Psychoverlierer

Jeder (…) hat die Erwartung, dass wir in der (…) Liga gewinnen. Wenn wir 3:0 gewinnen, heißt es dann, der Gegner wäre schwach gewesen. Wenn wir 1:0 gewinnen, hatten wir Glück. Und wenn das Spiel Unentschieden ausgeht, ist es schon eine Katastrophe. Das müssen sie sich mal vorstellen! Du gehst ins Spiel und kannst nichts gewinnen.

Mal abgesehen davon, dass der letzte Sieg von RB Leipzig mit mehr als zwei Toren Unterschied von Ende März datiert und der damalige Gegner VFC Plauen tatsächlich schwach war und die aktuelle Reaktion auf das Auftaktunentschieden gegen Union Berlin II für Leipziger Verhältnisse vergleichsweise unkatastrophisch war, passt diese Beschreibung doch ziemlich perfekt auf die Verhältnisse bei und rund um RB Leipzig. Bleibt die Frage, wer diese völlig richtige Beschreibung getätigt hat? Daniel Frahn? Fabian Franke? Christian Müller? Naja, immerhin Müller ist schon mal richtig. Aber der Vorname lautet Thomas, das Medium war die letztwöchige SportBild (08.08.2012) und sein Verein ist der FC Bayern..

Was zumindest dahingehend witzig ist, dass man bei den Bayern unter dem Sportpsychologen Philipp Laux offenbar kein Rezept für die psychologisch ziemlich schwierige Situation gefunden hat, Spielern quasi von außen positive Energien gegen das deprimierende ‚Nichts-zu-gewinnen‘ einzuimpfen. Witzig deshalb, weil Philipp Laux ja seit kurzem bei RB Leipzig arbeitet und hier nun vor dem selben ungelösten Problem – nur ein paar Etagen tiefer – steht, wenn er bspw. Fabio Coltorti oder Dominik Kaiser einimpfen müsste, dass eine Viertligameisterschaft in ihrer Fußballerkarriere ein Meilenstein, sprich ein echter Gewinn wäre. Ich persönlich glaube weiterhin, dass (fast) die einzige Psychochance in der Konstruktion des Innen und Außen besteht. Eine RB-feindliche Umwelt und Häme als motivierende Steilvorlage, es der Welt da draußen mal zeigen zu wollen. Wir gegen die, das ist ein ziemlich altes und wegen seiner oft unschönen Begleiterscheinungen (bspw. beim Rassismus) wenig schlaues oder geistreiches, aber vermutlich ein recht erfolgsversprechendes Konzept.

Laut Thomas Müller ist für ihn nur die Champions League eine Chance, dem Psycho-Teufelskreis zu entkommen, weil in diesem Wettbewerb die Erwartungen nicht so hoch sind und ein Sieg gegen Manchester City eben in jedem Fall als Sieg und Leistung zu 100% anerkannt wird. Was von vornherein ein paar Prozente mehr an Leistung wachkitzelt. Das was bei RB Leipzig also letztes Jahr der DFB-Pokal war. Nur dass für RB die Ablehnung von Außen bei gleichzeitiger (Fan-)Bestätigung im direkten Umfeld eigentlich auch im Ligaalltag einen Psychoeffekt auf Champions-League-Niveau haben könnte. Einerseits. Andererseits ist der Umgang mit Spielergebnissen seitens Fans und Medien meist auch in einer Art kritisch, dass auch bei RB die Angst vor dem Nichtgewinnen die Lust daran, der Häme eins auszuwischen, übersteigen kann. Mal sehen, was diese Saison so gewinnt. Ein Rückschlag in Neustrelitz jedenfalls steht als Drohkulisse oder aber eben als motivierende Vision, dass man dies der Welt der darauf Wartenden nicht gönnen wird, schon vor der Tür.

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