielten Denis Thomalla mit der Hacke aus Nahdistanz über die Linie drückte. Und wenn man in der einen oder anderen Situation etwas präziser zu Ende spielt oder mehr Glück im Abschluss hat oder nicht Werder-Keeper Mielitz stark pariert, stehen am Ende auch mehr als die zwei Treffer auf RB-Seite zu Buche. Aber das wäre dann sicherlich auch ein wenig übertrieben gewesen.

Trotzdem, so wie RB Leipzig in der zweiten Halbzeit gegen einen nicht wirklich überzeugenden Bundesligisten auftrat, sind sie extrem schwer zu besiegen. Egal ob von einem Erst-, Zweit- oder Drittligisten. Und auch Robin Dutt blickte nach dem Spiel etwas neidisch auf das Prinzip der aggressiven Balleroberung, das bei RB inzwischen ganz gut beherrscht wird und das der Werder-Coach gern bei seinem Team verinnerlicht sähe. Mit dieser zweiten Hälfte war jedenfalls auch Alexander Zorniger zurecht sehr zufrieden.

Fazit: Auch wenn es nur ein Testspiel war, das Auftreten von RB Leipzig insbesondere nach der Pause war absolut hochklassig und eine ziemlich exakte Umsetzung der Vorgaben ans Team. Falls die Spieler von diesem Spiel im Hinterkopf behalten, was alles möglich ist, wenn man so konzentriert und aggressiv wie in der zweiten Halbzeit zu Werke geht, dann ist alles gut. Und wenn man sich vergegenwärtigt, dass man auch mal ganz schnell ergebnistechnisch auseinanderfallen könnte, wenn man wie in Halbzeit 1 nicht als geschlossener Block auftritt, dann noch besser. Insgesamt ist jedenfalls nicht zu vermuten, dass bei RB Leipzig (zumindest nicht bei den sportlich Verantwortlichen und den Spielern) irgendjemand abhebt, nur weil man mal ein Testspiel gegen einen noch in der Vorbereitung und in einem Umbruch steckenden, durchschnittlichen Bundesligisten gewonnen hat. Es war ein schönes Testspiel und es war eine eindrucksvolle zweite Halbzeit und es gibt sicherlich noch mal ein, zwei Körner Selbstvertrauen. Aber viel mehr sollte es dann auch nicht sein.

Randbemerkung 1: Schön, dass Fabian Franke nach längerer Verletzungspause wieder mitwirken konnte. Da fehlen naturgemäß noch ein paar Prozentpunkte, aber man hat auch immer mal wieder den hervorragenden Zweikämpfer Franke gesehen. Einen guten Eindruck hinterließen in diesem Spiel vor allem auch die Außenverteidiger. Neben dem Bremer Aycicek sind hier Sebstian Heidinger rechts hinten, der einige Bälle eroberte, weil er an der richtigen Stelle den offensiven Schritt nach vorn machte, also agierte statt zu reagieren und Juri Judt links hinten, der zusätzlich zu gelungenen Balleroberungen noch einige Akzente Richtung Werder-Strafraum setzte, zu nennen. Auch das Experiment mit Rockenbach auf der Sechs kann man guten Gewissens als gelungen bezeichnen. Sehr ballsicher und mit gutem Auge und dadurch, dass er nicht immer mit dem Rücken zum Tor den Ball annehmen muss auch wesentlich gefährlicher wie es scheint.

Randbemerkung 2: Zwei komplette Mannschaften bot Alexander Zorniger auf. In einer bunt zusammengewürfelten Mischung von Spielern, die man aktuell zur Startelf oder eher nicht zählen würde. Interessant dabei ist, dass man den Eindruck hat, ass man aus dem Kader per Zufallsgenerator zwei beliebige Teams bilden könnte und es zwischen beiden Mannschaften kaum Qualitätsunterschiede gäbe. Selbst wenn in der einen oder anderen ‚Zufalls’elf, wie sie in den Freundschaftsspielen immer mal 45 Minuten spielen durfte, nominell weniger Stammkräfte agieren (so wie gestern zu Beginn der zweiten Hälfte). Sprich, der Kader ist in diesem Jahr in einer ziemlich eindrucksvollen Art und Weise in der Breite ausgeglichen besetzt. Wenn das in der langen Saison auch noch ein Faktor wird und man im Gegesatz zur vergangenen Saison mit häufigeren Wechseln in der Startelf ohne Substanzverlust zurechtkommt, dann darf man schon mal heimlich ob der herausragenden Perspektiven frohlocken.

Randbemerkung 3: Nicht ganz so zum Frohlocken war wohl aus Gastgebersicht die Zuschauerzahl von knapp 9.000. Da hatte der Veranstalter sicherlich mit ein paar mehr gerechnet. Zumal von den 9.000 Besuchern handgeschätzt 1.500 bis 2.000 eher Werder-Anhänger waren. Gerade in Sektor A gab es (neben dem Gästeblock) viele, viele Menschen mit grünen Trikots. Geschuldet war die insgesamt eher geringe Zahl sicherlich dem Sommer-Wetter, bei dem der eine oder andere den Platz am See präferiert haben dürfte, die recht frühe Anstoßzeit (18 Uhr) und die Sandwichposition des Spiels zwischen diversen Pflichtspiel-Highlights (Halle, Münster, Augsburg). Letztlich zeigt sich in der Zuschauerzahl aber auch, dass Fußball-Leipzig nicht mehr ganz so ausgehungert ist, wie noch vor zwei, drei Jahren. Nicht jedes Spiel gegen einen Bundesligisten ruft gleich überbordende mediale und öffentliche Euphorie hervor. Man entwickelt sich scheinbar in ganz langsamen Schritten hin zu einem Normalzustand, in dem ein Testspiel eben ein Testspiel und nicht die ehrfürchtige Annäherung an den Profifußball ist. Was absolut in Ordnung ist.

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Tore: o:1 Füllkrug (13.), 1:1 Röttger (45.), 2:1 Kammlott (59.)

Aufstellung 1.Halbzeit: Domaschke – Heidinger, Hoheneder, Franke, Jung – Luge, Schulz, Kaiser, Röttger – Kammlott, Frahn

Aufstellung 2.Halbzeit: Bellot – Heidinger (60. Müller), Sebastian, Willers, Judt – Fandrich, Ernst, Rockenbach, Papadimitriou – Kammlott (60. Poulsen), Thomalla

Zuschauer: 8.947 (davon alles in allem 1.500 bis 2.000 Bremer verteilt im weiten Rund)

Link: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, RB-Fans-Bericht, Werder-Bericht [broken Link]

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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4 Gedanken zu „Testspiel: RB Leipzig vs. Werder Bremen 2:1“

  1. Ich freue mich für die Werder-Fans der Umgebung, dass die ihre Mannschaft mal ohne lange Reise sehen konnten. Sehr sympathisch fand ich viele mit der Kombination Werdertrikot und RB-Schal oder umgekehrt – Fußball als friedliche Koexistenz. Schade für die Fans, dass die Mannschaft sich nach dem Spiel sofort in die Katakomben verzogen hat. Bemerkenswert auch, wie oft ich um mich herum bewundernde und hocherfreute Worte ob des Spiels unserer Jungs gehört habe. Das kennt man noch ganz anders aus den Vorjahren…

  2. Auch wenn es „nur“ ein Testspiel war, mir hat der Abend in der RBA Spaß gemacht.
    Werder, ein sympathischer Gegner mit mitteldeutschen Fans, die Wissen was unsere sonstigen „Sportfreunde“ an Liedgut zum Besten geben, Wetter zum „frösteln“, nette Banknachbarn, ein gesponsertes Bierchen(Danke Don!), und…ein gutes Spiel, mit den richtigen Gewinner. Was will man mehr?

    1. … ein gesponsertes Bierchen(Danke Don!) …
      Auch ein Dankeschön von mir und beim nächsten Mal bin ich dann mal dran 😉

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