Kommunikationsguerilla

Zuerst waren da Aufkleber-Motive einer Gruppe namens Ultras Red Bull Leipzig mit den Sprüchen „Für den modernen Fußball“ und „Tradition seit 2009“ und ich dachte, ach schau her, das ist einmal eine witzige Antwort auf die Anti-RBL-Fraktion. Nicht völlig selbstironiefrei und trotzdem eindeutig in der Sache. Ähnlich wie das bei Spielen von RasenBallsport Leipzig die Fans mit ihrem „Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf“ (Reaktion auf den Stinkefinker eines Halberstädter Spielers, wenn ich mich recht erinnere), „Hier könnte Ihre Werbung stehen“ (Transparent bei einem der Lokalderbys) oder „Unsere Tradition heißt Zukunft“ (erstes Ligaspiel gegen den FC Sachsen) auch schon hinkriegten.

Dann wurde es härter, die Ultras Red Bull Leipzig schossen mit dem Transparent „Red Bull verleiht Prügel“ ein – sagen wir mal erlebnisorientiertes – Foto vor dem Kurt-Wabbel-Stadion in Halle, veröffentlichten dies im Internet und pöbelten gegen alles und jeden, der ihren virtuellen Weg kreuzte.

Natürlich hätte spätestens jetzt jedem klar sein können, dass es diese Gruppe nicht gibt. Bzw. jedem, der sich die Mühe macht, sich die Fankultur bei RasenBallsport Leipzig einmal virtuell oder im Stadion anzugucken. Bei RB Leipzig in der Kurve stehen Leute, die mit Ultras, Fahnenklau und Gewaltnähe gar nichts anfangen können. Oder anders gesagt: „ultras bei rbl?!? da wäre ja die deutsche meisterschaft für st. pauli derzeit fast realistischer…“ Wohl wahr.

Fast einen Monat lang ließen sich die Ultras Red Bull Leipzig Zeit, öffentlich zu erklären, dass es sich bei ihrer Gruppe nur um einen Fake handelt, ein Monat, in dem die geballten Gewaltandrohungen diverser Einzelpersonen die Kommentarspalten ihres Blogs füllten, ein Monat, in dem sich eine Menge Wut auf ein paar selbsternannte „sportliche Jungs aus Markranstädt und Umgebung“ entlud. Mit den Worten „Die ‚Ultras RBL‘ existieren nicht.“ löste sich die nichtexistente Gruppe dann wieder auf, hinterließ aber noch ein paar Begründungen für ihren Fake, die man hier und hier nachvollziehen kann. Ganz grob zusammengefasst ging es der Gruppe darum, den Hass auf RasenBallsport Leipzig auf die Schippe zu nehmen und anderen Ultra-Gruppen den Spiegel vorzuhalten. Man wollte „die nicht besonders reflektierten Fußballfreunde Ostdeutschlands bewusst in Rage versetzen„.

Ganz grundsätzlich finde ich die Idee, die Motive der Ablehnung von RasenBallsport Leipzig und seines sportlichen Dachs Red Bull zu durchleuchten und zu kritisieren, gut und unterstützenswert. Gerade das ressentimentgeladene Bild, dass Red Bull den ganzen schönen, bodenständigen Fußball kaputtmache, bietet sich hier an. Was mir an dem Fake der Ultras Red Bull Leipzig aber immer noch aufstößt, ist die Tatsache, dass sich hier Leute, die angeben, dass ihnen RasenBallsport Leipzig „herzlich egal“ sei, einen pöbelnden Spaß erlauben, den sie leider auf dem Rücken anderer austragen, nämlich auf dem derer, die tatsächlich die Kurve von RasenBallsport Leipzig besuchen und im Rahmen des Fakes von den wütenden Reaktionen im Netz als diejenigen auserkoren wurden, die schon noch sehen würden, wohin sie mit ihrer großen Klappe kommen würden. Die nichtexistenten Ultras Red Bull Leipzig nahmen es zumindest billigend in Kauf, dass aufgrund ihres Fakes ‚erlebnisorientierte‘ Leute tatsächlich auf die Idee kommen, sich für das Kurt-Wabbel-Foto zu revanchieren. Einen Monat lang dem gewaltandrohenden Treiben zuzuschauen, um dann festzustellen, dass „Gefahr für Leib und Leben der tatsächlichen Fans von ‚RB Leipzig‘ durch unsere Aktionen stärker als ohnehin schon bedroht“ ist, zeugt mindestens von guten Nerven, eher aber von einer gewissen Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Fans.

Ich bin nun beileibe kein Kurvenbesucher und werd es in diesem Leben wohl auch nicht mehr, aber stünde ich in der Kurve und versuchte eine relativ neue, ultrafreie Fankultur zu leben, wäre ich vermutlich sauer, wenn jemand quasi in meinem Namen anderen Ultragruppen auf die Füße tritt. Wie witzig das wer auch immer finden mag und wie inhaltlich nah mir vieles der Analysen auch sein mag, mit der Aktion bügelt man seinen eigenen Aktionismus im Namen einer besseren Fußballwelt über eine Vereinsfankultur drüber, die man wohl besser selbst entscheiden lassen sollte, wie und ob sie mit den „Ressentiments gegen RB Leipzig“ umgehen. Sich wie eine Männerhorde im Netz zu präsentieren und rumzupöbeln und zu glauben, dass die Angepöbelten sich davon den Spiegel vorhalten lassen, stünde jedenfalls für die aktuelle Fanszene wahrscheinlich sehr weit hinten auf der Liste der Optionen.

Flattr this!

7 Gedanken zu „Kommunikationsguerilla“

  1. Sorry aber für mich sind sowohl die echten wie auch die Fake-Ultras (Beschimpfung gelöscht). Kommentar rotebrauseblogger: Lieber dröhn, mehrmals bereits hatte ich in diesem Blog darauf hingewiesen, dass ich sehr vieles toleriere, nur keine Beschimpfungspostings, wen auch immer sie treffen mögen. Zukünftige Kommentare dieser Art werde ich wie die Beschimpfung in Deinem Kommentar hier einfach löschen.

  2. Ganz peinlicher Auftritt dieser abgehobenen, elitären, einen bildungsbürglichen Habitus annehmenden Fake-Gruppierung. Die Erkenntnis: „Ultras“ haben etwas gegen RB und kommunizieren das nach außen hin auf eine plumbe, pubertäre und/oder aggressive Art und Weise. Geschenkt. Das ist für mich keine Nachricht. Mir hätte es besser gefallen, wenn man sich inhaltlich mit den guten und schlechten Argumenten auseinandersetzt. Dann werden sehr wohl Unterschiede in der Argumentation etwa zwischen „linken Fans der BSG Chemie“ und „rechts offenen Fanszenen“ (Gedächtniszitat) bei Lok und HFC offenbar. Was fehlt, ist eine tiefgreifende Analyse: Was ist warum genauso, wie es sich präsentiert?

  3. Ich verstehe Eure Kritik an der ganzen Aktion voll und ganz.

    Der Bloßstellungseffekt gelang allerdings schon sehr gut, wenn man sich alleine die Kommentare unterhalb des „Manifests“ anschaut. Dort driftet die Diskussion schon nach wenigen Kommentare dahin ab, dass sich verbal die Fans verschiedener Vereine auf die Kappe hauen. Das ist schon mehr als bezeichnend.

    Wie gesagt, das ist keine Wertung der Aktion an sich, aber den Aspekt fand ich definitiv bemerkenswert.

    Danke auf jeden Fall für den Text. An mir ging die ganze Geschichte bislang nämlich komplett vorbei…

  4. Nun dann werde ich mal meine obige Aussage umformulieren müssen. Sowohl Fake als auch echte Ultras können sich meinetwegen zu virtuellen oder echten Begegnungen treffen. Ich empfinde aber beide Verhaltensweisen als schräg und muß dem auch nicht wohlwollend gegenüberstehen.

    😉

  5. „Ich bin nun beileibe kein Kurvenbesucher und werd es in diesem Leben wohl auch nicht mehr, aber stünde ich in der Kurve und versuchte eine relativ neue, ultrafreie Fankultur zu leben, wäre ich vermutlich sauer, wenn jemand quasi in meinem Namen anderen Ultragruppen auf die Füße tritt. “
    Hier, finde ich, findet keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Fans statt, wie sie notwendig ist. Nur weil eine Fangruppe (ob existent oder nicht) hier eine andere (oder mehrere) provoziert, ist das doch nicht sofort im Namen eines jeden Kurvenbesuchers. Dass diese Differenzierung bei den meisten Gegner von RBL auch nicht stattfindet, mag stimmen. Aber man muss wohl damit klarkommen, dass andere Fans des gleichen Vereins Dinge tun, die man nicht unterstützen würde, ohne gleich darauf zu schließen, dass sie im Namen aller Fans sprechen. Das ist bei jedem anderen Fußballclub auch so und wird sich nicht vermeiden lassen, wenn man einen solchen gemeinsamen Identifikationspunkt hat.

  6. Das stimmt sicherlich. Andererseits habe ich das, was ich aus der Kurve bei RB zum damaligen Zeitpunkt mitbekommen habe, schon als relativ homogen wahrgenommen. Von daher auch die Benennung als die Kurve. Inzwischen würde ich jedenfalls definitiv nicht mehr davon reden, dass die Kurve eine ultrafreie Fankultur leben will. Da gibt es inzwischen durchaus Gruppen, die sich an solcher Kulutr orientieren.
    Ich glaube weiterhin, dass das ärgerliche an der Aktion war, dass hier Leute, die sagen, dass ihnen RB egal ist, Leute, denen RB nicht egal ist, für eine bestimmte Aktion instrumentalisieren. Von daher auch die Bemerkung, dass ich als Kurvenbesucher egal welcher Coleur sauer über diese Instrumentalisierung gewesen wäre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.