Regionalliga: Energie Cottbus II vs. Holstein Kiel 0:2

Das Osterfest führte mich in diesem Jahr in heimatliche, also jene Gefilde, in denen weiterhin die elterliche Generation lebt. Also nach Cottbus. Wodurch sich mir die interessante Möglichkeit ergab, den kriselnden Aufstiegskontrahenten aus Kiel noch einmal beim Auswärtsspiel bei der U23 von Energie Cottbus unter die Lupe zu nehmen. Quasi als Scouting vor dem baldigen, direkten Aufeinandertreffen am 21.04. in Kiel, zu dem sich auch ein Fansonderzug [broken Link] und somit eine beträchtliche Anzahl an Fans aufmachen wird.

Es war bereits das dritte Spiel, das ich vom Energie-Nachwuchs bewundern durfte und das dritte Spiel, in dem er hoffnungslos unterlegen war. Diese Mannschaft ist genaugenommen nicht regionalligareif, was die verlorenen zwei Punkte von RB gegen Energie noch depremierender machen. Man kann den Energie-Spielern sicherlich keinen Vorwurf machen, denn Einsatz und Wille sind absolut vorbildlich und auch gegen Holstein Kiel zeigte man bis zum 0:2 viel Herz, aber individuelle und spieltaktische Klasse reichen, abgesehen von Clemens Fandrich, der im Gegensatz zum Spiel in Leipzig gegen Kiel auflief, einfach nicht aus.

Und so war dieses Spiel für Holstein Kiel mit dem 1:0 nach 18 Minuten praktisch schon gelaufen, denn im weiteren Spielverlauf kam Cottbus nicht einmal gefährlich vors Tor und schoss nur einmal auf selbiges. Dieser Torschuss schien ein wenig eine Kopie des 1:1 in Leipzig werden zu wollen. Freistoß aus 20 Metern, Spielstand 1:0, 75 Minuten gespielt (in Leipzig waren es 82), leicht links. Andy Hebler schnappt sich wie in Leipzig den Ball und schießt ihn wieder gen Torwartecke. Vielleicht weil er denkt, dass er mit der Variante noch ein zweites Mal erfolgreich sein kann. War er aber nicht, da der Kieler Keeper Strähle seine Torwartecke nicht verlassen wollte und den Ball locker fing. Kurz danach schloss Jaroslaw Lindner eine der vielen Kontersituationen zum 2:0 ab und das Spiel war endgültig entschieden.

Bereits zuvor, in der 67. Minute hatte sich die aufregendste Szene wohl der gesamten Partie abgespielt, als der Cottbuser Süßenbach mit Gelb-Rot vom Platz musste. Wegen einer Mischung aus Tätlichkeit und Foulspiel. Eine Szene, die zurecht für unheimlich viel Unmut, Empörung und Gelächter auf der Tribüne sorgte. Süßenbach hatte seinen am Boden liegenden Kontrahenten Sachs am Kopf getroffen und war dann schnell weggerannt. Was vom Schiedsrichtergespann keiner gesehen hatte, denn niemand signalisierte ein Foul oder ähnliches. Als Sachs sich (auch zurecht, weil getroffen) weiter herumwälzte und Spieler und Verantwortliche gleichermaßen im Kreis sprangen, ging der Schiedsrichter dann 15 Sekunden später zu seinem Assistenten, der ihm wahrheitsgemäß wohl geschildert hat, dass ein Kieler sich den Kopf hält und Süßenbach wie ein Sünder weggerannt sei. Woraufhin der Schiedsrichter eine Art Gefühls-Gelb-Rot zeigt. Letztlich lag der Schiedsrichter – das belegen auch die Fernsehbilder – mit seiner Entscheidung wohl richtig. Da sein Team die Situation aber offenbar gar nicht gesehen hatte, war die Entscheidung – wie zwei, drei andere Entscheidungen zugunsten der Kieler – absurd.

In der Folge gab es noch diverse Unmutsäußerungen (Publikum: „Den Schiedsrichter habt ihr wohl mitgebracht.“ Kiel-Coach Gutzeit: „Ja, machen wir immer so.“) und Rudelbildungen, erst recht als Süßenbach versuchte, sich direkt vor der Holstein-Bank bei Sachs zu entschuldigen, wofür er allseits wütende Reaktionen und Schubsereien erntete. Und auch Thorsten Gutzeit war nach der Szene auf 180 und ließ sich zu einem freundlichen „Was für eine Scheiß-Truppe“ in Richtung Energie-Spieler hinreißen. Was seine Sympathiewerte bei einem zwar quantitativ geringen, aber wie immer in Cottbus leicht enflammbaren und nie um einen Spruch verlegenen Publikum deutlich spürbar in den Keller sinken ließ.

Was Holstein Kiel in Cottbus bot, war sicherlich keine Überleistung. Nach den letzten Pleiten, spürte man die Unsicherheit doch an einigen Stellen, aber das frühe Führungstor nach Eckball (Achtung RB, da stehen gerade in der Abwehr einige Türme im Kader) gab spielerisch die eine oder andere Sicherheit. Überhaupt konnte man deutlich sehen, wo Kiel gegenüber RB Leipzig erhebliche Vorteile hat, nämlich in der taktischen Variabilität. Das 4-2-3-1 klappte defensiv immer wieder in ein 4-4-1-1 um, wodurch die Räume für die Cottbuser extrem eng wurden.

Offensiv wiederum agierte Kiel gegen 60 Minuten lang teilweise sehr gut pressende Cottbuser sehr variabel, wodurch sich die Gastgeber ein wenig tot liefen. Das wichtigste Detail für das Funktionieren des Systems sind die beiden Sechser. Rafael Kazior ist ein extrem ballsicherer, zentraler Spieler, den es offensiv immer wieder mit auf die Acht zieht. Neben Kazior agierte der 23jährige Deran Toksöz zwar etwas defensiver, schien mir aber auch ein technisch sehr beschlagener Spieler zu sein, der auch in Drucksituationen den Ball zum Mitspieler bekommt. Vor den beiden agierte dann zentral offensiv mit Fiete Sykora ein weiterer ballsicherer, torgefährlicher Spieler als Bindeglied zum Stürmer Heider und zu den Außen Sachs und Lindner.

Vergleicht man Holstein Kiel und RB Leipzig in Bezug auf die Taktik, dann fällt deutlich auf, dass Kiel auf ballsichere, zentrale Mittelfeldspieler setzt und so auch die Möglichkeit hat, Angriffe durch die Mitte vorzutragen. Ich habe völlig erstaunt durch die Mitte (Pässe in die Gasse!) herausgespielte Torchancen gesehen. An so etwas kann ich mich bei RB Leipzig nicht wirklich oft erinnern.

Und doch ist Kiel in dieser taktischen Formation nicht ausrechenbar. Ganz im Gegenteil. Denn wenn der Ball durch die Mitte läuft und die Abwehr in Ballnähe Überzahl schafft und kompakt agiert, entstehen natürlich Räume auf den Flügeln, die Holstein Kiel durch Pässe auf die schnellen Flügel Lindner und Sachs jederzeit zu nutzen wusste. Wohlgemerkt mussten die Außen die Bälle nicht selbst bis zum Strafraum tragen, sondern wurden dort aus zentraler Position und in den Lauf angespielt. Wodurch sofort Torgefahr entstand. Die Spielidee von Holstein Kiel sah absolut erstklassig aus und wurde trotz Tabellendruck und Mannschaftsform zumindest passabel umgesetzt.

Kiel hat auf allen Positionen bis auf die Innenverteidigung und die Linksverteidigung sehr viel spielerisches Potenzial. Lässt man sie das entfalten, dann hat man schlechte Karten. Worin auch gleichzeitig ein Fingerzeig steckt, wie man Kiel bekämpfen kann. Auch im Hinspiel war Kiel die technisch-taktisch versiertere Mannschaft, gegen die RB gewann, weil man mehr in das Spiel investierte. In Kiel wird dieselbe Energieleistung nötig sein, um den aktuellen Tabellendritten beim Kampf um seine letzte Aufstiegschance auf Distanz zu halten.

Mir schien Kiel im Spiel in Cottbus ein wenig anfällig zu sein für Spielkonzepte, die ihnen das Spielen schwer machen. Heider und Kazior als zentrale Spielerfiguren wirkten nicht, als wollten sie in der Kategorie ‚Laufstrecke‘ Sieger werden wollen. Letzterer bedeutete seinem Trainer Gutzeit, der ihn lautstark aufforderte, wieder schnell in seine taktische Position zurückzusprinten, per Handgeste sogar, dass er doch mal den Ball flach halten solle. Bei Peter Pacult wäre Kazior dafür wohl auf der Bank gelandet. Auch nach 10 gespielten Minuten..

Holstein Kiel ist sicherlich keine Übermannschaft und sicherlich individuell den RasenBallsportlern unterlegen. Dank einer klug zusammengestellten Mannschaft, die die kluge Spielidee ziemlich gut umsetzt, ist die Auswärtsaufgabe an der Küste aber eine ziemlich monströse. Man möchte jedenfalls nicht in die Situation kommen, einem Rückstand hinterherlaufen und die schnellen Gegenstöße verteidigen zu müssen. Vielmehr wird es darauf ankommen, den Gegner selbst zu Fehlern zu zwingen und daraus Kapital zu schlagen. Da Pacults 4-4-2 aber auf eine recht hohe Verteidigungslinie hinausläuft, bleibe ich ein bisschen pessimistisch, ob man der schnellen Kieler Offensivparade standhalten kann.

Kiel ist spielkulturell schon jetzt drittklassig und damit ein Stück weiter als RB Leipzig. Lässt man sie ihre Spielidee entfalten, dann dürfte man wohl in der Mehrzahl der Spiele verlieren. Nimmt man ihnen die Lust am Spielen und verteidigt eventuell etwas tiefer als normal, dann hat RB Leipzig aber auch in Kiel gute Chancen. Ein Schlüsselduell könnte dabei auf der rechten Seite auf wen auch immer (Timo Röttger vielleicht?) gegen den Kieler Linksverteidiger Fabian Wetter (alternativ könnte es auch Poggenberg sein) zukommen. Der erschien mir jedenfalls als so etwas wie die Schwachstelle in der Kieler Defensive.

Fazit: „Ihr steigt eh nicht auf“, musste sich Thorsten Gutzeit vom Cottbuser Publikum anhören. Das eventuell sogar recht behält. Dafür, dass der HFC nicht der lachende Dritte wird, wird RB Leipzig in Kiel eventuell gewinnen müssen. Es gibt angenehmere Aufgaben, denn das Spiel wird, wenn alles normal läuft, eine ganz enge, ganz schwierige Kiste. Aber vorher geht es sowieso noch gegen Meuselwitz und am Samstag nach Hannover. Das hat in punkto Schwierigkeit schon ausreichend Potenzial.

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Tore: 0:1 Jürgensen (18.), 0:2 Lindner (79.)

Gelb-Rot: Süßenbach (Energie/ 67./ wiederholtes Foulspiel)

Aufstellung: Strähle – Herrmann (86. Schulz), Berzel, Jürgensen, Wetter – Toksöz, Kazior – Sachs (81. Chahed), Sykora, Lindner – Heider (88. Wulff)

Zuschauer: offiziell 116, handgeschätzt mit Dauerkarten etwa 180 (davon 30 Kieler)

Links: Kiel-Bericht [broken Link], Energie-Bericht [broken Link]

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