Mentales

Vor kurzem war Carsten Kammlott bei kopfstoss.fm zu Gast und sprach immerhin eine dreiviertel Stunde mit seinen moderierenden Gastgebern. Viel Erkenntnis bleibt von dem Gespräch allerdings nicht, da es Carsten Kammlott hörbar schwer fiel, die Bälle, die im Interview Homophobie im Fußball, Tradition vs. Moderne oder Hass auf RasenBallsport Leipzig hießen, elegant zu verwerten.

Interessant jedoch, dass Kammlott auf Nachfrage die Notwendigkeit eines Mentaltrainers für RB Leipzig mit der Bemerkung verneinte, dass man sich bei Problemen ja an den Trainer wenden könne. Nunja, ich hoffe beim Verein geht man nicht ganz so abfällig mit den Möglichkeiten, die ein Mentaltrainer mit sich bringt, um. Die Mannschaft lebt mit einem extremen internen (Konkurrenzkampf) und externen (Öffentlichkeit, Fans) Druck, den in der Form vermutlich noch keiner der Spieler in seiner bisherigen Karriere verarbeiten musste. Gerade die ständige Drohkulisse des Scheiterns und der Häme lässt sich vielleicht vergessen, wenn man einen Lauf hat, aber nicht in der derzeitigen sportlichen Situation. Und bei aller möglichen Wertschätzung für Tomas Oral liegt die Arbeit mit menschlichen Kognitionen, die Arbeit an mentaler Stärke und Selbstvertrauen nun nicht unbedingt in seinem zentralen, beruflichen Kompetenzbereich. Heißt, ein Mentaltrainer ist sicher kein Muss, könnte für RasenBallsport Leipzig aber durchaus eine sinnvolle Investition sein.

Uli Hoeneß hat einmal sinngemäß gesagt (leider find ich das Zitat auf die Schnelle nicht), dass 95% Leistung selbst für die Bayern gegen keinen Gegner reichen, außer der Gegner bringt selbst nur 95%. Da die Gegner von RasenBallsport Leipzig in dieser Saison eher 105% als 95% aus sich herausholen werden, werden auch die RasenBallsportler Spiel für Spiel das Optimum aus sich heraus holen müssen. Mentale Schwächen passen da eher schlecht ins Bild, zumal wenn die Mannschaft bereits spielerisch noch lange nicht bei 100% ist. Verwunderlich in diesem Zusammenhang Kammlotts Aussage im Radiointerview, dass bspw. die Beschädigung des Mannschaftsbusses in Braunschweig in der Mannschaft kein Thema gewesen sei. Mag ja sein, dass die Mannschaft nicht viel drüber redet, aber schwer vorstellbar, dass diese Dinge nicht auch in den Köpfen der Spieler stecken, wenn sich Timo Rost schon in Bezug auf die Spiele über die negative Berichterstattung beschwert. Wenn die Mannschaft keinen Weg findet mit ihrer (auch aggressiven) Umwelt zu leben und die Ereignisse zu verarbeiten und in (positive) Energie umzusetzen, dann könnten dauerhaft ein paar Prozent fehlen. Bayern-Gen heißt das Stichwort, das das besonders Wohlfühlen in feindlich gesonnener Umgebung meint. Mentaltrainer hin oder her, so etwas wird man brauchen.

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Ein Gedanke zu „Mentales“

  1. die hörbare intellektuelle Limitiertheit von Kammlott (nicht bös gemeint) sehr elegant beschrieben 😉

    ich glaube ein Mentaltrainer wird im heutigen Profifußball immer noch überwiegend als eine Art von gezeigter „Schwäche“ ausgelegt, so nach dem Motto … das sind ganze Kerle, die brauchen nicht auf die Couch … (wobei die sofortige Assoziierung von Mentalcoaching und Couch ja nun auch nicht zutrifft) …

    ich seh es z.B. nicht so ganz wie ein selbstbewußter Lautsprecher, wie eben Timo Rost, ein solches Angebot freiwillig in Anspruch nimmt … für die ganz jungen Spieler die noch nie in einer solchen Situation waren wäre das aber sicher ein gutes und begrüßenswertes Angebot.

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