Bundesliga: Hannover 96 vs. RB Leipzig 2:3

28. Spieltag in der Bundesliga. So langsam geht es um die finalen Entscheidungen. Für RB Leipzig geht es in den verbleibenden Spielen darum, ob man nächstes Jahr Champions League oder Europa League oder ausschließlich Bundesliga spielt. Viele Punktverluste liegen nicht mehr drin, wenn man am Ende mindestens Vierter werden will. So kam auch dem Spiel in Hannover bereits eine richtungsweisende Bedeutung für die kommenden Wochen zu. Mit lange viel Klasse und am Ende viel Glück sicherte man sich die drei Punkte beim erstmaligen Auftritt bei der Männermannschaft von Hannover 96.

Bei RB Leipzig fehlte verletzungsbedingt Stefan Ilsanker. Gegenüber dem Spiel gegen die Bayern saßen zudem Upamecano, Kampl, Sabitzer und Poulsen nur auf der Bank. Orban, Bernardo, Werner, Forsberg und Augustin standen dafür in der Startelf. Nicht überraschend agierte man diesmal nicht mit einer Dreierkette, sondern im gewohnten 4-2-2-2, in dem auch Klostermann nach zwei Einsätzen bei der deutschen U21 fehlte.

Auf Seiten von Hannover 96 gab es nur einen Wechsel gegenüber dem Spiel in Dortmund. Martin Harnik kam für Niklas Füllkrug in die Partie. Mehr Fokus auf das Umkehrspiel als auf physische Strafraumpräsenz. Auch auf der Bank blieb Bebou, der unter der Woche leicht erkrankt war und mit seinen Qualitäten in der Offensive in einem Spiel gegen RB auch von Anfang an gut getan hätte, wie er dann in der zweiten Halbzeit zeigte. Organisiert war Hannover in einer Art 5-3-2 mit einem Sechser Schwegler und unterschiedlich offensiven Achtern Bakalorz und Klaus davor. Manche sprachen auch von einer Dreierkette, aber in dem Fall war es wegen der absoluten Defensivfokussierung tatsächlich eine Fünferkette.

Mit den taktischen Formationen und ihrer Interpretation war der Verlauf der ersten Halbzeit schon komplett vorgeprägt. Hannover beschränkte sich 45 Minuten lang darauf, tief zu verteidigen und auf eine Chance zum Umschalten zu lauern. Zwei-, dreimal tat ihnen RB mit Ballverlusten in der eigenen Hälfte den Gefallen, eine Umschaltchance zu kriegen, aber was 96 bis zur Pause in Richtung RB-Strafraum spielte, war bis auf einen Klaus-Fernschuss nicht erwähnenswert und fast schon erschreckend ungenau und ungefährlich, wenn man jenes Hannover-Team im Hinterkopf hat, das in der Hinrunde teilweise noch mit einer sehr guten Strafraumbestzung geglänzt hatte.

Dass Hannover so schlecht aussah, lag aber nicht nur an ihrer zurückhaltend-ängstlichen Spielanlage, sondern auch daran, dass RB vieles sehr gut machte. Fast 70% Ballbesitz bei sehr deutlich über 80 Prozent Passquote, damit dominierte man die Partie. Und mit kompromisslosem Gegenpressing ließ man den Gastgebern keinerlei Luft, sich bei Ballgewinnen mal sinnvoll zu befreien. Es war eine ähnlich kontrollierte und gute Partie wie jene von RB in St. Petersburg. Spitzenmannschaftslike legte man sich den Gegner zurecht und brachte im vordersten Drittel auch immer mal Geschwindigkeit in die Aktionen, sodass Spieldominanz und -kontrolle nicht ausschließlich verwaltend-brotlose Kunst blieben.

In der ersten Viertelstunde hatte Bruma noch zwei kleinere Gelegeheiten, bevor das Führungstor fiel. Balleroberung. Augustin öffnet mit großartiger Bewegung den kompletten Raum und bedient auch noch mustergültig Werner, der in den Strafraum startet und statt abzuschließen den Blick für (den recht deutlich nicht im Abseits stehenden) Emil Forsberg hat, der am langen Pfosten mitgelaufen war und den Ball aufgespielt kriegt, sodass er nur noch einschieben muss. In seinem ganzen Ablauf ein Tor, das man auch in jedes Lehrvideo aufnehmen könnte.

Mit der Führung im Rücken dominiert RB die Partie weiter nach Belieben, während Hannover sich im Laufe der Partie defensiv stabilisiert, auch weil die Gäste nicht jeden Angriff mit letzter Konsequenz ausspielen. Manchmal ist man da am gegnerischen Strafraum zu verspielt und zu ungenau. Erst kurz vor der Pause haben Werner, Augustin und Bernardo wieder Abschlusschancen mit größerer Torgefahr.

Lange souverän und am Ende doch gezittert. RB Leipzig gewinnt in Hannover 3:2. | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Insgesamt war es aber eine fast perfekte erste Halbzeit von RB Leipzig gegen überforderte und zurückhaltende Gastgeber mit einer sehr guten Mischung aus verwaltender Ballkontrolle (also defensiver Risikominimierung) und Versuch, ein zweites Tor zu erzielen. Es fehlte lediglich eben das zweite Tor, um die Überlegenheit auch in Zahlen auszudrücken.

In der Halbzeitpause reagierte Hannover auf den Spielstand und die erste Halbzeit. Breitenreiter brachte Bebou für Korb und stellte auf Viererkette um.  Das veränderte das Spiel dahingehend, dass es offener wurde, weil 96 nun mit Bebou einen in der Offensiv hatte, der den Ball halten und auch mal ein Dribbling setzen konnte und weil man auch in der Gesamtformation nicht mehr nur auf Defensive geeicht, sondern auf ein aktiveres Spiel eingestellt war.

So veränderten sich die Spielanteile nach der Pause auch deutlich. RB Leipzig nun mit weniger als 50% Ballbesitz und klassischer Umschaltpassquote von deutlich unter 80%. Nur blieb es für die erste Viertelstunde der zweiten Halbzeit dabei, dass vor dem Tor nur RB stattfand. Werner hat nach 50 Minuten die große Chance auf das 2:0, schießt aber knapp links am Tor vorbei. Orban ist es dann, der den verdienten zweiten Treffer erzielt. Nach einer kurzen Ecke auf Keita, der das Tor per Flanke vorbereitet. 11:2 Torschüsse bis zu diesem Zeitpunkt, praktisch keine Chance zugelassen. Alles im Griff.

Das änderte sich nach einer Stunde gründlich. Eine Doppelchance der Hausherren läutete eine letzte halbe Stunde ein, in der RB Leipzig phasenweise in der Defensive komplett die Kontrolle und Orientierung verlor und aus der piepsenden Maus Hannover eine bissige Ratte wurde. Klingeln hätte es schon nach 61 Minuten können, als Gulacsi an einer Hereingabe vorbeisprang und Jonathas hinter ihm das leere Tore vor sich hatte, aber beim Torabschluss noch entscheidend vom zurücksprintenden Laimer gestört wurde. Eine Minute später hatte auch Klaus aus dem Rückraum kein Schussglück und setzte den Ball freistehend deutlich über das Tor.

Hannover nun deutlich am Drücker. Hasenhüttl hatte nach 60 Minuten mit Sabitzer schon mehr Spiel gegen den Ball eingewechselt und brachte nach knapp 70 Minuten auch noch Poulsen für Augustin. Kopfballstärke, Spiel gegen den Ball. Grundsätzlich verständlich, aber auch Teil dessen, warum die letzten 20 Minuten dann noch chaotischer wurden. Denn mit Poulsen auf dem Platz veränderte sich die Spielidee nun endgültig weg von Ballkontrolle hin zu langen Bällen auf Poulsen, der sich da gegen die in der Luft starke 96-Innenverteidigung nicht entscheidend durchsetzen konnte. Das RB-Spiel wurde dadurch extrem unruhig und brachte Hannover immer wieder schnell zurück in Ballbesitz. Etwas mehr als 30% Ballbesitz hatte RB in den letzten 20 Minuten nur noch. Die Passquote brach dabei auf katastrophale 50% zusammen.

Die Spielkontrolle war bei RB also damit komplett dahin, was auch daran lag, dass Hannover wesentlich aggressiver zu Werke ging. Mit Füllkrug war noch mal eine Strafraumoption für Jonathas gekommen. Generell klappte die Strafraumbesetzung nun wieder gut und rückten auch immer wieder Spieler  wie Bebou, Bakalorz oder Klaus mit in den Sechszehner, wo RB damit einigermaßen überfordert war, weil 96 es auch schaffte, immer wieder Bälle in den RB-Strafraum zu schlagen.

Das 1:2 fiel dabei nach einer Ecke, bei denen Hannover gerade mit Sané Qualitäten hat, die man kaum verteidigen kann. Entsprechend war es dann auch der Abwehrchef, der nach 71 Minuten einnickte.

Auf der anderen Seite ergeben sich für RB nun natürlich auch ein paar gute Konterräume. Keita bekommt dabei nach 74 Minuten den Ball quasi an den Kopf geschossen, von wo aus der über den Kasten trudelt. Kurz danach macht man es besser. Werner ist links schneller als Sané und hat wieder das Auge für den Mitspieler am langen Pfosten. Diesmal steht Poulsen da und schiebt den Ball zur vermeintlichen Vorentscheidung über die Linie.

Doch denkste, denn zwei Minuten später schießen die Gastgeber schon wieder den Anschluss. Flanke aus dem Halbfeld. Füllkrug steht im Strafraum viel zu frei und platziert den Ball mit dem Kopf perfekt.

Im Stadion nun auch auf Seiten der Heimfans gute Stimmung. Und Hannover macht es weiter mit Wucht und Energie. Und kommt sogar zum Ausgleich. Nur drei Minuten nach dem 2:3 hatte Füllkrug wieder freistehend einen verunglückten Schuss aufgenommen und aus zehn Metern perfekt abgeschlossen. Jubel, Ekstase, Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt. Bis Guido Winkmann den Treffer wegen Abseits nach Videobeweis zurücknahm.

Hasenhüttl hatte schon vor dem vermeintlichen 3:3 Dayot Upamecano gebracht, nachdem er vorher noch (wenn ich das richtig gesehen habe) Kevin Kampl bringen wollte. Statt Stärkung der Ballkontrolle also das Setzen auf den Turm in der Schlacht, der hinten helfen sollte, die Bälle rauszuschlagen. Zu dem Zeitpunkt vielleicht sogar verständlich, dass man das Ergebnis vornehmlich in einer Abwehrschlacht retten wollte.

Half nur nicht nur nichts beim Füllkrug-Abseits-3:3, sondern auch nichts bei der nächsten Großchance. Denn eine Minute vor Ablauf der regulären Spielzeit tauchte plötzlich Bakalorz frei vor Gulacsi auf und brachte den Ball zwar am Keeper vorbei, aber traf dabei nur den linken Außenpfosten.

Poulsen hatte anschließend im Konter noch die Großchance zum 4:2. Hannover auf der anderen Seite versuchte noch mal alles, kam aber in vier Minuten Nachspielzeit zu keinen zwingenden Abschlüssen mehr. Abpfiff. Enttäuschen bei den Gastgebern nach großem Fight in der letzten halben Stunde. Erleichterung bei den Gästen.

Fazit: Am Ende zitterte RB Leipzig sich über die Ziellinie. Nachdem man die Partie 60 Minuten lang im Stile einer Spitzenmannschaft dominiert hatte und 2:0 führte, verlor man in den letzten 30 Minuten in der Positionierung auf dem Platz phasenweise komplett die Kontrolle über Ball und Gegner, der zeigte, dass man es gegen RB mit Wucht und Physis viel besser spielen kann, als abwartend und tief verteidigend. Bis zur 60. Minute hätte man es für absurd gehalten, dass Leipzig in diesem Spiel noch Punkte abgeben muss. In der Schlussphase halfen ein bisschen Glück, der Pfosten und der Videobeweis, dass die Gastgeber nicht noch einen Punkt mitnahmen, den sie sich in der Schlussphase sogar auch verdient gehabt hätten. Was passiert wäre, wenn das 3:3 nach 82 Minuten gezählt hätte, will man auch gar nicht wissen. Dann hätte auch ein Siegtreffer der Gastgeber noch im Bereich des absolut möglichen gelegen. Insgesamt hat sich RB den Sieg durch die ersten 60 Minuten sicherlich auch verdient, aber der extreme Verlust an Kontrolle in der letzten halben Stunde war durchaus eklatant und hätte mal wieder wichtige Punkte kosten können.

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Randbemerkung 1: Im Vergleich zur Vorsaison RB Leipzig nach 28 Spielen mit zwölf Punkten weniger. Gegen dieselben Gegner wie 2016/2017 holte man in dieser Saison bisher 10 Punkte weniger als im Vorjahr (wenn man die Aufsteiger Stuttgart und Hannover gegen die Absteiger Ingolstadt und Darmstadt tauscht). Macht dann aktuell Platz 4 (oder 5, wenn Frankfurt heute noch in Bremen punktet). Läuft derzeit, weil sich Schalke weiter eher hässlich durch die Liga punktet und ein Stück vor dem Rest steht, auf ein enges Rennen um die Plätze 3 und 4 heraus. Dortmund, Frankfurt, Leverkusen und vielleicht ja sogar noch Hoffenheim  sind die Konkurrenten für RB im Kampf um die Champions League. Mit Leverkusen und Hoffenheim hat man dabei noch zwei der Teams in Heimspielen als Gegner. Sechs Spiele sind es ingesamt noch in der Bundesliga. Wird ein interessantes Rennen, das sich wohl nicht wesentlich vor dem letzten Spieltag entscheidet. Bei mindestens sieben Punkten Vorsprung auf Platz 8 (je nachdem, wie Mönchengaldbach in Mainz spielt) kommt RB immerhin dem Punkt näher, dass man zumindest Europa-League-Quali-Platz 7 sicher hat.

Randbemerkung 2: Rund 2.400 RB-Fans mit beim erstmaligen Auswärtsspiel in Hannover (wenn man die Spiele in der Regionalliga gegen die 96-U23 mal nicht betrachtet). Im Vergleich zur Vorsaison (wenn man es mit Darmstadt vergleicht) waren das rund 1.200 mehr bei sehr viel kürzerer und entspannterer Anreise. Insgesamt waren es damit bisher in dieser Saison rund 6.100 Fans weniger bei 14 Auswärtsspielen als gegen die selben Gegner wie im Vorjahr (die Aufsteiger Hannover und Stuttgart ersetzen die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt). Was im Kern an den 5.000 Fans, die diese Saison in Dortmund und den knapp 2.000, die am Montagabend in Frankfurt fehlten, liegt.

Randbemerkung 3: In Hannover weiter Spannungen zwischen Vereinsführung und Fankurve und entsprechend Stimmungsboykott. Durchaus seltsam so ein Spiel in einem Stadion, das doch arg ruhig ist, weil sich niemand findet, der den willigen Rest mitzieht. Wenn dann noch dazukommt, dass das Heimteam 60 Minuten lang chancenlos ist, potenziert es sich. Dass das Stadion, Stimmungsboykott hin oder her, auch in Wallung kommen kann, zeigte sich dann vor allem in den letzten 20 Minuten, als die 96-Fans vom offenen Fight ihrer Mannschaft mitgerissen wurde. Da wurde es dann auch auf den Rängen zu einem offenen Fußballfight, der es auch wegen einer recht gut gelaunten Gästekurve ganz lange nicht war.

Randbemerkung 4: Passend zu den Querelen zwischen Fans und Vereinsführung in Hannover, dass vor dem Spiel diverse Banner vom Verein verboten wurden, die sich gegen RB richteten. Da waren harmlose, ironische, aber auch schlicht (vereinzelt atemberaubend) dusslige dabei. Ob man das so handhaben muss, müssen sie in Hannover selber wissen (also sowohl, was Bannerideen, als auch deren Verbot angeht). Im Stadion hing dann ein großes Banner, das sich gegen das „Produkt RB“ richtete (und bis zum Spielbeginn weiter unten das identische Banner in kleinerer Form). Das ging dann für die Vereinsführung offenbar als tragbares, ideelles Gesamtkritikbanner durch. Witzigerweise verbot man ein paar Banner mit Red-Bull-Bezügen, um dann selbst auf sozialen Kanälen und im Stadionheft mit zerdrückten Dosen-Motiven zu arbeiten. Naja.

Randbemerkung 5: Gerade noch die Berichte, dass RB Leipzig bisher immer nur negativ von Videobeweis-Veränderungen betroffen war. Also sechsmal eine Entscheidung zuungunsten und noch nie eine zugunsten von RB verändert wurde. Also sechsmal klare Fehlentscheidungen des Schiedsrichters gesehen wurden, die man meinte korrigieren zu müssen (was ein wesentlicher Unterschied zu ‚RB wird durch Videobeweis benachteiligt‘ ist, weil man dafür ganz andere Daten bräuchte, um das beweisen zu wollen). In Hannover nun profitierte RB erstmals vom Videoassistenten, weil der eine Abseitsstellung von Hannover vor dem 3:3 monierte, was Guido Winkmann nach Ansicht der TV-Bilder übernahm. Worüber sich dann Breitenreiter beschwerte. Gern genommen in so einer Situation, dass keine klare Fehlentscheidung vorgelegen habe und man hätte nicht eingreifen dürfen. Wobei es bei Abseits nicht darum geht, ob es klares Abseits war, sondern nur darum, ob es Abseits war. In Abhängigkeit von der Kameraposition ist das mal einfacher, mal schwerer zu entscheiden, solange keine kalibrierten Abseitslinien vorliegen. Die Kameraposition in Hannover war in dem konkreten Fall recht gut, weil fast genau auf Ballhöhe. Für mich persönlich ist das nach Ansicht der TV-Bilder trotzdem nichts, wo der Videobeweis greifen sollte. Weil man Füllkrugs Fuß mit Poulsens Schulter vergleichen muss (was selbst mit Linie schon schwierig wäre, weil man genaugenommen eine 3D-Simulation bräuchte, die genau auf Höhe der Spieler springen kann, wo man dann eine Linie an der Schulter anlegen kann). Und beide Körperteile sind auf einer gedachten Linie extrem nah beieinander. Ich persönlich würde mich nach Ansicht der TV-Bilder (die Kameraposition ist ja trotzdem vier, fünf Meter von der Abseitslinie verschoben) nicht festlegen, ob es tatsächlich Abseits war oder nicht, auch wenn die Rasenschnittlinie (die ja auch nichts aussagt) Abseits nahelegt. Von daher würde ich sagen, dass RB da sehr viel Schwein hatte, dass dieses Tor zurückgenommen wurde. Im Effekt bleibt aber, dass man die Null bei den durch Videobeweis zugunsten von Leipzig geänderten Entscheidungen nun auch streichen kann. Bleibt aber auch dabei, dass es nicht so richtig nachvollziehbar ist, wann per Videobeweis bei Abseits eingegriffen wird und wann nicht.

Randbemerkung 6: Eines der Argumente (das ich grundsätzlich als Stadionbesucher ein Stückweit teilen würde) gegen den Videobeweis ist ja, dass dadurch spontane Emotionen behindert werden. Weil nach einem Torerfolg eben nicht durch Blick zum Schieds- und Linienrichter klar wird, ob es zählt oder nicht, sondern die Entscheidung im Extremfall erst deutlich später getroffen wird. Das ist für das Bejubeln von Toren in einer Sportart, in der es nicht so viele Treffer gibt (wie zum Beispiel im Eishockey) durchaus ein Problem (vor allem, weil man es von seiner Fußballsozialisation her völlig anders gewohnt ist). Für Hannover war es natürlich bitter, dass man eine emotionale Explosion erlebte und dann eine Minute später das Kommando zurück von der Seitenlinie kam. Das ist schon ziemlich oll. Dafür war der Winkmann-Entscheid dann im Gästeblock wie eine Art viertes Tor und sorgte noch mal für ausgelassene Freude und Emotionen. Freud und Leid. Nah beieinander. Und so. Sind halt veränderte Emotionen, die der Videobeweis hervorruft und wer weiß, ob man das in fünf Jahren überhaupt noch als Problem empfindet. [Wobei es schon krasse Situationen gibt. In der Medienschulung vor der Saison gab es ein Beispiel aus Holland. Pokalspiel, glaube Halbfinale. Letzte Minute. Unentschieden. Treffer zum vermeintlichen Sieg für das Heimteam. Das Stadion dreht komplett durch. Videobeweis. Freistoß, wegen Einsatz des Ellenbogens im Luftduell. Sicherlich eine Entscheidung, die das Spiel und dessen Ausgang gerechter machte, aber schon auch eine krasse Situation für alle Beteiligten.]

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Lichtblicke:

  • Timo Werner: Kam nach Leipzig als Stürmer, der schnell in die Tiefe rennen und dort Tore schießen konnte. Inzwischen ist er ein Stürmer, der auch mal den Kopf oben hat und seine Mitspieler einsetzen kann. Zwei blitzsaubere Torvorbereitungen in Hannover in Situationen, in denen er letzte Sasion vielleicht noch draufgeballert hätte. Mit acht Assists nun der beste Torvorbereiter bei RB. Werner ist weiterhin ein Stürmer mit Qualitäten, die vor allem aus seiner Geschwindigkeit resultieren, aber er wird nach und nach kompletter. Das tut ihm (gerade wenn er mal irgendwann bei einem absoluten Topklub spielen will) und RB gut. (Nur das Positionieren im Abseits sollte er mal irgendwann abstellen.)
  • Jean-Kevin Augustin: Einige saugute Bewegungen mit dem Ball, mit denen er wie vor dem 1:0 Räume öffnete. War bis zu seiner Auswechslung unheimlich wichtig für die Ballsicherung zwischen den Ketten, weil er den Ball sehr gut verarbeiten konnte. Nicht ganz zufällig brach die Passquote bei RB mit seiner Auswechslung komplett zusammen, weil vorne keiner mehr war, dem man den Ball flach in den Fuß spielen konnte. Ist weiter mit Abstand der RB-Spieler mit der besten Plus-Minus-Bilanz (Anzahl von Toren und Gegentoren in den Zeiten, in denen er auf dem Platz steht). Das ist zu diesem Zeitpunkt der Saison nicht mehr ganz zufällig und zeigt ganz gut, wie wichtig Augustin für die Ballzirkulation und die Spielentwicklung und -kontrolle ist.
  • Bernardo: Durfte links hinten für Klostermann ran, weil der in der Länderspielpause zweimal aktiv war. Und machte seine Sache sehr gut. Defensiv ist er mit seiner Schnelligkeit und Zweikampfstärke sowieso eine Bank (auch wenn ab und zu ein Stellungsfehler und ein falsches Herausrücken dabei ist). Offensiv präsentierte er sich in Hannover meist ballsicher und hatte sogar ein paar gute Aktionen bei Hereingaben, weil er auch mal den Weg in den Rückraum suchte und dabei nicht so berechenbar war. Die Außenverteidigerposition wird ja bei RB gern mal als Problem gesehen, aber mit Bernardo, einem gesunden Halstenberg und der Option Klostermann ist man links hinten im Bundesligavergleich eigentlich mehr als überdurchschnittlich besetzt.

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Tore: 0:1 Forsberg (16.), 0:2 Orban (54.), 1:2 Sané (71.), 1:3 Poulsen (76.), 2:3 Füllkrug (79.)

Aufstellung RB Leipzig: Gulacsi – Laimer, Konaté, Orban, Bernardo – Demme, Keita – Forsberg (80. Upamecano), Bruma (60. Sabitzer) – Augustin (68. Poulsen), Werner; Bank: Mvogo, Klostermann, Kampl, Lookman; Nicht im Kader: Halstenberg, Ilsanker (beide verletzt), Köhn, Coltorti, Schmitz, Kaiser

Aufstellung Hannover 96: Tschauner – Korb (46. Bebou), Sorg, Sané Anton (18. Elez), Ostrzolek – Klause, Schwegler, Bakalorz – Harnik, Jonathas (63. Füllkrug)

Schiedsrichter: Guido Winkmann (Insgesamt eine sehr gute, gewohnt souveräne Partie mit sicheren Entscheidungen. Wartete in einer meist fairen Partie lange mit Gelb, zog dann aber, als es nötig wurde, konsequent die Karten. Hatte dann kurz vor Schluss den Mut, das 3:3 nach Ansicht der TV-Bilder wegen (wenn überhaupt extrem knappem) Abseits zurückzunehmen. Musst du kurz vor Schluss im tobenden Stadion auch erstmal machen. Sechstes RB-Spiel, alle auswärts, alle ohne RB-Niederlage. Soweit erinnerbar immer souverän. Man sollte Winkmann langsam auch mal nach Leipzig einladen.)

Gelbe Karten: Sorg, Sane, Schwegler – Keita (7.), Demme (4.), Sabitzer (4.), Upamecano (2.)

Zuschauer: 42.300 (davon 2.400 Gästefans)

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, H96-Bericht, Kicker-Bericht

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  • Torschüsse: 13 : 15
  • Torschüsse innerhalb des Strafraums: 10 : 13
  • Schüsse auf das Tor: 3 : 5
  • gewonnene Zweikämpfe: 55,9% : 44,1%
  • Ballbesitz: 45,1% : 54,9%
  • Passquote: 68,5% : 81,9%
  • Laufstrecke: 115,7 km : 112,6 km
  • Sprints: 213 : 202
  • Intensive Läufe: 669 : 635
  • Fouls: 16 : 16
  • Ecken: 6 : 3
  • Abseits: 4 : 3
  • Meiste Torschüsse: Bakalorz, Klaus: je 3 – Bernardo, Werner: je 3
  • Meiste Torschussvorlagen: Harnik, Bebou: je 3 – Forsberg – 3
  • Beste Zweikampfquote (mindestens 10 Zweikämpfe): Sané: 86,2% – Bernardo: 60,9%
  • Meiste Ballkontakte: Sané: 75 – Demme: 92
  • Beste Passquote (mindestens 20 Pässe): Schwegler: 86,0% – Orban: 90,7%
  • Größte Laufstrecke: Klaus: 12,2 km – Demme: 11,9 km
  • Meiste Sprints: Harnik: 34 – Bernardo: 26

Statistiken von bundesliga.de, whoscored.com

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Saisontorschützen: Werner – 11; Augustin – 6; Keita – 5; Poulsen – 4; Orban, Bruma – je 3; Sabitzer, Halstenberg, Forsberg – je 2; Klostermann, Bernardo; Kampl, Lookman, Upamecano – je 1

Saisonvorlagengeber: Werner – 8; Sabitzer – 7; Keita – 5; Augustin – 4; Kampl, Forsberg, Demme – je 3; Halstenberg, Bruma, Poulsen, Laimer – je 2; Bernardo, Lookman – je 1

Saisontorbeteiligungen (Entstehung des Tors jenseits der direkten Vorlage): Kampl – 10; Demme – 9; Sabitzer, Keita – je 7; Forsberg, Laimer, Upamecano – je 6; Ilsanker, Bruma – je 5; Halstenberg, Klostermann, Bernardo – je 4; Poulsen, Gulasci – je 2; Werner, Augustin – je 1

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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8 Gedanken zu „Bundesliga: Hannover 96 vs. RB Leipzig 2:3“

  1. Zum Videobeweis haben wir uns ja auf Twitter ausgetauscht, also mehr zum Spiel.

    Ich frage mich, was ab der 60. Minute passiert ist und habe keine Erklärung.
    Ist es Unerfahrenheit, mentale Probleme, nachlassende Kräfte, taktische Ausrichtung?
    Als einer der vielen virtuellen Trainer hätte ich nach dem 2:0 niemals Sabitzer gebracht, zumal er aus einer Verletzungspause kam. Warum kommt da nicht Kampl, um einfach für Ruhe und Passgenauigkeit im MF zu sorgen?

    Das Werner schon bei 8 Vorlagen steht ist bemerkenswert. Nur das könnten auch noch viel mehr sein. Die Gegenspieler konzentrieren sich ja nun doch mehr um ihn und doppeln ihn teilweise und dadurch steht eben Poulsen und Jika oder andere frei. Die 2 Vorlagen gestern waren Klasse, aber er kann eben auch noch Nummer 3+4 auflegen.
    Mache da auch ihn nicht den großen Vorwurf, denn er ist ja schliesslich Abschlussstürmer, gilt ja auch für Jika.
    Auch keinen Vorwurf würde ich da Konate machen. Erst Bayern und nun H96 in der Start-IV. Das ist schon neben Upa ein Rohdiamant.

    Bei einer Sache muss ich widersprechen:
    „Klingeln hätte es schon nach 61 Minuten können, als Gulacsi an einer Hereingabe vorbeisprang und Jonathas hinter ihm das leere Tore vor sich hatte, aber beim Torabschluss noch entscheidend vom zurücksprintenden Laimer gestört wurde. “

    Er sprang doch nicht vorbei. Im Gegenteil, er hat den Ball so abgewehrt, so das Jonathas den Ball nicht direkt abschliesen konnte und dann von Laimer geklärt wurde.

    Und:
    Bruma kam für Bruma und Keita 2x gelb??

  2. Gute Analyse, wie immer.
    Eine Frage aber, Rotebrauseblogger, hast du den tieferen Sinne dahinter verstanden, dass der kleine Demme bei Ecken für den baumlangen Sane eingeteilt war? Wenn nicht, wäre das mal eine interessante Pk-Frage an Hasi. Erhofft man sich da einzig und allein Offensivfouls, wie ja in Hz 1 geschehen?

    1. Hab ich mich auch gefragt. War ja nicht das erste Mal, dass er einen großen Gegenspieler hatte. Da geht es glaube darum, Sane auszublocken, während dann direkte Duelle von Spielern geführt werden, die aus der Raumverteidigung kommen. Demme ist da quasi nur der erste Prellbock.

  3. Eine interessante Auswertung, „RBB“! Besonders die offenen Worte zu den Randbemerkungen 5 und 6 waren o.k. Wenn das letzte Drittel eines bis dahin klar beherrschenden Spieles plötzlich in große Gefahr gerät, zu kippen, muss schon ein wenig von Dusel gesprochen oder geschrieben werden, wobei natürlich damit besonders die Rücknahme durch die nach wie vor umstrittene Video-Analyse aus einem Keller von Köln dazu zählte!

    Fasst ganz nebenbei schriebst Du in der Randbemerkung 1, dass sich Schalke 04 weiter hässlich durch die Liga punktet. Genau das kann ich Dir als praktischer Zeitzeuge der letzten Begegnung gegen den FC Freiburg bestätigen. In der imposanten Arena vor über 60 000 Zuschauern, in der man sich wie in einer gut harmonierenden Familie einfach wohlfühlen musste, wo es gut durchdachte Kinderprogramme und reichliche Genussmittelangebote, viel Essen und Trinkangebote, ohne längere Zeit darauf warten zu müssen gab und keinerlei störende Ereignisse auch nach dem Schlusspfiff zu registrieren waren, passierte bis auf ein paar wenige Ausnahmen durch das beiderseits übertriebene Sicherheitsspiel in der 1. Hälfte nämlich praktisch nichts.

    Das änderte sich allerdings schlagartig nach der umstrittenen Elfmeterentscheidung für die Gastgeber nach ca. 60 Minuten der Spielzeit in Hälfte 2! Es war wirklich nur sehr schwer zu entscheiden, ob der über die Beine vom Freiburger Gulde gefallene Embolo wirklich gefoult wurde. Warum wurde bei so einer umstrittenen Szene nicht der Videobeweis angefordert? Nach anfänglich angestautem Murren und heftigen Gestikulieren entlud sich das äußere Erscheinungsbild des eigentlich überall anerkannten Gästetrainers Streich plötzlich in tumultartigen Szenen, wobei der sonstige “Domteur“ auf der Trainerbank fast außer Kontrolle geriet! Als sein Kapitän und als fairer Sportsmann und Torjäger bekannter, allerdings bis dahin recht blass gebliebener, N. Petersen, wegen Meckerns die im Rücken gezeigte gelbe Karte aus seiner Sicht nicht wahrnahm und unmittelbar später aus gleichem Grund mit Gelb/Rot vorzeitig zum Duschen musste und er gleichzeitig auf einen Treppenaufgang im Rang verwiesen wurde, war es mit ihm ganz vorbei. Von da ab interessierte mich natürlich besonders weitere Verhalten dieser Freiburger „Institution“, die wild gestikulierend das weitere Geschehen von dort aus stehend verfolgte und ich ihn sofort ausfindig machen konnte. Als der zweite Treffer aus leichter Abseitsposition heraus fiel, ähnlich wie in Hannover beim knappen, nicht gegebenen 3:3 bei der Verfolgungsjagd, tat er mir schon fast leid. Fast ohnmächtig und hilflos wirkte plötzlich die sonst gestandene Person. Die Dezimierung war natürlich gleichzeitig die spürbare Aufgabe einer bis dahin ab Halbzeit 2 recht ausgeglichenen, aber keiner besonders spannenden Partie. Bereits kurz vor Schluss verschwand er dann gänzlich in den Katakomben, ohne zu wissen, ob er das Anpöpeln der schon vereinzelt abwandernden Zuschauer vielleicht dazu führte…..

    Meine Randbemerkungen dazu:

    1. Schon das Prozedere vor dieser Begegnung als beim Abspielen des Steigerliedes und der Vereinshymne, wo an den beiden Torlinien verteilte Fahnenschwenker den nahenden Anstoß mit einer bereitstehenden Kapelle ankündigten und die Massen richtig heiß gemacht wurden, wird man praktisch auch als neutraler Zuschauer regelrecht,“eingemeindet“! Und wenn dann während des Spieles mehrfach das Lied: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid…..“, hat das schon etwas ganz Besonders, das man einfach nicht in alle Bundesligastadien kopieren kann!

    2. Unmittelbar vor uns Gelegenheitszuschauer konnten wir das emsige Treiben der Gastreservespieler beobachten, die in einer fast mannschaftlichen Stärke vor ihren mitgereisten und später natürlich ruhiger gewordenen Fans sich auf einen evtl. Einsatz vorbereiteten. Als auch der 3. Einwechselspieler abgerufen wurde, sollte man denken, dass damit der „Showauftritt“ für die restlichen Auswechsler endlich vorbei gewesen wäre. Aber weit gefehlt! Unter den spannend vorgetragenen Anregungen des vermutlichen Konditionstrainers, der u.a. mit eingesetzten Hindernissen arbeitete, war dann Spielschluss. Wer aber glaubte, dass auch für die ca. sechs umfunktionierten „Leichtathleten“ ihr ungewöhnlicher Wettkampf gegen sich selbst zu Ende war, täuschte sich. Den Höhepunkt erlebten meine auf ihren Plätzen noch sehr lange sitzenden oder stehenden Zuschauer als sich die Schalker Spieler nach den vielleicht 20 bis 30 Minuten anhaltenden euphorischen Feierlichkeiten von ihrer „Nordtribüne“ in Richtung unserer Gegenseite sich langsam bewegten und mit den immer noch mit der Stoppuhr bearbeiteten braven Wechselspieler plötzlich mit ihren Sprints in`s Gehege kamen……..Hat der Freiburger Konditionschef etwa den schon lange vorher ertönten Schlusspfiff des Schiedsrichters nicht erkannt, oder was wird er sich dabei wohl gedacht haben?

    Das und natürlich die fast verständlichen vorherigen Ausraster von Streich waren für mich einfach nicht zu toppende Höhepunkte dieses ungewöhnlichen und nicht alltäglichen Bundesligaspieles im Ruhrpott!

    Mal sehen, ob ihr Leipziger zum Schluss vor den Schalkern in der Tabelle steht!

  4. Danke für die interessanten Ausführungen zur Ecken-Frage.
    Auch wenn das Sane-Demme-Duell bei uns in Hz 1 zu Kopfschütteln und in Hz 2 zu kurzer Tobsucht geführt hat, muss man ja anerkennend feststellen, dass die Verteidigung von von Standarts zuletzt wesentlich besser geworden war. #aufHolzklopf #payetgermainkurzerpfostenaufpassen

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