Zwischentöne

Am 13.02. begann für RB Leipzig die Rückrunde der Regionalliga. 29 Tage später, am 13.03. hatte man schon insgesamt 8 Spiele in den Beinen. Vor Beginn der englischen Wochen dachte man heimlich, still und leise daran, dass man in solchen Wochen prima große Stücken des großen Rückstandes auf den Chemnitzer FC wegknabbern könnte. Man dachte daran, dass RB Leipzig im knapp zweiwöchigen Türkei-Trainingslager Mut und neue Klasse geschöpft habe, um sich noch einmal voller Angriffslust in den Kampf um den Aufstieg zu werfen.

Nach dem Ende der englischen Wochen sieht die Bilanz für die bisherige Rückrunde so aus: 4 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen. Oder um den Vergleich anschaulich zu machen. Im letzten Sommer stand man zum Saisonbeginn nach 8 Spielen bei 18 Punkten und 15:7 Toren. Nach 8 Spielen nach der Winterpause steht RB Leipzig bei 14 Punkten und 18:8 Toren. Rein von den Zahlen her hat sich die Saison nicht nur nicht verbessert, sie ist gar noch schlechter geworden, als die auch schon durchwachsene Hinrunde. Dafür, dass man die Winterpause über immer davon tönte, präsent sein zu wollen, wenn der Chemnitzer FC Schwäche zeigt, ist die Punktausbeute von RB Leipzig eine mittlere, sportliche Katastrophe.

Dabei fing alles so gut an nach der Winterpause. Vielleicht zu gut, wenn man an die Lobeshymnen nach dem 3:0 in Hannover denkt. Auf eine neue Stufe sah man die Mannschaft gehoben. Das Trainingslager habe das seine dazu getan, dass RB Leipzig nun endlich sportlich angemessen auftrete. Ich war nicht in Hannover und deswegen weiß ich nicht wirklich, was dort auf dem Platz zu beobachten war, aber nach dem Hannover-Spiel drückte ich meine vorsichtigen Zweifel zum neuen RB-Optimismus so aus:

Ob RB Leipzig tatsächlich deutlich an Qualität gewonnen hat, wird man erst nach 4-5 Rückrundenspielen wissen. Wenn auch mal ein Graupenspiel dabei war, wenn man durch eine miese Situation (bspw. Rückstand) durch musste. Derzeit steht ein überzeugender Auftritt in Hannover auf der Rückrunden-Haben-Seite. Das ist noch nicht viel. Dementsprechend ist auch noch nichts gewonnen. Dementsprechend ist mir die Stimmung bei RB Leipzig im Allgemeinen ein bisschen übertrieben zufrieden und lässig. (RB Leipzig vor dem Spiel gegen Holstein Kiel)

Das folgende Heimspiel gegen Holstein Kiel war das schnelle und absolute Ende der selbsternannten Aufholjäger. 2 Gegentore im Abstand von 2 Minuten reichten, um dominant spielende RasenBallsportler nach eigener Führung komplett aus dem Konzept zu bringen und in der Folge vorzuführen. Ein Spiel, das RB Leipzig lange nachhing und immer noch nachhängt. Gute Stimmung kam hernach jedenfalls nicht mehr auf. Was auch an der folgenden Achterbahnfahrt aus Sieg, Niederlage, 2 Siegen, 2 Unentschieden gelegen haben mag. Regionalliga-Mittelmaß. Insofern zumindest, dass sich Havelser und Wilhelmshavener nach den Unentschieden eher über verlorene Punkte ärgerten, als sich wie Bolle über einen Punkt gegen den Favoriten zu freuen.

Es war – man muss das ja in der gegenwärtigen Situation auch mal betonen – nicht alles schlecht, was bisher auf dem Platz zu sehen war. Die ersten 20 Minuten gegen Kiel waren absolut ok, überlegen und selbstbewusst, druckvoll und defensiv sicher. Kein kreatives Feuerwerk, aber robuster, zielführender Regionalligafußball mit kleineren, kreativen Geistesblitzen. Das Spiel gegen Braunschweig war zumindest in Hälfte 2 eine ok ansehnliche Geschichte, die ihren Glanz durch einen starken Auftritt von Carsten Kammlott erhielt. Und das Spiel gegen den HSV war alles in allem für die Regionalliga ein zielführender und guter, aber trotzdem ausbaufähiger Auftritt. Warum diese Ansätze nicht so tragfähig waren, dass man in allen Spielen so auftreten konnte, ist eines der aktuell großen Rätsel.

Auffällig auf jeden Fall, dass das Spiel von RB Leipzig nur dann zu funktionieren scheint, wenn man sicher führt. In den vier siegreichen Spielen gewann man jeweils mit mindestens drei Toren Unterschied. Gegentore hingegen bringen das ganze System ins Wanken. Gegen Kiel und in Magdeburg verlor RB Leipzig erstmals in dieser Saison jeweils nach eigener Führung, ohne Aussicht das Spiel noch einmal zurück an sich zu reißen. Und dass man sich gegen defensive Gegner, vor allem auch nach Rückstand sehr schwer tut, weiß man nicht erst seit Wilhelmshaven. Wie schwer sich RB Leipzig tut, Spiele herumzureißen, mit Gegenwind auf dem Platz umzugehen und auch durch Auswechslungen noch mal Schwung und Freude ins Spiel zu bringen, hatte ich vor kurzem schon mal statistisch belegt. Die Spielergebnisse und -verläufe sind Ausdruck dieser Analyse.

Schwierig finde ich den Umgang mit den sportlichen Ereignissen bei RB Leipzig. Mag sein, dass es von vornherein etwas anmaßend ist, von außen Vereinsereignisse beurteilen zu wollen. Aber die Erklärungsmuster nach den Spielen sind schon manchmal arg gewöhnungsbedürftig. Nach dem Hannover-Spiel wähnte sich RB Leipzig auf einer höheren Stufe. Das Spiel gegen Kiel war ein Zeichen von mangelnder Stabilität. Beim Sieg bei Türkiyemspor hat die Mannschaft Charakter gezeigt. Die Niederlage in Magdeburg passierte bei schwierigen Bodenverhältnissen, die Tomas Oral nur mal erwähnen wollte, ohne sie – natürlich nicht – als Hauptschuldige ausmachen zu wollen. Beim Sieg gegen Braunschweig war die Situation schwierig und wurde trotzdem gut gelöst. Nach dem Hamburg-Sieg war alles perfekt bis auf den Abstand zur Tabellenspitze. Das Unentschieden in Havelse, das sich anschloss, war hingegen ganz schlecht und nicht zu erklären. Und beim folgenden Unentschieden in Wilhelmshaven kämpfte man wieder einmal mit schwierigen Bodenverhältnissen und die jungen Spieler mit ihren nach den englischen Wochen aufgezehrten Kräften (alle Erklärungsversuche aus dem Kopf erinnert). Dazu kamen noch so Geschichten, wie die, dass am einen Tag dank hohen Punkterückstands auf Platz 1 Lockerheit ins RB-Spiel einziehen sollte und ein paar Tage später genau dieser Punkteabstand wieder dafür verantwortlich war, dass die Lockerheit fehle. Nun ja.

Neben diesen ad-hoc-Erklärungen schien mir auch die Personalpolitik bei RB Leipzig wieder mal leicht konzeptlos. Nach dem Kiel-Spiel, das nun wirklich ein Kollektivversagen (auch spieltaktisch) war, wurden Timo Rost und Lars Müller aus der Stammelf verbannt. Lars Müller durfte inzwischen wiederkommen, Timo Rost hat sich zwischenzeitlich eine Verletzung zugelegt, die ihn von der Tristesse der Ersatzbank fernhält. Nach dem Spiel in Wilhelmshaven traf es Ingo Hertzsch und zudem mit Daniel Rosin und Benjamin Baier gleich beide Spieler, die in den Spielen zuvor als Stammkräfte auf den Sechsern etabliert wurden. Es durchzieht die ganze Saison, dass Spieler wahllos (so erscheint es zumindest von außen) in die Mannschaft geworfen und ein paar Spiele später wieder rausgekegelt werden. Keine Konstanz, kein Spielerkonzept, das sich auch durch schlechte Phasen zöge. Ein Anti-Konzept, so scheint es, dass dem beteiligten Personal die Sicherheit und das Selbstvertrauen eher nimmt, als dass daraus Ansporn erwachsen würde.

Erstaunlich auch das Selbstbild des Vereins zum Beginn der Rückrunde. Da wurde vor dem Kiel-Spiel von 6.000 bis 10.000 zu erwartenden Zuschauern geredet. Das mag ja in vielen Situationen ok sein, gerade wenn es darum geht, nicht schon von vornherein, die Tristesse einer leeren Red Bull Arena an die Wand malen zu müssen. Im konkreten Fall vielleicht auch noch verständlich angesichts des damaligen Versuchs, noch einmal den Angriff auf die Spitze herbeizureden und somit Aufbruchstimmung auszulösen. Andererseits waren diese Zahlen von vornherein extrem optimistisch und zeugten ein Stückweit von der Fehleinschätzung der Verantwortlichen bei RB Leipzig in Bezug auf die Stimmung unter den eigenen Anhängern.

Eine Fehleinschätzung, die sich auch deutlich darin zeigte, dass man vom Anti-Oral-Ausbruch und der Verhöhnung der eigenen Mannschaft beim Kiel-Desaster offenbar völlig überrascht wurde. Um das klar zu sagen, ich fand die Anti-Oral-Stimmung und vor allem die Verhöhnung der eigenen Mannschaft absolut schlimm und inakzeptabel und gerade im Verhältnis zur fast immer wohlwollenden Atmosphäre der Hinrunde völlig unverhältnismäßig, aber VERWUNDERT hat mich die Stimmung überhaupt nicht. Wer nur ein bisschen in die Fanforen und die Stimmung dort hineinhorcht, weiß, dass die Anhänger von RB Leipzig insbesondere mit Tomas Oral in seiner ganzen Amtszeit noch nie warm geworden sind und ihn viele schon vor einiger Zeit zum Abschuss freigegeben haben. Egal ob berechtigt und woran das auch immer liegen mag, ob zu wenig Rückendeckung durch den Verein, ob zu viel Verantwortung für die Öffentlichkeitsarbeit, ein manchmal schräg wirkendes Selbstvertrauen, öffentliche Analysen, von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht die Basis für die internen Analysen bilden, die Stimmung stand vor dem Kiel-Spiel deutlich gegen den Trainer und der Blick auf die Mannschaft war vielerorts maximal hoffnungsfroh abwartend. Vielleicht ganz gut, dass der Rest der Saison auch dazu da sein könnte, die kleine aber auch feine, erfolgsunabhängige Fanbase irgendwo zwischen 1.000 und 2.000 zu pflegen und langsam wachsen zu lassen, als dass sich überhöhte Forderungen nach möglichen Pleiten in viel zu heftigen Unmutstiraden wie gegen Kiel äußern.

Die aktuelle Regionalliga-Saison ist die erste wirkliche Herausforderung für den Verein RB Leipzig, weil zum ersten Mal sportliche Stagnation eintritt und somit auch die größeren Mengen an Zuschauern bzw. wie sie Oral nannte ‚Interessenten‘ nicht mehr vom schnellen Durchmarsch gelockt ins Stadion strömen. Ich persönlich finde die Tatsache einer weiteren Regionalliga-Saison absolut verkraftbar. Für das Wachstum von RB Leipzig, seines Kaders, seines Nachwuchs und seiner Anhängerschaft ist es eventuell sogar von Vorteil, ein bisschen mehr Zeit für den nächsten Aufstieg zu haben und auch Rückschläge verarbeiten und überstehen zu müssen.

Was mich ein wenig pessimistisch sein lässt, ist die Tatsache, dass man bei den RasenBallsportlern derzeit außer tiefer Ratlosigkeit kaum Erklärungs- und somit auch keine Verbesserungsansätze für die aktuelle Situation findet. Das betrifft die Spieler genauso wie den Trainer und sonstige Vereinsverantwortliche. Was ich schon jetzt ganz schlimm finde, sind Versuche, die sportlich eher (unter-)durchschnittliche Saison auf die Spieler abzuschieben. Mal zu alt, mal zu jung, mal zu langsam, dann wieder zu übermotiviert. Die Liste der Schuldzuweisungen ist abwechslungsreich und lang gleichermaßen und zudem grundfalsch. Warum kann es denn eigentlich in Leipzig nicht mal irgendwann einen Verein geben, der auch im Misserfolg seine Spieler schützt und somit stärkt, anstatt ihnen durch Verbannungen in die 2. Mannschaft und das öffentliche Lamentieren über die fehlende Qualität in den Rücken zu fallen und sie so zu schwächen. Gegen Braunschweig saßen Rost, Watzka, Müller, Geißler, Kutschke und Laas draußen! Sorry, aber das ist eine Bank, nach der sich mancher Drittliga-Trainer alle Finger lecken würde. Da über fehlende Qualität im Kader zu jammern, ist nahe dran an absurd.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, wie die sportlichen Dinge bei RB Leipzig besser werden sollen. Den Kopf des Trainers zu fordern, ist mir genauso fremd, wie permanent die Spieler zu zerreißen. Und trotzdem, auch das hatte ich schon mal angemahnt, wird der neue sportliche Leiter Thomas Linke recht bald eine Entscheidung zum Trainer und darauf folgend zum Spielerkader treffen müssen. Ich persönlich sehe im Moment, auch aufgrund der Tatsache, dass RB Leipzig über die Saison hinweg nur dezente, oben beschriebene, positive Entwicklungen erkennen lässt, wenig Argumente, die für den in vielen Beziehungen glücklosen Tomas Oral sprechen. Glücklicherweise ist Thomas Linke da auch ein ganzes Stück näher dran an der Mannschaft und kann selbst herausfinden, ob er genug Gründe für eine Oralsche Weiterbeschäftigung findet. Und wenn er das tut, dann werde ich für meinen Teil diese Entscheidung voller Vertrauen akzeptieren. Und was den Kader angeht, sind die Außenverteidigerpositionen sicherlich Baustellen. Wenn man sich bloß nicht für einen neuen Komplettumbruch entscheidet, das würde dem Kader nun überhaupt nicht gerecht werden.

Fazit: derzeit gibt es sehr viele Baustellen bei RB Leipzig. Sportlich interessant an der Restsaison dürfte lediglich die weitere Entwicklung der Mannschaft und einzelner Spieler sein und natürlich der Sachsen-Pokal, der durchaus noch die Möglichkeit bietet, die Saison positiv (DFB-Pokal-Quali) oder zumindest mit einem zusätzlichen Highlight (Finale) abzuschließen. Doch zuerst wartet morgen der Gast aus Oberneuland in der Red Bull Arena auf RB Leipzig. Und ganz ehrlich: ich freu mich drauf. Und nein lieber Stadionsprecher, ein unterhaltsamer Fußballabend muss nicht 4:0 oder 5:0 ausgehen..

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4 Gedanken zu „Zwischentöne“

  1. „Und ganz ehrlich: ich freu mich drauf.“

    Ich auch, genau wie auf den nächsten Eintrag. Immer wieder lesenswert.
    Danke!

  2. Toller Beitrag wie immer, gehört abschließend täglich zur Lektüre bezüglich RBL.
    Freue mich auch auf 1499 „Gleichgesinnte“ in der RBA, nur beim Trainer stimme ich nicht ganz zu, es ist sonst wertvolle verschenkte Zeit…

  3. Ein schönes, realitätsnäheres Kontrastprogramm zum gebetsmühlenartigen: Ich bin RBL-Fan, das wird schon noch, nur der RBL usw.

    Ich wage mal eine Vorhersage: Wenn Mateschitz jetzt nicht mit gutem Geld Leute einkauft, die , werden nicht wenige der RBL-„Fan“s in wenigen Wochen oder Monaten sagen: RBL, ach ja, da war doch was.

    Auf geht`s, weiter mit diesen Kommentaren, auf das die RBL-Fans nicht betriebsblind werden.

  4. Ich glaube, dass wenn man mit Augenmaß den Weg der letzten Sommerpause weitergeht und in die Basis des Vereins, den Nachwuchs investiert und den Kader weiter verjüngt und zukunftsfähig macht, dann baut man erstens weiter am Fundament für künftige Erfolge und holt auch weiter Leute ab, die jenseits der bei Erfolg anwachsenden Zuschauerzahlen, so etwas wie die Fanbasis von RB Leipzig darstellen. Also Leute, die sich auch an einem kalten Abend ein bedeutungsloses Spiel gegen Oberneuland angucken wollen..

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