FC Sachsen Leipzig vs. RasenBallsport Leipzig 0:2

Man darf das ja mal vorneweg sagen. Das beste am gestrigen Spiel der RasenBallsportler beim FC Sachsen ist, dass es vorbei ist und dass das Ergebnis gestimmt hat. Achtelfinalsieg im Sachsenpokal. Der nächste Gegner im Viertelfinale heißt VfB Auerbach, wieder auswärts. Darüber hinaus gibt es vom Spielfeld und dessen Umfeld kaum positives zu berichten.

Der Alfred-Kunze-Sportpark mag ein schönes Stadion sein und vermutlich gibt es dort schöne Ecken, von denen man aus das Spiel beobachten kann (zumindest wenn man sehr viel Grün-Weiß in sich trägt). Der Oberrang vom Norddamm sieht beispielsweise aus der Ferne nach einem sehr schicken Platz aus. Der Gästeblock dagegen ist in allen Belangen ein gruseliger Ort. Schlechte Sicht, die Getränke gibt es durch dicke Gitterstäbe hindurchgereicht und im Rücken stinkt das Dixi-Klo vor sich hin. Es gibt definitiv bessere Orte als diesen Käfig, um sich Fußballspiele anzuschauen.

Aus der schlechten Sicht resultiert auch, dass man eigentlich nicht wirklich einen Eindruck vom spieltaktischen Geschehen bekommen kann. Mannschaftsorganisation, taktisches Verhalten, Spielabstimmung, das alles bekommt man von einem Platz hinter der Eckfahne nicht mehr mit. Mitbekommen habe ich trotzdem, dass sich die RasenBallsportler in der ersten Halbzeit vom unterklassigen Konkurrenten haben den Schneid komplett abkaufen lassen. Passsicherheit und Spielkontrolle waren Begriffe, mit denen RasenBallsport Leipzig einen Tag lang nichts zu tun haben wollte.

Während Fabian Franke und der früh eingewechselte Daniel Rosin es noch schafften, sich den Ball in der Innenverteidigung hin und her zu kullern (was vom Sachsen-Publikum zurecht hämisch begleitet wurde), landete jede Ballstafette, die darüber hinaus ging, schnell beim Gegner. Verlorene Zweikämpfe und permanente Ballverluste im Mittelfeld bedeuten aber nicht nur Gefahr für das eigene Tor, sondern bringen auch das gegnerische Publikum ins Spiel, weil dadurch das Spielmomentum dem Gegner zugeschoben wird. Und so kam es auch, dass der FC Sachsen in der ersten Hälfte den Eindruck der besseren Mannschaft hinterließ, weil er einfach dynamischer und zielstrebiger agierte. Dass die Grün-Weißen trotzdem keine relevante Chance hatten, ein Tor zu erzielen, was eigentlich für die kompletten 90 Minuten galt, darf man dabei aber auch durchaus erwähnen.

Erwähnen darf man aber auch, dass RasenBallsport Leipzig in der ersten Hälfte bis auf das Elfmetertor im offensiven Bereich nichts (und das bedeutet wirklich nichts) auf die Reihe bekam. Das Spiel der RasenBallsportler war uninspiriert, ungenau und harmlos und reihte sich in seiner spielkulturellen Hilflosigkeit ein in die Reihe der letzten Auswärtsspiele beim TSV Havelse und beim SV Wilhelmshaven. Dass dies ergebnistechnisch folgenlos blieb, lag an einem Gegner, der vor dem Tor komplett harmlos blieb und am (auch kämpferisch) tadellosen Zwseikampfverhalten von RasenBallsport Leipzig in der Defensive.

Tomas Oral, RasenBallsport-Trainer bemühte nach dem Spiel den Satz vom Glück des Tüchtigen. Das kann man durchaus so stehen lassen und die Elfmeter-Szene, aus der dann das 1:0 resultierte, vor diesem Hintergrund interpretieren. Aus meiner Sicht, also gefühlte 2 km vom Geschehen entfernt, sah ich einen Spieler, der mit Ball gegen Sachsen-Verteidiger dribbelte und plötzlich fiel. Der Schiedsrichter, näher dran, sah sofort ein Foul als Ursache. Das MDR entschied nach Videostudium, dass ein Foul vorgelegen habe, verzichtete aber im Spielbericht bei MDR-Aktuell auf eine Zeitlupenstudie, die dies hätte belegen können. Und für die Sachsen-Fans war angesichts der sowieso schon aufgeheizten Atmosphäre klar, dass dieser Elfmeter nie und nimmer einer war. Vermutlich liegt die Wahrheit wie immer irgendwo in der Mitte und Thiago Rockenbach nimmt ein Bein des Gegners als willkommenen Anlass, um drüber zu stolpern. Zumindest vermittelt ein Standbild bei mdr.de (broken Link) diesen Eindruck.

Wie auch immer, mit diesem Tor war die Partie quasi schon entschieden, weil die Leutzscher nie wirkten als wüssten sie, wie man das Runde ins Eckige bekommt. Bei allem Kampf, bei aller Emotion, auf dem Spielfeld hatte man in der zweiten Halbzeit nie den Eindruck als könnte sich das Spiel drehen. RasenBallsport Leipzig spulte sein Pensum bei weiterhin katastrophaler Passsicherheit professionell herunter, kam dabei im Gegensatz zur ersten Hälfte zu einigen kleineren Chancen und machte dann in der Nachspielzeit den Sack zu, was den Torschützen Daniel Frahn mitsamt der Mannschaft zum kollektiv-emotionalen Jubel vor dem Gästebereich mit seinen etwa 300 Zuschauern einlud. Das erinnerte in seiner emotionalen Befreiung ein wenig an das Wilhelmshaven-Spiel, als auch Daniel Frahn in aufgeheizter Atmosphäre mit dem entscheidenden 3:1-Treffer für die Erlösung sorgte und damals sofort dahin lief, wo das Spiel mitentschieden wurde, nämlich zur Haupttribüne der Red Bull Arena. Das 2:0 war vermutlich der einzige Moment des Spieltages, an dem ich so etwas wie ungeteilte Freude empfand.

Der Rest des Tages beschreibt sich durch die Worte des Stadionsprechers vielleicht ganz gut, der an die eigenen Fans die stilsicheren Worte „Habt ihr sie noch alle?“ richtete, nachdem diese zum Werfen von Böllern auf das Spielfeld übergingen und damit zeigten, dass ihnen die Zukunft, also die Existenz des Vereins, angesichts der drohenden Geldstrafen oder Platzsperren oder Zwangsumzüge in die Red Bull Arena, die für den FC Sachsen  Leipzig in der aktuellen wirtschaftlichen Situation kaum zu bewältigen sind, eher egal ist (und nein: ich finde die Logik der Bestrafung, dass der Verein zahlen muss, wenn Besucher von Fußballspielen sich entgegen der Regeln verhalten, nicht vernünftig).

Überhaupt, die AUßENwirkung, die der FC Sachsen Leipzig an diesem Tag hinterließ, war ähnlich wie die Offensivleistung der RasenBallsportler, nämlich katastrophal. Getränkewerfende und spuckende Zuschauer, die bei jeder Entscheidung des Schiedsrichters gegen das eigene Team den Zaun stürmen, um den Linienrichter zu bepöbeln, eine unsauber und eklig (Köckeritz!) spielende Mannschaft, die selbst bei groben Fouls lamentierend auf den Schiedsrichter losgeht und Horden von Fans, die nach dem Spiel durch das Unterholz pirschen, um Gästefans zu zu bepöbeln und anzugreifen. In der AUßENwahrnehmung (und ja: ich weiß, dass man von außen keinen Eindruck der komplexen Vereins- und Fansituation bekommt, sondern nur die lautesten und offensichtlichsten Erscheinungen wahrnimmt) verdeutlichte dieses Spiel, warum RasenBallsport Leipzig funktioniert. Weil es für einen Großteil der Besucher der Red Bull Arena schwer vorstellbar wäre, als Familie mit Kindern, aber auch als Einzelpersonen sich neben die Bierwerfer zu setzen und Fußball zu gucken und mitzufiebern, geschweige denn, dass diese einen Ausflug in den Gästekäfig im AKS planen würden. Was von AUßEN wahrnehmbar war, war beim und nach dem Spiel Hass. Und Hass ist nicht nur die ekligste aller menschlichen Emotionen, Hass ist auch etwas, was in einem Sport, der sich um Leidenschaft, Emotionen, Mitfiebern, Mitleiden, Unterstützen, Siegen und Verlieren dreht, sprich um das Spaß haben an Fußball, Freude und Trauer, Lachen und Weinen nie, nie, nie, nie und nie und nimmer etwas zu suchen hat. Punkt.

Erkennbar war aber auch, wie aus dem gemütlichen Alfred-Kunze-Sportpark eine echte Hölle werden kann. Wenn das ganze Stadion (und es war noch nicht mal wirklich voll) wie eine Wand in Chemie-Rufe einstimmte und sich somit der Unterstützung des eigenen Teams widmete, war es im Gästebereich für ein paar Momente ganz ruhig. Eine fast schon ehrfurchtsvoll andächtige Respektsbekundung. Leider war die Fraktion Grün-Weiß die Hälfte der Zeit mit sich, dem Zustand des eigenen Vereins und der Antipathie gegen RB beschäftigt. Leider war sich auch die Fraktion Rot-Weiß nicht zu blöd bei der Vorstellung der Heimmanschaft die Namen der Spieler mit einem halbkollektiven „A..loch“ zu unterlegen und (zugegeben selten) auf die „Red Bull Schweine“ mit einem kreativ ähnlich dürftigen „Chemieschweine“ zu reagieren. Gästeblöcke werden wohl in diesem Leben nicht mehr mein Tanzbereich..

Fazit: Eine glanzlose Leistung und ein glücklicher, aber keinesfalls unverdienter Sieg erhalten die Hoffnung auf einen glanzvollen Abschluss der Saison zumindest im Sachsenpokal (DFB-Pokal-Quali, potenzielles Endspiel in Leipzig gegen Dynamo Dresden) am Leben. Spielt man so wie gegen den FC Sachsen aber auch in Wolfsburg am Wochenende wird es im Liga-Spiel vermutlich eine Packung geben. Derart viele Möglichkeiten zum schnellen Umkehrspiel wird der derzeitige Zweite der Regionalliga Nord wohl nicht liegenlassen. Deshalb: Sachsen-Spiel abhaken, das positive aus dem Spiel (das Ergebnis) mitnehmen, weiterarbeiten und im nächsten Spiel wieder an das Lübeck-Spiel anknüpfen.

PS: Aufgrund der schlechten Sicht spare ich mir heute die Einzelkritiken, sprich die Licht- und Schattenblicke.

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Tore: 0:1 Müller (32./ FE), 0:2 Frahn (90.)

Aufstellung: Neuhaus – Albert, Kläsener (11. Rosin), Franke, Müller – Sebastian, Laas  – Kammlott (77. Kutschke), Rockenbach, Geißler (67. Schinke) – Frahn

Zuschauer: 3553

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], FCS-Bericht [broken Link]

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7 Gedanken zu „FC Sachsen Leipzig vs. RasenBallsport Leipzig 0:2“

  1. „und Horden von Fans, die nach dem Spiel durch das Unterholz pirschen, um Gästefans zu zu bepöbeln und anzugreifen.“
    Niemals wäre ich dahin gegangen.
    Und so wars, wenn man all den Erzählungen glaubt, in ganz Leipzig schon immer. Und genau deshalb bin ich über das Projekt „RB-Leipzig“ froh und zufrieden.
    Vielen Dank für diesen Beitrag!

  2. -Snip- Was von AUßEN wahrnehmbar war, war beim und nach dem Spiel Hass. Und Hass ist nicht nur die ekligste aller menschlichen Emotionen, Hass ist auch etwas, was in einem Sport, der sich um Leidenschaft, Emotionen, Mitfiebern, Mitleiden, Unterstützen, Siegen und Verlieren dreht, sprich um das Spaß haben an Fußball, Freude und Trauer, Lachen und Weinen nie, nie, nie, nie und nie und nimmer etwas zu suchen hat. Punkt. -Snap-

    Wahre, wahre Worte. Weil es aber bei den in Leipzig beheimateten Traditionsvereinen zum größten Teil eben nur noch um Hass (und leider auch Gewalt geht wie man gestern ja mal wieder gesehen hat!) geht funktioniert RB eben so gut dass zu einem unbedeutendem Spiel in der 4. Liga noch gut 4.000 Menschen erscheinen.

    Ich hoffe RB hat genug Geduld ihr Konzept in Leipzig durchzuziehen und familienfreundlichen, unpolitischen und hassfreien Fußball anzubieten dem man beiwohnen kann. Und dann ist es auch egal ob man als Eventie, unmündiges Konsumschwein oder Klatschvieh von den Traditionsfans beschimpft wird.

  3. „Weil es aber bei den in Leipzig beheimateten Traditionsvereinen zum größten Teil eben nur noch um Hass geht“

    Ich glaube, ich würde mir nicht anmaßen zu behaupten, dass es bei DEN Traditionsvereinen zum GRÖSSTEN Teil um Hass geht. Und ich vermute sogar, dass die Aussage falsch ist. Ich für meinen Teil kann nur die Außenwirkung beurteilen, die vor allem aus Extremsituationen resultiert und die war gestern katastrophal und hassgeladen. Ich würde aber trotzdem behaupten, dass ich für den Fall, dass ich auf grün-weißer Seite gestanden hätte, auch noch ne ganze Menge anderes wahrgenommen hätte und vermutlich mehr und differenzierteres über den Verein und seine Fankultur wüsste.

  4. Naja, das kann man ja gerne anders sehen. Verfolgt man allerdings sowohl rechts als auch links im Leipziger Fußball ist „Tod und Hass“ allgegenwärtig. Dabei wünscht man „Tod und Hass“ gerade je nach Verfügbarkeit des Gegners.

    Ich kann mit selbigem nichts anfangen und brauche weder Politik noch Hass und Gewalt im und ums Stadion herum. Vielleicht reduzieren sich blau-gelb und grün-weiß irgendwann wieder auf das eigentliche Thema, Fußball, das sehe ich aber momentan in keinster Weise und das leider bei der Mehrheit der Traditionsfans und nicht nur einer lautstarken Minderheit.

  5. Ich habe das Spiel von der Stehplatztribüne gesehen und und hatte da unversperrten Blick auf den Elfmeter. Das zwar ziemlich schlecht und offensichtlich gefallen, das hätte entweder der Schiedsrichter oder der Linienrichter durchaus sehen können.
    Ansonsten erschreckend welch‘ spielerisch arme Leistung RB bot. Das es sich hier um Profifußballer handelt, kann man kaum glauben. Ich habe in dieser Saison nun vier Spiele mit den Rasenballern gesehen und keines davon hat auch nur ansatzweise Hoffnungen gemacht, dass sich da was bessert. Spielerische Entwicklung war in dem Zeitraum (Türkiyemspor – Chemnitz – Kiel – Sachsen) nicht zu erkennen, eher eine klare Rückläufigkeit des Niveaus.

  6. @Max: Vielleicht wäre es eine Lösung, Dir RB-Verbot zu erteilen. 😉 Chemnitz empfand ich letztes Jahr als gar nicht so schlimm. Da hat man in einer Phase als nicht mehr viel ging, doch relativ viel aus dem Spiel gemacht, indem man robsut gespielt und sich das Remis erarbeitet hat. Kiel war m.M.n. ein Ausrutscher, wie er in der spieltaktisch und individuell miserablen Form wohl nicht mehr vorkommen wird. An dem Abend passte im negativen Sinne wirklich alles zusammen. Seitdem geht es zumindest in Heimspielen in der Tendenz eigentlich nur noch aufwärts, mit dem bisherigen Höhepunkt der 1.Hälfte gegen Lübeck, wo die Mischung aus Robustheit und Kreativität doch alles in allem stimmig war, wenn auch lange nicht perfekt. Der FC Sachsen war jetzt wieder ein Rückschritt, aber gut, es war Pokal, es war Leutzsch und gewonnen wurde auch. Glücklicherweise habe ich die letzten 3 Auswärtsspiele verpasst, denn dann wäre ich wahrscheinlich tendenziell auf Deiner Seite, was die Rückläufigkeit des Niveaus angeht..

  7. Saubere Analyse & treffende Zustandsbeschreibung!

    so leid es tut, aber der FC Sachsen ist doch klinisch tot … klar daß sich jetzt Einige am „tollen Kampf und Einsatz“ ihrer Elf aufgeilen und befriedigen, aber letztendlich war doch genau so ein Spiel zu erwarten … viel rustikales Geplänkel, wenig Ansehnliches und ein, zwei Standards bzw. Einzelaktionen durch die das Spiel entschieden werden würde …

    daher mach ich auch RB keinen Vorwurf … eine Delikatesse bzw. Feinschmecker-Fußball war nicht zu erwarten, gerade auf diesem Acker und angesichts eines Spiels drei Tage vorher und einem Wichtigen vor der Brust …

    warum kommt es denn im DFB-Pokal immer mal wieder zu Überraschungen wo niedere Spielklassenangehörige Erst – oder Zweitligisten düpieren? Kraftverzicht, gepaart mit ungewohnten äußeren Bedingungen und einer Prise Unterschätzen … so entstehen Niederlagen und daher heißt es Abhaken und sich neuen Aufgaben zuwenden …

    der FC Sachsen hingegen wird sich seine Nische vor allem in Zukunft weiter suchen und behaupten müssen … die Oberliga scheint derzeit das Höchste der Gefühle zu sein, angesichts der ligainternen Konkurrenz mit „Lok“, einem möglichen Aufstieg des SSV Markranstädt in den nächsten Jahren und auch dem rasanten Tempo was die „Abweichler“ der BSG Chemie an den Tag legen muß hingegen aufgepaßt werden in mittlerer Zukunft nicht vollkommen ins Abseits und Vergessenheit zu geraten … immer das finanzielle Damoklesschwert über den Häuptern gewärtig!

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