Fußball und Unternehmenspragmatik

Das Red-Bull-Projekt in Leipzig wird kritisch beäugt. Auch von Ihnen?
Nein, ich musste mir beim VfL Wolfsburg auch anhören, dass wir die Tochtergesellschaft eines Unternehmens sind. Und wissen sie was: Am Ende wird überall nur Fußball gespielt. (Felix Magath in der LVZ vom 23.07.2010)

Das spannende bei den Bewertungen des Red-Bull-Engagements in Leipzig ist tatsächlich, dass es vor allem Profis sind, also Menschen, die im Fußball – in welcher Position auch immer – ihr Geld verdienen und ihre persönliche Karriere planen, die dem Leipziger Club positiv gegenüberstehen. Bei diesem Personenkreis ist ein undogmatisches/ unideologisches Denken zu beobachten, das dem traditionellen Fan oft fremd zu sein scheint. Gerade auch ein Felix Magath weiß, dass es für das Einbringen der eigenen Kompetenzen und für das Streben nach bestmöglichem Erfolg Vereinsstrukturen braucht, die einerseits ausreichend finanziell unterfüttert sind, andererseits aber auch von handelnden Personen gestützt werden, die auf ihren Positionen Klasse verkörpern. Ein Verein wie RasenBallsport Leipzig ist schon jetzt im kleinen Rahmen eine gute Adresse für Trainer, Spieler, Physiotherapeuten und Co, weil diese dort bestmögliche Rahmenbedingungen vorfinden bzw. die Rahmenbedingungen im bestmöglichen Sinne gestalten und verändern können. Der Witz daran ist, dass das Personal von Fußballvereinen im besten Sinne pragmatisch mit dem Gegenstand umgeht, während der Fan (natürlich) meist nicht mit dieser Pragmatik an seinen Verein herantritt. Das betrifft sowohl den Arbeitsbereich im Verein, aber auch die individuelle Suche nach beruflichen Erfahrungen, die wiederum nicht nur dem Verein, sondern auch den handelnden Personen in ihrer Entwicklung helfen. Während manchen Fans noch das Aufopfern für den Verein und die ewige Treue in welcher Farbe auch immer vorschwebt, ist das professionell-pragmatische Arbeiten im Verein für die einzelnen Personen oft ein Schritt in ihrer beruflichen Karriere. Das schließt Identifikation und vor allem Herzblut nicht aus, ganz im Gegenteil macht das die Arbeit sicher leichter, schließt aber aus, sich auf ewig zu einem Verein bekennen zu müssen, dessen sportliche Ausrichtung man eventuell nach ein paar Jahren nicht mehr mittragen möchte/ kann. Bekenntnisse sind in diesem Sinne nicht mehr auf die Ewigkeit ausgerichtet, sondern beziehen sich auf eine konkrete Vereinssituation. Ich mag dieses pragmatische, ziel- und erfolgsorientierte Arbeiten, für das RasenBallsport Leipzig steht und aus dem im Laufe der Jahre sicher auch so etwas wie eine eigene Identität erwachsen wird.

Flattr this!

13 Gedanken zu „Fußball und Unternehmenspragmatik“

  1. Lieber Herr Felder, sehr gelungener Text. Aber „Vereinsstruktur“ im Zusammenhang mit der RB-Herangehensweise an den Fußball finde ich dann doch etwas unsauber formuliert und argumentiert. „Vereinsstruktur“ heißt für mich immer noch „Mitgliederversammlung“, „Tagesordnung“, „Wahl“ und „Mitbestimmung“. So etwas gibt es nicht bei RB Leipzig. Aber dann sollten die Handelnden und darüber Schreibenden auch dazu stehen.

  2. Wenn Du Herrn Felder im Zusammenhang mit dem Bloggen suchst, dann versuch es mal hier: [broken Link]

  3. Ja, alles hochprofessionell! Genauso wie bei ALDI, Lidl und Penny. Wenn eine der Filialen mal keinen Gewinn abwirft, wird sie eben geschlossen bzw. weniger investiert und/oder irgendwo eine neue eröffnet. „Suuuper!“

    Wie kann bei sowas „Identität entstehen“?

    Und:
    Wie kann man sowas gut finden?

    @rotbrause
    Beim genaueren Drüber-Nachdenken musst du und deine RB-Jungs doch auch darüber lächeln oder?

  4. Identität entsteht durch Erlebnisse, Geschichten, Niederlagen und Siege. Das ganze ist hoch konstruiert und funktioniert (so wie alles was mit Identität zu tun hat) vor allem über Erzählungen. Da unterscheidet sich die Zuwendung zu RasenBallsport Leipzig nicht von der Zuwendung zu anderen Clubs oder Marken.
    Und nö, ich muss darüber nicht lächeln, weil ich tatsächlich finde, dass dieser Widerspruch zwischen den Ansichten von Leuten, die ganz pragmatisch in ihren Kompetenzbereichen arbeiten und Erfolg haben wollen auf der einen Seite und Fans, für die schon der Vereinswechsel Hochverrat bedeutet auf der anderen, derart auffällig ist, dass man ihn benennen sollte. Auch um deutlich zu machen, dass es Fußballanhänger gibt, denen ersteres sehr viel näher liegt als zweiteres, woran man ja manchmal fast zweifeln könnte, wenn man sich den Fußballforen im Netz widmet.
    Und zur Sache mit den Fillialschließungen: Ich gebe Dir recht, dass solche Gefahren bestehen. Und ich will auch gar nicht groß darauf rumreiten, dass die alteingesessenen Vereine um dieses wirtschaftliche Denken nur herumkommen, weil sie irgendwann die Kommune anpumpen, wenn sie Probleme haben. Ich sehe es letztlich als offene Frage, ob das Modell Red Bull auf Fillialschließungen hinausläuft und was das für die Entwicklung der Fußballkultur bedeuten würde.

  5. Ich persönlich finde das Projekt von Red Bull mit RB Leipzig ist zur Zeit das spannendste Fußballprojekt in Deutschland.

    Es gibt ja mittlerweile sehr prominente Fürsprecher für RB Leipzig. Der einstige weltbeste Torwart Oliver Kahn adelte in der ersten Ausgabe des Magazins Business Punk das Projekt von Red Bull mit folgenden Worten:

    ,,Dietrich Mateschitz von Red Bull. Hier macht einer einfach einiges anders. Seine ganze Marketingphilosophie ist interessant: Er macht nicht einfach einen Sponsorvertrag mit Bayern München und lässt seine Marke vorn auf die Trikots schreiben. Er investiert in Rasenball Markranstädt. Und will jetzt diesen Fußballverein nach oben bringen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieser Klub mittelfristig in der Bundesliga spielt. Mit solchen Aktionen erreicht Mateschitz eine ganz andere Awareness, die für ihn anscheindend wertvoller als der Mainstream ist.“

    Kahn sieht die Sache pragmatisch und erkennt das Potenzial an der Story. Was das Thema filialschließung anbetrifft: Nun, Red Bull hat sein Formel 1 Engagement auch professionell aufgezogen, die Salzburger Eishockeycracks spielen ebenfalls noch, In New York ist erst eine neue Arena für die Fußballer eröffnet wurden und bei der Leipziger Spielstätte, dem einstigen ehrwürdigen zentralstadion, haben sie auch Nägel mit Köpfen gemacht. Ich kann momentan nichts erkennen, was den erfolgreichen Projektverlauf bis in die Bundesliga ernsthaft aufhalten sollte.

    Die interessante Frage ist eigentlich der Zeitraum des Aufstiegs in die Bundesliga. Hoffenheim wollte erst 2010/2011 in die Bundesliga aufsteigen. Das Kraichgauer Projekt von Dietmar Hopp wurde im Sommer 2006 aufgelegt. In der Saison 2005/2006 hatte Hoffenheim 4 Trainer verschlissen. Der Projektplan wurde dann vom neu verpflichteten Coach Ralf Rangnick zügig durchgezogen.

    Identität braucht immer auch eine Entwicklung und Zeit zu wachsen und eine damit verbundene nachhaltige Verwurzelung.

  6. Wenn man jetzt sagt, „Ja da bestehen Gefahren“, dann finde ich das grob fahrlässig. Denn wenn man jetzt denkt, „naja Red Bull macht es halt so“, ohne die Konsequenzen zu beachten, dann nimmt man auch in Kauf, dass negative Dinge sich Bahn brechen könnten. Wie z.B. dass weitere Werbe-Teams entstehen, was ja nicht förderlich wäre. Genau das sollte man eben nicht ausblenden. Wollt ihr RBL gegen die bekannten Buli-Zuschauer-Magneten spielen sehen oder (nur mal angenommen) gegen ein Team eines (heute noch unbekannten) südkoreanischen Autobauers?Naja, es gibt tollen und erfolgreichen Fußball zusehen in einer solchen Liga. Aber ist das attraktiv?
    Ich behaupte, wer Red Bull und sein Prinzip gut findet, der findet – als logische Konsequenz – auch nichts schlechtes an einer Liga mit Konzern-Teams. Es ist ja immerhin schöner und erfolgreicher Fußball! Das ist es doch was ihr wollt? Oder reicht das doch nicht? Gibt es da vielleicht im Fußball noch mehr als das? Und, wie kann man dies erhalten? Mit Unterstützung des Red-Bull-Prinzipes?

  7. 1. Ich schrieb oben schon, dass ich es als offene Frage sehe, ob das Prinzip Red Bull tatsächlich auf Fillialschließungen hinausläuft. Könnte ja sein, dass das nur in ähnlicher Häufigkeit vorkommt, wie beim alten Vereinsprinzip (Insolvenzen) auch. Könnte aber auch sein, dass der Rückzug aus einem Verein wie RasenBallsport Leipzig auch dazu führt, dass die dann bestehenden Strukturen für etwas neues genutzt werden. Red Bull hat die Namensrechte an der hiesigen Arena bis 2040 gekauft. Bis dahin ist die Allianz-Arena schon wieder baufällig. Kurzfristiges Sportengagement sieht sicher anders aus.
    2. Schon mal vom Spiel Telekom Baskets gegen Opel Skyliners gehört? Zugegeben, Basketball ist eher Randsportart in Deutschland, aber ich hab noch nicht gehört, dass dies dem Basketball und dem Mitfiebern der Fans geschadet hätte.
    3. Klar ist Fußball noch mehr als sportlich-organisatorische Pragmatik. Und sowas wie Fankultur muss im Umfeld jedes Vereines wachsen. Ich sag mal so: Leipzig ist eine Stadt in einer Größenordnung, in der Fankultur entstehen wird (spannend nur wie die aussehen wird). Zumal es ein zahlenmäßig relativ großes Einzugsgebiet gibt. Wenn Red Bull in Finsterwalde eingestiegen wäre oder ein südkoreanischer Autobauer dies tun würde, dann wäre dies natürlich etwas schwierig mit dem Einzugsgebiet und dem Wachsen des Vereinsumfeldes. Wenn aber die Mitglieder von Borussia Dortmund entscheiden, dass ihr Verein statt BVB nun S(port)I(rre) Dortmund heißen soll, dann nur zu. Dann würden die Spiele zwischen Dortmund und Leipzig immer noch im ausverkauften Signal Iduna Park und in der ausverkauften Red Bull Arena stattfinden.

  8. Ich meinte schon, dass es neue Vereine sind, die wie Red Bull in der Oberliga anfangen o.ä.
    Ich behaupte nur, dass sich nun mit RBL die Möglichkeit vergrößert, dass so etwas kopiert wird.
    Essen könnte doch z.B. so ein Fall werden.
    Umbenennungen werden Mitglieder-Vereine nicht zulassen. Und wenn, dann läuft es wie in Salzburg oder in Manchester. Fan-Neugründung in Liga 10 oder so…
    „SI Dortmund“ und „Toyota Köln“ in Liga 1 – der BVB in Liga 3 und der FC Köln in der Regio.
    Und Ihr meint dann ist „Alles nich so schlimm.“
    Tja, da fällt mir nix mehr zu ein…

    Sehr bedauerlich, dass es Menschen gibt die so denken.
    Ich hoffe, dass Ihr eine Randgruppe bleibt.

  9. Bin ich mir nicht sicher, ob das Red-Bull-Prinzip auf viele Nachahmer stößt. Erstens ist das Prinzip Red Bull ein sehr spezielles und zweitens ist die Gemengelage in Leipzig einzigartig.
    Red Bull Sportmarketing läuft ja in Analogie zur Flügel-Werbung auf ein ‚Wir machen Erfolg‘ statt ‚Wir unterstützen Erfolg‘ hinaus. Dafür müssen sie in Bereiche investieren, die nicht zum Kerngeschäft eines Herstellers von Energy Drinks gehören. Das heißt unter dem Dach von Red Bull wird eine eigene Fußballabteilung gegründet, die eine ungeheure Anfangsinvestition ist und viel sportliches Know How braucht. Man hat da sehr lange gebraucht, um zum jetzigen Stand weitestgehend professionellen Arbeitens zu kommen. Das ging nicht von heut auf morgen. Dass sich viele Firmen diese Art langfristiges Sportmarketing antun, ist zu bezweifeln.
    Leipzig ist für ostdeutsche Verhältnisse eine Metropole und neben Dresden vermutlich der Standort mit der höchsten Fußballaffinität. Doch die Zweiteilung zwischen FC Sachsen und Lok und die diversen Insolvenzen haben eher zu einem Leipziger Fußballdauerschlaf geführt als zu Aufbruchsstimmung. Was auch dazu führte, dass es meiner Meinung nach in Leipzig viele Fußballanhänger jenseits der klassischen Dichotomie grün-weiß vs. blau-gelb gibt, für die RasenBallsport Leipzig als Fußballverein eine ernsthafte Option ist. Aus diesem Potenzial könnten auch Umfeld und Identität des Vereins erwachsen, die neben Finanzkraft und Manpower nötig sind. Diese spezielle Situation von Fußballanhängern, die sich bei den existenten Vereinen nicht zu Hause fühlen gibt es m.M nach nicht in anderen deutschen Großstädten. Da sind die Claims doch meist abgesteckt. Von daher ist es auch aus diesem Grund zweifelhaft, dass das Prinzip Red Bull größere Schule macht.
    Und dass eine Firma kommt und in Dortmund einen Konkurrenzverein zum BVB gründet, nunja, das liegt sehr weit außerhalb des Denkbaren, weil es wirtschaftlich eher unsinnig wäre und solch ein Vorhaben schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt wäre, weil es für ein Toyota Dortmund praktisch unmöglich wäre, sich gegenüber dem Platzhirschen zu behaupten und diesem Zuschaueranteile abzujagen. Wie gesagt, nach meinem Eindruck gibt es in Leipzig viele Leute, deren Herz für keinen der bisherigen Leipziger Vereine schlägt, das sieht in Köln, Dortmund, München und Hamburg mit den dortigen etablierten Vereinen dann doch anders aus.
    Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es irgendwann zu Duellen Toyota Irgendwas gegen Audi Irgendwer kommen wird. Das finde ich auch ok. Ich glaube aber, dass RasenBallsport Leipzig ein ernstzunehmender Fußballverein mit relativ normalem (Fan-)Umfeld werden wird. Und dass Leipzig auf der Fußballlandkarte auftaucht, wäre angesichts der Größe und des Interesses der Stadt nun wirklich nicht erstaunlich. Dass der Erfolg von RasenBallsport Leipzig aber (trotz Geld) nicht zwangsläufig kommt und letztlich von harter sportlicher Arbeit und den Menschen, die das sehen wollen, abhängt, ist auch klar. Dass RasenBallsport-Anhänger in Leipzig eine Minderheit bleiben, könnte zwar sein, erscheint mir persönlich aber recht unwahrscheinlich. Von daher solltest Du Dir da keine großen Hoffnungen machen.

  10. Lange Rede, kurzer Sinn: Du weißt auch nicht welche Auswirkungen es haben wird.

    Es bleibt dabei, die „Büchse der Pandora ist offen“ – die Möglichkeit für Nachahmer besteht – auch wenn du nicht daran glaubst…

  11. Ich glaube eher, dass ich sage, dass jeder der sowas probieren möchte, nicht per se erfolgreich ist, mit seinem Versuch. ‚Die Büchse der Pandora‘ war schon immer offen und Geld ausgegeben wurde schon immer in den verschiedensten Varianten (Werksclub, Mäzene etc.) mit der unterschiedlichsten Stärke der Kontrolle über den Verein. Der Fußball ist dabei jedenfalls nicht untergegangen und wird es auch nicht, nur weil Red Bull lieber selbst die Verantwortlichkeit über das Geld behält und es nicht bei Schalke 04 oder Dynamo Dresden versickern lässt.

  12. Sollte das ein Trend werden eher eigene „Fussballprojekte“ ins Leben zu rufen als das „eigene“ Geld in den Rachen irgendwelcher Möchtegernkarnickelzüchtervereinsmanager dann muss man mit den veränderten Bedingungen halt Leben.

    Dem Traditionalisten bleibt ja der Besuch beim 150 Jahre alten FC Schießmichtot. Ist ja nicht so, dass der Traditionalist am Besuch seines Clubs gehindert wird.

    Zudem quäken mir aus allen Ecken und Enden des Internets Stimmen „echter Fans“ entgegen, die den Kommerzfussball so „schei*e“ finden dass sie sowieso nicht hingehen. Was soll das Ganze gebläke socher Fans also?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.