Keine Kommunikationsguerilla

Ach liebe Rasenballisten (alle folgenden Zitate kommen von Ihrer Fan Interessensgemeinschafts-Website): Ein bisschen habe ich das Gefühl, Sie handelten im vorauseilenden Gehorsam. Ähnlich wie die Ultras vom SV Wehen Wiesbaden, die dem Vorwurf ihr Verein sei nur ein Kunstprodukt entgegensetzen, dass sie doch Hoffenheim und RB Leipzig genauso wie alle anderen Fans als Zerstörer des Fußballs sehen und daraus schlossen, dass sie und ihr Verein deswegen zu den Guten gehören (siehe hier), haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben, keine „Red-Bull-Opfer“ sein zu wollen, sondern „traditionalistische Fußballfans“, also auch irgendwie gut und dazugehörend.

Ihr Herz hängt so sehr an Leipzig und vergleichsweise so wenig am „Getränkelieferanten“ Red Bull, dass Sie sich darauf versteifen, dass Sie „sämtlichen Kommerz aus unserer Fanszene“ verbannen wollen. „Boykott von offiziellen Fanartikeln“, „striktes Beibehalten des Stadionnamen ‚Zentralstadion’“, „Vermeiden jeglich anders gearteter Werbung für unseren Hauptsponsor“, das sind die Schlagwörter mit dem Sie Ihr öffentliches Fanauftreten für RasenBallsport Leipzig begründen.

Warum? Weil Sie dem „Kunstprodukt“ ein buntes, vielfältiges Gesicht, eine eigene Identität geben wollen. Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass man anhand Ihres virtuellen Auftritts vor allem erkennen kann, dass Sie in Ihrer Fanprojektion komplett ohne den tatsächlich existierenden Verein auskommen. Ich bin völlig bei Ihnen in der Idee, im Umfeld von RasenBallsport Leipzig Fußballkultur zu etablieren und zu leben. Ich bin auch völlig bei Ihnen in der Idee, dass das konkrete Fansein ohne besonderen Bezug auf Red Bull Soccer oder Red Bull Salzburg auskommen kann. Was ich ehrlich gesagt ziemlich unverständlich finde, ist die Tatsache, dass Sie Ihre Fanidentität in einer Art und Weise aufladen, dass ich mich frage, warum Sie sich für RasenBallsport Leipzig entschieden haben (außer dass es Erfolg verspricht). Seinen Fanauftritt mit „Gegen FC Red Bull“ zu überschreiben, ist zwar plakativ, aber gleichzeitig nicht sehr sinnig. Red Bull ist kein Sponsor der klassischen Art. Red Bull Soccer ist eine völlig neuartige Art und Weise Fußballvereine quasi in einer globalen (Firmen-)Netzwerk-Struktur zu betreiben und dadurch bestmöglich Synergieeffekte zu erzielen. Red Bull Soccer ist damit organisatorisch und wirtschaftlich auf der Höhe der Zeit, weil sie ein modernes, globales Firmenkonzept entwickeln, bei dem sich die verschiedenen Bausteine in Ghana, Brasilien, USA, Österreich und Deutschland bei größtmöglichem sportlichen Erfolg gegenseitig ergänzen. Red Bull Soccer verleiht Flügel, das ist die Botschaft, die hinter dem Fußball auch bei RasenBallsport Leipzig steht.

Man kann dieses Konzept ganz grundsätzlich blöd finden und sagen, dass Fußballvereine in die Hände von Mitgliedern (und zwar mehr als die, die RasenBallsport Leipzig hat) gehören, man kann aber meiner Meinung nach als Rasenballist nicht so tun, als hätte man mit all dem nichts zu schaffen. Die einzelnen Bausteine in Salzburg, Leipzig und Co bedingen einander und sind nicht losgelöst voneinander denkbar. Ein Ricardo Moniz als globaler Techniktrainer und Ausbilder der Nachwuchstrainer, ein Dietmar Beiersdorfer als globaler Chef von Red Bull Soccer zeigen das gemeinsame Dach. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich wünsche mir von Ihnen, liebe Rasenballisten gar nicht, dass Sie sich zukünftig in Ihrer Anfeuerung auf Red Bull Soccer oder auf was auch immer in dieser Richtung beziehen. Dass Sie Ihre Fanidentität aber auf dem Quasi-Boykott („Wir sind Leipziger! Wir sind einzigartig!“) der globalen Idee von Red Bull aufbauen, erscheint mir reichlich schräg.

Und dass Sie gemeinsam mit den Kritikern von RasenBallsport Leipzig leichtfertig und verallgemeinernd von Fans als „willenlosen Marketingjüngern“ und „vom Sponsor abgerichteten Quotenanhängern“ sprechen, von denen Sie sich vehement distanzieren, macht Sie ehrlich gesagt ganz schön unsympathisch:

Wir sind davon überzeugt, dass es im Verein genug Leute gibt, die sich mit der deutschen Fankultur beschäftigt haben und denen die Rasenballisten, die Woche für Woche ihr Geld durch den Kauf von Eintrittskarten ins Stadion bringen und für gute Stimmung sorgen wesentlich lieber sind, als ein vollkommen gleichgeschaltetes Klatschpublikum.

Ich hoffe doch sehr, dass bei RasenBallsport Leipzig und bei Red Bull genug Leute sitzen, die wissen, dass es für Menschen, die in ihrer Fan-Definitionsallmacht die stimmungsvolle Kurve als das wichtigste Aushängeschild eines Vereines und als einzig wahren Ausdruck des Fan-Seins sehen, in Leipzig bereits (mindestens) 3 Vereine gibt. Und ich hoffe noch viel mehr, dass im Verein genug Leute sitzen, die wissen, was für ein Potenzial gerade das als dusselig beschriebene Klatschpublikum im Block A und wenn er mal offen ist auch C quantitativ und qualitativ hat.

Ich wünsche Ihnen, liebe Rasenballisten viel Glück beim Versuch, eine bunte und vielfältige Fankultur zu bauen, ich wünsche Ihnen aber wenig Glück bei der Unterminierung der Realität der globalen Red-Bull-Netzwerkstruktur und beim Kampf dafür, dass RasenBallsport Leipzig „das schwarze Schaf in der RB-Familie“ spielt und gar kein Glück wünsche ich Ihnen beim Beleidigen von Zuschauern als „willenlose Marketingjünger“. Wissen Sie, als sich die Ultras RBL als Fake zu erkennen gaben, war ich froh, dass die Geschichte damit ihren Deckel hatte. Vor allem wegen Ihrer projektiven Zuschauerbeschimpfung wünscht sich ein kleiner Teil in mir gegen die Realität, dass auch Sie ein Fake sein mögen.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Klatschklatsch alias rotebrauseblogger.

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