Sportjuristische Basisbanalitäten

Das wird ihnen nun wohl ewig anhängen, den Herthanern, das Image eines schlechten Verlierers. Und Duelle mit der Düsseldorfer Fortuna dürften auf absehbare Zeit leicht vergiftete Geschichten sein. Dabei hat Hertha eigentlich relativ viel richtig gemacht und den Großteil an Häme und Spott für sein Vorgehen gegen die Spielwertung gar nicht verdient.

Den negativen Höhepunkt aller Meinungen, dass Hertha ein schlechter Verlierer sei und doch einfach die Sache (juristisch) ruhen lassen sollte, setzte dabei „Fanforscher“ Günter A. Pilz:

Ich hoffe, dass das Gericht zu dem weisen Schluss kommt, dass das Urteil aus der ersten Instanz nicht revidiert wird. Hertha hat das Spiel nicht in Düsseldorf verloren, sondern in Berlin.

Wenn Fanforscher den Sportgerichten schon vorschreiben wollen, was weise ist, dann kann es mit dem juristischen Verständnis der betreffenden Personen nicht weit her sein. Wenn man aber dazu der Meinung ist, dass eine Mannschaft keinen Anspruch auf eine reguläre Spielaustragung und auf einen Protest gegen irreguläre Verhältnisse hat, weil sie vorher in der Saison bzw. im Relegationshinspiel nicht gut gespielt hat, dann kann man eigentlich nicht mehr ernst genommen werden. Jede Mannschaft hat das Anrecht, ihre Saison bis zur letzten Minute der Nachspielzeit ohne entscheidende Benachteiligung zu Ende zu spielen, selbst wenn sie verkorkst war.

Deshalb kann es alltagslogisch eigentlich keine zwei Meinungen geben. Ganz grundsätzlich sind Zuschauer, die in den Innenraum klettern nicht erlaubt. Punkt. Dummerweise hat es sich eingebürgert, bei extremen Alles-oder-Nichts-Spielen solcherlei Begleitumstände zu ignorieren oder im Fall der Fälle einfach ein paar Minuten früher abzupfeifen. Was beim Spiel Köln gegen Bayern und klaren Verhältnissen nicht ins Gewicht fallen mag, bei einem Relegationsrückspiel, bei dem ein Tor alles entscheiden kann, aber schon.

Dabei scheint das Hauptinteresse zu sein, dass man das Spiel über die Bühne bringt, es also ohne Rücksicht auf sportliche Verluste zum Schlusspfiff prügelt. In diesem Sinne kann man Wolfgang Stark fast keinen Vorwurf machen, denn er hat das gemacht, was man als Status Quo bezeichnen könnte. Er hat die Zuschauer am Seitenrand während des Spiels einfach ignoriert und als nicht bedrohlich empfunden (zumindest so in der Sportgerichtsverhandlung beschrieben, wo es ja auch darum ging, sich als Schiedsrichter zu verteidigen und ins rechte Licht zu setzen). Mit dieser Entscheidung hat Stark daneben gelegen und der Platzsturm war praktisch ein Folgefehler.

Warum es sich durchgesetzt hat, dass Zuschauer im Innenraum als nicht extrem dramatisch betrachtet werden, kann ich nicht beurteilen. Klar ist nur, dass es einen Unterschied ums ganze macht, ob Hunderte Menschen an der Seitenlinie rumlungern oder nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Chelsea kurz vor Schluss aus einer Ecke heraus noch den Ausgleich erzielt, sinkt jedenfalls stark, wenn direkt dahinter gegnerische Zuschauer stehen, von denen man nicht weiß, welche Absicht sie wohl dort hin gebracht hat.

Denn das ist der entscheidende Punkt, man kann den Spielern nicht aufhalsen, selbst zu entscheiden, ob die in den Innenraum kletternden in guter oder in böser Absicht kommen. Größere Menschenansammlungen außerhalb der gewohnten Bahnen haben immer auch etwas bedrohliches, weil man nie genau weiß, welche Eigendynamik die Masse entwickelt und ob darunter nicht doch auch körperlich aggressive Deppen sind (verbal aggressive gab es in Düsseldorf offenbar ausreichend). In der 90.Minuten – bei noch sieben Minuten Spielzeit – zu merken, dass sich am Spielfeldrand ein Mob sammelt, von dem nun in diesem Moment noch wirklich niemand sagen kann, ob er nur feiern will (komisch, dass der Ordnungsdienst beim Platzsturm seine Hauptaufgabe darin sah, zu verhindern, dass der Hertha-Block angegangen wird; warum, wenn da doch nur – polemisch gesagt – feierlustige, harmlose Frauen mit Kind unterwegs waren, denen man ansah, dass sie nur feiern wollten?), kann an keinem Spieler dieses Planeten spurlos vorübergehen, sondern wirft sofort die Frage auf, wie und ob man aus dieser Situation rauskommt. Punkt.

Dass die Sportgerichte (bisher) in der Verhandlung Fortuna Düsseldorf vs. Hertha BSC der Meinung waren, hier läge keine ausreichende Beeinträchtigung des Spielbetriebs vor, da (laut erstem Urteil) ja niemand geschlagen wurde (was für eine absurde Logik, von einer chaotischen, irregulären Situation auch noch Gewalt zu verlangen, bevor man sie nachträglich ahnden kann) und (laut zweitem Urteil) das Coaching nicht ausreichend beeinflusst war, erscheint vor diesem Hintergrund absurd, weil man damit natürlich am eigentlichen Kern vorbeigeht. Andererseits war dies wohl die einzige Chance des Hertha-Einspruchs besondere Angst und tatsächliche/ physische Beeinflussung der sportlichen Tätigkeit nachzuweisen, weil dies Aspekte sind, die außerhalb der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters liegen.

Sprich an der eigentlich alles auslösenden Fehlentscheidung, das Spiel beim ersten Betreten des Spielfelds durch Zuschauer nicht zu unterbrechen, kann vermutlich sowieso nicht gerüttelt werden. Weswegen Hertha in der juristischen Auseinandersetzung gelegentlich bis an den (weit außen gezogenen) Rand der Peinlichkeit hin agierte und Begriffe wie Todesangst oder gar Krieg einstreute. Was natürlich der Sache an sich (ein feierndes Mobmissverständnis nach Schiedsrichterfehler) überhaupt nicht gerecht wird und trotzdem nichts daran ändert, dass die Bedingungen ab der 90.Minute nicht mehr regulär waren.

Und genau aufgrund dieser Tatsache ist der Klageweg der Hertha absolut nachvollziehbar. Sie wurden in einem entscheidenden Relegationsspiel (unter Umständen entscheidend) benachteiligt. Wenn diese Situation keine ist, in der man sportjuristisch klären sollte, ob die Spielwertung aufrechtzuerhalten ist, welche dann? Und ganz nebenbei, wer in dieser Situation der Hertha die Legitimation zum (meinetwegen auch wiederholten) Einspruch abspricht, offenbart ein sehr merkwürdiges juristisches Verständnis. Vor (Sport-)gerichten in verschiedenen Instanzen Uneinigkeiten zu klären, gehört zu den unantastbaren Grundsäulen einer demokratischen Gesellschaft und auch des Sports. Und diese Instanzen im Zweifel anzurufen, sollte zu den absoluten Selbstverständlichkeiten gehören.

Mal fern dessen, ob das juristisch durchsetzbar wäre, hätte ich mir eher eine Spielwiederholung gewünscht. Weniger, weil ich emotional der Hertha anhänge, sondern vor allem deshalb, weil ich es als wichtiges Signal verstanden hätte, dass das Betreten des Platzes zumal in den Schlussminuten einer Relegation eine unglaublich egozentrische Respektlosigkeit vor dem Spiel und den Akteuren und ein absolutes No Go und sowieso verboten ist. Da das leider verpasst wurde, kann man nur hoffen, dass die Schiedsrichter künftig gerade in entscheidenden Spielen zu absoluter Intoleranz gegenüber Spielfeldbetretern angehalten werden. Wenn Zuschauer in den Innenraum klettern, ist das Spiel zu unterbrechen. Lassen sie sich in angemessenem Zeitrahmen nicht entfernen, trägt der entsprechende Verein die Verantwortung. Ich vermute, dass die Konsequenzen klar sein müssen, wenn man wirklich einen Lerneffekt in den Kurven der Republik erzielen will. Der Hertha wird das aber vermutlich (zumindest kurzfristig) nichts mehr nutzen.

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5 Gedanken zu „Sportjuristische Basisbanalitäten“

  1. Prinzipiell ist dem nichts hinzuzufügen. Wenn man mal die Kameraperspektive gesehen hat, die hinter Thomas Kraft die hunderte Zuschauer einfängt, welche – nicht auf ihn – aber in seine Richtung stürmen, kann man verstehen, wenn das für ihn nicht gerade eine unbedrohliche Situation darstellt.
    Sicher waren die Fans wohl nur zum Feiern da unten. Ist ja auch nichts passiert. Aber mit welchem Recht wird dann ein Flitzer meist so erbarmungslos niedergetacklet 🙂
    Weiterhin stellte sich mir beim Zuschauen auch sofort die Frage, was passieren würde, wenn Hertha noch ein Tor schießt. Bleiben dann alle so ruhig?

    Vom moralischen Standpunkt aus gesehen ist es natürlich trotzdem verständlich, dass gegen Hertha entschieden wurde. Eine dermaßen massive Beeinträchtigung hab ich bei denen nicht festgestellt. Es ist eben immer die Frage, wie ich urteile. Ich denke, dass sich Hertha durch das Verhalten seiner Spieler auch nicht unbedingt Freunde gemacht hat, sowohl beim DFB, als auch beim Schiri. Das kam imho als schwere Hypothek in die Verhandlungen.

  2. Guter Beitrag und nachvollziehbar. Eine Frage stellt sich mir aber: bist du Hertha Fan oder sympathisierst du mit Hertha? Das würde mich interessieren.

  3. Weder noch. Hab mit Hertha eigentlich gar nichts am Hut, bisher eher eine dezente Antipathie. Aber das ließ sich bei der Bewertung der Situation gut beiseite schieben. 😉

  4. Nee, schon wegen Rehhagel habe ich der Hertha dies Jahr eher den sportlichen Misserfolg gewünscht. Die Betonung liegt auf sportlich..

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