Unerwartete Taktiknebengeräusche

Spät, aber noch lange nicht zu spät, ein paar Worte zum morgigen (Sonntag, 30.09.2012, 13.30 Uhr) Spiel von RB Leipzig beim VfB Auerbach. Auerbach, da folgt spontan ein leichtes Ziehen in der Fußballmagengrube, denn Auwärstfahrten zu den heim- und kampfstarken Vogtländern gehören sicherlich nicht zu den Dingen, die man sich als Fußballer mit allergrößter Freude in den Terminkalender einträgt. Was nicht daran liegt, dass das Fahrtziel ein unschönes wäre, sondern vor allem daran, dass die Trauben in bekannt hitziger und enger Umgebung doch einigermaßen hoch hängen. Auch für einen gepimpten Kader wie dem von RB Leipzig. Darauf verweist schon allein die Tatsache, dass in Auerbach in einem Ligaspiel seit dem 07.05.2011 und seit Borea Dresden kein Team mehr drei Punkte eingesackt hat. Wird also Zeit, einer hübschen Serie einen hübschen Schlusspunkt zu verpassen..

Aus Sicht von RB Leipzig war Auerbach bisher ein erstaunlich gutes Pflaster. An das 3:0 im Oktober 2009, jenem Spiel in dem Nico Frommer seinen ersten von insgesamt 19 Liga-Treffern im RB-Trikot erzielte, wird sich wohl kaum noch jemand erinnern. An das 3:1 in einem Freundschaftsspiel im Juli 2011 eher noch weniger. Vielleicht schon eher in Erinnerung dürfte das hochemotionale 2:1 im Sachsenpokal am Gründonnerstag im April 2011 geblieben sein. Damals schoss Stefan Kutschke nach 70 Minuten und in Unterzahl (Tim Sebastian hatte noch vor der Pause Rot gesehen) mit seinem ersten(!) Pflichtspieltreffer RB ins Sachsenpokalhalbfinale. Die weitere Geschichte dürfte bekannt sein. Über die Stationen Dynamo Dresden und Chemnitzer FC ging es in den DFB-Pokal und gegen Wolfsburg und Augsburg. Sprich, große Geschichten können auch in Auerbach ihren Anfang nehmen. Davon können neben Kutschke und Sebastian auch noch die ebenfalls mitspielenden Frahn, Rockenbach, Schinke und Kammlott erzählen..

Legendär wurde der damalige Auswärtsauftritt aber vor allem durch Trainer Tomas Oral, der just diesen Tag nutzte, um erst der Mannschaft und dann der Presse mitzuteilen, dass er zum Saisonende nicht mehr Trainer bei RB Leipzig sein werde. Nicht ganz freiwillig, aber dank des damaligen Sportdirektors Thomas Linke äußerlich und im Zeitpunkt selbstbestimmt. Und in seinem Auftritt, wenn ich mich recht erinnere, auch sehr emotional und tränenbestückt. Es ist definitiv nicht so, dass bei RB Leipzig in reichlich drei Jahren wenig passiert wäre. Und der Oral-Abgang war ja damals auch erst der Auftakt für die vielen weiteren Storys um die Herren Linke, Gudel, Bach, Pacult und Loos. Fast kommt man sich vor als würde man über Zeiten sprechen, die 10 Jahre her sind. Dabei sind es gerade mal 17 Monate..

Sei das wie es eben sei. Was an diesem Wochenende zählt, ist dann doch eher die Gegenwart, die positiv auf die Zukunft wirken soll. Und weitestgehend ohne Vergangenheit auskommt bzw. die positive Vergangenheit von RB-Auftritten in Auerbach keine aktuelle Relevanz hat. Dass Magdeburg bereits einen Auswärtssieg bei Union II (3:0) vorgelegt und die Tabellenspitze übernommen hat (und nebenbei darauf aufmerksam machte, dass das RB-Unentschieden gegen Union zum Saisonauftakt durchaus weiterhin schmerzen darf), gibt der Auswärtsaufgabe ein zusätzliches Gewicht. Denn eigentlich möchte man in der frühen Phase der Saison nicht schon wieder jemanden wachsen wissen, der plötzlich an seine (vorher gar nicht existente) Chance zu glauben beginnt (wobei die Frage ist, inwieweit Magdeburg überhaupt über längere Zeit konstant auftreten kann).

Der VfB Auerbach jedenfalls war in den letzten Jahren eine sehr gute und unangenehm zu bespielende Oberliga-Mannschaft und ist jetzt eine durchschnittliche und unangenehm zu bespielende Regionalliga-Mannschaft (Regionalliga-Reform sei Dank). Geändert hat sich also nicht viel. Was auch für den Kader der Vogtländer gilt, die quasi ein Vorbild in Sachen Arbeiten mit ruhiger Hand sein dürften. Selbst nach dem Aufstieg in die Regionalliga wurde das gewachsene Team unter Trainer Stefan Dünger, der bereits in seine siebte Saison mit dem VfB geht, nicht großartig verändert. Meuselwitz-Keeper Oliver Dix, der ehemalige Halberstädert und Meuselwitzer Stürmer Roy Blankenburg und vor allem der von Carl Zeiss Jena gekommene Verteidiger Gary Häußler und der Ex-Regensburger und gebürtige Brandenburger Martin Zurawsky ergänzten das bestehende Team auf harmonische Weise. Insbesondere die Offensivabteilung um Sturmriesen Bocek mit den Dauerauerbachern Pfoh und Schuch (bei denen man immer das Gefühl hat, sie hätten noch nie außerhalb Auerbachs gespielt) und eben Blankenburg hat eine ziemlich hohe Qualität.

Am spannendsten dürfte aber bei den sonntäglichen Gastgebern die taktische Formation sein, die in übereinstimmender Quellenlage als 3-1-4-2 beschrieben wird. Was formal noch mal einen Zacken offensivschärfer ist als das 4-1-3-2, das Alexander Zorniger aktuell spielen lässt (der es wohl aber eher als 4-3-1-2 beschreiben würde, wenn ich seine gehäuften Aussagen von den drei Sechsern richtig interpretiere). Aber eben auch nur formal, denn die Wahrheit liegt nun mal auf dem Platz und dort kommt es darauf an, welche Rolle den zwei Außen in der 4 des 3-1-4-2 zukommt. Spielen sie offensiv oder werden dort eher Defensivspieler eingesetzt mit eben solchem Fokus? Ist letzteres der Fall kann man das System mal ganz schnell in ein betoniertes 5-3-2-0 abklappen lassen. Etwas gegen das man ungern anrennen möchte.

Um es mal simpel auszudrücken, ist das 3-1-4-2 ein System, in dem die Positionen der Außenverteidiger extrem nach vorn ins Mittelfeld verschoben werden, wo sie nun weiterhin von Außenverteidigern besetzt werden können oder eben von offensiverem Personal. In der Dreierkette hinten agieren letztlich – vielleicht ein wenig unintuitiv – drei Innenverteidiger, die auf den Außenbahnen defensive Unterstützung durch die Außenspieler bekommen müssen, je nachdem auf welcher Seite der Ball gerade ist. Was hinsichtlich der Laufwege und der Antizipation von Spielsituationen ziemlich anspruchsvoll ist. Jürgen Klinsmann hat – wenn ich mich recht erinnere – am Anfang seiner Bayern-Zeit mit einem ähnlichen System – erfolglos – gegen den Widerstand seiner eigenen Mannschaft angekämpft. In Spanien nutzen es die Big Two gelegentlich für spezielle taktische Spielsituationen. (In letzter Konsequenz ist die etwas verbreitetere Taktik eines abklappenden Sechsers, der sich im Spielaufbau zurück zwischen die Innenverteidiger schiebt und so eine Dreierkette kreiert, während die Außenverteidiger sehr offensiv stehen, auch nur eine Spielart des 3-1-4-2, wobei das dann wohl eher als 3-3-3-1 gespielt werden dürfte.)

Ich kann es sehr gut leiden, wenn gerade kleinere Mannschaften sich in taktischen Neuerungen versuchen und vielleicht auch darüber Erfolge feiern. Schon aus diesem Grund bin ich auf den Auftritt des VfB Auerbach gegen RB Leipzig gespannt. Wobei ich nicht überzeugt bin, dass es gegen das flexible Zweistürmer-Offensivsystem von RB die richtige Wahl ist, denn die Dreierkette bietet dem Gegner bei schnellem Spiel eben gerade auf den Außen, quasi im Rücken der nach vorn verschobenen Außenverteidiger, viel Platz. Platz, den die immer auch auf die Außenbahnen rückenden Offensivkräfte bei RB und die aufrückenden Außenverteidiger gut gebrauchen und eventuell auch nutzen können. Andersherum wird es bei defensiver, sehr tiefer Interpretation des 3-1-4-2 in Richtung eines in defensiver Grundformation 5-3-2-0 fast schon umenschlich eng zwischen Dominik Kaiser im defensiven Mittelfeld und Daniel Frahn an der Sturmfront. In so einem Spiel kann man dann auch mal über einen Standard froh sein. Was eigentlich die Spezialität der kopfballstarken Gastgeber ist.

Dass das Spiel VfB Auerbach gegen RB Leipzig aus taktischen Gründen ein Leckerbissen sein könnte, hätte man vor der Saison wohl auch nicht gedacht. Dass dieses Spiel am dritten Spieltag ein formales Spitzenspiel 3 gegen 1 wird auch nicht. In den bisherigen fünf Partien hat der VfB Auerbach einiges richtig gemacht. Drei Siegen (Meuselwitz, Plauen, Hertha II) mit 9:2 Toren stehen zwei Niederlagen (Magdeburg, Torgelow) bei 1:3 Toren gegenüber. Lediglich das letzte Spiel und die Niederlage in Torgelow dürfte man im Vogtland mit leichter Enttäuschung zur Kenntnis genommen haben. Eine Enttäuschung, die man wohl am liebsten gleich gegen RB vergessen machen würde.

Auf Seiten von RB bleibt das Luxusproblem aus der letzten Woche bestehen, wie man den weiter verletzten Juri Judt links hinten ersetzt. Die naheligende Wahl dürfte weiter Paul Schinke sein. Aber auch ein Wechsel von Christian Müller auf links und ein Auflaufen von Patrick Koronkiewicz rechts hinten scheint nicht völlig unmöglich. Ansonsten dürfte sich die Formation der Vorwoche mit dem mindestens 45 Minuten lang überzeugenden Auftritt eine weitere Startchance erarbeitet haben. Sodass es wohl sehr wahrscheinlich auf Coltorti – Müller, Hoheneder, Franke, Schinke – Kaiser – Schulz, Rockenbach, Heidinger – Kutschke, Frahn hinauslaufen wird.

Eine Verschärfung des sowieso schon bestehenden Problems der Erfüllung der U23-Regel (mindestens vier Spieler im Kader, die am Anfang der Saison noch nicht 23 waren) bedeutet die längerfristige Verletzung von Keeper Benjamin Bellot, der neben Kammlott, Schinke und Koronkiewicz nach Nattermanns in der Saisonvorbereitung erlittenen Verletzung die Nummer 4 im U23-Bunde war. Weswegen nach Lage der Dinge der erst 18jähirge Matthias Hamrol seinen Kaderplatz sicher hat. Der in den letzten Tagen probetrainierende, ehemalige Spieler des FC Sachsen Erik Domaschke (wechselte als Talent nach Leverkusen, weil ihm beim FC Sachsen damals gleich zwei Keeper vor die Nase gesetzt wurden) wird mit seinen 26 Jahren nur dann eine Option für die Bank (so er denn überhaupt verpflichtet wird/wurde), wenn Zorniger irgendeinen anderen U23-Spieler Nummer 4 zur Erfüllung der Regel aus dem Hut zaubert. Michael Schlicht fiele zuerst ein. Da dieser aber zuletzt nicht mehr im Kader war, glaube ich da nicht daran.

Fazit: Es wird ein spannendes Spiel beim VfB Auerbach. Fußballerisch, emotional und kämpferisch sowieso, aber überraschend auch taktisch. Nachdem der Saisonauftakt für RB Leipzig mit 13 Punkte ein guter war, dürfte die Saison jetzt langsam zu einer Art Steigerungslauf Richtung Zwickau, Magdeburg und Jena werden. Auerbach ist da jedenfalls bereits ein starker Gradmesser und ein Sieg im Vogtland wäre nicht nur für die Tabelle, sondern auch fürs eigene Ego Gold wert. Etwa 400 Gästeanhänger werden wohl auch scharf sein auf gestärkte Egos. Dürfte ein hübscher Fußball-Nachmittag nicht nur, aber auch mit Kampf werden.

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4 Gedanken zu „Unerwartete Taktiknebengeräusche“

  1. Die Kandidaten für den 1. Tabellenplatz formieren sich!

    Eine wunderbare Kombination zwischen dem angedeuteten personalen Istzustand und Gefühlseinblick auf einen „wohl etwas schwierigen“ Auftritt bei den Auerbachern im RB-Lager.

    Die Vogtländer werden selbst bestimmt nicht zielgerichtet um den von mehreren Vereinen anvisierten vorerst 1. Rang in der Tabelle kämpfen, doch einige Mannschaften ärgern wollen, die dafür in Frage kommen könnten. Dazu zählen nunmal die auf allen Positionen auf und um den Rasen herum zusammengewürfelten und sich ständig immer wieder in Eigenrotierung (Zu-und Abgang) befindlichen „Wahl-Leipziger“, die endlich im dritten Jahr diese für sie unerträgliche Klasse nach oben verlassen möchten.

    Ja, lieber „rotebrauseblogger“, auch für mich scheint z.B. die Geschichte, wo Ex-Trainer Oral seinen innerleipzigen Umzug erklären sollte, der aber der reale Beginn zu seinem danach folgenden Rausschmiss war, Pacult bei einem Essen in Leipzig beobachtet wurde, das aber nichts mit einer evtl. Trainerübernahme etwas zu tun haben sollte oder die bekannten, einschneidenden Maßnahmen des damaligen mächtigen Sportlichen Leiters, O.Linke, erst ein paar Wochen alt gewesen zu sein. Da denken wir auf einer Linie!
    Die jeweils (fremdgesteuerte) „aktuelle Führung“ dieses Vereins wird auch in Zukunft prioritätsgemäß immer nur den Blick nach vorn richten, egal, was passiert. Auch ich bin gespannt, was dabei herauskommt………

  2. „Davon können neben Kutschke und Sebastian auch noch die ebenfalls mitspielenden Frahn, Rockenbach, Schinke und Kammlott erzählen..“

    Du hast Liebling Franke vergessen, der stand damals auch auf dem Felde.

    Abgesehen davon sind die Auerbacher auch unsere Feierverhinderer bzw. Beförderer. Immerhin war es das Unentschieden von Bautzen im Vogtland am 1. Mai 2010, was uns damals zum Meister machte.

  3. Also meinem eigenen Blogbeitrag von damals und dem Liveticker [broken Link] nach zu urteilen spielte damals Hertzsch neben Kläsener Innenverteidiger. Franke nicht mal auf der Bank. Warum auch immer. Er war da ja in meiner Erinnerung schon Stammspieler.

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