Testspiel: RB Leipzig vs. VfL Halle 96 2:0

Dem Testspiel Nummer 1 von RB Leipzig folgte gestern absolut folgerichtig Testspiel Nummer 2. Wieder gegen einen Oberligisten, also einen Fünftligisten. Wieder im klassischen 4-4-2 mit zwei Sechsern. Wieder bei strahlendem Sonnenschein, nachdem es zuvor noch stundenlang massiv geregnet hatte. Nach dem 6:1 bei Grün-Weiß Piesteritz nun ein 2:0 gegen den VfL Halle 96, der äußerst defensiv agierte und zumindest dies ganz ordentlich machte. Da viel mehr von den Gästen nicht zu sehen war, wurde es eine Art besondere Spielform, bei der scheinbar nur eine Hälfte des Platzes benutzt werden durfte.

Wenn ein Testspiel drei Tage nach der Einsetzung eines neuen Trainers stattfindet, sollte man nicht allzu viel davon erwarten. Dass sich in der kurzen Zeit die Handschrift des Trainers zeigt, ist mehr als unwahrscheinlich. Trotzdem war im Vergleich zum ersten Test gegen Piesteritz sehr schön zu sehen, was die RasenBallsportler zumindest versuchten umzusetzen, worauf also der Trainer in besonderem Maße die Aufmerksamkeit gelenkt haben muss.

War das Defensivverhalten gegen Piesteritz noch sehr statisch und führte kaum zu Ballgewinnen, agierte RB Leipzig gegen Halle deutlich aggressiver gegen den Ball und versuchte in Ballnähe durch Verschieben kompakt zu stehen und den Ballführenden gleichzeitig unter Druck zu setzen und die nächstmöglichen Anspielstationen zuzustellen. Das sah in seiner Idee schon sehr ordentlich aus, auch wenn es in der konkreten Umsetzung manchmal haperte. Das System erfordert viel Laufaufwand und Gedankenschnelligkeit, weil man als gesamte Mannschaft Richtung Ball und bspw. bei Flankenwechsel blitzschnell auf die andere Seite muss.

Einigen wie z.B. Rockenbach merkte man an, dass sie noch nicht verinnerlicht haben, wo sie wie zu stehen haben. Fast irritiert schaute er sich gelegentlich um und schien sich zu fragen, ob er bei gegnerischem Ballbesitz auf dem anderen (also dem rechten) Flügel tatsächlich so weit in die Mitte rücken und so hinter ihm (also links) sehr viel freien Raum (und möglicherweise einen Gegenspieler) lassen soll. Ja, soll er, denn für den Weg zurück auf ’seinen‘ Flügel hätte er bei einem Flankenwechsel immer noch ausreichend Zeit. Und letztlich geht es auch darum, dass auf der anderen Seite durch Pressing der Flankenwechsel schon im Ansatz unterbunden wird, sodass in der Überzahlsituation eine erhöhte Chance auf den Ballgewinn besteht. Schon beim ersten Test hatte Trainer Zorniger Rockenbach zum Einrücken (also zur Mitte hin) aufgefordert. 100% ist das noch nicht angekommen.

Mal abgesehen von diesen taktischen Feinheiten, die sicherlich in den nächsten Wochen erlernbar sind, gab es auf der Seite der Offensivkreativität gerade in Halbzeit 1 nicht so viel zu berichten – in Hälfte 2 wurde es dank entsprechenden Einsatzes besser. Vieles war zu statisch, manches zu ungenau und das meiste zu langsam. Aber auch hier gilt, Schritt für Schritt. Und ein gelungenes Pressing mit Druck auf den Ball dürfte die Grundvoraussetzung sein, um in der Offensive aussichtsreiche Spielsituationen zu kreieren.

Aktuell ein gefragter Mann: Cheftaktiker Alexander Zorniger | © GEPA pictures/ Sven Sonntag

Besonders auffällig in Hälfte 1 waren aus meiner Sicht Jeremy Karikari und Thiago Rockenbach. Ersterer wie schon in Piesteritz (wenn auch nicht ganz so auffällig) mit viel Energie in der Balleroberung und viel Übersicht bei der Ballverarbeitung. In zwei, drei Situationen leitete er durch kluge Pässe gefährliche Situationen ein. So auch (wenn ich das richtig gesehen habe) beim 1:0. Hauptanspielstation seiner offensiven Pässe war Thiago Rockenbach, der wie schon gegen Piesteritz sehr spielfreudig und agil wirkte und folgerichtig das 1:0 erzielte (und trotzdem glücklich, denn der Keeper rutschte beim Absprung weg und griff so neben den Ball). Karikari als linker, zentraler Mittelfeldspieler und Rockenbach links außen, das kann eine ziemlich großartige Kombination werden. Nimmt man noch den gegen Halle solide agierenden Linksverteidiger Juri Judt dazu, dann hat man eine recht ansehnliche linke Achse mit höherklassigem Potenzial. Selbst wenn man die Kritik ernst nimmt, dass mit Rockenbach und Judt da links außen eigentlich zwei agieren, die keine Linksfüße sind.

In Hälfte 2 war es dann das rechte Jung-Duo Nattermann/ Koronkiewicz, das am auffälligsten agierte. Nattermann wurde überraschend rechts außen aufgeboten (wofür Kammlott in den Sturm rückte). Trainer Zorniger begründete dies anschließend damit, dass es auch darum gehe, mal die Nachbarpositionen seiner Stammposition kennenzulernen, um zu wissen, wie die Mitspieler in bestimmten Situationen reagieren. Hmm, ok. Davon ab machte das Nattermann ziemlich gut und zeigte immer wieder, das er ein gutes Auge für Pässe in die Gasse hat. So bereitete er auch die Flanke von Rechtsverteidiger Patrick Koronkiewicz, die zum 2:0 führte, mustergültig vor. Angesichts seines Auges für die Spielsituation und seines bereits bewiesenen Torriechers dürfte seine optimale Position wohl die hängende Spitze sein. Mal gucken.

Patrick Koronkiewicz wiederum wusste durch viel Offensivgeist zu überzeugen. Immer wieder schaltete er sich in den Angriff mit ein und suchte das Zusammenspiel mit Tom Nattermann, was auch einige Male ganz gut funktionierte. Und trotz dieses Offensivgeists war Koronkiewicz defensiv immer Herr der Lage. Ein gutes Testspiel macht noch keinen Sommer, aber ich habe es überrascht und wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ein Koronkiewicz sehr wohl in der Lage ist, Druck auf den etablierten Christian Müller zu machen. Hätte ich noch am Mittwoch nach dem Spiel gegen Piesteritz nicht gedacht.

Auch auffällig das deutlich verbesserte Duo Lagerblom/ Schulz, das nach der Pause im defensiven Mittelfeld agierte und dort sehr präsent und vor allem weitestgehend ohne Fehler die Fäden zog. Keine Ahnung, ob beide noch zu gedankenschnellen Sechsern werden, aber beide haben mich zum ersten Mal seit langem wieder davon überzeugt, dass sie Fähigkeiten besitzen, die man eventuell noch brauchen kann. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass eine mögliche Kaderverkleinerung ziemlich sicher jemanden aus dem Quartett Rost, Lagerblom, Schulz und Mrowiec (derzeit verletzt) treffen dürfte.

Für fast schon entschieden halte ich den ‚Konkurrenz’kampf im Tor. Und das ohne besonderes Zutun meines Gewinners Fabio Coltorti. Sowohl Pascal Borel in beiden bisherigen Tests, als auch Benjamin Bellot im gestrigen wirkten nicht sonderlich sicher, während Coltorti einfach als Persönlichkeit seine Konkurrenz um einiges überstrahlt und derzeit noch nicht negativ auffällig wurde (aber auch noch nicht viel positives zeigen musste). Mal gucken, aber alles andere als eine Nummer 1 Coltorti würde mich nach aktuellem Stand sehr überraschen.

Ansonsten war es wieder mal schön zu einem Testspiel am Cottaweg zu sein. Die Nähe zu den Akteuren ist immer wieder ein Highlight. Und ich sage auch heute noch mal, was ich immer nach solch einem Spiel am Cottaweg sage. Was wird es schön, wenn erst die Tribüne da steht. Aber so wie ich die baurechtlichen Geschichten verstanden habe, wird es wohl noch zwei Jährchen dauern, bis es so weit ist. Und dann dürften die 1.500 Plätze vor Ort fast schon zu knapp sein. Der Verein braucht mittelfristig ziemlich sicher ein kleines ‚Amateur’stadion (wie man Stadien nennt, in denen vor allem die zweite Mannschaft spielt) mit einer Kapazität von um die 5.000 Besucher. Kann man schon mal überlegen, wo das stehen soll..

Fazit: Testspiel Nummer 2 gegen den VfL Halle war in vielem wie Testspiel Nummer 1 bei Grün-Weiß Piesteritz. Also verbesserungswürdig. Trotzdem konnte man auch ganz kleine Schritte nach vorn beobachten, etwa beim Versuch die Balleroberung zu verbessern. Mir persönlich hat schon dieses Versuchen gut gefallen, denn das erscheint mir in Sachen taktisch-konzeptionellem Arbeiten mehr als vieles, was vorher rund um RB Leipzig zu beobachten war. Von daher kann es nur ‚weiter so‘ heißen. Die nächsten Schritte gibt es dann beim Testspiel Nummer 3 am Mittwoch in Lüttchendorf gegen den Goslarer SC. Anpfiff 18 Uhr.

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Tore: 1:0 Rockenbach (40.), 2:0 Frahn (48.)

Aufstellung 1. Hälfte: Bellot (30. Coltorti) – Müller, Ernst, Franke, Judt – Heidinger, Rost, Karikari, Rockenbach – Wallner, Kutschke

Aufstellung 2. Hälfte: Coltorti (60. Borel) – Koronkiewicz, Sebastian, Hoheneder, Wisio – Nattermann, Lagerblom, Schulz, Schinke – Kammlott, Frahn

Zuschauer: ca. 900

Links: RBL-Bericht [broken Link], RB-Fans-Bericht, VfL-Bericht

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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Ein Gedanke zu „Testspiel: RB Leipzig vs. VfL Halle 96 2:0“

  1. Wie immer sehr schön zum lesen und entspricht auch meiner Meinung. Mir hat am Sammstag übrigens auch der Judt sehr gut gefallen.

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