Im Kampf gegen den FC Sachsen und den Geist der Vergangenheit

Schon jetzt ist mir bewusst, dass ich in Bezug auf die TSG Neustrelitz mit meiner Einschätzung zur Regionalliga Nordost 2012/2013 von Ende Juni, dass dieses Team zu den Kandidaten auf den zweiten Abstiegsplatz gehören würde, ziemlich phänomenal daneben gelegen haben dürfte (wobei ich damals auch einschränkte, dass Neustrelitz zum Kreis der Teams gehört, die „mich persönlich im neuen Spieljahr am positivsten überraschen“ könnten) . Diese Erkenntnis brachte mir nicht erst der Auswärtssieg beim Torgelower SV Greif vor zwei Wochen, der den Neustrelitzern die erste, wenig aussagekräftige Tabellenführung bescherte, sondern vor allem ein Blick auf den Kader des Aufsteigers aus der letztjährigen NOFV-Oberliga Nord.

Denn für die Regionalliga-Saison hat man nicht nur in Steine (das Stadion bzw. die eine Tribünenseite, die das Stadion hat, wurde regionalligatauglich gemacht, sprich ein wenig aufgehübscht und ein Zaun um den Gästebereich gezogen), sondern vor allem auch in Beine investiert. Und einige Beine haben durchaus auch klangvolle Namen. Wie zum Beispiel der ehemalige Spieler des FC Sachsen Leipzig Kai Hempel, der zuletzt in drei Jahren bei Energie Cottbus II zum Kapitän und Führungsspieler reifte. Hempel fehlte allerdings zum Saisonauftakt verletzt. Für das RB-Spiel wird der zentrale Mittelfeldspieler wohl kaum zur Verfügung stehen.

Auch aus Cottbus wechselte Velimir Jovanovic nach Neustrelitz. Auch er wie Hempel ein ehemaliger Spieler des FC Sachsen Leipzig. Und ebenso ein Neustrelitzer Urgestein sozusagen. Denn bereits zwischen 2007 und 2010 agierte der 24jährige im Süden Mecklenburg-Vorpommerns und avancierte zum Publikumsliebling. Sein Versuch, eventuell im Profifußball Fuß zu fassen ging über die glücklosen Stationen Cottbus, Jena, Magdeburg aber gründlich schief. Zu einer Hauptrolle in einer der deprimierendsten Episoden des Fußballs rund um RB Leipzig hat es aber trotzdem gereicht. 2 Tore und eine Torvorlage war Jovanovics Bilanz beim 3:1 von Energie Cottbus II gegen RB Leipzig im November 2010, also jenes Regionalliga-Spieljahr unter Tomas Oral, dessen Scheitern dieses Spiel einläutete.

Doch im ersten Saisonspiel der TSG Neustrelitz saß Jovanovic anfangs nur auf der Bank. Was daran liegt, dass Neustrelitz über eine Sturmauswahl verfügt, für die sie von ziemlich vielen Regionalligisten beneidet werden dürften. Vorneweg zu nennen sicherlich der erfahrene Salvatore Rogoli, der inzwischen 31 ist und auch über eine – recht kurze – grün-weiße Vergangenheit in Leipzig verfügt. Der Linksfuß spielte im Regionalliga-Insolvenz-Jahr 2008/2009 beim FC Sachsen. Aber nicht als Stürmer, sondern als Linksaußen. Wo er nicht unbedingt herausragte, aber seine Sache als dribbel-, technik- und zweikampfstarker Quirl durchaus ganz gut machte. Ein echter Torjäger ist er allerdings nicht. Eher Standardschütze und Vorbereiter.

Bleibt noch ein weiterer Sturmneuzugang. Junior Torunarigha, Sohn des vor allem in Chemnitz populären und berühmten Ojokojo Torunarigha. Der wiederum genau wo bereits einmal spielte? Also der Vater jetzt? Genau, beim seligen FC Sachsen Leipzig. Sein Sohn wiederum kommt aus der Hertha-Talenteschmiede, wo er für die U23 2010/2011 am damals bereits bedeutungslosen 29.Spieltag gegen RB Leipzig die 1:0 -Führung erzielte (Endstand 1:1). In der vergangenen Spielzeit versuchte sich Junior Torunarigha dann als Profi bei Rot-Weiß Oberhausen in Liga 3. Unter Mario Basler. Und scheiterte. Wenn man 13 Ein- und 7 Auswechslungen bei nur einem Tor als Scheitern begreifen mag. In dieser Saison also der Neuanfang für den talentierten 22jährigen, der sicherlich weiterhin Profiambitionen verspürt.

Nur ergänzend sei auch der letztjährige Goalgetter Aymen Ben-Hatira erwähnt, der aber in diesem Jahr kaum über die Rolle als Bruder von Änis Ben-Hatira (Hertha BSC) hinauskommen dürfte. Trotzdem, der Sturm der TSG Neustrelitz ist ziemlich feine Ware und aus Gegnersicht ziemlich eklig zu verteidigen. Was angesichts der Auftritte von RB Leipzig gegen Union Berlin II und gegen den SSV Markranstädt keine allzu gute Nachricht ist, denn die Ballverluste rund um die Mittellinie gab es in diesen Spielen reichlich. Und die TSG Neustrelitz hätte im Gegensatz zu Markranstädt und Union vermutlich auch die Mittel diese Bälle zielstrebiger zu nutzen.

Oberstes Gebot im Spiel von RB Leipzig muss also Respekt und Wachsamkeit sein. Sonst bekommt dieser Ausflug nach Neustrelitz schnell eine Eigendynamik, die man nur schwerlich stoppen kann. In normaler Verteidigungsposition sehe ich gegen das 4-4-2 der TSG eigentlich wenig Probleme, da der Platz im Mittelfeld zu eng sein wird, um die Stürmer effektiv einzusetzen, aber sobald man sich Ballverluste leistet, nach denen man nicht mehr in eine geordnete Feldposition kommt oder wenn man nicht schnell genug auf Defensive umschaltet oder wenn man nachlässig gegenpresst, dann wird dieses Spiel gegen eine Mannschaft mit vielen interessanten Talenten aus nah und fern und ein paar erfahrenen Korsettstangen wie auch den Innenverteidiger, Kapitän und Ex-Babelsberger Rico Morack eine ganz, ganz unangenehme Kiste.

Vor der Saison bin ich davon ausgegangen, dass Neustrelitz ein Ausflug wäre, bei dem man eventuell mit einem Punkt gut leben könne. Zu dem Zeitpunkt bin ich allerdings auch felsenfest davon ausgegangen, dass im ersten Saisonspiel gegen Union Berlin II drei Punkte herausspringen werden. Dass es nur einer war, macht die Fahrt nach Neustrelitz zu einer ziemlich unangenehmen, denn der Druck wird schon am zweiten Spieltag größer. Denn sieglos in das Derby gegen Lok eine Woche später zu gehen, wäre tabellarisch und psychologisch eine ziemlich schechte Nummer. Und doch auch eine nicht extrem unwahrscheinliche. Zumindest eine nur dann zu vermeidende Nummer, wenn auf Seiten von RB Leipzig sehr viel zusammenpasst. Also viel mehr zusammenpasst, als noch gegen Union und Markranstädt.

In der Saison 2010/2011 startete RB Leipzig unter Oral mit einem Unentschieden gegen Türkiyemspor (die später mit zwei Punkten abstiegen), um dann beim Aufsteiger Eintracht Braunschweig II in einem unterirdischen Kick ein 0:0 mitzunehmen. Danach brannte dann schon fast der Baum und jede Form der Euphorie war verschwunden. Wer die –  vorsichtig gesagt – kritischen Kommentare unter dem Facebook-Eintrag von RB Leipzig nach dem Test gegen Markranstädt gelesen hat, weiß dass die positive Aufbruchstimmung auch in diesem Jahr nicht in Stein gemeißelt ist. Auch hier gilt, dass es bessere Momente als diesen gibt, um nach Neustrelitz fahren zu müssen.

Nicht mitfahren wird definitiv Stefan Kutschke wegen seiner gelb-roten Karte. Wenn alles normal verläuft, dann wird ihn wohl Carsten Kammlott ersetzen. Mal gucken, was er draus machen würde. Eine Option wäre aber natürlich auch Roman Wallner, der diesmal zumindest einen Bankplatz sicher haber dürfte. Da Alexander Zorniger aber bisher nicht dafür bekannt war, kurzfristig Kaderideen umzuschmeißen, wird es wohl bei Kammlott, der ja schon gegen Markranstädt Kutschke ersetzte, bleiben.

Daneben stellt sich noch die Frage, ob Zorniger bei seinem letztwöchigen Zweithalbzeitsexperiment bleibt und Kaiser und Rockenbach zusammen in die Mittelfeldzentrale stellt und somit rechts und links Platz für Röttger und Heidinger bliebe oder ob Rockenbach wieder nach links rutscht und Ernst in der Zentrale aufläuft und sich wiederum die Frage Heidinger oder Röttger für rechts außen stellen würde. Beide Optionen hätten Vor- und Nachteile. Ich würde aber leicht zur ersten, flexibleren Offensivvariante tendieren. Vor allem, weil sie als einzige (neben einer unwahrscheinlichen Ein-Stürmer-Variante) die Möglichkeit bietet, gleichzeitig Röttger und Heidinger aufzustellen.

Bliebe noch Paul Schinke, der in einer Art angeschlagen ist, dass seine Mitreise nach Neustrelitz fraglich ist. Was grundsätzlich für die Aufstellung von RB Leipzig kein Problem wäre, gäbe es nicht die Regel, dass vier Spieler im Kader unter 23 sein müssen. Fällt Schinke aus, würde ein solcher Spieler neben Kammlott, Koronkiewicz und Bellot fehlen. Mit Michael Schlicht stünde ein Offensivgeist bereit, der aktuell als 18jähirger in der U23 eingesetzt wird und nebenbei bei den Profis mittrainiert. Allerdings hatte er bisher weder einen Spiel-, noch überhaupt einen Kadereinsatz bei den Profis. Sehr dicht ist die Decke der U23-Spieler nach dem Ausfall Nattermanns (und nun eventuell Schinkes) nicht mehr..

Fazit: Es wird ein ziemlich schwerer Ausflug nach Neustrelitz für RB Leipzig. Die drei Punkte, die man mitbringen sollte, auch tatsächlich mitzubringen, dürfte eine ziemlich unangenehme Aufgabe werden. Man darf sich jedenfalls auf ein spannendes Duell zwischen einer motivierten und talentierten Heimmannschaft und einem Gast mit viel individueller Klasse und mannschaftlichen Ideen freuen. Dass RB die drei Punkte in diesem engen Match tatsächlich sehr gut gebrauchen kann, macht das Spiel nur noch kribbliger. Bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft mit den vermutlich 200 bis 300 Mitreisenden etwas zu feiern hat. Wenn sie etwas zu feiern hat, dann wird sie ziemlich viel richtig gemacht und es sich vollauf verdient haben.

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2 Gedanken zu „Im Kampf gegen den FC Sachsen und den Geist der Vergangenheit“

  1. Bezüglich Rogoli

    „Der Linksfuß spielte im Regionalliga-Insolvenz-Jahr 2008/2009 beim FC Sachsen. Aber nicht als Stürmer, sondern als Linksaußen. Wo er nicht unbedingt herausragte, aber seine Sache als dribbel-, technik- und zweikampfstarker Quirl durchaus ganz gut machte. “

    Sorry, das ist absoluter Käse. Rogoli war in einem eh schon nicht konkurenzfähigem Team einer der schlechtesten. Wenn ich mich recht entsinne, haben wir Rogoli noch vor der Winterpause vom Hof gejagt.
    Was nicht heißen soll, dass er ein Stürzer ist, in Neustrelitz scheint’s ja für ihn zu funktionieren – 12 Tore und 21 Vorlagen in 28 Spielen letzte Saison sprechen ja für sich.

  2. Rogoli hatte damals unter Heyne eine sehr defensive Linksaußenrolle zu spielen. Und in dieser agierte er systemgetreu eigentlich recht gut. Dass da offensiv nicht viel lief, kann man ihm schlecht ankreiden, da das damals eher eine Systemfrage war. Ein guter Standardschütze war er zudem auch damals schon. Einer der schlechtesten würde ich jedenfalls für eine ziemliche Übertreibung halten. Er hatte das Durchschnittsniveau des Teams. Unteres Regionalligafünftel. In einem guten Jahr mit der Chance auf den Klassenerhalt. In der fünfgleisigen Regionalliga entspricht das wohl ungefähr Regionalligadurchschnitt.

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