Auf der Suche nach dem Kompromiss

Aus gegebenem Anlass des morgen beginnenden (und hier [broken Link] live zu erlebenden) DFB-Bundestages wieder mal das Thema Regionalliga-Reform. Wer hiervon bereits genug hatte, der lese nicht weiter. Wem die Regionalliga völlig schnuppe ist, der darf jetzt auch abschalten.

Eigentlich wurde für den morgen beginnenden Bundestag des DFB eine Entscheidung über die weitere Entwicklung der Regionalliga erwartet. Doch nachdem Reinhard Rauball der Vorsitzende des Aufsichtsrats der DFL als der Vereinigung der deutschen Profivereine in Liga 1 und 2 in den Medien mit einem Kompromissvorschlag zitiert wird, sieht alles anders aus. Dieser Kompromissvorschlag ist nämlich weniger ein Kompromissvorschlag als eher ein Entscheidungsverschiebungsvorschlag:

Wir brauchen ein durchdachtes Konzept, das alle mittragen und für einen möglichst langen Zeitraum umgesetzt wird. Deshalb werde ich Theo Zwanziger den Vorschlag unterbreiten, die gewünschte Reform gemeinsam zu erarbeiten und über einen außerordentlichen DFB-Bundestag im Frühjahr 2011 auf den Weg zu bringen. (Reinhard Rauball, zitiert nach süddeutsche.de [broken Link] vom 14.10.2010)

Eine ganz grundsätzlich zu begrüßende Idee. Sich dem Thema sachlich nähern, Pros und Contras, also Argumente und deren Stichhaltigkeit abwägen und zum Schluss eine vernünftige Entscheidung im Sinne sicher nicht aller, aber vieler Beteiligten treffen. Allerdings torpediert Rauball bereits selbst eine solch ergebnisoffene Suche, wenn er als Bedingung für eine sachorientierte Kommission fordert, dass es keine Begrenzung der Anzahl an Zweitvertretungen in der Regionalliga geben dürfe. Dafür bietet Rauball einen Solidarpakt an. Bekanntgewordene Punkte daraus (siehe zum Vergleich hier):

  • Es wird angedacht die Zahl der Regionalliga-Staffeln von 3 auf 4 bis 5 zu erhöhen. (Stichwort regionalere Regionalligen)
  • Die Profiteams verzichteten vor drei Jahren auf die Fernseheinnahmen und DFB-Pokal-Gewinne ihrer zweiten Mannschaften. Diese sollen nun an die Regionalligisten gehen, was sie meiner Meinung nach zumindest bezüglich der TV-Gelder sowieso schon tun. Die Rede ist von 4 Millionen Euro. Macht bei derzeit reichlich 30 Nicht-Zweitvertretungen in der Regionalliga 130.000 für jeden.
  • Lockerung der Lizensierungsbedingungen des DFB in Bezug auf Flutlicht und Stadionkapazität. Bisher muss man als Regionalligist eine überdachte Sitzplatztribüne mit mindestens 500 Plätzen nachweisen.
  • Gesperrte Bundesliga-Profis wirken nicht mehr in den Zweitvertretungen mit.

Meiner Meinung nach alles gut gemeint, aber letztlich Flickschusterei. Die Regionalliga hat ein Imageproblem, das finanziell vor allem die Vereine trifft, die versuchen Anschluss an die 3.Liga zu finden. Ein paar zugesteckte Euro hier oder da helfen nicht, die teilweise desaströse Struktur der Staffeln zu verbessern. Preußen Münster braucht statt ein paar gut gemeinter Euro ein Umfeld, in dem Firmen bereit sind, Geld in den Verein zu investieren. Eine Regionalliga-Staffel mit 10 Zweitvertretungen bei 18 teilnehmenden Mannschaften ist einfach kein investitionsfreudiges Umfeld, wenn man an dieser Stelle mal davon absieht, dass viele Vereine aber auch aufgrund der eigenen Außenwirkung kein positives Signal an Investoren senden.

Zeitgleich zu Reinhard Rauball hat sich Fußball-Bayern mit dem Wendelsteiner Anstoß ins Gespräch gebracht. Der Bayerische Fußballverband hat für den DFB-Bundestag den Antrag gestellt, dass die Regionalliga zu einer Amateurliga mit 8 Staffeln wird, in denen jeweils maximal 6 Zweitvertretungen spielen. Der Wendelsteiner Anstoß ist nun unterstützend zum Antrag eine Gemeinschaftsproduktion zwischen Bayerischem Fußballverband und den Vereinen der Bayernliga, die witzigerweise mit der Regionalliga allesamt schonmal herzlich wenig zu tun haben. Nichtsdesotrotz fühlt man sich vereint bemüßigt, zu fordern, dass die Regionalliga als Deutsche Amateurmeisterschaft ausgespielt wird mit Vereinen, die größtenteils nicht in den Profifußball wollen und deren neues Ziel die Amateurmeisterschaft ist. Diese wird von den 8 Meistern der Regionalligen, äh sorry in bayerischer Sprache Oberligen ausgespielt, so der Erste der Oberliga nicht ausgerechnet eine U23-Mannschaft eines Proficlubs ist. Die ersten drei der Amateurmeisterschaft erwerben sich dann nebenbei das Recht, vom Amateurstatus in den Profifußball zu springen, während die Zweitvertretungen irgendeine nicht näher definierte Aufstiegsregelung zur Ablösung der Drittligakollegen nutzen.

Der Wendelsteiner Anstoß stellt bei allem was man kritisieren könnte eine ganz entscheidende Frage, nämlich welche sportlichen Strukturen an der Schwelle zwischen Profis und Amateuren sinnvoll sind und stellt richtigerweise fest, dass viele Vereine die teils professionellen Bedingungen der Regionalliga nicht erfüllen können. Dummerweise lässt der Wendelsteiner Anstoß völlig außer Acht, dass allein in der Regionalliga Nord mit Magdeburg, Halle, Leipzig, Kiel und Chemnitz und potenziell auch Lübeck diverse Clubs mit absoluten Profiambitionen am Werken sind, denen sicherlich nicht daran gelegen ist, eine Amateurmeisterschaft auszuspielen bzw. den Erfolg des Meistertitels der Oberliga in der Aufstiegsrunde wieder wegschwimmen zu sehen. Das derzeitige Dilemma der Regionalliga ist tatsächlich, dass in ihr Profi-Clubs und Amateur-Clubs neben- und miteinander existieren bzw. aufeinanderprallen. Das Problem dadurch lösen zu wollen, alle in regionale Amateurstrukturen zu pressen, mag zwar für kleinere, bayerische Vereine eine Option sein, außerhalb von Bayern dürfte sich die Begeisterung darüber allerdings in Grenzen halten.

Abseits von medialen Inszenierungen bleiben meiner Meinung nach folgende Modellmöglichkeiten:

2 Anträge auf dem DFB-Bundestag:

  • Der bayerische Antrag mit den 8 Oberligen inklusive Beschränkung der Zweitvertretungen. Meiner Meinung nach nicht zielführend.
  • Der nordrhein-westfälische 2+1-Vorschlag, der eher auf ein Mehr an Professionalität abzielt, weil er 2 Regionalliga-Staffeln (Nord und Süd) ohne U23-Teams und eine Extra-Nachwuchsrunde (aus der ein Team in die 3.Liga aufsteigt und ein anderes U23-Team ersetzt) vorschlägt. Meiner Meinung nach eigentlich nicht konsequent genug. Wenn man schon die U23-Teams raus wirft, dann gleich in eine eigene Liga für alle Zweitvertretungen (also auch die der 3.Liga). Ob man allerdings 36 professionell arbeitende Regionalligisten findet, die die Nord- und Südstaffel füllen, ist fast schon anzuzweifeln. Längere Fahrtwege und weniger Derbys kommen dazu. Da die Profiteams aber sowieso jede Beschränkung ihrer Zweitvertretungen blockieren, ist der 2+1-Vorschlag fast schon zum Scheitern verurteilt.

3 weitere denkbare Modelle:

  • die U23-Teams werden analog zu den A-Junioren aus dem regulären Spielbetrieb ausgegliedert und spielen eine Art Nachwuchsmeister aus. Meiner Meinung nach das konsequenteste aller Modelle und in Bezug auf die Leistungsfähigkeit und das Image der Regionalligen das sinnvollste. Man könnte bei 3 relativ regionalen Staffeln bleiben und hätte 3 Aufsteiger. Auf der anderen Seite steht die Position der DFL dem komplett entgegen und lässt die Umsetzung dieses Modells aussichtslos erscheinen. Zudem geben die Proficlubs für die von ihnen vom DFB verlangten Nachwuchsleistungszentren viel Geld aus, eine Anlage, die sich auch rentieren soll. Die U23-Teams sind da ein wichtiges Bindeglied beim Sprung aus der Jugend ins Profiteam.
  • Man macht aus den U23-Mannschaften U21-Mannschaften. Meiner Meinung nach ließe sich so die Anzahl der Zweitvertretungen in der Regionalliga eventuell auf ein akzeptables Maß (5-6 pro Staffel) reduzieren. Zudem dürfte die Anzahl der Spieler, die mit 21 (also 2 Jahre nach dem Austritt aus dem Juniorenbereich) noch nicht den Anschluss an den Profikader gefunden haben, aber das Potenzial besitzen, ihn bis 23 zu finden, gering sein. Einzelfälle, bei denen Proficlubs auf eine Post-21-Leistungsexplosion hoffen, könnten bei diesem Modell verliehen werden.
  • Eine 4.Liga. Nach den vielen Debatten der letzten Wochen fast meine Lieblingslösung. Wenn man die bayerische Frage nach der Grenze zwischen Profi und Amateur und meine Antwort, sie verlaufe quer durch die Regionalliga ernst nimmt, dann sollte man eine 4.Profiliga mit 18 oder 20 Vereinen schaffen, die die restlichen Vereine, die professionell arbeiten wollen auffängt und unterhalb der dann tatsächlich Amateurfußball organisiert wird. In der 4.Liga könnte man wie in die 3. nur vier Zweitvertretungen zulassen, sodass in Summe maximal 8 U23-Teams in Liga 3 und 4 spielen dürfen. Eine 4.Liga dürfte mit einem enormen Imagegewinn für die beteiligten Vereine verbunden sein. Inwieweit sich dies auch finanziell auszahlt, bliebe abzuwarten. Wie eine solche 4. Liga aussehen könnte, sieht man ganz unten.

Pro und Con

  • Was spricht für Zweitvertretungen im regulären Spielbetrieb: Wettkampfpraxis für den Nachwuchs im Männerbereich. Sinnvoll für die Jugendarbeit der Profivereine, da somit die Kluft zwischen Junioren- und Profi-Bereich kleiner wird. Wenn die Proficlubs nicht immer so tun würden als läge ihre Jugendarbeit in einem übergeordneten (meist nationalen) Interesse, wäre der Blick auf die nicht ganz so hehre und trotzdem plausible Realität nicht so verstellt.
  • Was spricht gegen Zweitvertretungen im regulären Spielbetrieb: Proficlubs in 3.Liga und Regionalliga per se als Sparringspartner für den eigenen Nachwuchs einzufordern, ist ziemlich verwegen. Und: Die Masse an Zweitvertretungen (insbesondere im Westen) verschlechtert Außenwirkung und Image der Liga in nicht vertretbarem Ausmaß. Und: Das Argument, Zweitvertretungen brächten keine Fans mit, ist meiner Meinung nach keins (zumindest kein finanzielles), weil auch die meisten Erstvertretungen der Regionalligisten keine/ kaum Fans mitbringen.

Am Rande: Ein Sport-BILD-Streitgespräch zwischen Augsburgs Manager Rettig und dem bayerischen Fußballverbandschef Koch vom 13.10.2010 legt nahe, dass die Clubs, die die Interessengemeinschaft Regionalliga-Reform bilden, also Regionalligisten, die das 2+1-Modell wollen, in einem Treffen mit der DFL von diesen Forderungen abgerückt wären. Das würde bedeuten, dass es eigentlich keine Vereinsbasis mehr für die 2+1-Forderung gibt. echomuenster.de [broken Link] korrigiert dieses Bild, wenn auch ziemlich wachsweich.

Und abschließend noch ein Lesehinweis: die Sicht eines Proficlubs auf die Regionalliga-Reform liefert textilvergehen.de mit einem Interview mit Unions Teammanager Christian Beeck.

Fazit: die Regionalligisten hätten im Idealfall gerne eine attraktivere Liga, die DFL möchte eigentlich am liebsten alles so lassen wie es ist und sitzt aus meiner Sicht am längeren Hebel. Man wird sich wohl bis zum nächsten Frühjahr zu einer Veränderung durchringen, die vermutlich auf finanzielle Kompensationen hinausläuft. Die DFL heftet sich dies dann als Solidarität mit dem Amateurfußball an die Brust, die Regionalligisten werden behaupten, dass sie nun etwas besser gestellt sind und nach vorne schauen. Und zwei Jahre später wird man wohl von vorn über die Regionalliga diskutieren. Ob ich mich dann immer noch dafür interessiere? Wer weiß.

Als Zusatz hier noch eine denkbare 4.Liga:

  • Chemnitzer FC
  • VfL Wolfsburg II
  • RB Leipzig
  • Hallescher FC
  • VfB Plauen
  • VfB Lübeck
  • 1.FC Magdeburg
  • Holstein Kiel
  • SC Verl
  • Eintracht Trier
  • Borussia Dortmund II
  • Sportfreunde Lotte
  • Preußen Münster
  • FC Schalke 04 II
  • Hessen Kassel
  • TSG Hoffenheim II
  • Sonnenhof Großaspach
  • FC Memmingen
  • SV Darmstadt
  • SC Pfullendorf

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