Die 50+1-Regel ist tot, es lebe die 50+1-Regel

Sechseinhalb Jahre ist es nun her, dass Reinhard Rauball in seiner Rolle als DFL-Funktionär darüber jubelte, dass „die 50+1-Regel im Kern erhalten bleibt“. Damals hatte man sich vor dem Schiedsgericht mit Martin Kind geeinigt, den Stichtag aus der Regel zu streichen. Ursprünglich lautete die Regel so:

Über Ausnahmen vom Erfordernis einer mehrheitlichen Beteiligung des Muttervereins nur in Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als 20 Jahren vor dem 1.1.1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Ligaverbandes.

Sprich, der Regel nach sollte es Ausnahmen von der 50+1-Regel, dass ein Verein immer die Mehrheit über eine ausgelagerte Kapitalgesellschaft, in der Profifußball gespielt wird, halten muss, nur in historischer Form für Vereine geben, die vor 1999 schon von ihren jeweiligen Gönnern (Bayer, VW) mindestens 20 Jahre lang gefördert wurden.

Nach der Einigung mit dem klagedrohenden Kind fiel der Stichtag weg. Seitdem könnte prinzipiell jeder Verein zu jedem Zeitpunkt seine ausgelagerte Kapitalgesellschaft in die Hände eines Unternehmens oder einer Einzelperson legen, wenn diese 20 Jahre lang wesentlicher Finanzier des Vereins waren. Dietmar Hopp hat so inzwischen Hoffenheim auch offiziell übernommen. Martin Kind versuchte es in Hannover, legte seinen Antrag aber kürzlich auf Eis, wobei dort die Frage steht, wie wesentlich seine Unterstützung in den letzten 20 Jahren war.

In letzter Konsequenz hat man damals nicht die 50+1-Regel erhalten, das konnte man schon direkt nach der Entscheidung wissen, sondern diese weiter weichgeschossen und gewissermaßen zu einer freiwillig anzuwendenden Regel gemacht. Sprich, die Entscheidungsgewalt wurde letztlich den Vereinen in die Hände gelegt, in denen im Fall der Fälle entschieden werden muss, ob man die Stimmanteile an der ausgegliederten Kapitalgesellschaft auch über 50 Prozent hinaus abgeben will, wenn man denn einen Geldgeber hat, der die Anforderungen der 20jährigen Förderung erfüllt.

Letzten Donnerstag wurde nun im Zusammenhang mit 50+1 wieder gejubelt. Nach einer DFL-Sitzung preschte der FC St. Pauli mit einem „50+1 bleibt!“ voran, was zuerst einmal mehr Fragen als Antworten aufwarf. In den Tagen danach bröckelte dann auch die erste Sieges-Rhetorik. Die einen sahen eine klare Entscheidung, die den künftigen Gestaltungsspielraum vorgibt (St. Pauli), die nächsten sahen noch gar keine Entscheidung, sondern nur den Beginn einer Diskussion (Mintzlaff), wieder andere fanden die DFL-Sitzung eine populistische Veranstaltung, in der überstürzt ein Beschluss gefasst wurde, der gar nicht dran war (Rummenigge).

Fakt scheint, wenn man mal alles zusammen nimmt, was zum Thema gesagt und geschrieben wurde, dass die „50+1 bleibt!“-Aussage zum jetzigen Zeitpunkt eine sehr gewagte ist. Denn genaugenommen geht es im nun folgenden Prozess darum, die Regel rechtssicher zu machen und ihr entsprechend passende Rahmenbedingungen zu geben, sodass die Mehrheit der DFL-Vereine zufrieden ist. Wie die 50+1-Regel am Ende der Auseinandersetzungen und unter Beachtung juristischer Fragen (und vielleicht auch gerichtlicher Klärungen) aussehen wird, weiß heute noch kein Mensch. Dass im ersten Schritt 18 Vereine für dieses Vorgehen unter prinzipieller Beibehaltung der 50+1-Regel votierten, ist ein deutliches, aber auf Dauer des Prozesses auch wenig aussagekräftiges Zeichen. Dass sich offenbar einige Vereine vom Antrag überrollt fühlten (und sich enthielten oder gar nicht abstimmten), weil sie in ihrer Entscheidungsfindung noch gar nicht so weit waren, sagt ganz nebenbei auch was über den Tag bei der DFL aus.

Geradezu absurd ist es, dass man im Jahre 2018 dann auch mal auf die Idee kommt, die 50+1-Regel rechtssicher gestalten zu wollen. Aber es ist auch ein wenig typisch für den Gestaltungswillen in den hiesigen Fußball-Verbänden, dass man die Dinge eher aussitzt, denn gestaltet. Von daher ist es geradezu herzerfrischend, wenn es mal eine DFL-Sitzung gibt, auf der unterschiedliche Positionen zur Sprache kommen und per Kampfabstimmung entschieden werden. Wobei halt bei 50+1 weiter die Gefahr besteht, dass die Regel weggeklagt wird und man dann vor vollendeten Tatsachen steht und die Debatte auch einen Riss quer durch die Fußballvereine demonstriert, der mittelfristig auch zu einer nachhaltigen Beschädigung von Zentralvermarktung und Solidarprinzip via DFL führen könnte.

Lassen wir das mal alles erstmal bei Seite, dann bleibt eine sehr emotionale Debatte pro oder kontra 50+1. Auf der Pro-Seite formulierte das Gesicht des Widerstandes Andreas Rettig, dass 50+1 das „letzte Stoppschild einer immer weiter voranschreitenden Kommerzialisierung“ im Fußball sei (wobei zu hoffen bleibt, dass er in einer freien Minute über diesen Pathos selber lachen muss). Geäußert in einer Situation, in der die Marketing-Experten aller Vereine von Bayern bis Union und St. Pauli in hochwichtigen Prozessen mit dem richtigen Wording überlegen, wie sie ihre Kundschaft, die sie öffentlich halt nur jeweils anders nennen, am besten kapitalisiert kriegen und wie sie ihre Marke im Wettbewerb um Aufmerksamkeit positionieren.

Und auch jenseits dessen fragt sich natürlich, was genau eigentlich das Stoppschild 50+1 in der Praxis verhindert. Mäzene? Investoren? Sponsoren mit (laut UEFA) bestimmendem Einfluss auf einen Verein? Werksklubs? Ungleichheiten im Wettbewerb? Ging in der Vergangenheit auch alles mit 50+1. Und wird wohl auch alles künftig mit 50+1 gehen. Ein Stoppschild als symbolisches Vorschlagszeichen sozusagen.

Es bleibt eine der großen Seltsamkeiten der Debatte, dass sich so vieles unter der Phrase „50+1 bleibt!“ versammelt, wo doch die entsprechende Regel schon seit Ewigkeiten nicht das leistet, was sie vielleicht in den Augen ihrer Befürworter leisten sollte. Die einzigen, die zumindest der formalen Logik nach vor der 50+1-Abstimmung aus der Pro-Fraktion die richtigen Schlüsse daraus zogen, waren die Vertreter von Union Berlin, die kein Verbleib, sondern eine Verschärfung der 50+1-Regel forderten (was man als (Wieder)Einführung der Regel interpretieren kann, wenn es bisher in der Praxis keine funktionierende Regel gab). Kann ja nur eine Abschaffung der Ausnahmeregeln und eine Einführung von beschränkenden Regularien für Mäzenatentum (so wie sie ja im Financial Fairplay der UEFA verankert sind) bedeuten. Inwieweit man mit sowas juristisch durchkommen würde und inwieweit man dann RB Leipzig als dem Geist der Regel widersprechend verfolgen oder ausschließen könnte, bleibt unklar. Dass man mal eben Bayer oder Wolfsburg quasi enteigentümern kann, ist allerdings schwierig vorstellbar.

In eine ähnliche, enteignende Schlagrichtung hatte es auch Andreas Rettig einst gezogen, der Vereinen, die sich nicht an 50+1 halten müssen, das TV-Geld entziehen wollte. Ein Vorschlag, der nicht ganz umsonst vor allem bei den Bayern nicht zurückgewiesen wurde, sondern Anklang fand. Weil da jemand einen Vorschlag brachte, der die TV-Geldverteilung unnd in letzter Konsequenz die Zentralvermarktung in Frage stellte. Denn ein Ausschluss von einzelnen Vereinen aus der Vermarktung der DFL heißt im Endeffekt dann auch, dass der Einzelne seine Rechte eben selber verfolgt.

Während Andreas Rettig ganz selbstlos den Reichen das TV-Geld streichen will, um es den Armen zu geben, ist er an anderen Stellen nicht ganz so konsequent, wenn es beispielsweise um das Investment von Dietmar Hopp geht, das Rettig „großartig“ findet, „weil es sich um einen verlässlichen Investor mit familiärer Verwurzelung und Herzblut am Standort handelt“ und weswegen Rettig artig die Hand hob, als es darum ging, Dietmar Hopp als weitere Ausnahme zur 50+1-Regel zuzulassen (Rettig hatte ja im Seinsch-Augsburg auch schon selbst mit daran gearbeitet, einen „verlässlichen Investor mit Herzblut“ dabei zu untersützen, einen lokalen Fußballklub in die Bundesliga zu bringen). Regionaler Blut- und Bodeninvestor = gut, globale Firmen = schlecht? Man darf gespannt sein, wie sich das dann in der rechtssicheren 50+1-Regel niederschlagen wird..

Auf der anderen Seite bleibt die Argumentation für die Abschaffung der 50+1-Regel, wie sie stellvertretend Karl-Heinz-Rummenigge noch mal im Kicker am Montag präsentierte, auch seltsam neben der Spur, weil man offenbar davon ausgeht, dass damit per se ein spannenderer Wettbewerb in der Bundesliga verbunden sein soll. Wodurch diese Annahme gedeckt ist, bleibt aber unklar. Wenn Martin Kind in Hannover die Stimmmehrheit übernimmt, braucht ja niemand zu glauben, dass damit ein Konkurrent auf Bayern- oder Dortmund-Niveau entsteht. Vielleicht verschafft man sich damit kurzfristig einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Augsburg oder Mainz, aber an die Großen im Wettbewerb käme man auch mit externen Geldquellen nicht heran. Zumal Richtung europäischen Wettbewerben immer noch der Punkt bleibt, dass dort Einnahmen einen Werbegegenwert haben müssen und pure Mäzensgelder (eigentlich) nicht als reguläre Etatdeckung angesehen werden.

Letztlich würde eine Abschaffung von 50+1 nur den Anpassungsdruck auf die anderen Vereine erhöhen. So wie in diesem ganzen Vermarktungs-Gedöns mit seiner schlimmen Sprache, bei dem alle inzwischen wie selbstverständlich nach ihren Möglichkeiten mitmachen, würde es im Extremfall auch bei Investoren nur dazu führen, dass sich jeder nach seiner Größe die passenden Geldgeber sucht (suchen muss) und am Ende alles beim alten bleibt, weil die Großen eh immer das meiste Geld abfassen.

Eine Abschaffung von 50+1 würde entsprechend auch kein Problem lösen, sondern nur die Wettbewerbssituation verschärfen und die Jagd nach Geldgebern eröffnen. In England sieht man, dass am Ende vor allem die großen Vereine davon profitieren. Wobei dort die Unterschiede nicht ganz so krass sind, weil die kleinen Vereine über die TV-Gelder immer noch sehr ordentliche Etats aufstellen können, mit denen sie sportlich konkurrenzfähig bleiben. Zumindest, was einen Verbleib in der Liga angeht. Im Ausnahmefall führt das einen Verein wie Leicester City mit TV- und Investorengeldern auch mal zur Meisterschaft. Aber das ist so wegen der unterschiedlichen TV-Gelder eben nicht auf Deutschland zu übertragen und auch in England die absolut Ausnahme von der Regel.

Die Diskussion um 50+1 verstellt letztlich ein wenig den Blick auf die Herausforderungen, die sich der DFL und der Bundesliga aktuell stellen. Zumindest wenn man fehlenden, nationalen Wettbewerb als Problem empfindet. Die Fraktion um die Bayern will diesen Wettbewerb offenbar dadurch stärken, dass sie Finanzflüsse freigibt und hofft, dass dadurch neue, finanzkräftige Wettbewerber entstehen. Die Fraktion um St. Paul will offenbar den Wettbewerb dadurch stärken, dass man einem Teil der Wettbewerber einen möglichen Wettbewerbsvorteil nimmt.

Beide Positionen haben so ihre Probleme. Die Bayern-Position führt einfach im besten Fall nur zu allgemein mehr Geldfluss und wirtschaftlichem Hauen und Stechen, bei dem sich gar nichts ändert. So wie wenn man in der dritten Liga 500.000 Euro pro Verein mehr TV-Geld ausschütten würde und die Kaderkosten halt bei jedem Verein um 500.000 Euro steigen. Die St.-Pauli-Position hat die Bayern und auch Dortmund als Problem, deren Vorsprung auf den Rest als einzige Vereine mit extrem überdurchschnittlichem Publikums- und TV-Interesse eher noch größer werden würde, wenn man alternative Finanzierungsmodelle auf Dauer ausschließt.

Völlig entgegengesetzt zueinander sind die Bayern- und die St.-Pauli-Position auch deswegen, weil die Bayern immer auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit mitdenken (müssen), während beim FC St. Pauli nur der nationale Wettbewerb echte Relevanz hat. Letztlich sind die Pole unvereinbar, weil die Bayern-Position ein permanentes wirtschaftliches Wachstum impliziert, während die St.-Pauli-Position zumindest in ihrer (nicht immmer anzutreffenden) unideologischen Variation nur ähnliche wirtschaftliche Voraussetzungen auf nationaler Ebene zum Ziel hätte.

Entsprechend birgt der Zusammenprall, der gerade eher symbolhaft anhand der 50+1-Regel probiert wird, auch kurz- bis mittelfristig ordentliche Sprengkraft. Solange keine gemeinsame Zielvorgabe formuliert ist, steht dabei auch permanent im Raum, dass die bisher zumindest halbwegs solidarisch organisierte DFL komplett gesprengt wird. Zumindest wenn dort Modelle zur Debatte stehen, die Wirtschaftskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bayern und Vereinen, die auch gern so wären, in Frage stellen. Auch hier darf man gespannt sein, wie die Zweitligisten, die von der Querfinanzierung durch die Bundesliga leben, reagieren, wenn die Bayern den Ausstieg aus der Zentralvermarktung versuchen (bzw. diese Drohkulisse aufbauen) oder sich die Bundesliga vom Rest abspaltet. Für die Sandhausens, Kiels, Fürths und Co dieser Republik dürfte das eher eine Horrorvorstellung sein.

Was man für eine Bundesliga will, ist letzlich eine inhaltliche Frage, die es zuerst zu klären gilt. Dafür ist die Frage der 50+1-Regel und ob man mit ihr oder ohne sie durch die Welt geht letztlich völlig irrelevant. Also so irrelevant, wie sie das in den letzten 20 Jahren auch war.

Die 50+1-Regel ist in der Praxis lange tot. Man kann dieses tote Pferd natürlich noch weiterreiten, weil man glaubt, damit sein Kernpublikum belustigen zu können. Letztlich bleibt die interessantere Frage, wie man seinen Wettbewerb auf Dauer organisiert und reguliert. Da geht es um Beschränkungen, wie sie Financial Fairplay ja bereits vorsieht, wie es sie aber in der Bundesliga nicht gibt. Da geht es auch um Möglichkeiten, Einzelinvestments zu beschränken. Aber es geht eben auch (und da wird es zur Quadratur des Kreises) darum, mehr nationalen Wettbewerb herzustellen, ohne gleichzeitig international noch hinter Frankreich zurückzurutschen, sondern halbwegs mit den europäischen Topligen mitzuhalten. Zumindest wäre das die Aufgabe, wenn man alle Interessen von Bayern bis St. Pauli unter einen Hut kriegen will.

Für dieses (sowieso schon schwere) Ziel ist es wie gesagt am Ende eher unwichtig, ob es 50+1 gibt oder nicht. Weil man den Wettbewerb nicht über formale Begrenzungen der Vereinsstrukturen herstellt, sondern eben über Wettbewerbsregularien. In den USA löst man das über Salary Caps, was hierzulande wahrscheinlich schwierig ist. Aber solche oder ähnliche Wettbewerbsbeschränkungen braucht man, am besten auf europäischer Ebene, wenn man die Themen rund um den Fußball angehen will. Dann würde es am Ende nämlich keine Rolle spielen, ob Dietmar Hopp der Besitzer des Vereins ist oder eine fünf- bis sechsstellige Mitgliederzahl (wobei die fünf- bis sechsstellige Mitgliederzahl in ihrer Mehrheit fast überall sowieso schon die bestmöglich zugerichtete Masse ist, die so ziemlich alles abnickt, was die Wettbewerbsfähigkeit ihres Vereins erhöht, also sowieso so etwas wie der Masse gewordene Investorengeist ist).

Wenn man es positiv sehen will, dann gibt es in der DFL endlich mal Streit und Diskussionen (wie das Nivau des Streits zwischen „mäßigem Zweitligisten“ und „erstklassigem Stürmer“ ist, entscheide jedeR selbst für sich). Was ja ein erster Schritt wäre, um zum Gestalter zu werden und nicht nur Verwalter zu sein. Wenn man es negativ sehen will, dann ist das Durchziehen einer Kampfabstimmung zu einer Regel, die tot ist und zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nicht alle Vereine eine Meinung haben (können), das schlechte Signal, dass sich auch zukünftige Debatten weniger an entscheidenden Fragen, sondern eher an öffentlichkeitswirksam ausschlachtbaren Leuchtturmthemen hochziehen. ‚Rettet 50+1, rettet den Volkssport Fußball‘ vs. ‚Ohne 50+1 werden wir alle sterben‘. Nichts ist langweiliger als diese Zuspitzung, nichts wird weniger zielführend sein als das. Interessant wird es mittelfristig aber angesichts dieser Voraussetzungen vor allem in Bezug auf die Zukunft der DFL, die zentrale TV-Vermarktung und die Konstitution des bundesdeutschen Fußballs in seiner bekannten Form.

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Selten Verbundenheit zwischen St. Paulis Oke Göttlich und Oliver Mintzlaff. Aktuell steht man sich bei 50+1 konfrontativ gegenüber. | GEPA Pictures
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12 Gedanken zu „Die 50+1-Regel ist tot, es lebe die 50+1-Regel“

  1. Volle Zustimmung dafür, dass diese Regel nur eine Leuchtturm-Funktion in einem thematisch sehr viel größeren Ozean einnimmt und dass ihre reale Macht der in sie projezierten emotionalen Macht seit vielen Jahren deutlich hinterherhinkt.

    Dennoch erscheint mir vieles etwas aus dem Elfenbeinturm gesprochen. Geh mal durch die Stadien in Berlin, Düsseldorf, St. Pauli, Köln, Offenbach, Essen, Freiburg… Du würdest merken, dass ein wie auch immer gelagerter Umgang mit diesem Thema die Macht hat, ganze Fangemeinschaften zu verändern. Fangemeinschaften, in denen tausende (und deutlich mehr) Menschen sind, denen sportlicher Erfolg bei weitem nicht das wichtigste ist, die aber zu Tausenden Mitglieder ihres e.V. mit entsprechenden Folgen sind. Die – auch hier – immer wieder postulierte Gleichheit von Fans vor dem Fernseher und auf der Tribüne entspricht halt nicht in allen Belangen der Realität. Ebenso wenig entspricht die Gleichsetzung von Sponsor und Investor der Realität. Für Juristen eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nimm bei Leverkusen Bayer weg (nur um ein Bsp zu nennen), was bleibt dann noch? Sowas ist nicht nur ein betriebswirtschaftlicher Unterschied, der zu Unrecht emotionalisiert wird, sondern so etwas macht etwas mit den beteiligten bzw Anteil nehmenden Menschen und ist daher alles andere als vernachlässigbar.
    Denn Sein bestimmt das Bewusstsein… wir erinnern uns…

    Dass unterm Strich ein financial fairplay und eine allgemein ausgeglichenere Verteilung der Geldmittel das vordingliche und zumindest von dieser Warte aus auch machtvollere Thema ist, damit liegst richtig.

    1. „…die aber zu Tausenden Mitglieder ihres e.V. mit entsprechenden Folgen sind…“

      Das meinst Du doch nicht ernst? Wie viele gehen denn zur Mitgliederversammlung? Doch immer nur ein Bruchteil. Aber hinterher jammern dann die Kurven, was auf der MV so „feines“ beschlossen wurde.

      Nehmen wir mal St. Pauli, wo die Welt ja noch in Ordnung ist: Ca. 25.000 Mitglieder, von denen 601 im November letzten Jahres anwesend waren. Also Entscheiden 2,4% der Mitglieder über die Geschicke des GESAMTEN Clubs entscheiden. Oder umgedreht, 97,6%, denen die Entscheidungen egal sind. Meinetwegen können wir die Verhältnisse noch ein wenig korrigieren, wenn wir Schichtarbeiter, Dienstreisen, Kranke und Urlaube rausrechnen aber am Ende will doch die Masse der Mitglieder nix entscheiden. Das Phänomen, dass nur irgendwas zwischen nahe Null und 5 % der Mitglieder überhaupt zur MV gehen, zieht sich übrigens durch die ganze Liga. Obwohl, ausgerechnet bei RB dürfte die Beteiligungsquote deutlich im zweistelligen Prozentbereich liegen 😉

      Nur um es klar zu stellen: Ich bestreite nicht, dass es genug Fans, Mitglieder, … gibt, denen der sportliche Erfolg egal ist. Ich bestreite auch nicht das wertvolle gesellschaftliche Engagement der Vereinsmitglieder. Aber ich wehre mich mit Händen und Füßen gegen die vernebelte Romantik des „mitgliedergeführten Vereins“, weil das einfach nicht stimmt, wenn unter 5% der Mitglieder tatsächlich bestimmen!

      LG Markus

    2. Naja, ich kann mit vielen Argumenten pro und contra 50+1 mitgehen und diese nachvollziehen. Ich persönlich bin eher auf Seite pro 50+1 und würde aber nicht behaupten, dass es ein totes Pferd ist, dass lediglich weiter geritten wird oder lediglich Sympolpolitik darstellt. Und ja Hopp, RBL, Kühne, 1860 zeigen, dass man 50+1 locker umgehen kann, wenn man es will. Aber gerade das bewußte Umgehen wollen ist ja nicht bei allen Interessenten gegeben. Viel zu mühsam. Dann kaufen die sich halt doch lieber einen Verein in Spanien oder UK. Im Kicker war vor kurzem in Interview mit dem deutsche Geschäftsführer einer Firma, die eben genau solche Übernahmen und Einstiege von Investoren vermittelt und begleitet. Der bekräftigte, dass gerade Deutschland der interessanteste Markt ist, weil noch unerschlossen. So bald 50+1 fällt, würden dies Interessenten aktiv werden wollen.
      Wenn man das noch 5 Jahre verhindern kann hat mal allemal was gewonnen.
      Und Mitgliederversammlungen: 1) Meinungsbildung und Einfluss auf Vereinspolitik und -positionen findet nicht nur auf der JHV statt, sondern auch über andere Kanäle im Verein. 2) bei wirklich wichtigen Entscheidungen wie z.B. der Ausgliederung der Profiabteilung werden eben auch deutlich mehr Mitglieder mobilisiert. Beim VfL Bochum waren zur außerordentlichen Mitgliederversammlung zu diesem Thema rund 2.800 der 10.000 Mitglieder anwesend und haben darüber abgestimmt.

  2. Das waren dann gerade mal 28 %, also bei weitem die Minderheit der Betroffenen. Merkwürdig, nicht?

    1) Meinungsbildung und Einfluss auf Vereinspolitik und -positionen findet nicht nur auf der JHV statt, sondern auch über andere Kanäle im Verein.

    Die Kanäle hätte ich jetzt gerne definiert. Ich war bisher in 2 Vereinen, Tischtennis und Judo, und dort stand außerhalb der JHV immer das Training bzw. der Wettkampf im Mittelpunkt. An ausladende Diskussionen über Vereinsführung kann ich mich gar nicht erinnern. Eine der größeren Diskussionen drehte sich um Trainingshalle und Neuausstattung mit Matten.

    1. Die Teilnahme ist immer noch freiwillig. Es besteht keine Pflicht zur Teilnahme an JHV. Bei Aktionärsversammlungen tauchen auch nicht viele der Aktionäre auf. Bei den regionalen Mitgliederversammlungen der Parteien tauchen nur Bruchteile der Mitglieder auf. Bei Betriebsversammlungen nehmen nicht alle Beschäftigte teil. Überall vollkommen normal ohne das es dort ein Problem darstellt. Selbst die handvoll stimmberechtigten Mtglieder bei RBL sind nicht vollständig anwesend. Und die könnten das sogar als Dienstreise abrechnen.
      Und zu denn anderen Kanälen: Fanvertreter im AR, unregelmäßige Treffen zwischen Vereinsvertretern und Fans/Fansklubs, Mitgliederzeitschrift etc. Alles was es bei RBL in bestimmter Weise ja auch für diesen Zweck gibt. Aber der Unterschied ist eben, dass die JHV eben auch Entscheidungen gegen den Wunsch des Vereinsspitze abstimmen kann oder dem Vorstand Positionen vorgibt wie eben z.B. die Position des Vereins zu 50+1, die der Vorstand dann auch zu verteten hat.

    2. Warum sollte RB diese „Kanäle“ ebenfalls nutzen wenn sie „offensichtlich“ ja eigentlich bei RB keine Funktion erfüllen können? Ich glaube dass das Vereinsleben von dem wir sprechen grundsätzlich verschiedene Dinge sind, ich stimme da eher Markus zu und finde „vernebelte Romantik des „mitgliedergeführten Vereins““ im Bereich Profifußball hundertprozentig zutreffend.

      Sicherlich ist die Teilnahme an der JHV freiwillig, umso verwunderlicher dass die Teilhabe am Geschehen eher weniger Zuspruch findet und so gar nicht zur Relation der Wichtigkeit bei den Aussagen von Pro50+1 passen will.

    3. Das Prinzip nennt sich indirekte Demokratie: die Mitglieder stimmen auf der Mitgliederversammlung über die Entscheider im Verein (Präsidium oder Aufsichtsrat) ab, die dann operative Entscheidungen treffen. Wenn die Mitglieder mit ihren Vertretern bzw. den Entscheidungen im Verein nicht zufrieden sind, können sie sie nach einer bestimmten Periode abwählen und somit Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen. So funktionieren Vereine.

  3. 28% kommen zur HV mit besonderem Anlass. Im Jahr zuvor waren es 771, also nur ein reichliches Viertel. Was zugegeben im Ligavergleich immer noch eine gute Mitmachquote ist. Aber Meinungsbildung ist eben immer noch was anderes als MitBESTIMMUNG. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Bestimmt wird in den Gremien, wovon die HV eines ist – und da bleibe ich bei meiner Meinung – da sieht es überall „duster“ aus (auch außerhalb des Fußballs) – leider.

  4. Natürlich kann man Leverkusen und Wolfsburg nicht einfach enteignen. Mann kann ihnen aber die Möglichkeit geben selber zu entscheiden ob sie nicht freiwillig dazu bereit wären ihre Werksclubs in normale Vereine umzuwandeln. Als Motivation für diese Umwandlung könnte man in Aussicht stellen dass die Spiellizenz in X Jahren nur noch an Vereine geht die die 50+1-Regel erfüllen. Denn diese ist kein Eigentum, sie muss Jahr für Jahr neu beantragt werden und die Bedingungen für eine Erteilung ändern sich doch sowieso häufiger.

  5. Ich nehme mir demnächst zwei Tage frei und fahre mehrere Stunden Zug, um an unserer Mitgliederversammlung teilzunehmen. Und dass nicht alle anderen Mitglieder dasselbe tun, soll jetzt Grund genug sein, dass ich auf meine Mitbestimmungsrechte einfach verzichten soll?

    Übrigens haben große Vereine oftmals eine erkleckliche Anzahl nicht stimmberechtigter Fördermitglieder, deren Anwesenheit auf einer MV (außer vielleicht zu Informationszwecken) völlig sinnlos wäre, sowie andere Sparten mit Breitensport, für die die Weichenstellungen im Profifußball tatsächlich kaum relevant sind. Die sind dann halt auf ihren Abteilungsversammlungen vertreten, wo es um den Zustand der Tennisplätze oder die Qualifikation der Leichtathletiktrainer geht. Das nur als Hinweis zu den Beteiligungsquoten.

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