Tabellarische Spielereien

Gestern wurde der Hallenser Coach dergestalt zitiert, dass er die Situation in der Regionalliga Nord in diesem ohne Absteiger gespielten Jahr wettbewerbsverzerrend finde. Meine These dazu war, dass die Tatsache, dass 15 der 18 Clubs keine sportlichen Ziele mehr haben, tendenziell eher zum Vorteil von Halle und Kiel sein dürfte. Witzigerweise zeigt die bisherige Bilanz eher, dass Halle vor allem dann Probleme kriegt, wenn es gegen den 15er-Rest der Liga geht. In diesen Spielen hat man gegenüber den Kieler bereits 8 Punkte liegen gelassen.:

  • Holstein Kiel: 15 Spiele, 44:14 Tore, 40 Punkte
  • RB Leipzig: 16 Spiele, 38:14 Tore, 39 Punkte
  • Hallescher FC: 15 Spiele, 21:8 Tore, 32 Punkte

Andersherum sind die Hallenser logischerweise diejenigen, die in den direkten Duellen der drei Aufstiegskandidaten aus Kiel, Halle und Leipzig am stärksten waren. Drei Spiele ohne jegliches Gegentor und das gegen die zwei offensivstärksten Teams der Liga, das ist eine beeindruckende Bilanz:

  • Hallescher FC: 3 Spiele, 7 Punkte, 2:0 Tore
  • RB Leipzig: 2 Spiele, 3 Punkte, 2:2 Tore
  • Holstein Kiel: 3 Spiele, 1 Punkt, 1:3 Tore

Stark zeigt sich der Hallesche FC auch, wenn es gegen ‚Ost’clubs geht (Ostclubs sind hier Magdeburg, Plauen, Halberstadt, Meuselwitz, Cottbus II, Leipzig und Halle; BAK und Hertha II gelten hier aufgrund historischer Herleitungen nicht als Ostclub: die Differenzierung ist natürlich arg willkürlich und unredlich, zeigt aber gute Ergebnisse. 😉 ) Lediglich in Magdeburg ließ Halle mit einem Unentschieden Federn. RB dagegen mit Punktverlusten gegen Plauen, Magdeburg und Halle. Kiel gar in acht Spielen mit lediglich 11 Punkten. Die nicht ganz ernst gemeinte Diagnose lautet Ostphobie:

  • Hallescher FC: 6 Spiele, 16 Punkte, 10:2 Tore
  • RB Leipzig: 6 Spiele, 11 Punkte, 9:6 Tore
  • Holstein Kiel: 8 Spiele, 11 Punkte, 15: 10 Tore

Vice versa natürlich wenn man dem die Bilanz gegen Westteams entgegenstellt. Hier läuft Halle nur unter ferner liefen. RB führt die Tabelle an, allerdings nur, weil Kiel zwei Spiele weniger bestritten hat. Die Norddeutschen in 10 Spielen mit der tadellosen Bilanz von 30 Punkten!:

  • RB Leipzig: 12 Spiele, 31 Punkte, 31:10 Tore
  • Holstein Kiel: 10 Spiele, 30 Punkte, 30:7 Tore
  • Hallescher FC: 12 Spiele, 23 Punkte, 13:6 Tore

Makellos ist die Bilanz der Kieler auch, wenn es gegen die zweiten Mannschaften von Bundesligateams geht. Sechs Spiele, sechs Niederlagen. RB mit bitteren Punktverlusten (HSV II, Pauli II), genau wie der Hallesche FC:

  • Holstein Kiel: 6 Spiele, 18 Punkte, 19:4 Tore
  • RB Leipzig: 6 Spiele, 13 Punkte, 11:4 Tore
  • Hallescher FC: 6 Spiele, 12 Punkte, 8:3 Tore

Andersherum steht RB dann natürlich ganz vorn, wenn es um Partien geht, in denen der Gegner nicht eine U23-Mannschaft ist:

  • RB Leipzig: 12 Spiele, 29 Punkte, 29:12 Tore
  • Hallescher FC: 12 Spiele, 27 Punkte, 15:5 Tore
  • Holstein Kiel: 12 Spiele, 23 Punkte, 26:13 Tore

Kaum Unterschiede zwischen den Konkurrenten gibt es, wenn man die Spiele nach zuschauerreich vs. zuschauerarm trennt (man trenne für jeden Verein die Partien in die acht best- und die acht schlechtestbesuchten). Wobei dies bei RB eine schwierige Trennung ist, denn lediglich ein Auswärtsspiel (in Meppen) war besser besucht als das schlechtbesuchteste Heimspiel (Halberstadt), sodass sich hier einfach nur die (schlechte) Heimbilanz spiegelt:

  • Hallescher FC: 8 Spiele, 18 Punkte, 10:1 Tore
  • RB Leipzig: 8 Spiele, 18 Punkte, 18:10 Tore
  • Holstein Kiel: 8 Spiele, 17 Punkte, 22:7 Tore

Wenn es keine wesentlichen Differenzen für die acht bestbesuchten Spiele gibt, dann kann es natürlich auch keine geben für das Gegenstück, die schlechtbesuchten Spiele:

  • RB Leipzig: 8 Spiele, 24 Punkte, 22:6 Tore
  • Holstein Kiel: 8 Spiele, 24 Punkte, 23:10 Tore
  • Hallescher FC: 8 Spiele, 21 Punkte, 13:7 Tore

Große Differenzen gibt es hingegen bei den – vermutlich hinlänglich bekannten – Auswärts- und Heimstatistiken. In der Heimstatistik gibt RB ein ganz schlechtes Bild ab. Letzter. Bei 10 verlorenen Punkten auf Holstein Kiel. Halle sieht auf den ersten Blick auch nicht gut aus. Allerdings verzerren hier die zwei Spiele weniger das Bild. Defacto sind die Hallenser sehr heimstark (sieben Siege, ein Unentschieden). Da man in der Rückrunde noch neun mal zu Hause antreten darf, ist das durchaus ein Fingerzeig:

  • Holstein Kiel: 10 Spiele, 28 Punkte, 34:9 Tore
  • Hallescher FC: 8 Spiele, 22 Punkte, 16:2 Tore
  • RB Leipzig: 10 Spiele, 18 Punkte, 20:12 Tore

Die Auswärtsbilanz spricht dagegen über alle Maße und aus jedem Blickwinkel für RB. Zwei Spiele weniger als Halle, trotzdem sieben Punkte mehr. 11 Punkte mehr als Holstein Kiel. In acht Spielen. Irre. Gute Zeiten für Auswärtsfahrer..:

  • RB Leipzig: 8 Spiele, 24 Punkte, 20:4 Tore
  • Hallescher FC: 10 Spiele, 17 Punkte, 7:6 Tore
  • Holstein Kiel: 8 Spiele, 13 Punkte, 11:8 Tore

Und zum Abschluss, weil es ja vielleicht auch ein schöner Ausblick ist, noch die aktuelle Gesamttabelle der Top 3. Darf so bleiben, soll so bleiben:

  • RB Leipzig 42 Punkte, 40:16 Tore
  • Holstein Kiel 41 Punkte, 45:17 Tore
  • Hallescher FC 39 Punkte 23:8 Tore

Fazit: RB Leipzig statistisch gesehen am liebsten auswärts und dann gegen Westteams, die kein U23-Team sind (in der Bundesliga würde man mit solcher Präferenz Meister werden..). Halle dagegen am liebsten zu Hause, gegen Ostteams und auch in den großen Spielen gegen die direkte Konkurrenz. Nimmt man das als Grundlage, dann sollte RB Leipzig es nicht drauf ankommen lassen, am letzten Spieltag in Halle noch Punkte zu benötigen. Kiel mit einer katastrophalen Auswärts- und Ostbilanz und bisher in drei Spielen ohne Sieg gegen die Aufstiegskonkurrenten. Die Tabellen zeigen sehr unterschiedliche Präferenzen und Wege zu den Punkten. Zum Schluss trennen die Konkurrenten aber alles in allem gerade mal drei Zähler. Und das ist es, was letztlich zählt. Alles andere verbleibt eine (nette) Spielerei.

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10 Gedanken zu „Tabellarische Spielereien“

  1. Sensationell!
    Über was man sich so alles Gedanken machen kann!
    Prinzipiell ist es ja recht Interessant, aber Spannend wird ob diese makellose Auswärtsbilanz von RB beibehalten werden kann? Die schweren Auswärtsspiele in Magedburg, Halle, Plauen und Kiel kommen noch. Da steht dann zusätzlich noch ein ganzes Stadion gegen RB.

    Von daher bin ich sehr gespannt wie es am Ende der Saison aussieht. Prinzipiell gebe ich dem Halleschen Coach aber Recht, besonders zum Ende der Saison könnte bei den restlichen 15 Mannschaften durchaus die Motivation sinken, weil es um nix mehr geht.

  2. Im klassischen Sinn „wettbewerbsverzerrend“ finde ich das allerdings nicht. Von der vermuteten Motivationslosigkeit der 15 Vereine profitieren die drei Top-Vereine doch gleichermaßen. Und dass manche Mannschaften gegen RB vielleicht zusätzlich motiviert sind, spielt dabei keine Rolle. Das wäre auch der Fall, wenn es um was gehen würde.

  3. Zumal man auch böswillig unterstellen könnte, dass die Mannschaften gegen Kiel und Halle besonders motiviert sind, um RB als dann in der nächsten Saison wieder potentiell ersten Kandidaten als Relegationsplatz-Blockierer schon in dieser Saison loszuwerden.

  4. @René: Ich seh das anders. Das mit der Motivation. Nehmen wir einen notorisch abstiegsbedrohten Verein wie Germania Halberstadt (im Kern geht es ja um Vereine, die dieses Jahr keine Abstiegsnot haben). Die bräuchten im Normalfall jeden Punkt und je länger die Saison dauert, desto mehr würden sie dafür ackern. Diese Saison brauchen sie nicht ackern, gehen also locker in die Partien. Außer gegen RB, denn die will man doch gerne mal schlagen und piesacken. Und dass sich Germania Halberstadt oder Meppen gegen Halle und Kiel besonders anstrengen, damit RB nächstes Jahr nicht mehr in der Liga ist, ist schwerlich glaubbar. Ich hab es ja gestern schon geschrieben, dass es mir nicht darum geht, das Beschriebene zu skandalisieren („Wir werden benachteiligt“). Ich halte es für eine nüchterne Beschreibung, mit der man leben muss.

    @Chaosblogger: Ohne es (für Vergangenes) geprüft zu haben, behaupte ich, dass sich solche statistischen Spielereien im Laufe der Saison ausgleichen oder gar drehen können. Ich bin auch gespannt, wie das mit der Auswärtsbilanz aussehen wird, wenn man denn auswärts in umkämpften und auch zuschauertechnisch aufgeladenen Partien antreten muss..

  5. Wenn man die erhöhte Motivation gegen bestimmte Teams als Anzeichen dafür nimmt, dann gibt es in nahezu jeder Liga jedes Jahr Wettbewerbsverzerrung. Die diesjährige Nichtabstiegsregelung in der Regionalliga bekräftigt das oder schwächt das, ist dann aber nicht Ursache dieser Art von Wettbewerbsverzerrung.

  6. Naja, so einfach ist es nicht. Unterschiedliche Formen von Motivation sind im Saisonverlauf statistisch gesagt zufallsverteilt plus Folge spezieller Rivalitäten. Eine Nichtabstiegsregelung greift da mehr oder weniger willkürlich ein (ist nicht mehr zufallsverteilt), indem sie einem wesentlichen Teil der Mannschaften die sportliche Motivation entzieht. Das ist zuerst einmal eine einseitig gerichtete Wirkannahme (Regel führt zu geringerer Motivation). Wenn man diese für plausibel hält, dann ist der Schritt dahin, dass RB eher weniger davon profitiert (wegen spezieller Rivalitäten) als andere Vereine ein kleiner. In der Konklusion sind wir uns sicher eingig (dass das alles auch ziemlich wurscht ist), aber die These verteidige ich trotzdem. Das einzige lautere Gegenargument wäre die Behauptung, dass vom Druck befreite Mannschaften viel besser spielen als Mannschaften, die durch ihre sportliche Situation (Abstiegskampf beispielsweise) motiviert werden.

    1. Ich übersetze das jetzt mal in eigene Worte und hoffe, dass ich es richtig verstanden habe.

      Es gibt zwei Typen von Motivationsschüben. Sportliche, die beispielsweise abhängig vom Tabellenstand eher zufällig auftreten, und auf Rivalitäten basierende. Aufgrund der Nichtabstiegsregelung entfallen die Sportlichen, beziehungsweise reduzieren sich stark. Bleiben also nur die Rivalitäts/Neid/Derby/etc.-Motivationen übrig. Mit denen RB mehr zu kämpfen hat als Kiel oder Halle. Ob das wirklich so ist (so hat RB beispielsweise kein Magdeburg oder Lübeck und somit typische „Derbys haben ihre eigenen Gesetze“-Fallen; und komm mir jetzt bitte nicht mit Meuselwitz :-D), lass ich jetzt mal außen vor. Aber sofern wir uns darauf einigen können, dass Wettbewerbsverzerrung dennoch in dem Zusammenhang ein eher wertungsfreier Begriff ist (also bloß eine Tatsachenfeststellung), akpeztiere ich deine Argumentation.

    2. Das hast Du schön zusammengefasst. Hurra, wir haben einen Konsens. 😉

  7. Lieber rotebrauseblogger,

    ich denke ein Argument gegen Deine These ist, dass die sonst vom Abstieg bedrohten Mannschaften in diesem Jahr in Ruhe und Kontinuität an der Mannschaft arbeiten können. Sie können Rückschläge leichter verkraften, weil sie ohne Konsequenzen bleiben. Wenn die „kleinen“ Vereine gut arbeiten, nutzen sie das Jahr „Luft“ und bauen eine homogene Mannschaft für die Zukunft auf. Meine These lautet: „Kleine“ Mannschaften werden dadurch nicht in erster Linie schwächer, sondern unberechenbarer. Das hätte zwei Folgen:

    1. Die Zahl der Überraschungen in Vergleichen mit den „Großen“ würde mit der Zeit zunehmen. Das würde alle drei Großen genauso treffen.
    2. Die „Kleinen“ sind im nächsten Jahr gewachsene Mannschaften. Das benachteiligt vor allem die Aufsteiger aus der Oberliga. (Und geht RB im nächsten Jahr hoffentlich nichts mehr an).

  8. Ich seh schon, man kann dazu verschiedene (plausible) Thesen haben. Und zugegebenermaßen sprechen die obigen Zahlen (und dass der HFC so viele Punkte gegen den 15er-Rest verloren hat) bisher dagegen, dass die Nichtabstiegssituation sich vor allem gegen RB wendet..

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