Zwischen Not und Tugend

Ulrich Wolter, Geschäftsführer bei RB Leipzig im Interview mit der Sportbild vor zwei Wochen (08.05.2013) unter anderem (alle eingerückten Zitate von dort):

Also keine Gefahr, dass Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz Einfluss aufs Tagesgeschäft nimmt?
Nein, diese Gefahr sehe ich nicht.

Nun, lassen wir das mal – Stichwort Beiersdorfer, Linke, Pacult, Rangnick und Co – einfach so als statutengetreue Rhetorik stehen. Was soll man auch anders machen, als das was Ulrich Wolter im weiteren Interview macht, nämlich Nachhaltigkeit und Langfristigkeit im sportlichen Bereich in den Mittelpunkt und über die Mateschitz-Frage zu stellen.

Trotzdem werden die Fragen im Laufe der nächsten Jahre, zumindest wenn es nicht nur um den sportlichen Teil und die (Fan-)Akzeptanz im Leipziger hierzulande geht, sondern eben auch um Sportjournalismus in einem hinterfragenden Sinne, in Bezug auf die Strukturen des Vereins nicht verstummen. Und eine Antwort wie die obige wohl ziemlich schnell als Schutzbehauptung charakterisiert werden.

Es ist rhetorischerseits, wenn man denn die 50+1-Regel wie RB Leipzig zwar formal beachtet, aber defacto charmant umgeht, auch schwierig anders zu argumentieren. Richtung Verbände muss man bei den Formalien bleiben. Richtung eigener Anhängerschaft, die im Realen erlebt, dass das Leben rund um den Verein nicht von einer Mitgliedschaft abhängt, sondern eher vom Sport und von Kommunikation und Teilhabe auf dem Gebiet der eigenen (Fan-)Belange, könnte man auch offen reden, kann es aber wiederum auch nur durch die Blume.

Einen Vorgeschmack auf zukünftige rhetorische Übungen gibt wiederum Geschäftsführer Wolter:

Fans können nicht Mitglied werden. (…) Warum das?
Wir streben nicht die hohen Mitgliederzahlen anderer Vereine an, aber haben aktuell über 250 Mitglieder – aktive und passive – in unserem Verein und erfüllen damit selbstverständlich die Anforderungen des DFB und des Vereinsrechts. Vereine, in denen Fans aus der Ultra-Szene Strukturen geschaffen haben, sind sicherlich nicht im Sinne des deutschen Fußballs. Solchen Zuständen wollen wir uns absolut entziehen.

Man brauche „moderne Strukturen“, wenn man nachhaltig investieren wolle, so Wolter weiter. Später im Interview ergänzt Wolter noch:

Wenn Tradition bedeutet, dass man unkontrollierte Fanblöcke im Stadion hat, die diktieren, was passiert, dann bin ich mit unserem Vereinsleben ganz froh.

Die Argumentation ist klar. Der Verein erfüllt die formalen Anforderungen (Argument Richtung Verbände) und möchte auf der anderen Seite nicht sein wie andere Vereine (Argument Richtung eigene Anhängerschaft, die sich mit dieser Identität aktuell sicher anfreunden können). Wobei dieser identitäre Kniff (der den Ist-Zustand ja relativ gut beschreibt), dass man keine Ultra-Verhältnisse haben will, ziemlich grenzwertig ist, weil man dadurch den mitgliedergrundierten Verein quasi mit einem unkalkulierbaren Entscheidungsrisiko gleichsetzt.

Es ist ja so: Die Vereinsstruktur ist aus der besonderen (Red-Bull-)Not geboren und nicht aus der Überlegung heraus einen Verein ohne Ultra-Einfluss zu gründen (mal ganz davon abgesehen, dass auch in der RB-Kurve ultraeske Strukturen entstehen können und vermutlich auch entstehen werden). Daraus kann man natürlich und vor allem das aktuell schon existente Drumherum aufgreifend eine Tugend machen, aber letztlich schimmert eben auch immer die (Entstehungs-)Not durch.

Wenn es nach mir ginge, würde man sich einfach zur Not bekennen und hätte mit dem sportlichen Wirken, der Akzeptanz in der Stadt und dem Vergleich mit den Realitäten an anderen Profifußballstandorten immer noch viele Argumente im „fußballkulturellen Clash“ (Eigenkreation) auf seiner Seite. Aber letztlich verbieten es wohl Lizenzierung und DFB-/DFL-Statuten mit allzu offenem Visier zu agieren, sodass man weiterhin mit nach Not riechenden, mehr oder minder tugendhaften, mehr oder minder wahren Argumenten auf Fragen nach Mateschitz-Einfluss, Vereinsstruktur und Mitgliederrolle antworten muss. Da darf man sich für die Zukunft noch auf einige rhetorische Verrenkungen ‚freuen‘. Könnte sich aber auch um eine rhetorisch Falle handeln.

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