Zuschauerschelte

Ach lieber „Pele“ Wollitz: Seit 2009 arbeiten Sie nun schon in Cottbus und haben gerade Ihren Vertrag bis 2013 verlängert. Haben Sie wirklich erst gestern festgestellt, dass die Zuschauerresonanz im Vergleich zu anderen Vereinen eher unterdurchschnittlich ist? Oder wie ist es sonst zu erklären, dass Sie nach dem gestrigen, grandiosen DFB-Halbfinaleinzug im Rahmen der Pressekonferenz feststellen, dass 15.000 Zuschauer eines solchen Spieles unwürdig sind? Sinngemäß hieß es da gestern bei Ihnen, dass in jeder anderen Stadt das Stadion ausverkauft gewesen wäre. Nun ja, mal abgesehen davon, dass das gleichzeitig laufende Spiel der Duisburger gegen Kaiserslautern auch nicht ausverkauft war (wenngleich besser besucht), sollte man eventuell die Cottbusser Stadtspezifika in Betracht ziehen; ein Schritt, der eigentlich in der logischen Folge vor Vertragsunterschrift passieren sollte.

Cottbus hat mit Stand 30.09.2010 offiziell [broken Link] gerade einmal 99.691 Einwohner. Womit man inzwischen sogar unter die für die Stadt immer so wichtige und durch Eingemeindungen gehaltene 100.000-Grenze gefallen ist. Cottbus ist nicht mal mehr Großstadt, auch wenn sie bei Wiki basierend auf Daten von 2009 auf dem 80. und letzten Platz noch als solche geführt wird. Nicht schlimm könnte man sagen, das Hoffenheimer Sinsheim ist selbst verglichen mit Cottbus ein Dorf und füllt regelmäßig ein großes Stadion. Was aber vor allem am Einzugsgebiet der TSG liegt. Die Gegend um Sinsheim ist dicht besiedelt. Heidelberg und Heilbronn in nächster Nähe sind hier die 2 namhaftesten Beispiele.

Um Cottbus herum gibt es genau genommen nichts. Nach Osten Richtung Polen eine Gegend, die den Niedergang nach der Wende nie in Aufbruch wandeln konnte. Im Norden Spreewald (also vor allem touristische Population). Im Süden kommen Tagebaue und Kraftwerke. Und nach Westen kommt vor allem erst mal Fläche. In einer Stadt wie Cottbus mit einem begrenzten Einzugsgebiet kann man nun beim besten Willen nicht erwarten, dass die Zuschauer strömen, wie im Westfalenstadion. Oder anders gesagt: im Verhältnis zur Größe der Stadt sind die Cottbuser 15.000 mindestens genau so viel wert wie 80.000 in Dortmund.

Und noch ein Vergleich bietet sich an, auch wenn Vergleiche über mehrere Jahre hinweg immer schwierig sind. Beim letzten Halbfinaleinzug im Jahre 1997 war das Stadion der Freundschaft auch erstmals im Halbfinale ausverkauft (Daten von fußballdaten.de):

  • 1996: 1.Runde gegen den Zweitligisten Stuttgarter Kickers (1:0 n.V) – 4.000 Zuschauer
  • 2010: 1.Runde mit Auswärtsspiel
  • 1996: 2.Runde gegen den Zweitligisten VfL Wolfsburg (1:0) – 5.700 Zuschauer
  • 2010: 2. Runde gegen den Erstligisten SC Freiburg (2:1) – 8.100 Zuschauer
  • 1996: Achtelfinale gegen den Erstligisten MSV Duisburg (7:6 n.E.) – 8.000 Zuschauer
  • 2010: Achtelfinale mit Auswärtsspiel
  • 1996: Viertelfinale gegen den Erstligisten FC St. Pauli (5:4 n.E.) – 12.400 Zuschauer
  • 2011: Viertelfinale gegen den Erstligisten TSG 1899 Hoffenheim (1:0) -15.200 Zuschauer
  • 1997: Halbfinale gegen den Karlsruher SC (3:0) – 21.000 Zuschauer (ausverkauft)

Und wo wir schon beim vergleichen mit damals sind, sei auch noch einmal an das legendäre Schneetreiben erinnert, in dem sich die Cottbuser im April 1997 den DFB-Pokal-Finaleinzug sicherten. Gestern war es zwar nicht ganz so spektakulär, aber Schneetreiben gab es trotzdem. Was das wohl heißt, dass der Cottbuser Wettergott sein Schneetreiben-Pulver bereits im Viertelfinale verschossen hat? Auswärtsspiel im Halbfinale vermutlich..

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4 Gedanken zu „Zuschauerschelte“

  1. Wenn man sich allerdings den aktuellen Zuschauerschnitt der Cottbusser in der 2. Liga anschaut (12.346), dann verwundern die „nur“ 15.000 schon.

    Das Stadion ist überdacht, das Wetter kann also nicht als Ausrede genannt werden. Hoffenheim ist in der derzeitigen Verfassung kein allzu attraktiver Gegner (wäre interessant zu erfahren, wieviele TSG-Fans in die Lausitz gefahren sind), trotzdem ist es immerhin das erste DFB-Pokal-Viertelfinal-Heimspiel seit der Saison 1996/1997.

  2. Cottbus kann man 15 000 Zuschauern in einem solchen Spiel sehr gut leben. Was dort nach der Wende aufgebaut wurde, ist eine grandiose Erfolgsgeschichte. Die zweite Liga ist für Cottbus – um jungsche Termini zu verwenden – nichts weniger als ein Geschenk. Jahrelanger Profifußball haben es in einer strukturschwachen und auch sonst nicht sehr aufregenden Region (der @rotebrauseblogger hat alles gesagt) ermöglicht, Fußballstrukturen aufzubauen, von denen der Verein heute noch profitiert: ein sehr schönes Stadion, ein Nachwuchsleistungszentrum.

    Wenn Cottbus Energie nicht mehr hätte, hätte es nicht mehr viel. Nur damit ist wahrscheinlich auch das mit Händen zu greifende Anspruchsdenken zu erklären. Die Cottbuser wollen zurück ins Oberhaus.

    Mit Wollitz kann das klappen – sportlich. Menschlich ist für mich die Sache schon gescheitert. Unbegreiflich, was der sich dort in den letzten Monaten herausgenommen hat: Ein völlig übertriebener Ausraster wegen Pyro (oder, umgekehrt, müssten dann nicht alle Bundesligatrainer jedes Wochenende ausrasten?), ein peinlicher Ossi-Wessi-Diskurs. Wollitz hat kein Gespür für die Region – das ist mein vorsichtiges Urteil aus der Ferne. Proteste gegen den Verkauf von Stadionnamen gibt es im Übrigen nicht nur in Cottbus, sondern auch in westlichen Hemisphären).

    Da passt dann der erneute – nun ja – verbale Fehltritt angesichts der Zuschauerzahlen ganz gut ins Bild. Diagnose: Wahrnehmungsstörungen.

  3. Wollitz hat kein Gespür für die Situation. Ein Aspekt ist übrigens noch gar nicht aufgetaucht. In einer Region wie Cottbus gibt es immer eine Reihe von Fußballinteressierten die aus einem einfachen Grund den Weg nicht in das Stadion der Freundschaft finden. Es fehlt schlicht das Geld. Manch einer beißt sich schon für die Variante – Jedes zweite Heimspiel wird besucht – über die Woche auf die Zähne um mit dem ersparten Geld das Ticket zu bezahlen.

    Wollitz hat ja nun wahrlich noch keine großartige Anfrageschwemme von Vereinen mit zahlungskräftiger Zuschauerklientel vorzuweisen. Es hat ihn keiner zu einem Arbeitsvertrag bei Energie Cottbus gezwungen. Augen auf bei der Berufswahl und der Leistung der Unterschrift bei einem vorliegenden Vertrag.

  4. Das mit den finanziellen Möglichkeiten in der Region hatte ich auch im Kopf, war mir aber nicht so sicher, ob das wirklich eine wesentliche Rolle spielt.
    Was ich aber auch noch als einen wesentlichen Punkt erachte und was @Rojiblanco auch gegen das Verwundern über „nur“ 15000 Zuschauer spricht, ist die Unattraktivität des DFB-Pokals für Bundesligisten (bzw. deren Zuschauer) zumindest bis zum Halbfinale. 3 von 4 Spielen des Viertelfinales waren nicht ausverkauft. Lediglich Aachen (mit traditionell vielen Fans) und dem für ausverkaufte Stadien sorgenden Gegner FC Bayern war die zu erwartende Ausnahme. Es scheint so, als wäre der DFB-Pokal kein Wetbbwewerb, der für viel Aufregung sorgte, außer man spielt in Liga 3 und tiefer und ein Spiel gegen Hoffenheim, Kaiserslautern und Co ist auf längere Zeit das Fußballereignis schlechthin. In Cottbus oder Duisburg oder Gelsenkirchen sorgen Hoffenheim oder Kaiserslautern oder Nürnberg nicht für das Gefühl eines Mega-Spiels, das man nicht verpassen darf. Fürs Halbfinale würde ich hingegen prognostizieren, dass alle Stadien, unabhängig vom Gegner ausverkauft sein werden, denn Halbfinale heißt schon fast Berlin und Berlin ist das einzige, was an dem Pokalwettbewerb interessant zu sein scheint. Ist nicht meine eigene Einstellung, aber das, was ich aus den Zuschauerzahlen herauslese.

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