Regionalliga nicht reloaded?

Vielleicht ist es noch zu früh, um davon zu sprechen, dass die viel diskutierte und von vielen Fans und unterklassigen Vereinen geforderte Regionalliga-Reform gescheitert ist. Dass aber DFL (Deutsche Fußball-Liga) bzw. der Ligaverband als Vertretung der Klubs der ersten und zweiten Liga sich gegen die Vorschläge der Neuordnung ausgesprochen haben und bei der entsprechenden entscheidenden Tagung des DFB-Bundestages sehr wahrscheinlich von ihrem Vetorecht Gebrauch machen werden, um die Vorschläge einer Extrastaffel für zweite Mannschaften oder gar der Auflösung der Regionalliga zugunsten regionalerer Strukturen zu verhindern, lässt vermuten, dass die Chancen für die Reform schlecht stehen.

Natürlich gibt es dafür aus Sicht der Profiklubs gute Gründe. Die U23-Mannschaften sind innerhalb des normalen Spielbetriebs für die Nachwuchsförderung insofern sehr wertvoll, weil sie die Möglichkeit bieten, die Talente beim schwierigen Schritt aus der Jugend in den Männerbereich zu unterstützen. Robustes Zweikampfverhalten ist nicht unbedingtes Merkmal im Jugendbereich, sodass schon dadurch der Schritt hin in ein Bundesligateam ein großer ist. Zudem sind Spieler mit 19 noch sehr jung und Erfahrungen bei Auswärtsspielen in Dresden, Offenbach, Braunschweig oder auch Magdeburg zu sammeln, ist auch in Bezug auf die charakterliche Entwicklung nicht zu unterschätzen.

Und dennoch, wenn man Heribert Bruchhagen zuhört, wenn er als Teil des Ligavorstandes der DFL die Ablehnung der Regionalliga-Reform formuliert, dann hat man nicht das Gefühl, dass hier mit dem nötigen Ernst an das Thema herangegangen wird:

Wir geben doch nicht Millionen für die Leistungszentren aus, um hinterher in irgendeiner witzlosen Reserverunde herumzuturnen. (süddeutsche.de [broken Link] vom 03.09.2010, alle weiteren Zitate von ebendort)

Grundsätzlich ist es sicher richtig, dass wer die Zeche zahlt auch die Getränke bestimmen darf, aber erstens wirkt die Position äußerst arrogant und zweitens kann man bei 10(!) Zweitligamannschaften in der Regionalliga West nun tatsächlich fast davon sprechen, dass die witzlose Reserverunde quasi durch die Hintertür entsteht. Nur dummerweise im regulären Männerspielbetrieb und somit auf Kosten anderer Teams, die ohne finanzkräftige erste Mannschaft auskommen müssen.

Die jungen Spieler müssen gefordert sein, also um Auf- und Abstieg spielen. Es ist zwingend notwendig, dass sie im sportlichen Wettbewerb sind. Wir brauchen das zur sportlichen Weiterentwicklung unserer Talente.

Wie gesagt, ich denke, dass der Vergleich mit Männermannschaften der Entwicklung 20jähriger Jugendlicher durchaus zuträglich ist. Das hat dummerweise nichts damit zu tun, dass Herr Bruchhagen sportlichen Wettbewerb, also Auf- und Abstieg fordert. Denn Forderungen nach Abschaffung von Aufstiegs- und Abstiegsregelungen liegen auf keinem Tisch. Ganz im Gegenteil gibt es im derzeitig favorisierten Reformmodell 2+1 (also 2 Regionalliga-Staffeln ohne U23-Teams und eine Staffel für die U23-Team) eine jährliche Auf- und Abstiegsgarantie in die dritte Liga bzw. zurück für jeweils ein Nachwuchs-Team. Und wo wir schon mal dabei sind, sportlicher Wettbewerb lässt sich natürlich auch ausschließlich unter den Zweitvertretungen organisieren. Wenn man ihnen eine ganz eigene Liga gibt, dann könnten sie sogar einen Deutschen Nachwuchsmeister ausspielen, inklusive Wettbewerb und Schulung von Leistungsdenken und Erfolgsorientierung.

Grundsätzliche Probleme an den zweiten Mannschaften der Proficlubs festzumachen, ist aber Quatsch. Das Argument der Amateure, dass sie Zuschauereinbußen hätten, stimmt nicht. Und den Wettbewerb verfälschen wir auch nicht, weil niemand Lizenzspieler delegiert, um die zweite Mannschaft zu stärken.

Bezüglich des Zuschauerarguments bin ich mir unschlüssig. Ich persönlich finde Havelse oder Türkiyemspor nicht attraktiver als die U23 von Braunschweig oder Hannover, aber um mich persönlich geht es auch kaum. Ein anderes Beispiel: In der letzten Regionalliga-Saison des FC Sachsen vor 2 Jahren besuchten geschätzte 40 bis 50 Lübecker das Auswärtsspiel im Zentralstadion. Dafür mussten die Betreiber einen Block inklusive Bratwurst-Bude eröffnen. Ein finanzielles Desaster, was beim Besuch der 20 Fans der U23 von Hamburg nicht so groß war, weil für diese einfach kein eigener Block eröffnet wurde. Heißt nur: der Unterschied zwischen 20 und 50 ist finanziell sowieso nicht groß, kann sich aber unter konkreten Stadionbedingungen sogar in sein Gegenteil verkehren. Klar besuchen wesentlich weniger Zuschauer die Heimspiele von Zweitvertretungen oder gar Duelle untereinander, aber ob dies für die anderen Vereine auch finanzielle Einbußen bedeutet, halte ich für eine offene Frage. Wenn die 2+1-Regelung durchgesetzt würde, hätte man eine Regionalliga für die obere Hälfte Deutschlands und somit Duelle gegen Oberneuland, Havelse, Elversberg, Wilhelmshaven oder vielleicht Bautzen, alles Duelle, die vermutlich keinen Cent mehr in die Kasse spülen, als Duelle gegen zweite Mannschaften, wohingegen die Fahrtkosten noch größer würden.

Andererseits gibt es natürlich so etwas wie eine gefühlte Attraktivität. Eine Liga wie die derzeitige Regionalliga West mit ihren erwähnten 10 U23-Teams dient für Fußballinteressierte höchstens als Groteske, auf die man mit einem mitleidigen Lächeln schauen kann. Außerhalb der Vereine und Städte, die sich da durchkämpfen wollen bzw. müssen, gewinnt man mit der derzeitigen Regionalliga keinen Blumentopf. Was auch möglichen Sponsoren und Investoren auffallen dürfte. Woraus sich dann doch wieder ein finanzielles Argument strickt und was in einen Teufelskreislauf führt. Vereine, die sowieso jeden Euro umdrehen müssen, spielen in einer als unattraktiv wahrgenommenen Liga gegen Erst- und Zweitligaanschlusskader (also sportlich anspruchsvolle Gegner), haben Probleme Sponsoren zu finden, erhalten Fernsehgelder in nur sehr geringem Umfang und müssen nebenbei noch DFB-Lizensierungsbedingungen erfüllen (5000-Zuschauer-Stadion mit 500 überdachten Sitzplätzen!), die Profibedingungen genügen. Heißt, die Regionalliga erfordert ein professionelles Agieren in den Vereinsstrukturen und hohe finanzielle Aufwendungen, die aber in keinem Verhältnis dazu stehen, welche Attraktivität die Liga in der Öffentlichkeit hat.

Dazu kommt dann tatsächlich noch, dass man als Trainer bspw. des SC Wiedenbrück vermutlich immer damit rechnen muss, dass der eine oder andere Profi mit fehlender Spielpraxis den gegnerischen Kader verstärkt, also nie klar ist, gegen welchen Gegner man spielen muss. Wenn ich das richtig gesehen habe – ganz genau habe ich nicht hingeschaut – haben das Länderspielwochenende in der Oberliga Süd einige U23-Teams zum Einsatz höherklassiger, dort nicht aktiver Spieler genutzt. Und ganz subjektiv würde ich behaupten, dass dies ein ewiges Ärgernis im Fußball ist.

Wie gesagt, ich verstehe das Motiv der Jugendförderung der Profivereine. Dass aber kein einziger(!) Profiklub sich für die Regionalliga-Reform eingesetzt hat, zeigt, dass das Thema offenbar nicht wirklich ernst genommen wurde. Wenn die Reform – so wie es wahrscheinlich ist – scheitert, dann dürfte sich der Trend zu mehr Zweitvertretungen in der Regionalliga noch verstärken, sodass die Idee gegen andere Männermannschaften zu spielen auch ad absurdum geführt wird. Sowieso geht der Trend bei jungen Spielern dahin, sie mit langen Verträgen auszustatten, um sie anschließend zu verleihen und so ihren Weg durch zweite oder dritte Liga gehen zu lassen. Sprich, eine eigene Nachwuchsrunde für die zweiten Mannschaften würde auch bedeuten, dass sich die Profiklubs überlegen könnten, müssten und auch würden, für welchen Spieler sie welchen Weg am sinnvollsten halten.

Wenn ich den gottgleichen Stab der Entscheidung in meinen Händen halten würde, dann würde ich eine U23-Bundesliga gründen und diese zusammen mit irgendeinem Online-Anbieter vermarkten (jetzt wo das staatliche Wettmonopol fällt, ergeben sich da auch gleich völlig neue Möglichkeiten). In die U23-Bundesliga müssten dann alle Zweitvertretungen von Profiklubs der ersten drei Ligen plus alle Teams, die freiwillig in so eine Nachwuchsrunde wollen. Im Männerbereich bliebe es bei 3 Regionalliga-Staffeln unterhalb der dritten Liga, wobei ich aus regionalen Gesichtspunkten unter Umständen auch einer vierten Staffel zustimmen würde.

Wenn ich ehrlich bin, hänge ich auch immer noch an einer 4.Profiliga. Wenn man an Halle, Magdeburg, Kiel, Lübeck, Preußen Münster, Wuppertaler SV, Hessen Kassel und Co denkt, dann gäbe es auf jeden Fall genug ambitionierte Teams, die eine solche Liga füllen könnten. Unterhalb dieser Liga könnte man dann wiederum überlegen, wie regional die Regionalligen sein sollen. Zweite Mannschaften wären in diesem Modell trotzdem in einer eigenen Bundesliga.

Eine einzige Kompromissvariante, die den Verbleib der zweiten Mannschaften im Männerspielbetrieb vorsehen würde, könnte ich mir noch vorstellen: Man mache aus den U23-Team einfach U21-Teams. Das dürfte zu einer deutlichen Dezimierung der zweiten Mannschaften in Liga 3 und 4 führen.

Die 2+1-Variante halte ich persönlich hingegen für inkonsequent. Warum 3 (oder 4?) Zweitvertretungen in den Genuss kommen sollen, ihren Nachwuchs durch die dritte Liga zu schicken, um dort dann eventuell als 11. absteigen oder als 18. nicht absteigen zu müssen (weil ja jeweils nur das schlechteste U23-Team runter müsste), während alle anderen Nachwuchsteams in die (vergleichsweise) Röhre der eigenen Nachwuchs-Regionalliga-Staffel gucken müssen, leuchtet mir nicht ein.

Heißt, dass sich an meiner Meinung in den letzten Monaten nicht viel verändert hat:

Ganz grundsätzlich kann man das Problem mit den ungeliebten zweiten Mannschaften glaube ich nur lösen (wenn man es lösen will), wenn man ihnen eine eigene Liga zuschanzt. Solange sich die Proficlubs dagegen erfolgreich wehren, solange wird man wohl vermutlich vergeblich die Regionalligen in regelmäßigen Abständen reformieren. (Regionalliga reloaded)

Links: eine schöne Übersicht zu den vorgeschlagenen Regionalligamodellen (aktuelle und schon nicht mehr aktuelle) gibt es bei sport-nord.de; Pro-Regionalliga-Reform-2012 [broken Link] ist die offizielle Faninitiative zur Reformidee; eine sehr lesenswerte Argumentation, warum Nachwuchsrunden Mist sind, gibt es bei Werder Bremen [bzw. gab es, denn der Link ist nicht mehr aktiv/ 20.04.2011].

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