Ultras vs. Aktiengesellschaften

„Der klassische Hooliganismus hat abgenommen. Gewalt entsteht heute eher situationsgebunden und heraus aus einigen Ultra-Gruppierungen. In Zeiten der Kommerzialisierung des Fußballs fühlen sich diese Fans mehr und mehr als reine Stimmungsmacher ausgenutzt, auf die – wenn es hart auf hart kommt – draufgeknüppelt wird. Die Ultras identifizieren sich vor allem mit sich selbst. Wer kann schon aus vollem Herzen Fan einer Aktiengesellschaft sein? Da liegt ein Problem. Der Protest und damit ein Teil der Gewalt ist heute viel mehr in der Kommerzialisierung und in einem sich gegenseitigen Hochschaukeln von Sicherheitsappart und Ultras zu sehen. Fan-Gewalt kann auch eine Reaktion auf die viel zu geringen Partizipationsmöglichkeiten für Fußballfans sein.“ (Gerd Dembowski gegenüber tagesschau.de)

Fassen wir mal die genannten Gründe für Gewalt bei Fußballspielen zusammen: Kommerzialisierung, Sicherheitsapparat, zu geringe Partizipationsmöglichkeiten der Fans. Komisch, dass die große Mehrzahl der Fans trotz ‚Kommerz‘, Polizei und schlecht beeinflussbarer Vereinspolitik nicht auf Polizisten, Spieler oder Vereinseinrichtungen losgehen mag. Sicher gibt es immer auch (‚objektive’) Rahmenbedingungen und Vereine sollten sicher versuchen zwischen den Rahmenbedingungen, ihren eigenen Interessen und allen Fans zu vermitteln, doch aus den Rahmenbedingungen direkt auf individuelle Reaktionen der Fans zu schließen, ist unredlich.

Diese Art der Argumentation kommt in letzter Konsequenz ohne selbstverantwortliche, handelnde (und somit kritisierbare) Subjekte aus, weil hier ja die Verantwortung bzw. die Ursachen für das Handeln des Subjekts in objektiv beschreibbaren Zuständen gesucht wird. Heißt: wenn irgendwo ein paar Leute vor einer Geschäftsstelle austicken, dann geht es plötzlich um die Kommerzialisierung oder die fehlenden Partizipationsmöglichkeiten oder was auch immer und nicht mehr um die Frage, ob es nicht bescheuert ist, wegen Fußballresultaten oder Fanfeindschaften auszuticken und auf Straftaten zurückzugreifen. (Nur um das klarzustellen: ich glaube nicht, dass Fan/ Ultra sein per se Gewalt bedeutet, aber Gewalt ist nun mal das Thema des obigen Interviews und deshalb auch das Thema hier.)

Das Problem (vielleicht eher ein Missverständnis) liegt tatsächlich darin – und da hat Dembowski recht – dass sich Ultras vor allem mit sich selbst identifizieren und somit das Fan von einem bestimmten Verein sein, vor allem Projektion ist. Das ist auch gar nicht anders denkbar, weil sich Ultras ja selbst als die wahren Träger der Vereinsidee, des Vereinsherzens, der Vereinsseele oder wie auch immer das Vereinsimage gerade benannt wird, verstehen und ihnen gerade als Anhänger von Profivereinen, die jenseits dieser Ideen vor allem finanziell und sportlich konkurrenzfähig sein wollen/ müssen keine andere Wahl bleibt als sich mit sich selbst und ihren Ideen zu identifizieren.

Fraglich nur, wer dabei eigentlich danebenliegt: die Ultras, die so etwas wie die Seele, den Charakter, das Herz des Vereins (also Image und Marke) in eigener Definition/ Konstruktion postulieren und im ihnen oft eigenen Pathos von Treue, Ehre und Wahrhaftigkeit nach außen tragen. Oder die ‚Aktiengesellschaften‘, die auf realem Boden stehend ganz pragmatisch (also kommerziell) versuchen, den größtmöglichen finanziellen Erfolg für einen größtmöglichen sportlichen Erfolg zu erzielen. Als RasenBallsport-Anhänger dürfte klar sein, was mir näher liegt.

Andererseits verstehe ich durchaus, wie man den Pathos des Ultra-Daseins leben kann (ich verstehe sogar das Ohnmachtsgefühl, wenn man einer Hundertschaft behelmter Polizisten gegenübersteht und sich ungerecht behandelt fühlt – andererseits verstehe ich auch den behelmten Polizisten, der seinen Samstagnachmittag wahrscheinlich auch angenehmer zu verbringen wüsste), von daher möchte ich Häme gegenüber diesen Fans vermeiden. Aber oberhalb der 5.Liga wird es schon schwierig mit seinen Ultra-Philosophien nicht in konkret gelebte Schizophrenie zu verfallen.

Profifußball ist definitiv ein Metier, das aktive Vereins- und Fanmitarbeit nicht gerade befördert. Wer etwas anderes glaubt und bspw. meint, dass das Basteln ausgefallener Choreos und das besonders laute und dauerhafte Singen ein besonderes Mitsprache- und Partizipationsrecht impliziert, der liegt einem Missverständnis auf, das dann folgenschwer wird, wenn man vor Vereinsheimen Gewaltdrohungen ausspricht.

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0 Gedanken zu „Ultras vs. Aktiengesellschaften“

  1. Ich möchte mich an dieser Stelle mal für die Toparbeit bedanken, die Du hier Beitrag für Beitrag leistest.

    Es tut gelinde gesagt gut so etwas zu lesen ohne die üblichen Hasseinträge der „Traditionalisten“.

    THX dafür.

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